Mein Großvater: Erwin Blank
Mein Großvater Erwin Blank, Landvermesser, Geodät von Beruf, ist vor der Geburt meiner Mutter im Juli 1914 auf einem unbekannten Schlachtfeld des ersten Weltkrieges gestorben.
Ich habe seine physische Gegenwart als Enkel nie erleben können, jedoch eine Reihe von Photographien, die mich bewegten und beschäftigten.
Ich vermute, er war ein kommunikativer Mensch, ein guter Freund und Ehegatte, da es die Photographien in der Zusammenschau verraten.
Den Inhalt dieser Abbildungen konnten sie allerdings nicht darstellen und dazu gibt es auch keine Dokumente, jedoch mündliche Hinweise.
Es gibt ein schönes, ästhetisch wertvolles Bild, das er möglicherweise selbst veranlasst hat. Das Motiv sind seine Kollegen – bei Sonne fotografiert unter einem Schirm, um die Daten des Geodälith ablesen zu können. Nur die Figurengruppe ist sichtbar, nicht das Gelände, insofern eher grotesk, da der Inhalt des Motivs weggeblendet scheint. Dafür gewinnt die Poesie nachdrücklich an Relevanz.
Mit meiner geographischen Ausbildung bin ich unversehens und absichtslos in die Fußstapfen meines Großvaters – des Landvermessers – gezogen, und das ist bemerkenswert.
Ich hatte mir beigebracht als Geograph, Kartograph, Topograph Entfernungen auf dem Erdball einzuprägen, deutlich zu machen, zu erleben, und auch zu erleiden und zu genießen, mit dem Pferd, zu Fuß, gelaufen oder gegangen, mit dem Boot oder dem Kanu, mit Schiff oder im Flug, mit der Bahn oder dem Bus – in jedem Fall immer in Bewegung.
Genau das hat mein Leben aktiv in Bewegung versetzt, und ich habe damit die historischen Wurzeln meiner Familie zeitversetzt nachvollzogen.
Es war das Gefühl, das ich seinen Augen auf den Photos entnehmen wollte:
Die Bewegung, die Eroberung, die neugierige Entdeckung von Welt, Umwelt und Landschaft.
Das Provinzielle fehlte in diesen Bildern – obwohl es vorhanden war, es verwies aber auf andere Horizonte.
Mein Onkel: Paul Tröster
Dies ist das immer freundliche Gesicht von meinem Onkel Paul. Er war ein Bruder meiner Oma Anna – mütterlicherseits – und direkt verwandt mit den ausgewanderten Verwandten, die nun in Argentinien leben.
Er war Hauptschulrektor von Beruf in der Bezirksregierungsstadt Arnsberg in Westfalen, die ihn berufen hatte, einer langweiligen Kleinstadt im Sauerland mit zahllosen knöchigen Kleinstbeamten unterschiedlicher Ämter und Gerichte, die diesen Ort erobert hatten oder zu diesem verlassenen Ort weggelobt worden sind.
Dazu gehörte mein Onkel Paul nicht.
Er war bei Schülern und Eltern äußerst beliebt und eigentlich konterkarierte er das Beamtentum. Er hatte Stil, war gut gekleidet, immer gut gelaunt, gutmütig, kommunizierte gern, und er konnte zuhören. Ein Lichtpunkt unserer Familie.
Er personifizierte das Gegenteil von Beamtenverknöcherung und war stattdessen offen fröhlich.
Seine Physiognomie erinnerte mich an ein männliches Pendant meiner Oma. Er wohnte in seinem Ruhestand in Witten-Bommern und besuchte uns oft und war immer gern gesehen.
Die Schülereltern waren ihm dankbar und gratulierten dem Arnsberger Beamten, als er noch im Dienst war, mit heimlichen, versteckten Geschenken, wie einem Sauer-ländischem Schinkenstück, frischem Gemüse, Honig oder Tee, was sie ihm anonym in die Manteltaschen steckten, worüber er sich sehr freute.
Onkel Paul ersetzte in meiner Kindheit meinen Opa Erwin, der im ersten Weltkrieg als verschollen gemeldet war.
Paul Trösters Sohn, Bruno, war mein Patenonkel, mit dem ich wenig anfangen konnte, und ich glaube, er empfand es ähnlich.
Detlev und Erica Ericson,
geb. Horn
Erica, Tochter von Anny Horn, verheiratet mit Detlev Ericson, wohnhaft in Buenos Aires.
Ich begegnete ihr nach meinem Besuch in Los Hornillos im Jahre 1972 in Buenos Aires im Kosmos der Vorstädte in ihrem kleinen Einfamilienhaus mit Garten in einem familiären Viertel in Buenos Aires:
Avocados und Paprika wuchsen im Garten und das Heimische wurde auch am Abend serviert.
Sie wirkte nicht so offen und kreativ wie ihre Schwester Irma, eher angepasst und dienend an diesem intellektuellen Detlev E., die Augen verrieten Depressives. Die erfolgreiche und bestätigte Familiengeschichte aber eher Positives.
Hier gibt es eine beschriebene aber nicht aufgeklärte Blackbox, die ich nicht entschlüsseln konnte.
Detlev war Mitherausgeber des rechtslastigen Magazins der „La-Plata-Ruf“. Hier wurde der damalige Bundeskanzler Willy Brandt als Sympathisant der RAF dargestellt. Ein Linksradikaler am europäischen Horizont.
Detlev, dessen Biographie im Grunde im südamerikanischen Dunkeln bleibt, konnte von der verwandtschaftlichen Verbindung berichten, die mütterlicherseits in der zweiten und dritten Generation auf einen aricanischen Inka-Prinzen in Nordchile zurückgreift. Er war also ein Nachfahre von Vargas de Larga, einem Inka-Prinzen aus Arica.
Arica liegt im äußersten Norden von Chile.
Dies war also ein „blaublütiges Inka-Erbe in Südamerika“, neben den ostpreußischen Blaublütern „von Ledebur“, die in der Champagne als Kriegsteilnehmer gelitten und nun eine neue Heimat in Los Hornillos gefunden hatten.
Anton Blank
Anton Blank, mein Ururgroßvater, erscheint mir genealogisch als ein Kardinalpunkt von Familiengeschichte und biographischer Entwicklung zu sein:
Ein gediegener und gut ausgebildeter Handwerker und Meister, der sein Handwerk als Ziegelmeister in Odessa erlernt hatte und als Unternehmer in Gumbinnen in Ostpreußen mit Erfolg fortsetzte.
Die Familiengeschichte berichtet, dass er eine technologisch keramische Erfindung gemacht habe, durch die ein argentinischer Unternehmer ihn hat bewegen können, die angestammte Heimat Ostpreußen zu verlassen, um „auf zu neuen Ufern“ die Koffer zu packen und in der neuen innovativen Welt Fuß zu fassen.
Wie schwierig ist es, eine gut laufende Ziegelei in Ostpreußen zu verkaufen, um sich als Abenteurer mit ein paar Koffern und Familie eine neue Existenz zu schaffen.
Die so genannte keramische Erfindung (er hatte ein keramisches Patent erworben) klappte nicht, da der vorgefundene Ton der La Plata-Mündung nicht geeignet war.
War der Kalkgehalt und die Körnung zu groß oder die Sedemente durch Eisen- und Mangananteile zu stark belastet?
Wir wissen es nicht und können in diesem Fall nur spekulieren?
Im Gepäck der vermutlich aus Bremerhaven ausgewanderten Familie waren mehrere Gartenbücher, die den Ausfall des Verdienstes der Erfindung durch einen Einfall, der Findung eines neuen Verdienstes ausmachten:
Man baute erfolgreich Orangen und Zitronen (siehe Bild) auf großen Flächen an – von Palmenbeständen begleitet.
Dies brachte erste finanzielle Beweglichkeit in die Familie Blank/Horn am anderen Ende dieser Welt (siehe Bild).
Warum diese Einkommensquelle, die sehr erfolgreich war, aufgegeben wurde, ist mit nicht bekannt.
Die zweite Episode in der neuen südlichen Welt schein hochherrschaftlich zu sein! Man unterhält ein Hotel auf der Isla Rosita im Panama-Delta. Diese Insel hat die Familie gekauft, um dort ein zweites Glück zu realisieren.
Siebzehn zu vermietende Zimmer soll es gegeben haben und zahllose Wochenendbesuche aus Buenos Aires, die das Geschäft bestätigt haben.
Das Panama-Delta ist unsicher, die Insel wurde nach Jahren ein „Flutopfer“, so dass dieses Paradies aufgegeben wurde.
So verteilten sich die Familienmitglieder nach Cordoba, Rosaria, Salta, Buenos Aires und andere Orte in Chile.
Die Urmutter meiner Familie ist Anny Horn, die ich 1978 (?) in Los Hornillos nach vierzehn Stunden Busfahrt von Cordoba (siehe Text) in Argentinien besucht habe.
„Hornillos“ bedeutet „Ofen“, in diesem kleinen Ort mit ca. 30-40 Häusern gabe es „unsere Familienpension“ Blank/van Ledebur/Horn, und vielleicht ist es der Schoß von Informationen der Familie, die uns über Kontinente hat treiben lassen.
Wovon wir getrieben wurden, und was uns den Trieb versetzt hat, dem Lauf der Abenteurer zu folgen, bleibt ungewiss, doch der Befund ist sicher.
Als ich 1978 in diesem 300-Seelen-Dorf in den Bergen der Sierra de Cordoba von Argentinien ankam, wusste bereits jeder im Zeitungsladen in Los Hornillos, dass ein Fremder der Familie, aber Verwandter aus Europa an diesem Tag am Ort ankommen würde, und sofort wurde mir der Weg nach Hause gewiesen.
Ich kannte Anny Horn nur von einem Foto, sie wartete in ihrem Garten auf mich und erkannte mich sogar – sie war fast blind – wie ich es erst später erfuhr.
Diese Lebensfreude und ihre Abenteuerlust haben mein Leben geprägt. Eine bewundernswerte 83 Jahre alte Frau.
Ihre Tochter Irma nicht anders, zwei Wege weiter im Hotel Horn/van Ledebur.
Irma kocht für die Gäste, mal probieren?
Betr.: Oskar, es ist der Mann ihrer Schwester Erica, die in Buenos Aires lebt.
In diesem Lande wird man alt. Oskar ist verheiratet mit Erica, geborene Horn – und nun inzwischen 82 Jahre alt (siehe Bild), als wir uns treffen.
Er ist ein Intellektueller, ein wenig rechtsradikal – wie alle deutschsprechenden, auch jüdischen Einwohner auf diesem Kontinent!
Hermann Maschke
Hermann Maschke, geboren am 16.11.1904 in Dortmund, wohnhaft in Berlin-Mariendorf in der Machonstr. 18 war der älteste Bruder meines Vaters Heinrich. Ferner gab es einen weiteren Bruder Paul, der ebenfalls in Berlin lebte, der ein kleines Holzhaus am Wannsee besaß und der eine Leidenschaft für Branntwein hatte.
Nicht ganz sicher bin ich, ob noch ein weiterer Bruder existierte. Manchmal tuschelte man im Familienkreis – als ich noch Kind war – anhand von vorgelegten Photographien. Er – der mir Unbekannte – verließ die Familie frühzeitig, ging möglicherweise zur Fremdenlegion und tauchte nie wieder auf. Das Bild, was Anlass gab, über seine mutmaßliche Biographie zu tuscheln, ist mir allerdings bekannt und es existiert noch: vier stramme Männer in gewickelten, todschicken Badehosen im Sommer bei Badewetter am Wannsee gibt es auf einem Bild! Sehenswert!
Wer könnte der unbekannte Bruder sein?
Hermann Maschke besuchte uns hin und wieder in Dortmund, da auch seine Frau Herta Verwandte in Dortmund hatte.
Hermann Maschke war klein, war immer gepflegt, verwandte ein aufdringliches Aftershave, hatte immer geputzte schwarze Schuhe, war selten ohne Schlips zu sehen und stand immer auf der „Erzählbühne“ als Funktionär und engagierter Betriebsrats-vorsitzender und Gewerkschafter mit seiner unnachahmlichen „Berliner Schnauze“: unterhaltsam, witzig und dominant, nicht unangenehm, sondern eher unterhaltend.
Seine berufliche Ausbildung ist mir unbekannt – ggf. eine kaufmännische Ausbildung, die er mit seiner ureigenen Diplomatie in Stahlfirmen in Berlin versah und ihn aufgrund seiner SPD-Parteizugehörigkeit zum langjährigen Betriebsratvorsitzenden aufstiegen ließ: 30 Jahre SPD – 25 Jahre Betriebsratvorsitzender. So wie sein Patenjunge, dem Erzähler dieser Geschichte.
Eine seiner Leidenschaften war der Fußball, er war selbst Fußballer, ggf. in der Regionalliga, auf den Bildern erkennbar als Stürmer, das entspricht ihm, später dann Funktionär und Vorsitzender eines regional bedeutsamen „Berliner Vereins“.
(siehe Bildmaterial)
Der Verein führte ihn u.a. nach Lüdenscheid und auch nach Brügge zu Freundschaftsspielen.
Während des Ruhestandes, in dem er mit seiner Frau Herta reiste, bevorzugte er die Bergregionen, er kletterte und wanderte gern und gleichzeitig monologisierte er gern über Reiseerlebnisse.
Dies schockierte mich allerdings, als das Ehepaar Herta und Hermann Maschke – gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt – zwei Tage nach dem Tod meines Vaters am 16.06.1966 ohne Trauerempfinden in unserem Trauerhaus fortsetzte.
Nach dem frühzeitigen Tod seiner Frau Herta gab es noch Besuche z.B. bei meiner Schwester, zu der er ein gutes Verhältnis hatte.
Er ist 84 Jahre alt geworden.
Wir hatten die Wohnung in der Machonstr. 18 in Berlin zu räumen – eine kleine Genossenschaftswohnung.
Als originäres Gewerkschaftsmitglied traute er dem Staat nicht und so fanden wir neben Ersparnissen auf abseitigen Konten auch eine erkleckliche Summe von Banknoten in der klappbaren Couch in seiner Wohnung, unter den Teppichen, in den Mänteln seiner verstorbenen Frau im Schrank.
„Gott habe seine Seele gnädig, mein lieber Hermann!“ – Du warst ein Original.
Paul Maschke
Onkel Paul, er wohnte in Berlin-West, zuweilen besuchten wir ihn bei familiären Besuchen von Hermann Maschke, dem Lieblingsbruder von Heinrich, meinem Vater.
Onkel Paul war witzig, „ein wenig verschlagen“, sagte man, ironisch auf jeden Fall und humorig.
Er war anders als Hermann Maschke, der als HERRmann auftrat und als 1,68 großer ggf. kleiner Mann seine Bühne suchte und sie auch fand.
Paul führte uns – die Ruhrgebietler – zu den Schandtaten der NS-Diktatur des Nationalsozialismus in Berlin, zum Wannsee, zum Reichstag und auch zur Mauer.
Abends saßen wir in Mariendorf am Berliner Kachelofen in seiner Wohnung und wärmten uns in der Zwei-Zimmer-Wohnung vergnüglich an den warmen Kacheln des sprichwörtlichen Berliner Ofens.