Hoffnung

Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung

WIR FANGEN LEER AN    1

Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.

VIELES SCHMECKT NACH MEHR    2

Aber wir lernen auch zu warten. Denn was ein Kind wünscht, kommt selten rechtzeitig. Ja man wartet sogar auf das Wünschen selber, bis es deutlicher wird. Ein Kind greift nach allem, um zu finden, was es meint. Wirft alles wieder weg, ist ruhelos neugierig und weiß nicht, worauf. Aber schon hier lebt das Frische, Andere, wovon man träumt. Knaben zerstören, was ihnen geschenkt wird, sie suchen nach mehr, packen es aus. Keiner könnte es nennen und hat es je erhalten. So rinnt das Unsere, ist noch nicht da.

TÄGLICH INS BLAUE HINEIN    3

Später greift man tüchtiger zu. Wünscht sich dorthin, wo es benannter hergeht. Das Kind will Schaffner werden oder Zuckerbäcker. Sucht lange Fahrt, weit weg, jeden Tag Kuchen. Das sieht nach etwas Rechtem aus.
Auch an Tieren träumt man sich groß. An kleinen besonders, sie ängstigen weniger, sie laufen in die Hand. Oder können mit Netzen gefangen werden, fernes Wünschen wird dadurch tätig. Der Zuckerbäcker geht zum Jäger über, im merkwürdig gefüllten Freien. Grün und blau läuft die Eidechse, ein unfasslich Buntes fliegt als Schmetterling. Auch die Steine leben, sind hierbei nicht flüchtig, mit ihnen lässt sich spielen, sie spielen mit. „Ich mag alles so“, sagte ein Kind und meinte die Marmel, die weggerollt war, dann aber auf das Kind wartete. Spielen ist Verwandeln, obzwar im Sicheren, das wiederkehrt. Wunschgemäß verändert Spielen das Kind selbst, seine Freunde, all seine Dinge zu fremd vertrautem Vorrat, der Boden des Spielzimmers selber wird ein Wald voll wilder Tiere oder ein See, mit jedem Stuhl als Boot. Doch eben Angst bricht aus, läuft das Gewohnte zu weit weg oder kehrt es nicht mühelos ins alte Gesicht wieder zurück. „Sieh, der Knopf ist eine Hexe“, rief ein spielendes Kind schreiend, rührte den Knopf auch später nicht mehr an. Er war nicht zu mehr geworden, als was das Kind gewünscht hatte, aber er war es auf zu lange geworden. Der häusliche Stall darf sich noch nirgends zu weit in den Traum strecken. Er muss als Ort erhalten bleiben, den die Eidechse noch nicht beschädigt, der Schmetterling noch nicht bedroht. Von ihm her werden am liebsten also Fensterblicke gespielt und gesammelt, tief und kurz ins Andere hinein. Das bunte Tier ist selber ein buntes Fenster, dahinter liegt die gewünschte Ferne. Es ist bald nicht anders wie die Briefmarke, die von fremden Ländern erzählt. Es ist wie die Muschel, in der das Meer rauscht, wenn man sie nahe genug ans Ohr hält. Der Junge zieht aus, sammelt überall ein zu ihm Hergeschicktes. Das mag zugleich Zeuge sein für die Dinge, die zu sehen der Jung zu früh ins Bett muss. In seinem Blick auf einen farbigen Stein keimt schon viel, was er später für sich wünscht.

Quelle: Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1959

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