Buch der Träume
27.10.2006 | Kategorie PEDROpedia | Keine Kommentare »
BUCH DER TRÄUME
Meine Erzählung wird getreulich bei der Wahrheit bleiben, oder jedenfalls bei meiner persönlichen Erinnerung an die Wahrheit, was das gleiche ist. Zugetragen hat sich die Sache erst vor kurzer Zeit, aber ich weiß, dass die literarische Gewohnheit zugleich die Gewohnheit ist, Einzelheiten einzufügen und Höhepunkte hervorzuheben. Ich möchte meine Begegnung mit Ulrika (ihren Nachnahmen wusste ich nicht und werde ich vielleicht nie wissen) in der Stadt York schildern. Die Chronik wird eine Nacht und einen Morgen umfassen.
Es würde mich nichts kosen, zu behaupten, dass ich sie das erste Mal neben den „Fünf Schwestern“ von York erblickte, diesen ungegenständlichen Glasfenstern, die von Cromwells Bilderstürmern verschont wurden, aber Tatsache ist, dass wir uns im Schankraum des Northern Inn begegneten, außerhalb der Stadtmauern. Wir waren nur zu wenigen, und sie stand mit dem Rücken zu mir. Jemand bot ihr ein Glas an, uns sie lehnt ab.
„Ich bin Feministin“ sagte sie. „Ich will die Männer nicht nachäffen. Ihr Tabak und ihr Alkohol sind mir zuwider.“ Der Satz wollte geistreich sein, und ich erriet, dass sie ihn nicht zum ersten Mal gesagt hatte. Später wurde mir klar, dass er nicht charakteristisch war für sie, aber nicht immer entspricht uns das, was wir sagen.
Sie erzählte, dass sie zu spät zum Museum gekommen sei, aber dass man sie eingelassen habe, als man erfuhr, dass sie Norwegerin war.
Einer der Anwesenden bemerkte:
„Es ist nicht das erste Mal, dass die Norweger nach York kommen.“
„Das stimmt“, sagte sie. „England hat uns gehört, und wir haben es verloren, wenn irgend jemand etwas besitzen oder irgend etwas verloren gehen kann.“
Als ich diese Worte hörte, sah ich sie an. In einer Zeile von William Blake kommen Mädchen von milderem Silber oder wildem Gold vor, aber in Ulrika waren Gold und Milde. Sie war schlank und groß, mit feinen Zügen und grauen Augen. Weniger als ihr Gesicht beeindruckte mich ihr air von stillem Mysterium. Sie lächelte schnell, und das Lächeln schien sie zu entrücken. sie war schwarz gekleidet, eine Seltenheit in den nördlichen Ländern, die ihre gedämpfte Umwelt mit Farben aufzuheitern versuchen. Sie sprach ein einwandfreies und genaues Englisch mit leicht akzentuierten Rs. Ich bin kein Beobachter, all dies entdeckte ich erst nach und nach.
Wir stellten uns vor. Ich sagte, dass ich eine Professur an der Anden-Universität in Bogotá hätte. Zur Erläuterung setzte ich hinzu, dass ich Kolumbianerin sei.
Sie fragte nachdenklich:
„Was ist das, Kolumbianer sein?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Es ist ein Glaubensakt.“
„Wie Norwegerin sein“, stimmte sie zu.
Von dem, was wir an diesem Abend redeten, habe ich nichts weiter in Erinnerung. Am Tag darauf ging ich früh in den Speisesaal hinunter. Durch die Fenster sah ich, dass es geschneit hatte; die kahlen Felder verloren sich im Morgenlicht. Sonst war niemand da. Ulrika lud mich an ihren Tisch. Sie sagte, sie gehe gern allein spazieren.
Mir fiel ein Scherz Schopenhauers ein, und ich antwortete:
„Ich auch. Dann können wir also zusammen gehen.“
Auf dem neuen Schnee entfernten wir uns von dem Haus. Keine Seele war auf den Feldern. Ich schlug vor, nach Thorgate zu gehen, einige Meilen flußab. Ich weiß, dass ich bereits in Ulrika verliebt war; keinen anderen Menschen hätte ich an meiner Seite gewünscht.
Plötzlich hörte ich das ferne Geheul eines Wolfs. Ich hatte nie einen Wolf heulen hören, aber ich wusste, dass es ein Wolf war. Ulrika blieb gelassen.
Kurz darauf sagte sie, als denke sie lauf:
„Die wenigen armseligen Schwerter, die ich gestern in York Minister gesehen habe, haben mich tiefer bewegt als die großen Schiffe im Museum von Oslo.“
Unsere Wege kreuzten sich. Ulrika würde am gleichen Nachmittag nach London weiterreisen; ich nach Edinburgh. „Auf der Oxford Street“, sagte sie, „wiederhole ich dann De Quincey“, erwiderte ich, „hat die Suche aufgegeben. Ich suche all die Zeit immer weiter nach ihr.“
„Vielleicht“ sagte sie leise, „hast du sie gefunden.“
Ich begriff, dass etwas Unerwartetes mir auch nicht verboten war, und küsste sie auf Mund und Augen. Sie schob mich mit sanfter Bestimmtheit von sich und erklärte dann:
„Im Wirtshaus von Thorgate gehöre ich dir. Ich bitte dich bis dahin: Berühr mich nicht. Es ist besser so.“
Für einen unverheirateten, schon in die Jahre gekommenen Mann ist die dargebotene Liebe eine Gabe, mit der er nicht mehr rechnet. Das Wunder hat das Recht, Bedingungen zu stellen. Ich dachte an meine Jugendstreiche in Popayán und an ein Mädchen in Texas, hell und schlank wie Ulrika, das mir seine Liebe verweigert hatte.
Ich beging nicht den Fehler, sie zu fragen, ob sie mich liebe. Ich wusste, dass ich nicht der erste war und nicht der letzte sein würde. Dieses Abenteuer, vielleicht mein letztes, wäre für diese strahlende und entschlossene Elevin Ibsens nur eines von vielen.
Hand in Hand setzten wir unseren Weg fort.
„Das alles ist wie ein Traum“, sagte ich, „und ich träume doch nie.“
„Wie jener König“, antwortete Ulrika, „der nicht träumte, bis ihn ein Zauberer in einem Schweinestall schlafen ließ.“
Dann fügte sie hinzu:
„Horch. Gleich singt ein Vogel.“
Kurz darauf hörten wir den Gesang.
„In diesen Gegenden“, sagte ich, „glaubt man, dass einer, der bald stirbt, die Zukunft voraussieht.“
„Und ich sterbe bald“, sagte sie.
Ich sah sie bestürzt an.
„Wir wollen der kürzeren Weg durch den Wald nehmen“, drängte ich. „Dann sind wir schneller in Thorgate.“
„Der Wald ist gefährlich“, antwortete sie.
Wir gingen weiter über die kahlen Felder.
„Ich wünschte, dieser Augenblick dauerte für immer“, murmelte ich.
„Immer ist ein Wort, das den Menschen nicht gestattet ist“, behauptete Ulrika, und um die Emphase abzuschwächen, bat sie mich, meinen Namen zu wiederholen, den sie nicht richtig verstanden hatte.
„Javier Otárola“, sagte ich.
Sie wollte ihn nachsprechen, aber es gelang ihr nicht. Genau wie sie scheiterte ich am Namen Ulrika.
„Dann nenne ich dich eben Sigurd“, erklärte sie lächelnd. „Wenn ich Sigurd bin“, erwiderte ich, „dann bist du Brynhild.“
Sie war stehengeblieben.
„Du kennst die Sage?“ fragte ich.
„Aber ja doch“, sagte sie. „Die tragische Geschichte, die die Deutschen mit ihren verspäteten Nibelungen zugrunde gerichtet haben.“
Ich wollte keine Diskussion und erwiderte:
„Brynhild, du geht’s, als wünschtest du, dass zwischen den beiden ein Schwert im Bett liegt.“
Plötzlich befanden wir uns vor dem Wirtshaus. Es überraschte mich nicht, dass es wie das andere Northern Inn hieß. Oben von der Freitreppe herab rief mir Ulrika zu:
„Hast du den Wolf gehört? Es gibt keine Wölfe mehr in England. Beeil dich.“
Als wir ins Obergeschoß stiegen, fiel mir auf, dass die Wände im Stil von William Morris tapeziert waren, in einem ganz tiefen Rot mit verschlungenen Früchten und Vögeln. Ulrika trat vor mir ein. Das dunkle Zimmer war niedrig und hatte zwei schräge Dächer. Das ersehnte Bett verdoppelte sich in einem vagen Glas, und das polierte Mahagoni erinnerte mich an den Spiegel der Heiligen Schrift. Ulrika hatte sich bereits entkleidet. Sie nannte mich bei meinem wirklichen Namen, Javier. Ich fühlte, dass es stärker schneite. Von Möbeln und Spiegeln blieb nichts mehr. Zwischen den beiden lag kein Schwert. Wie der Sand verrann die Zeit. Alterslos strömte die Liebe im Dunkel, und zum ersten und letzten Mal besaß ich Ulrikas Bild.
Quelle: Übersetzt von Gisbert Haefs
(„Libro de sueños“, Jorge Luis Borges)