Die Atelierausstellung am 20. und 21. Oktober 2007 in Geldern bescherte uns viele interessierte Gäste. Es kamen 600-700 Freunde, Künstler, Nachbarn. Für die engagierte Betrachtung unserer Objekte, Bilder und Fotos möchten wir uns ganz herzlich bei unseren Gästen bedanken und hoffen, dass sie uns nächstes Jahr wieder besuchen.

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Am 20. und 21. Oktober 2007 wollen wir unsere Ateliers in der alten Textilfabrik in Geldern am Ostwall 3-5 vorstellen. Wir laden Sie herzlich dazu ein.

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Am 16.09.2007 findet wieder das Deutsch-Niederländische Künstlerdorf in Kevelaer statt. 24 Künstler und Künstlerinnen stellen in der Museumspassage des Niederrheinischen Museums für Volkskunde und Kulturgeschichte in der Zeit von 11-18 Uhr ihre Objekte, Gemälde und Skulpuren aus.

Die unbekannte Sprache

Ein Traum: eine fremde (befremdliche) Sprache kennen und sie dennoch nicht verstehen: in ihr die Differenz wahrnehmen, ohne dass die Differenz freilich jemals durch die oberflächliche Sozialität der Sprache, durch Kommunikation oder Gewöhnlichkeit eingeholt und eingeebnet würde; in einer neuen Sprache positiv gebrochen, die Unmöglichkeiten der unsrigen erkennen; die Systematik des Unbegreifbaren erlernen; unsere „Wirklichkeit“ unter dem Einfluss anderer Einteilungen, einer anderen Syntax auflösen; unerhörte Stellungen des Subjekts in der Äußerung entdecken, deren Topologie verschieben; mit einem Wort, ins Unübersetzbare hinabsteigen und dessen Erschütterung empfinden, ohne es je abzuschwächen, bis der ganze Okzident in uns ins Wanken gerät und mit ihm die Rechte der Vatersprache, der Sprache, die wir von unseren Vätern erben und die uns wiederum zu Vätern und Besitzern einer Kultur macht, welche die Geschichte gerade in „Natur“ verwandelt. Wir wissen, dass die Hauptbegriffe der aristotelischen Philosophie in gewisser Weise durch die Fügungen der griechischen Sprache erzwungen worden sind. Wie wohltuend wäre es umgekehrt, wenn wir uns in die Schau der irreduziblen Differenzen versetzen könnten, von denen uns eine sehr entfernte Sprache einen Schimmer vermitteln kann. Ein Kapitel von Sapir oder Whorf über die Chinook-, Nootka- oder Hopisprache, von Granet über das Chinesische, der Vortrag eines Freundes über das Japanische eröffnen das ganze Spektrum des Romanhaften, von dem nur einige moderne Texte (jedoch kein Roman) eine Vorstellung zu geben vermögen, weil sie uns eine Landschaft wahrnehmen lassen, die unsere Sprache (die Sprache, deren Besitzer wir sind) um keinen Preis erahnen oder entdecken könnte.
So schreitet im Japanischen das Subjekt der Äußerung wegen der Überfülle an funktionalen Suffixen und der Komplexität der enklitischen Zeichen nur über vielfältige Vorbehalte, Wiederaufnahmen, Verzögerungen und neuerliches Beharren voran, deren Volumen (von einer einfachen Wortreihe könnte man hier nicht mehr sprechen) das Subjekt zu einer großen leeren Sprachhülle macht und nicht zu jenem vollen Kern, der unsere Sätze – von außen und von oben – vorgeblich lenkt. Und so ist das, was uns als Übermaß der Subjektivität erscheint (der Japaner, sagt man, äußert Eindrücke und nicht Feststellungen), eher eine Art Auflösung, ein Ausbluten des Subjekts in eine bis zur völligen Leere parzellierte, partikularisierte und zerstreute Sprache. Oder auch dies: Wie viele andere Sprachen auch, unterscheidet das Japanische zwischen Belebtem (Mensch und/oder Tier) und Unbelebtem, und zwar insbesondere auf der Ebene der verschiedenen Verben für sein. So werden fiktive Personen, die in eine Geschichte (von der Art: Es war einmal ein König) eingeführt werden, mit dem Kennzeichen des Unbelebten versehen. Während unsere Kunst alles daransetzt, den Romangestalten „Leben“ und „Wirklichkeit“ zu verordnen, führt das Japanische schon aufgrund seiner Struktur diese Gestalten auf die Qualität von Produkten zurück oder hält sie darin fest; es hält sie in der Qualität von Zeichen, die von ihrem referentiellen Alibi par excellence, dem der lebenden Sache, abgeschnitten sind. Oder noch radikaler, da es darum geht, zu begreifen, was unsere Sprache nicht begreift: Wie sollen wir uns ein Verb vorstellen, das ohne Subjekt, ohne Attribut und dennoch transitiv ist, etwa wie ein Erkenntnisakt ohne erkennendes Subjekt und ohne erkanntes Objekt? Und dennoch ist eben dies Vorstellungsvermögen erforderlich angesichts des hinduistischen Dhyana, aus dem das chinesische Ch’an und der japanische Zen hervorgegangen sind und das man offensichtlich nicht mit Meditation übersetzten kann, ohne damit Subjekt und Gott wieder einzuführen: Vertreiben Sie beide und sie werden wiederkehren, unsere Sprache wird nun einmal von ihnen heimgesucht. Dieser Umstand und einige weitere Tatsachen machen deutlich, wie unsinnig es ist, wenn wir unser Gesellschaft in Frage stellen wollen, ohne zugleich die Grenzen der Sprache zu bedenken, mittels deren (ein instrumentelles Verhältnis) wir sie in Frage zu stellen vorgeben: Das ist so, als wollte man den Wolf vernichten und macht es sich in seinem Rachen bequem. Diese Übungen in einer abweichenden Grammatik hätten zumindest den Nutzen, dass sie Zweifel an der Ideologie unserer eigenen Sprache in uns wachriefen.

Quelle:
Das Reich der Zeichen, Barthes, Roland, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981

Ohne Sprache

Die rauschende Masse einer unbekannten Sprache bildet eine delikate Abschirmung; sie hüllt den Fremden (sofern das Land ihm nicht feindselig gegenübertritt) in eine Haut von Tönen, die alle Entfremdung der Muttersprache vor seinen Ohren haltmachen lässt: die regionale oder soziale Herkunft dessen, der da spricht; das ihm eigene Maß an Kultur, Intelligenz und Geschmack; das Bild, durch das er sich als Person konstituiert und das er von anderen erkannt wissen will. Und dann: Welche Ruhe im Ausland! Dort bin ich sicher vor Dummheit, Gewöhnlichkeit, Eitelkeit und weltmännischem Gehabe, vor Nationalität und Normalität. Die unbekannte Sprache, deren Atem, deren erregenden Hauch, mit einem Wort, deren reine Bedeutung ich dennoch wahrnehme, schafft um mich her, im Maße wie ich mich fortbewege, einen leichten Taumel und zieht mich in ihre künstliche Leere hinein, die allein für mich existiert: Ich lebe in einem Zwischenraum, der frei von jeder vollen Bedeutung ist. Wie sind Sie dort mit der Sprache zurechtgekommen? Wobei dem die Frage zugrunde liegt: Wie sind Sie dem vitalen Bedürfnis nach Kommunikation nachgekommen? Oder genauer noch die ideologische Behauptung, die durch die praktische Frage bemäntelt wird: Kommunikation gibt es nur in der Sprache.
Nun zeigt sich, dass in diesem Lande (Japan) das Reich der Signifikanten derartig ausdehnt und um so vieles weiter als die Sprache ist, dass der Austausch der Zeichen trotz der Undurchsichtigkeit der Sprache und zuweilen gar wegen ihr einen faszinierenden Reichtum, eine bestrickende Beweglichkeit und Subtilität besitzt. Der Grund liegt darin, dass der Körper dort frei von Hysterie und Narzissmus ist, dass er sich nicht hysterisch und narzisstisch gibt, entfaltet und agiert, sondern nach einem rein erotischen Entwurf – der gleichwohl auf subtile Weise verborgen bleibt. Nicht die Stimme (mit der wir die „Rechte“ der Person identifizieren) kommuniziert (kommuniziert was? Unsere – natürlich schöne – Seele? Unsere Aufrichtigkeit? Unser Prestige?), nein, der ganze Körper (die Augen, das Lächeln, das Haar, die Gestik, die Kleidung) unterhält mit Ihnen eine Art kindlicher Plauderei, der jedoch die vollkommene Beherrschung der Codes alles Regressive und Infantile nimmt. Eine Verabredung treffen (mit Gebärden, Skizzen und Namen) benötigt mit Sicherheit eine ganze Stunde; aber in dieser Stunde – für eine Nachricht, die nur die Sache eines Augenblicks gewesen wäre, wenn man sie gesprochen hätte (und die darin zugleich wesentlich und bedeutungslos gewesen wäre) – hat man den ganzen Körper des anderen erkannt, geschmeckt und aufgenommen, hat dieser (ohne wirkliche Absicht) seine eigene Erzählung, seinen eigenen Text ausgebreitet.

Quelle:
Das Reich der Zeichen, Barthes, Roland, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981

Albatros

Bruce Chatwin
Was mache ich hier

Der Albatros
In meinem Buch In Patagonien stellte ich die Vermutung an, dass der Albatros, der um den hals des „Alten Matrosen“ hing, nicht der Wanderalbatros war, sondern eine kleinere, schwarze Spezies; entweder der Rußige Albatros oder der Schwarzbraune Albatros, höchstwahrscheinlich jedoch der Rußige. Er ist ein stromlinienförmiger Vogel, der sich über dem offenen Meer aufhält. Ich glaube, ich habe einen vor der Südostküste Feuerlands gesehen. Der Schwarzbraune Albatros ist überall anzutreffen, in der Magellanstraße und am Beaglekanal, und er ähnelt der großen Seemöwe mit dem schwarzen Rücken.
An der Südseite des Beaglekanals liegt die chilenische Insel Navarino mit dem Flottenstützpunkt Puerto Williams. Ich hatte gehofft, um die Küste herumgehen zu können und einen Blick auf Hermit Island zu werfen, wo der Schwarzbraune Albatros seine Brutstätte hat. Doch Wind und Regen trieben mich zurück.
Östlich des Stützpunktes gibt es eine Reihe von Barakken, in denen die letzten feuerländischen Indianer leben – jene Indianer, die Darwin irrtümlich für das Missing link hielt. Er verglich ihre Sprache mit dem „Grunzen von Tieren“, nicht wissen, dass ein junger Feuerländer ebenso viele Worte kannte, wie Shakespeare je geschrieben hat. Wort epidemias aussprach, klang es wie ein trauervoller Refrain.
Fast alle Feuerländer von Navarino Island sind Mischlinge, doch ich bin einem alten Mann begegnet, Grandpa Felipe, der angeblich beinahe reinrassig war. Er war ein zerbrechlicher alter Mann, den ich antraf, als er gerade sein Krabbennetz flickte. Er war nie sehr kräftig gewesen. Er hatte seine Frau sterben sehen – und alle seine Kinder. „Es war die Seuche“, sagte er – und wann immer er das Wort epidemias aussprach, klang es wie ein trauervoller Refrain.
Die Feuerländer waren im Umgang mit dem Kanu so geschickt wie die Eskimos.
Eineinhalb Jahre später, als In Patagonien im Druck war, besuchte ich die Insel Steepholm im Bristolkanal. Mein Begleiter war ein Naturforscher, über achtzig Jahre alt. Der Zweck unserer Reise war es, die Päonie in Blüte zu sehen, die von Mönchen als Heilkraut vom Mittelmeer hierhergebracht worden sein soll.
Ich erzählte meinem Freund die Geschichte, laut der im neunzehnten Jahrhundert ein Schwarzbrauner Albatros einem Schiff nördlich des Äquators gefolgt war. Sein Orientierungsmechanismus war ausgefallen. Er war auf einem Felsen in den Färöern gelandet, wo er über dreißig Jahre lang lebte und als „König der Tölpel“ bekannt war. Der Honorable Walter Rothschild war dorthin gepilgert, um ihn zu sehen. Am Ende wurde er erschossen, ausgestopft und im Museum von Kopenhagen ausgestellt.
„Aber es gibt einen neuen Albatros“, sagte der alte Mann. „Ein Weibchen. Letztes Jahr war sie auf Bass Rock, und ich glaube, dass sie nach Hermaness übergesiedelt ist.“ Hermaness, an der Spitze von Unst in Shetland, ist das äußerste Kap der Britischen Inseln.
Aus meiner Wohnung in London rief ich den Shetlander Ornithologen Bobby Tullock an.
„Es stimmt, sie ist in Hermaness. Sie hat sich zwischen den Tölpeln ein Nest gebaut und hockt dort voller Stolz. Warum kommen Sie nicht und sehen Sie sich an? Sie finden sie auf dem West Cliff. sie können sie nicht verfehlen.“ Ich sah auf meine Uhr. es war neun. Ich konnte rechtzeitig King´s Cross Station erreichen, bevor der Nachtzug nach Aberdeen abfuhr. Ich zog meine Stiefel an und packte eine Tasche.
In der U-Bahn kam es zu einer Panne. Beinahe hätte ich den Zug verpasst. Im allerletzten Moment erreichte ich den Bahnsteig. Der Schlafwagenschaffner war ein weißhaariger Schotte mit einem verwitterten Gesicht und trug eine braune Uniform mit goldenen Litzen. neben ihm wartete ein kleiner, dunkelhäutiger junger Mann.
Ich war außer Atem.
„Haben Sie ein Bett?“ fragte ich.
„Ja“, sagte der Schlafwagenschaffner. „Wenn Sie nichts dagegen haben, die Kabine mit dem da zu teilen!“
Er zeigte mit dem Daumen auf den kleinen Mann.
„Natürlich nicht“, sagte ich.
Der Mann schwang sich auf das obere Bett. Ich versuchte, mit ihm zu sprechen. Ich versuchte es mit Englisch, Französisch, Italienisch, Griechisch. Vergeblich. Ich versuchte es mit Spanisch, und es klappte. Ich hätte es ahnen sollen. Er war ein Indio.
„Von wo sind Sie?“ fragte ich.
„Chile.“
„Ich bin in Chile gewesen. Aus welcher Gegend?“
„Punta Arenas.“
Punta Arenas an der Magellanstraße ist die südlichste Stadt der Welt.
„Ich war dort“, sagte ich.
„Ich komme aus Punta Arenas. Aber ich bin dort nicht zu Hause. Mein Zuhause ist Navarino Island.“
„Sie müssen Grandpa Felipe kennen.“
„Es mi tio. Er ist mein Onkel.“
Dank ihres ungewöhnlichen Balancevermögens hatten der junge Mann und sein Bruder in Punta Arenas Arbeit gefunden: sie füllten die Leuchtbojen am Eingang der Magellanstraße mit Brennstoff auf. Bei jedem Seegang sprangen sie auf die Boje und streckten den Brennstoffhahn hinein. Nach Allendes Sturz wurde der Bruder von einer amerikanischen Ölgesellschaft angestellt und nutzte sein Talent auf Bohrinseln vor der Küste. Die Gesellschaft hatte ihn zu den Bohrinseln in der Nordsee geschickt. Er hatte seinen Bruder aufgefordert, ihm nachzukommen. Jeder von ihnen würde sechshundert Pfund in der Woche verdienen.
Ich erzählte ich, dass ich in den Norden fuhr, um einen Vogel zu sehen, der aus seinem Land davongeflogen war. Die Geschichte war ihm ein Rätsel.
Zwei Tage später lag ich auf dem West Cliff vor Hermaness und beobachtete das Albatros-Weibchen durch ein Fernglas: eine schwarze Ausnahme in einem schneeweißen Feld von Tölpeln. Sie saß, Kopf und Schwanz hoch aufgerichtet, auf ihrem Nest aus Schlamm, auf ihrem Haufen unbefruchteter Eier.
Auch mir ist diese Geschichte ein Rätsel.

1988

Quelle:
Was mache ich hier, „Der Albatros“, Chatwin, Bruce, Frankfurt, 1993

Aleph

Jorge Luis Borges
Das ALEPH

Der Zahir
In Buenos Aires ist der Zahir eine gewöhnliche Münze im Wert von zwanzig Centavos; die Buchstaben NT und die Ziffer 2 sind hineingekerbt wie von einer Rasierklinge oder einem Taschenmesser; auf der Rückseite findet sich die Jahreszahl 1929. (In Gujarat, gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, war der Zahir ein Tiger; in Java ein Blinder aus der Moschee von Surakarta, den die Gläubigen steinigten; in Persien ein Astrolabium, das Nadir Schah auf den Meeresgrund versenken ließ; in den Verliesen des Mahdi, um 1892, war er ein kleiner Kompass, der in einer Turbanfalte steckte und den Rudolf Carl von Slatin angefasst hatte; in der Moschee von Córdoba war er, laut Zotenberg, eine Marmorader in einer der zwölfhundert Säulen; im Ghetto von Tetuán der Boden eines Brunnens.) Heute ist der 13. November; den Zahir erhielt ich im Morgengrauen des 7. Juni; ich bin nicht mehr, der ich damals war, aber noch kann ich mich der Vorgänge entsinnen, vielleicht sogar darüber berichten. Noch bin ich, wiewohl nur teilweise, Borges.
Teodelina Villar starb am 6. Juni. Um 1930 verstopften ihre Porträts alle Gesellschaftsmagazine; diese Überfülle trug vielleicht dazu bei, dass man sie für sehr hübsch hielt, obgleich nicht alle Abbildungen diese Hypothese bedingungslos stützen. Übrigens kam es Teodelina Villar weniger auf die Schönheit an, als auf die Vollendung. Die Hebräer und Chinesen haben alle menschlichen Belange kodifiziert; in der Mishnah liest man, dass ein Schneider nicht mit einer Nadel auf die Straße gehen sollte, wenn das Zweilicht des Sabbats begonnen hat; im Buch der Riten, dass ein Gast die erste Tasse mit ernster und die zweite mit ehrerbietiger Mine annehmen soll. Analog, aber noch viel genauer war die Strenge, die Teodelina Villar sich abverlangte. wie ein konfuzianischer Adept oder Talmudist strebte sie nach untadeliger Richtigkeit in allen Handlungen, aber ihr Unterfangen war um so bewundernswerter und schwieriger, als die Gebote ihres Bekenntnisses nicht ewig waren, sondern sich nur den Zufällen von Paris und Hollywood beugten. Teodelina Villar erschien am orthodoxen Ort, zur orthodoxen Stunde, in der orthodoxen Aufmachung, die Stunde und der Ort waren auf der Stelle passé und dienten (im Munde von Teodelina Villar) zur Definition des Geschmacklosen. Wie Flaubert trachtete sie nach dem Absoluten aber dem Absoluten im Augenblicklichen. Ihr Leben war exemplarisch, und doch fraß eine innere Verzweiflung unablässig an ihr. Ständig experimentierte sie mit Verwandlungen, als ob sie sich selber zu entrinnen suchte; die Tönung ihrer Haare und die Fasson ihrer Frisur waren von sprichwörtlicher Unbeständigkeit. Auch wechselte sie immer das Lächeln, die Hautfarbe, die Augenstellung. Ab 1932 war sie von peinlichster Schlankheit… Der Krieg bereitete ihr manches Kopfzerbrechen. Wie sollte man der Mode folgen, wo doch die Deutschen Paris besetzt hielten? Ein Ausländer, dem sie immer misstraut hatte, nahm sich die Freiheit, ihre Gutgläubigkeit auszunutzen und ihr eine Anzahl von zylinderförmigen Hüten zu verkaufen; ein Jahr später stellte sich heraus, dass man jene lächerliche Gebilde in Paris überhaut nie getragen hatte! Folglich waren es gar keine Hüte, sondern willkürliche, unerlaubte Capricen. Kummer kommt niemals allein; Doktor Villar sah sich gezwungen, in die Calle Aráoz umzuziehen, und das Bildnis seiner Tochter zierte Reklamen für Kosmetika und Automarken. (Kosmetika, die sie reichlich verwendete; Automobile, die sie nicht mehr besaß!) Sie wusste, dass die erfolgreiche Ausübung ihrer Kunst ein großes Vermögen erforderte; sie zog das Abtreten dem Abfallen vor. Auch kränkte es sie, mit kleinen nichtssagenden Mädchen zu wetteifern. Die düstere Wohnung in der Calle Aráoz war allzu lästig: Am 6. Juni beging Teodelina Villar die Unschicklichkeit, mitten in der südlichen Vorstadt zu sterben. Soll ich gestehen, dass ich – bewegt von der echtesten Leidenschaft des Argentiniers, dem Snobismus – in sie verliebt war, dass mich ihr Tod zu Tränen rührte? Vielleicht hat der Leser dies bereits vermutet.
Der Vorgang der Zersetzung bringt es mit sich, dass der Leichnam während der Aufbahrung seine früheren Gesichter wieder annimmt. Zu irgendeinem Zeitpunkt jener wirren Nacht des 6. Juni wurde Teodelina Villar auf magische Weise noch einmal die, die sie vor zwanzig Jahren gewesen war; ihre Züge gewannen wieder jene Autorität, die der Stolz, das Geld, die Jugend, das Bewusstsein, an der Spitze einer Hierarchie zu stehen, die Phantasielosigkeit, die Beschränktheit und die Dummheit verleihen. Irgendwie, dachte ich bei mir, wird keine Version dieses Gesichtes, das mich so sehr beunruhigt hat, so denkwürdig sein wie dieses; es ist nur billig, dass es das letzte ist, da es vielleicht das erste war. Ich verließ sie starr inmitten der Blumen, wo sie ihren Hochmut durch den Tod vollendete. Es muss ungefähr zwei Uhr morgens gewesen sein, als ich ging. Draußen hatten die ewigen Zeilen der flachen und der einstöckigen Häuser jenen zerstreuten Ausdruck angenommen, den sie immer nachts annehmen, wenn Schatten und Schweigen sie vereinfache. Trunken von einer fast unpersönlichen Andacht wandere ich durch die Straßen. An der Ecke von Chile und Tacuarí sah ich eine offene Ladenschänke. In dieser Schänke spielten zu meinem Verhängnis drei Männer Truco.
In einer Redefigur, dem sogenannten Oxymoron, wird ein Begriff mit einem Beiwort gekoppelt, das ihn zu widerlegen scheint; so redeten etwa die Gnostiker von dunklem Licht, die Alchimisten von einer schwarzen Sonne. Dass ich von meinem letzten Besuch bei Teodelina Villar in eine Ladenschänke ging und einen Schnaps trank, war für mich eine Art Oxymoron; seine Vulgarität und Leichtigkeit verlockten mich. (Der Kontrast wurde noch dadurch erhöht, dass ein Kartenspiel im Gang war.) Ich verlangte eine Caña de Naranja; beim Wechselgeld, das man mir gab, war der Zahir; ich betrachtete ihn einen Moment; ging hinaus auf die Straße, vielleicht mit einem ersten Anflug von Fieber. Ich überlegte, dass jede Münze dieser Welt sinnbildlich für die berühmten Münzen steht, die ohne Ende in Geschichte und Sage aufblinken. Ich dachte an Charons Obolus; den Obolus, um den Belisar bat; an die dreißig Silberlinge des Judas; an die Drachmen der Kurtisane LaÏs; an die uralte Münze, die einer der Schläfer von Ephesus hinhielt; an die glitzernden Münzen des Zauberers aus Tausendundeiner Nacht, die später Papierscheiben waren; an den unerschöpflichen Denar des Isaak Laquedem; an die sechzigtausend Silberstücke, eines für jede Zeile in seinem Epos, die Firdusí einem König zurücksandte, weil sie nicht aus Gold waren; an die Dublone, die Ahab an den Mast nagelte; an Leopold Blooms Gulden ohne Wiederkehr; an den Louis dÒr, dessen Kopfbild den flüchtenden Louis XVI. bei Varennes verriet. Wie in einem Traum schien mir die Idee, dass jedes Geldstück derart erlauchte Gedankenverbindungen gestattet, von ungeheuerer, wenn auch unerklärlicher Bedeutsamkeit. Mit wachsender Geschwindigkeit lief ich durch die verlassenen Straßen und Plätze. An einer Ecke hielt ich erschöpft inne. Ich sah ein schmuckloses Eisengitter; dahinter die schwarz-weißen Fliesen der Bahnhofshalle von Concepción. Ich war im Kreis herumgeirrt und befand mich nur einen Block entfernt von dem Lokal, in dem ich den Zahir erhalten hatte.
Ich bog ab; das dunkle Fenster zeigte mir von weiten, dass die Kneipe schon geschlossen war. In der Calle Belgrano nahm ich ein Taxi. Schlaflos, besessen, beinahe glücklich, bedachte ich, dass nichts weniger materiell ist als das Geld, da jede Münze (etwa eine Münze im Wert von zwanzig Centavos) strenggenommen ein Repertoire möglicher Zukünfte ist. Geld ist abstrakt, wiederholte ich, Geld ist die Zukunft. Es kann ein Abend in der Vorstadt sein, es kann Musik von Brahms sein, es kann ein Atlas sein, es kann Schach sein, es kann Kaffee sein, es kann die Worte des Epiktet sein, die uns lehren, das Gold zu verachten; Geld ist ein Proteus, und zwar vielgestaltiger als der von der Insel Pharos. Es ist unvorhersehbare Zeit, Bergsons Zeit, nicht die starre Zeit des Islam oder des Säulengangs. Die Deterministen leugnen, dass es in der Welt auch nur einen möglichen Vorgang gebe, das heißt einen Vorgang, der sich ereignen könnte; eine Münze symbolisiert unseren freien Willen. (Es kam mir nicht in den Sinn, dass diese „Gedanken“ ein Winkelzug von mir gegen den Zahir sein könnten und eine erste Form seines dämonischen Einflusses.) Nach zähem Grübeln schlief ich ein und träumte, ich wäre die Münze, die ein Greif hütet.
Am nächsten Tag beschloss ich, ich müsse betrunken gewesen sein. Auch beschloss ich, die Münze loszuwerden, die mich derart beunruhigte. Ich betrachtete sie: Außer einigen Kratzern war nichts Ungewöhnliches an ihr. Am besten wäre es wohl gewesen, ich hätte sie im Garten vergraben oder in einem Winkel der Bibliothek versteckt; aber ich wollte aus ihrem Bannkreis heraus. Ich zog es vor, sie zu verlieren. An jenem Vormittag ging ich nicht zur Pilar oder zum Friedhof; ich nahm die U-Bahn nach Constitución und Constitución nach San Juan und Boedo. Unwillkürlich stieg ich in Urquiza aus; ich wanderte nach Westen und Süden zu; mit beflissener Planlosigkeit bog ich um einige Ecken und in einer Straße, die wie alle andern aussah, ging ich in irgendeine Kneipe, bestellte einen Schnaps und zahlte mit dem Zahir. Ich schloss die Augen halb, hinter den verräucherten Scheiben; es gelang mir, die Hausnummer und den Namen der Straße nicht zu sehen. Nachts nahm ich eine Veronal-Tablette und schlief ruhig.
Bis Ende Juni lenkte mich die Aufgabe ab, eine phantastische Erzählung zu verfassen. Diese enthält zwei oder drei rätselhafte Umschreibungen – statt „Blut“ heißt es „Schwertwasser“; statt „Gold“ „Lindwurmlager“ – und ist in der ersten Person geschrieben. Der Erzähler ist ein Asket, der auf den Umgang mit Menschen verzichtet hat und in einer Art Ödland lebt. (Der Name des Ortes ist Gnitaheidr.) Wegen der Lauterkeit und Schlichtheit seines Lebens wird er von manchen für einen Engel gehalten; was jedoch eine fromme Übertreibung ist, denn es gibt keinen Menschen, der frei von Sünde wäre. So hat er zum Beispiel seinem Vater die Gurgel durchtrennt; allerdings war dieser ein berühmter Zauberer und hatte sich durch magische Kunst eines unermesslichen Schatzes bemächtigt. Diesen Schatz vor der wahnwitzigen Raffgier der Menschen zu bewahren ist die Mission, der er sein Leben geweiht hat; Tag und Nacht wacht er drüber. Bald, vielleicht zu bald, soll seine Wacht zu Ende gehen: Die Sterne haben ihm offenbart, dass das Schwert bereits geschmiedet ist, das ihn für immer tilgen soll. (Gram ist der Name dieses Schwertes.) In immer verwickelterem Stil erörtert er das Funkeln und die Biegsamkeit seines Leibes; irgendwo redet er zerstreut von Schuppen; an anderer Stelle erzählt er, dass der Schatz, den er hütet, aus gleißendem Gold und roten Ringen bestehe. Am Ende begreifen wir, dass dieser Asket die Fafnirschlange ist und der Hort, auf dem er liegt, der Nibelungenschatz. Sigurds Erscheinen bringt die Geschichte zu einem jähen Abschluss.
Ich habe gesagt, dass die Ausführung dieser Lappalie (in die ich in falscher Gelehrsamkeit ein paar Verse aus dem Fáfnismál einflocht) mir erlaubte, die Münze zu vergessen. Manchmal, nachts, war ich so sicher, sie vergessen zu können, dass ich sie mir absichtlich in den Sinn zurückrief. Gewiss übertrieb ich diese Gelegenheiten; es war leichter, damit anzufangen als damit aufzuhören. Vergeblich sagte ich mir immer wieder, dass jene abscheuliche Nickelscheibe sich in nichts von all den anderen Münzen unterschied, die von Hand zu Hand gehen, gleichförmig, unzählig, harmlos. Getrieben von dieser Überlegung versuchte ich mir eine andere Münze vorzustellen, konnte es aber nicht. Auch erinnerte ich mich eines fruchtlosen Experiments, das ich mit fünf und zehn chilenischen Centavos und einem uruguayischen Vintén anstellte. Am 16. Juli besorgte ich mir einen Sovereign. Tagsüber schaute ich ihn nicht an, aber in jener Nacht (und in vielen weiteren Nächten) legte ich ihn unter die Lupe und besah ihn beim Licht einer starken elektrischen Lampe. Dann kopierte ich ihn mit einem Bleistift, durch dünnes Papier. Aber sein Schimmer und der Drache und der heilige Georg nützten mir nichts; ich konnte meine fixe Idee nicht gegen eine andere eintauschen.
Im August beschloss ich, einen Psychiater zu konsultieren. Ich vertraute ihm nicht meine ganze alberne Geschichte an; ich sagte ihm, dass ich von Schlaflosigkeit geplagt sei und dass mich das Bild eines beliebigen Gegenstands verfolge, etwa das einer Spielmarke, einer Münze oder dergleichen … Kurz darauf grub ich in einem Buchladen der Calle Sarmiento eine Ausgabe con Barlachs Urkunden zur Geschichte der Zahirsage (Breslau 1899) aus.
In diesem Buch fand ich mein Leiden erklärt. Wie aus der Einführung hervorgeht, versucht der Verfasser „in einem handlichen Großoktav-Band alle Dokumente zusammenzutragen, die sich auf den Aberglauben von Zahir beziehen, einschließlich von vier Texten, die dem Archiv Habicht zugehörten, und der Originalhandschrift von Philip Meadows Taylors Abhandlungen“. Der Zahirglaube ist islamisch und entstand anscheinend im achtzehnten Jahrhundert, (Barlach verwirft die Abschnitte, die Zotenberg dem Abulfeda zuschreibt.) „Zahir“ bedeutet auf Arabisch „offenkundig“, „sichtbar“; in diesem Sinn ist es einer der neunundneunzig Namen Gottes. In mohammedanischen Ländern wird das Wort vom gemeinen Volk benutzt, um „Dinge zu bezeichnen, die die entsetzliche Eigenschaft der Unvergessbarkeit haben und deren Bild die Leute schließlich in den Wahnsinn treibt“. Das erste einwandfreie Zeugnis darüber stammt von dem Perser Lutf Alí Azur. Auf den präzisen Seiten der biographischen Enzyklopädie Der Feuerteufel berichtet dieses Polygraph und Derwisch, dass es in einer Schule zu Schiraz ein kupfernes Astrolabium gegeben habe: „solcherart, dass, wer auch immer es einmal gesehen hatte, nie mehr an etwas anderes denken konnte; weswegen der König den Befehl erteilte, dasselbe in den Tiefen des Meeres zu versenken, auf dass die Menschen darüber nicht des Universums vergäßen“. Ausführlicher ist die Untersuchung von Meadows Taylor (er stand im Dienst des Nizams von Haiderabad und verfasste den berühmten Roman Confessions of a Thug). Um 1832 hörte Taylor in den Vororten von Bhuj die sonderbare Redewendung: „Wenn, er hat den Tiger erblickt“ zur Bezeichnung von Wahnsinn oder Heiligkeit. Man sagt ihm, dass es sich um einen magischen Tiger handle, der jedem, der ihn auch nur von fern sah, zum Verhängnis wurde, da alle bis ans Ende ihrer Tage weiter an ihn denken müssen. Jemand sagte, einer dieser Unglücklichen sei nach Mysore geflohen, wo er die Gestalt des Tigers an die Wände eines Palastes gemalt habe. Jahre später besichtigte Taylor die Gefängnisse dieses Reichs; in dem von Nithur zeigte ihm der Gouverneur eine Zelle, an deren Boden, Wände und Deckengewölbe ein muselmanischer Fakir (in barbarischen Farben, die die Zeit eher verschärfte denn verwischte) eine Art unendlichen Tiger gemalt hatte. Dieser Tiger bestand aus einer schwindelerregenden Vielzahl von Tigern; er war durchkreuzt von Tigern, enthielt Meere, Himalajas und Heere, die weitere Tiger zu sein schienen. Der Maler war vor vielen Jahren in der nämlichen Zelle gestorben; er stammte aus Sind oder Gujarat und hatte eigentlich eine Karte der Welt zeichnen wollen. von diesem Vorhaben fanden sich noch Spuren in dem monströsen Gebilde. Taylor erzählte sein Erlebnis Mahammed Al-Yemení von Fort William; dieser belehrte ich, dass es nichts Erschaffenes auf der Welt gebe, das nicht zum Zaheer neige, der Allerbarmer lasse jedoch nicht zu, dass er zur gleichen Zeit zwei Dinge sei, da ein einziges genüge, um Tausende in Bann zu schlagen. Er sagte, dass es stets einen Zahir gebe; dass es im Zeitalter der Unwissenheit ein Götzenbild namens Yaúq gewesen sei und später ein Prophet in Khorasan, der ständig einen juwelenbesetzten Schleier oder eine goldene Maske getragen habe. Er sagte auch, dass Gott unerforschlich sei. Viele Male las ich Barlachs Monographie. Ich will meine Gefühle nicht ausbreiten; ich erinnere mich meiner Verzweiflung, als ich begriff, dass nichts mich retten würde; meiner gehörigen Erleichterung bei dem Gedanken, dass nicht ich die Schuld an meinem Unglück trug; meines Neides, wenn ich an diejenigen dachte, deren Zahir keine Münze war, sondern ein Stück Marmor oder ein Tiger. Wie leiht es gewesen wäre, nicht an einen Tiger zu denken, überlegte ich. Ich erinnere mich auch der sonderbaren Unruhe, mit der ich diesen Abschnitt las: „Ein Kommentator des Gulshan i Raz sagt, wer den Zahir gesehen habe, werde alsbald die Rose erblicken; und er zitiert einen Vers von Attar, der ins Asrar Nama (das Buch der unbekannten Dinge) eingeschoben ist: >Der Zahir ist der Schatten der Rose, der Riss im Schleier.“
In der Nacht von Teodelinas Totenwache hatte ich mich gewundert, dass ich unter den Anwesenden nicht ihre jüngere Schwester, Frau Abascal, angetroffen hatte. Im Oktober erzählte mir eine ihrer Freundinnen:
„Die arme Julita, ist so sonderbar geworden, dass man sie im Bosch einsperren musste. Sie wird die Pflegerinnen, die sie mit einem Löffel füttern müssen, noch an den Rand der Verzweiflung bringen! Unentwegt faselt sie von irgendeiner Münze, genauso wie Morena Sackmanns chauffeur …“
Die Zeit, die die Erinnerungen abschwächt, verstärkt die an den Zahir. Früher stellte ich mir zuerst die Vorder-, dann die Kehrseite vor; heute sehe ich beide gleichzeitig. Nicht so, als wäre der Zahir aus Glas, denn keine Seite überlagert die andere; es ist vielmehr, als wäre meine Sehkraft sphärisch und der Zahir in ihrem Zentrum. Alles was nicht der Zahir ist, erreicht mich gedämpft, wie von fern: Teodelinas hochmütiges Bild, körperlicher Schmerz. Tennyson sagte, wenn wir eine einzige Blume begreifen könnten, würden wir wissen, wer wir sind und was die Welt ist. Vielleicht wollte er sagen, dass nichts so unscheinbar ist, dass es nicht die Weltgeschichte und die unendliche Verkettung von Ursachen und Wirkungen in sich birgt. Vielleicht wollte er sagen, dass die sichtbare Welt vollkommen in jeder Vorstellung enthalten ist, wie der Wille, gemäß Schopenhauer, in jedem Subjekt. Die Kabbalisten behaupten, dass der Mensch ein Mikrokosmos sei, ein symbolischer Spiegel des Alls; nach Tennyson müsste alles dies sein. Alles, sogar der unerträgliche Zahir.
Noch vor 1948 wird mich Julias Schicksal ereilt haben. Man wird mich füttern und ankleiden müssen; ich werde nicht wissen, ob es nachmittags oder vormittags ist; ich werde nicht wissen, wer Borges war. Es wäre falsch, diese Aussicht als entsetzlich hinzustellen, denn nichts davon wird sich auf mich auswirken. Man könnte genauso gut sagen, dass ein Mann furchtbare Schmerzen leidet, dem man in der Narkose den Schädel öffnet. Ich werde die Welt nicht mehr wahrnehmen, ich werde den Zahir wahrnehmen. Nach der Lehre der Idealisten sind die Verben „leben“ und „träumen“ exakte Synonyme; von den tausend Formen komme ich zu der einen; von einem sehr komplexen Traum zu einem sehr schlichten. Andere werden träumen, dass ich verrückt bin; ich werde vom Zahir träumen. Wenn alle Menschen auf der Welt Tag und Nacht an den Zahir dächten, was wäre dann Traum und was Realität, die Erde oder der Zahir?
In öden Nachtstunden kann ich noch durch die Straßen gehen. Das Morgendämmern findet mich oft auf einer Bank der Plaza Garay, wo ich angespannt über jene Stelle im Asrar Nama nachdenke, an der es heißt, der Zahir sei der Schatten der Rose und der Riss im Schleier. Ich verbinde diesen Ausspruch mit jener Methode der Sufis, die – um sich in Gott zu verlieren – ihren eigenen Namen oder die neunundneunzig Namen Gottes wiederholen, bis aller Sinn daraus entwichen ist. Ich sehne mich danach, diesen Weg zu gehen. Vielleicht gelingt e mir am Schluss, den Zahir auszulöschen, indem ich immer und immer wieder an ihn denke; vielleicht ist hinter der Münze Gott.

Für Wally Zenner

Quelle:
Das ALEPH, Borges, Jorge Luis, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Juli 1992

Chiloe

Bruce Chatwin
Was mache ich hier

Chiloe
Die Insel Chiloe ist berühmt für ihre schwarzen Stürme und ihre schwarze Erde, ihre Fuchsien- und Bambusdickichte, ihre Jesuitenkirchen und die begnadeten Hände ihrer Holzschnitzer. Zu ihren Schalentieren zählt eine riesige Entenmuschel – der pico del mar -, die wie ein Fudschijama in Miniaturausgabe vor einem auf dem Teller liegt. Die Bevölkerung ist eine Mischung aus Chonos-Indios, Spaniern und Seeleuten aller Hautfarben, und ihre Phantasie beschäftigt sich mit verworrenen mythologischen Vorstellungen.
Die Kathedrale von Castro war aus Wellblech erbaut und hatte zu Ehren des Heiligen Jahres einen aggressiven orangeroten Anstrich bekommen. Logger mit ockerfarbenen Segeln lagen bei Flaute in der Bucht. In einem Café am Hafen saß ein äußerst distinguierter Man mit Silberhaar und langen, geraden Beinen.
Es war Sikh. vor langer Zeit, einer Zeit, an die er sich nicht erinnern mochte, war er der Bursche eines englischen Obersten in Amritsar gewesen. Zu seinen Pflichten hatte es gehört, mit der Tochter des Obersten auszureiten. Ihre Augen begegneten sich. Sie wurde von ihrer Familie verstoßen, er von seiner. Ihr Leben in England wurde durch eine Folge feindseliger Vermieterinnen bestimmt. Eines Tages schnitt er sich die Haare und rasierte sich den Bart ab, und sie gingen nach Südamerika. Er und seine Frau waren auf Chiloe glücklich gewesen. Sie war vor kurzem gestorben.
„Ich hätte nicht anders leben wollen“, sagte er.
Zwei Seen – Lago Huillinco und Lago Cucao – teilen die Insel nahezu in zwei Hälften; sie fließen ineinander über, braunes Wasser in blaues Wasser, und dann hinaus in den Pazifik. Die Seen sind der Styx von Chiloe. Man erzählt sich, dass die Seelen der Toten sich im Dorf Huillinco versammeln, von wo der Fährmann sie zu ihrem Ziel bringt. Die Straße nach Huillinco war weiß und wand sich durch Felder mit reifem Korn. Bauern, die Getreide worfelten, riefen mir einen Gruß zu, als ich vorbeiging. Silbrige Häuser mit Schindeldächern waren von Kiefern und Pappeln umstanden. Hänsel und Gretel hätten hier ein glückliches Leben geführt.
Unter einem Baum mit wächsernen weißen Blüten saß ein dicker junger Mann und aß Brombeeren. Hector Dyer Garcia kam vom Pferderennen zurück. Er hatte Geld verloren.
„Kennen Sie Notting Hill Gate?“ fragte er.
Um die Jahrhundertwende war Alfred Dyer-Aulock vom Bord seines Schiffes gesprungen und in den Armen eines Mädchens von Chiloe gelandet. Auf seinem Sterbebett empfahl er seiner Familie, an ihre englischen Verwandten zu schreiben. Sie wussten nicht, wie sei es anstellen sollten. Hector träumte von einem nicht abgeholten Erbe in einer Londoner Bank.
„Sonst werde ich nach Venezuela gehen müssen“, sagte er.
Wir gingen langsam weiter und blieben bei einer blauen Hütte stehen, wo wir mit der Familie eines Holzschnitzers Apfelwein tranken. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir nach Huillinco – ein paar Häuser, eine Mole und dahinter der silbrige See. Wanderprediger summten mit nasalen Stimmen zu den Klängen einer Gitarre.
Hector schlich in sein Haus, als beträte er den Schauplatz eines Verbrechens. Er hatte eine Frau. Sie war doppelt so groß und doppelt so alt wie er. Zwischen einem Käsebissen und dem nächsten schleudere sie ihm Beleidigungen ins Gesicht und entlockte ihm sein schmerzliches Geständnis. Er hatte beim Rennen das Geld verloren, das für Lebensmittel bestimmt gewesen war.
Ich verbrachte den Abend mit Hector und seinen Freunden in der Bar, wo wir Domino spielten.

Am Morgen war die Siedlung in einen milchigen Nebel gehüllt. Vom anderen Ufer des Sees drang das Klappern von Dollen und das gedämpfte Bellen eines Hundes herüber. Ein Mann, der sich den Schlaf aus den Augen rieb, sagte, die Fähre nach Cucao werde um drei Uhr nachmittags eintreffen.
Ich ging am Seeufer entlang, inmitten von Mimosen, Wintergrün und Flammenbäumen. Smaragdfarbene Kolibris saugten an den trompetenförmigen Blüten von scharlachrotem Geißblatt. An einem Strauch waren hellviolette Beeren. Ringsherum roch es nach Verbranntem.
Um drei sichteten die Dorfbewohner die Fähre; ein schwarzer Fleck am anderen Ende des Sees. Längs der Mole waren mit Körben beladene Pferde angebunden.
Die Leute von Cucao trugen ihre Produkte an Land: Ballen schwarzer Wolle, Miesmuscheln, Algenbündel und Schalotten. Der Fährmann war ein winziger Mann mit schimmernder brauner Haut und einem fast kreisrunden Mund. Er war einer der letzten reinrassigen Chonos-Indios. Der einzige andere Passagier nach Cucao außer mir war Doña Lucerina, eine Frau mit einem energischen Kinn, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war. Ihr gehörte der einzige Gasthof im Dorf.
Der Fährmann hatte bereits den Motor angelassen, als zwei Jungen ans Ufer gelaufen kamen; sie trugen einen weißen Holzsarg. Ihre Augen waren rot vom Weinen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht, um einen Priester zu ihrer sterbenden Mutter zu holen: er weigerte sich, zu kommen. Sie saßen eine Nacht und einen Tag lang draußen vor dem Haus des Priesters: er weigerte sich, zu kommen. Dann traf die Nachricht von ihrem Tod ein: er weigerte sich noch immer, zu kommen. Es war heiß. Die Mutter begann zu verwesen, ohne Begräbnis und ohne Absolution.
„Wann ist sie gestorben?“ fragte Doña Lucerina.
„Freitag.“
„Um wie viel Uhr?“
„Um zehn Uhr morgens.“
„Herz?“
„Lunge.“
„Ach!“ sagte sie mit einem wissenden Lächeln. „Tuberkulose! Schlechte Ernährung. Gegen Tuberkulose muss man Milch trinken. Dann kann die Krankheit nicht ins Haus.“ „Sie war seit Jahren krank“, sagte der jüngere der beiden.
„Sie hätte mehr Milch trinken sollen, als sie jung war.“ Das Boot glitt über den Lago Cucao. Der Fährmann ließ die Jungen an einem weißen Steinstrand aussteigen. Wir beobachteten sie – zwei schwarze Gestalten, die den Sarg durch die abgestorbenen Bäume zu ihrem Gehöft trugen.

In Cucao standen zwei Holzkirchen auf einer Wiese: sie sahen aus, als wären sie von frühen keltischen Mönchen erbaut worden. Eisvögel flogen hin und her. Der Fährmann legte bei einer Reihe von Hütten an. Ich zahlte ihm meinen Obolus. Doña Lucerina schritt über einen sandigen Weg voraus; unsere Beine streiften Gunneren, die riesige Blätter haben.
Wir stiegen die Landzunge hinauf. Die untergehende Sonne tönte die Brecher des Pazifiks milchig-goldgrün. Der Sand in der Bucht war schwarz. Ein Fischerboot, das die Barre überquerte, war ein schwarzer Halbmond in der Gischt. Doña Lucerinas Haus war lang und flach, es hatte ein Schindeldach und cremegelb angemalte Bretterwände.
„Gehört alles mir!“ sagte sie und wies mit einer weitausholenden Armbewegung auf den Strand. „Zweihundert Hektar, das Haus und Goldminen. Ich muss verkaufen. Mein Mann ist krank.“
In der dunkelgrünen Küche saß ihr Untermieter, Don Antonio, ein alter Mann mit geradem Rücken, dessen dunkle Augen unter flaumigen Augenbrauen funkelten.
„Erzähl dem jungen Mann ein paar Geschichten“, sagte Doña Lucerina. „Er möchte Geschichten hören.“
In einem weichen melodiösen Spanisch erzählte Don Antonio von dem Basilisken und der Fiura, von den Sirenen und der Pincoya. „Ah! Ich liebe die Pincoya!“ Doña Lucerina klatschte in die Hände.
Die Pincoya war eine Meeresnymphe: ein lachendes Mädchen, das die Schalentiere zur Vermehrung ermunterte. Manchmal konnte man sie auf dem Sand tanzen sehen, in einem Kleid aus Algen, an denen Perlen schimmerten, und mit flammendem Haar, das im Wind wehte.
„Erzähl ihm noch eine, Alter“, sagte sie. „Erzähl ihm vom König der Erde.“
„Vor langer Zeit“, begann Don Antonio, „hatte Cucao alles – Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen, alles -, und der Rest von Chiloe hatte nichts. Eines Tages wurde ein Schaf mit drei Hörnern geboren, und die Kunde sprach sich herum. Ein Fremder kam, um das Schaf zu sehen, und blieb über Nacht. Am Morgen wachten die Leute auf und stellten fest, dass alle ihre Tiere verschwunden waren. Sie folgten den Spuren und kamen zu einem Fluss, wo ein alter Mann am Ufer saß.
‚Hast du den Dieb gesehen, der unsere Tiere gestohlen hat?’ fragte sie ihn.
‚Das war kein Dieb’, sagte der Mann. ‚Das war der König der Erde.’
Und seither haben die Leute v on Cucao nichts, und der Rest der Insel ist reich.“
„Noch eine!“ sagte Doña Lucerina. „Erzähl ihm von dem Millalobo.“
„Haben Sie die Hütten beim Landungssteg gesehen?“ fragte er.
„Ja.“
„In der zweiten Hütte“, fuhr er fort, „lebte eine Familie – Mutter, Vater, Tochter. Wir kanten sie gut…
Eines Tages sagte die Mutter zu dem Mädchen, sie solle zur Quelle gehen und Wasser für Kaffee holen … por un cafecito no más. Das Mädchen wollte nicht gehen: ein Fremder sei im Dorf, sagte sie. Doch die Mutter bestand darauf, und das Mädchen kam nicht zurück. Die Mutter rief und rief und suchte sie überall. Sie kam zur Quelle, und da war Blut … überall Blut … sangre. Die Nachbarn sagten, ja, sie hätten einen Fremden gesehen. Er war so groß und blond wie Sie, Engländer. Die Mutter wusste, dass Millalobo ihr die Tochter genommen hatte.
Ein Jahr später kam das Mädchen mit einem Baby im Arm zurück. Die Frau war entzückt über ihren Enkel und richtete ihm eine Wiege her. Eines Morgens, als die Tochter aus dem Haus ging, warnte sie die Mutter davor, das Kind anzusehen. ‚Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe’, wiederholte sie, als sie die Tür schloss. Doch die Mutter brannte darauf, ihren Enkel zu sehen, und zog die Decke zurück. Von der Hüfte abwärts war das Baby ein Seehund. Dann verwandelte es sich in einen Stern und hüpfte im Zimmer umher und hinaus aus dem Fenster, summend wie eine Bremse.
Das Mädchen hörte das Summen. Sie wusste, dass ihr Mann das Kind verhext und in den Himmel geschickt hatte. Sie irrte an der Küste entlang und rief: ‚Cucao! Cucao!’ sie schritt ins Wasser und ließ sich unter die Oberfläche gleiten …
Millalobo baute auf dem Grund der Lagune einen Palast für sie. Einmal im Jahr lässt er sie frei, und dann kommt sie an die Oberfläche, und wenn sie die Wiese und die Kirchen sieht, stimmt sie ein Lied an: ‚Cucao! Cucao! Cucaooooooooooo!“
„Jetzt erzähl ihm vom Fährmann“, drängte Doña Lucerina.
Don Antonio war jetzt müde; doch er erhob sich, trat ans Fenster und zeigte auf drei nebeneinanderstehende schwarze Felsen, Trittsteinen ähnlich, am anderen Ende der Bucht.
„Diese Felsen“, sagte er, „sind der Ladungssteg des Fährmanns. Ich kannte einmal einen Mann, der sich über die Geschichte vom Fährmann lustig machte. Er stand auf einem der Felsen und rief: ‚Fährmann! Fährmann! ‚ – und der Fährmann kam!“
Die Nacht legte sich über Cucao. Ein voller Mond beschien die Brandung. Das Feuer von Goldsuchern brannte ein Loch in die Dunkelheit. Ich schritt über den Sand. Ich näherte mich dem Ladungssteg des Fährmanns, doch ich widerstand der Versuchung, ihn zu rufen.
1988

Quelle:
Was mache ich hier, „Chiloe“, Chatwin, Bruce, Frankfurt, 1993

Rattenmahlzeit

An der Zimmertür hörten sie ein Geräusch. Was ist geschehen?
Der Hausherr ist da, er stört das Fest der Ratten.
Warum?
Er schlief einen schweren Schlaf, die Ortolanen lagen ihm wohl etwas schwer im Magen.
Plötzlich erwacht er. Er hat ein Geräusch vernommen. Besorgt und ängstlich steht er auf, tastend öffnet er die Tür. Niemand. Die Ratten sind auf und davon. Ein Traum, eine Täuschung, er legt sich wieder zu Bett.
Wer hat nun Lärm gemacht?
Die Ratten, ganz klar.
Ein Fest geht nicht ohne Lärm ab. Die Gäste auf ihren kleinen Pfoten – fast wie ein Donnern über der Decke. Das Knabbern der Zähne und das Scharren der Nager. So etwas weckt auf. Also hat der Lärm den Lärm hervorgerufen.
An der Tür hörte er ein Geräusch; er steht auf, die Ratten sind fort…
Lagewechsel für den Beobachter.

Ein anderer Fall. Auf dem Fest gehen die Worte hin und her. An der Zimmertür ertönt ein Geräusch: das Telefon klingelt. Die Kommunikation unterbricht die Konversation, dieses Geräusch unterbricht jene Botschaften. Sobald ich das Gespräch mit dem neuen Gesprächspartner aufnehme, setzt die Unterhaltung an der Festtafel wieder ein, sie wird zum Lärm, zum Rauschen, für das neue Wir. Das System schaukelt. Nähere ich mich wieder der Tafel, so wird der Lärm nach und nach wieder zur Konversation. Im System tauschen Rauschen und Nachrichten ihre Rollen je nach der Stellung des Beobachters und nach den Handlungen des Akteurs, aber sie verwandeln sich auch ineinander ganz in Abhängigkeit von der Zeit und vom System.
Sie machen Ordnung oder Unordnung.

Dieser Fall ist, wie das Beispiel der Ratten, interessanter, als es scheint. Im Zimmer gibt es zwei Systeme, das Fest und das Telefon. Ein gegebenes Rauschen, der Lärm der Worte, ist Rauschen für das Gespräch, das ich mit meinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung führe, jedoch Nachricht für meine Gäste. Umgekehrt ist für sie mein Einzelgespräch Rauschen. Das hängt von der Stellung des Beobachters ab. Dieses Resultat ist bekannt. Andererseits hat aber das Läutsignal die Konversation am Tisch unterbrochen:
Dieses Nachrichtensystem ist unter dem Lärm zusammengebrochen.
Umgekehrt kündigt es jedoch den Austausch von Nachrichten am Telefon an, der Lärm eröffnet also ein neues System. Und das hängt nicht mehr vom Beobachter ab, sondern nur noch von der Zeit.
Der Lärm ist das Ende eines Systems und die Formierung eines neuen.
Und genau das ist das Gleichnis der Ratten.
Das Festmahl wird vom Wirt unterbrochen, und als es wieder beginnt, finden sich die Bedingungen umgewandelt – beim gewöhnlichen Essen in der Stadt gerade so wie auf dem ländlichen Gastmahl. Der Lärm sondert beide voneinander ab, Gewöhnung oder Schrecken, und bildet ein komplexes System mit zwei verschiedenen Festmählern heraus. Der Lärm ist das Zeichen wachsender Komplexität. Man nimmt an, dass die Trennung von Stadt und Land ein entscheidendes Moment in der Geschichte darstellt. In ihr gab es einfache Ratten und solche der Komplexität.

Der Lärm ist ein Joker. Er hat wenigstens zwei Werte, wie der Dritte: einen Destruktionswert und einen Konstruktions-wert. Er muss ausgeschlossen werden, er muss eingeschlossen werden. Das ist die Geschichte der Ratten, das ist die Beschreibung eines komplexen Systems. Informatik und Anthropologie stehen gemeinsam an derselben Front.
Muss man sagen, dass die eine durch ihren technischen Eingriff ebenso tief eindringen wird, wie es die andere mit ihren Analysen anzeigt?
Oder muss man sagen, die Wissenschaft objektiviere, was die Märchen schon lange erzählen?
Alles lässt sich in diesem neuen Rationalismus ausdrücken, der Exaktes und Menschliches in einem herausarbeitet.

Wo stehe ich im Augenblick? Ich bewege mich zwischen Festmahl und Telefon. Ich habe einen engen Bereich gefunden, in dem bei äußerst geringfügigem Schwanken zwischen der einen oder der anderen Seite des Grates das Rauschen zur Nachricht und die Nachricht zum Rauschen wird. Wohlgemerkt, der Grat ist gezackt, zufällig, stochastisch. Wer mich in meinen Bewegungen beobachtet, der glaubte wohl, eine Fliege in ihrem Flug zu sehen. Ich lasse mich vom Geräusch leiten. Ich stehe auf den Sägezähnen des Gebirges, an der Grenze des Rauschens. Kein Echo, nicht im Zentrum von allem wie ein hallendes Echo, sondern an den Rändern der Botschaften, an den Ursprüngen des Rauschens. Diese Reise folgt aufs Genaueste den Wegen der Erfindung. Diese Ränder sind auch den exakten und den Humanwissenschaften gemeinsam. Diode, Triode, Methode.

Die zweiwertigen Topiken verlieren sich in diesen Gebilden. Der Wert der Zugehörigkeit geht durch den Raum, durch das Spektrum, das die zwei alten Werte trennt oder vereint. Die Mathematik des Unscharfen erkundet diese Mitte, dieses Mittel, diesen Vermittler.

Ein anderes Beispiel: Irgendein System ist eingerichtet. Das Festmahl der Ratten oder unseres oder irgendeine andere Organisation. Das funktioniert und macht Lärm. Das nutzt sich ab und altert, treibt dem Rauschen zu. Aber das gewöhnliche Funktionieren ist ein Ensemble von Nachrichten. Man denke an die Konversation bei einem Gastmahl, an eine klassische Maschine, an ein Kommunikationsnetz oder einen lebenden Organismus. Das Paar Rausch-Nachricht gehört zum System, sein Verhältnis ist ein Zeichen für den guten Lauf und für das Alter besagten Gerätes.
Dieses Paar und diese Beziehung werden durch einen Beobachter vorweggenommen, der im System platziert ist. In gewisser Weise maximiert dieser die Nachricht und minimiert das Rauschen, wenn er am Funktionieren teilhat. Er drängt die Parasiten zurück, um die Mitteilungen besser aussenden und empfangen zu können, um sie deutlich und operativ zirkulieren zu lassen. Dies Zurückdrängen ist gleichermaßen die religiöse Exkommunikation, die Einschließung politischer Gefangener, die Isolierung der Kranken, die Beseitigung des Abfalls, die generalisierte Hygiene, die Pasteurisierung der Milch wie auch die Verdrängung im psychoanalytischen Sinne. Aber es handelt sich auch um Geschichte – und um Wissenschaftsgeschichte im besonderen: Wer am System teilhat, der nimmt das Rauschen um so weniger wahr und drängt es um so erfolgreicher zurück, je mehr er im System operiert. Er verbleibt stets im Guten, im Richtigen, im Wahren, in der Natur und in der Norm. Aller Dogmatismus lebt von dieser blinden oder gewollten Aufteilung.

Man braucht nur selbst aus dem System herauszutreten, und das Paar tritt deutlich hervor, die Nachricht wird brutal reduziert. Man kann sich auf mehrfache Weise dem System entziehen: durch die eigene Differenz oder durch die Geste des Ausschließens, die ich oben als Verdrängung bezeichnet habe. Doch ist das nicht so einfach. Wenn die Systeme eindeutig und mononormiert wären, genügte eine Beschreibung. Aber so ist es nicht. Tatsächlich funktionieren sie unter mehreren Normen zugleich. Beweis dafür ist die Tatsache, dass man zuweilen ins Zentrum gelangt, wenn man sich an die Peripherie hält. Anders gesagt, man kann das Ausschließungsspiel spielen, ohne das System zu verlassen, ja, dabei sogar noch tiefer hineingelangen.
Oder umgekehrt: das beste Mittel, im System Karriere zu machen, ist, ihm entgegenzuarbeiten.
Anders gesagt: Die Gegennorm ist niemals ein Rauschen der Norm, sondern dieselbe, nur umgekehrte Norm, ich möchte sagen, die Zwillingsnorm.
Wenn Sie einen Motor in umgekehrter Richtung laufen lassen, so zerstören Sie ihn nicht, Sie stellen lediglich ein Kühlaggregat her. Seit Bergson, der diese ganze Sache mit dem Offenen und Geschlossenen, dem Inneren und Äußeren erfunden hat, haben die Systeme sich immunisiert, indem sie komplexer wurden. Das war vorausgesehen. Sie haben sich gefestigt, indem sie toleranter wurden. Sie sind an den Revolutionär, den Irren, den Abweichler, den Dissidenten akklimatisiert. Ein Organismus kann sehr gut mit seinen Mikroben leben, er lebt besser, ja er gesundet an ihnen. Der Grausamkeit von Systemen mit einer Norm ist die unerbittliche Macht der Systeme mit mehreren Normen, mehreren Variablen hinzuzufügen, die jedes Mal eine Norm mit ihrer Gegennorm und ihren Einschließungsfunktionen verbinden.
Auf der einen Seite tötet man, auf der anderen kastriert man.
Einerseits schließt man ein, andererseits verteilt man Auszeichnungen. Die Toleranz ist die Rüstung der Intoleranz.
Das Genie zerstört daher niemals das System, sondern verallgemeinert es, führt eine zusätzliche Variable zusammen mit deren Gegenvariablen ein. Es stellt niemals die Wissenschaft in Frage, sondern nur eines ihrer Paradigmen oder Mythen, und das ist die Wissenschaft, sagt man, die Abfolge von Brüchen mit solchen Mythen.
Es stellt niemals die Vernunft oder die Geschichte in Frage, sondern eines ihrer Momente oder Zustände oder Sonderfälle, denn das ist die Geschichte oder die Vernunft, sagt man, die diskontinuierliche Folge der Momente. Die Wiedererlangung des Einfachen durch das Komplexe. Aber nicht, weil es komplexer ist, ist es nicht dasselbe, denke ich.

Diese Beschreibungen oder diese, zuweilen logisierten, oft topologischen Phäno-menologien, die seit nahezu einem Jahrhundert unter vielfältigen Erscheinungsformen wiederholt werden, drücken das System aus. Sie sind die Stimmen des Systems. Sie zeigen, wie man es transformieren muss, um es zu verstärken. Wie man den Ausschluss oder die Gegennorm handhaben muss, um die Komplexität zu erhöhen.
Stellen wir uns einen beweglichen Beobachter vor. Er nimmt zunächst die Gesamtheit der operativen Nachrichten wahr, die Konversation auf dem Gastmahl. Er nähert sich nun der Grenze. Er hat mehr und mehr die Stimme des Verdrängten. Die Grenze, die er überschreitet, ist nicht linear. Draußen hört er nur noch Lärm, das Stimmengewirr der Gäste, das Knabbern von den Zähnen der Nager. Die Grenze ist weit, sie ist der Kranz, der Torus der Umkehrung. Sie verläuft zwischen der Botschaft mit verdrängtem Lärm und dem Lärm mit verdrängter Botschaft. Das Paar fluktuiert in diesem Kranz. Der Torus ist für den Beobachter der Raum der Transformation des Rauschens in der Nachricht und umgekehrt.

Dasselbe gilt für das Gastmahl und für jedes System.
Ich habe mich von der Tafel (der Götter) entfernt, ich höre am Telefon meinen neuen Gesprächspartner. Am Telefonhörer, in dieser oder jener Lage, verdrängt unsere Botschaft die Geräusche der Mahlzeit, sie vertreibt sie. Entferne ich mich vom Hörer, so wird der Lärm wieder zur Konversation und der neue Gesprächspartner wird unhörbar. Ein neuer Ring um das System herum, ein neuer Torus, eine neue Flasche, ein neuer Transformationsraum. Das Festmahl der Ratten macht Lärm für den Wirt, der Wirt macht Lärm für die Ratten. Der Lärm der einen reißt den anderen aus seinen Träumen, das Erwachen des anderen stört die Ratten aus ihrem Liebesmahl auf. Womit ich sagen will, dass die Systeme interferieren.

Die Philosophien, von denen ich eben gesprochen habe, befassen sich allein mit jener imaginären Welt, in der es nur ein System gibt und dieses wiederum nur auf einer Norm oder auf einem einzigen Prinzip aufgebaut ist. In Wirklichkeit sind alle Systeme höchst komplex, und in Wirklichkeit gibt es deren mehrere. Sie befassen sich mit jener idealen Welt des Lichts und des Schattes, in der es nur ein Außen und ein Innen gibt, nur einen Schatten und eine Helligkeit. Diese imaginäre Welt liegt auf dem Mond. Eine Atmosphäre gibt es nicht, ein Schirm trennt den Raum in Schwarz und Weiß, in Glut und Eiseskälte, blendendes Licht und dunkle Nacht. In beiden Fällen sieht man die Hand nicht vor Augen. Nun, die Atmosphäre, die Luft, die Umwelt machen, dass das Licht gestreut wird; das Licht lässt die Hindernisse hervortreten, es leuchtet hinter die Mauern: Girlanden von Licht rings um die Quellen, die der Zufall ausgeschnitten hat. Man müsste im punktförmigen Zentrum der Quelle leben, um nichts als Licht zu haben. Oder die Umgebung frei machen, ein Vakuum schaffen, was weiß ich. Sobald die Umwelt hinzukommt, sucht der Lichtstrahl sein Glück in der Welt, er zieht seine unregelmäßige Bahn mit frischer Kraft und vom Zufall bestimmt. Man sieht stets nur, weil man schlecht sieht. Es läuft immer nur, weil es schlecht läuft. Jedes System ist ein Ensemble von Botschaften; wollte man ausschließlich die Botschaft hören, müsste man eins mit dem Sender sein. Wenn die Liebe geht, kehrt der Lärm zurück. Als das Gespräch über die Liebe abklingt, steht Alkibiades an der Tür und schlägt mit seiner Flötenspielerin einen fürchterlichen Lärm. Sobald wir zwei sind, gibt es eine Umwelt, eine Mitte, ein Milieu zwischen uns, der Lichtstrahl verliert sich in den Luftströmen, die Botschaft verliert sich in den Störungen, alles ist Transformationsraum. Der Torus, der Kranz, verschlingt das System. Man braucht sich nicht weit von ihm zu entfernen, damit das fluktuierende Paar Botschaft-Rauschen erscheint. Vielleicht höre ich die Botschaft auch nur, weil das Rauschen seinen Lärm verbreitet.

Eben glaubte ich, dass die fundamentalen Transformationen zwischen den Systemen erfolgten, an ihren Schnittflächen oder im Bereich ihrer Interferenz, in einem Bedingungsraum, in den sie eingetaucht sind. Ich glaubte, dass meine Methode eine Reise durch den transzendentalen Eintauchraum ist. Ich glaubte, dass sie der Kammlinie des Zufalls folgt, der Zackenlinie der Gebirge, dem eigenwilligen Weg der Aufteilung zwischen Botschaft und Rauschen. Eine winzige Ortsveränderung entscheidet darüber, ob ich ein Rauschen oder den Beginn einer Botschaft wahrnehme; der Grat ist also sehr spitz, aber um auf ihm zu bleiben, muss man sich sehr viel in diesem Kranz oder Torus oder im Schnittfeld dieser beiden Körper bewegen.

Meine Methode war eine wundersame Reise, in dem Sinne, den ich diesem alten und neuen Wort beigelegt habe, eine Reise in dem vorgängig als transzendental eingestuften Raum, in den die Systeme eingetaucht sind.

Nun sind die Systeme gar nicht so verschieden von dieser Umwelt. Die Umwelt ist nur die Verlängerung eines besonderen Systems. Das Transzendentale ist nur die Verlängerung eines Systems von Singularitäten ins Konditionelle. Man kann auf das Transzendentale eine Analyse des Eintauchraumes anwenden. Der Bedingungsraum ist nicht so verschieden vom systematischen Raum.
Und er ist gleichfalls relativ.

Zitiert nach: Serres, Michel: Der Parasit. Frankfurt/M. 1987.

Einzelne Orte, Kategorien oder Phänomene, Verfahren oder bearbeitete Objekte, die alle unter das Patronym des Hermes gestellt werden, solcherart waren die Transformationsräume, die wir zunächst angetroffen haben.
Die Interferenz ist ein Phänomen fürs Gehör, den Blick, die Physik; sie ist eine Metapher und eine ars inveniendi. Der Verteiler ist etwas Unbewegliches, in dem die invarianten beweglichen Kräfte nach der Bedeutung ausgewählt werden, allein schon dadurch, dass sie sich bewegen: eine Art Getreideschwinger mit mehreren Trichtern, in dem die Transformation ausschließlich kinematischen Charakter hat. An der Kreuzung schwanken die verschiedenen Arten der Moral um den Verteilungspunkt; gelegentlich werden Morde begangen, und die Verzweigung von Raum und Logik steigt plötzlich ins Phantastische und belädt sich mit alten Geschichten, in denen das Wort seinem Ursprung am nächsten kommt: Man wechselt dort seinen Lebensgrund, man wechselt auch die Vernunft überhaupt. Der Diskurs spricht vom Parcours und folgt dessen Lauf. Der Brunnen, die Brücke, das Labyrinth… sind Vignetten oder Figurinen, Spiele, Strategien, Zufälle und Chancen, Umstände, errichtete oder konstruierte Monumente, auch Phänomene, denn der Tod geht in der Folge um, aber auch Phantasmen und vor allem exakte Theoreme des Phasenwechsels. Eine reiche Folge von unterschiedlichen, getrennten Räumen für mehrfache Transformationen, vielleicht die reichste und barockste Serie überhaupt. Auf der Gegenseite verliert der nackte und chaotische Raum der Normandie, in der Gegend von Lessay, ein wenig, ja, er verliert sogar viel von den allzu bestimmten Attributen eines allzu determinierten, wenngleich mobilen Gottes und wird einfach, zugleich formal und konkret.
Wie soll man diese Landschaft auf ihren schrägen Wegen und ohne Bezugspunkt durchqueren? Wie fährt man über das Meer? Was heißt es, über das Meer zu fahren? Bilder. Der Transformationsraum als solcher taucht aus dieser Fülle von Gerümpel auf, deren Verdienst es bleibt, eine Reihe von gebräuchlichen und einfältigen Unterscheidungen der Philosophie quer, schräg oder diagonal aufgenommen zu haben. Die Übersetzung ist zugleich eine Praxis und eine Theorie; der Wirbel ist ein stabil-instabiles Phänomen, in dem die Flüssigkeit sich in einer zufällig fixierten Form bewegt und bleibt; der Organismus, mein Körper, ist jetzt ein Zeitverteiler. Auf der Narbe der Gegenwart verschlingen sich mehrere Chroniken ineinander. Vielleicht habe ich nie etwas anderes gefunden als Transformationsräume, singuläre Orte oder unbewegliche Varietäten. Deren absolut einfachster ist das Leere, das Leere, in das die Atome stürzen und wo plötzlich der Blitz des clinamen aufscheint:
Ob es sich nun um eine Ordnung handelt, die auf ihren Elementarzustand zurückgeführt wird, Verteilungselemente für ein Ordnungselement, eine Leere, die frei von jeder Bestimmung ist; oder um einen Transformator, der auf seinen Elementarzustand zurückgeführt wird, oder schließlich um einen Operator, der minimale, infinitesimale Winkeländerungen vornimmt, kleinstmögliche Richtungsänderungen.
Dann erscheint eine zweite Ordnung, ein Körper im Hintergrundrauschen, der durch eine kleine, dem Zufallsblitz anhaftende Spirale geschaffen wird. Der Transformationsraum wird hier auf seine ersten einfachen Größen zurückgeführt, fast auf den Nullzustand, in der Theorie und im Konkreten; daraus entsteht dennoch ein globales System, eine Welt im Universum der Welten. Die Abweichung der Ausführung ist ebenso groß wie die Nähe des Ursprungs zum Nichts und der Schlussphase zur Totalität.
Gegeben sei folgende Reihe: eine Verteilung, ein Signal, ein System. Das Rausch des Hintergrundchaos, ein Augenzwinkern, die Welt. Auf diese Weise kam der Transformationsraum auf die Physik und auf Phänomene zurück, die dem Blick und dem Gehör vertraut sind.

Die Zustände wechseln die Phase, die Systeme wechseln den Zustand durch Übergänge von einer Phase zur anderen oder von einem Zustand zum anderen. Aber betrachtet man das System selbst, so ist es niemals stabil. Sein Gleichgewicht ist ideal und abstrakt, aber es wird nie erreicht. Der Zustand liegt außerhalb der Zeit. Zustand ist das Gegenteil von Geschichte, ersterer sucht letztere zu blockieren oder erstarren zu lassen. Der Zustand ist der Todfeind der Geschichte und er kann sie töten. Wir sind nicht weit davon entfernt.
Das System ist, zeitlich gesehen, ein höchst seltenes Phänomen. Es ragt wie ein Balken über die zerrissene Mauer hinaus, wenn die Winde entfesselt sind und die Erde bebt. Es fällt, es fällt nicht, es richtet sich wieder auf, es fällt. Es nutzt sich ab, es verfällt, es wird von der Flut gespalten. Zusammensetzung, es geht wie ein mit Rissen übersätes Gefäß in Stücke. Ein Wunde fügt die Fragmente wieder zusammen und lässt seine Synthese aufscheinen, die Zeit zersetzt es langsam. Das heißt existieren, dem Tode die Stirn bieten, eine beständige Abweichung vom Gleichgewicht sein.
Diese Ströme, Fluten, Flüsse laufen unablässig über diese mit Lücken übersäten Gefilde, um sie zu verschlingen, an ihnen zu schmarotzen, sie zu nähren und zum Leben zu erwecken. Das Rauschen tötet und schafft uns. Wir treiben unablässig auf den Lärm zu, aber wir kommen aus dem Lärm. Der Sauerstoff gibt der Wärme unseres Lebens Nahrung, aber Altern ist auch eine Oxydation. Es geht, weil es nicht geht.
System ist eine sehr schlechte Bezeichnung. Vielleicht gibt es gar keine Systeme, vielleicht hat es sie nie gegeben. Schon als die Welt entstand, begann deren Transformation. Das System als solches ist ein Transformationsraum. Das gilt allgemein. Es gibt nur Veränderungen. Was wir für ein Gleichgewicht halten, ist nichts als die Verlangsamung der Veränderungsprozesse. Mein Körper ist ein Zeitverteiler, Signale und Geräusche, Botschaften und Parasiten durchlaufen ihn. Er ist keine Ausnahmeerscheinung in der weiten Welt. Das gilt für das Tier und die Pflanze, für die Luft und das Kristall, für die Zelle und das Atom, für Gruppen und konstruierte Gegenstände. Transformation, Deformation von Information.

Ich dachte, die Verteiler seien Vermittler, die Interferenz finde am Rande statt, der Übersetzer stelle sich zwischen die Instanzen; ich dachte, die Brücke verbinde zwei Ufer und der Weg ginge von der Quelle zum Ziel.
Aber es gibt keine Instanzen. Oder besser, die Instanzen, Systeme, Ufer usw. sind ihrerseits als Verteiler, Wege, Übersetzungen usw. analysierbar. Instanzen oder Systeme gibt es nur al Blackboxes. Wenn wir nicht verstehen, wenn wir unsere Wissenschaft auf später verschieben, wenn die Sache zu komplex für die derzeitigen Mittel ist, wenn wir alles zeitweilig in eine Black-box hinein verlegen, dann tun wir so, als handelte es sich um ein System. Öffnen wir dann schließlich die Black-box, so sehen wir, dass sie wie ein Transformationsraum funktioniert.
Systeme, Instanzen oder Substanzen gibt es nur aufgrund unserer Unwissenheit. Das System ist das Nichtwissen, es ist die Kehrseite des Nichtwissens. Das Nichtwissen hat eine Chaosseite und eine Systemseite.
Das Wissen überbrückt diese beiden Ufer. Das Wissen als solches ist ein Transformationsraum. Dieses ganze Problem ist fraktal.

Leibniz hatte die Realität bereits fraktal genannt, aus Teichen und Fischen gebildet, die ihrerseits voll von Fischen und Teichen sind, und das so weiter ohne Ende. Mandelbrot sagt es dann neuerlich von der Welt; er erfindet das Wort und zweifellos die Sache.
Ich sage es vom Erkenntnisprozess.

Zitiert nach: Serres, Michel: Der Parasit. Frankfurt/M. 1987.

Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert, die für uns die zahlenmäßige Zunahme der Lebewesen klug erscheinen lassen und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken lässt und in Unruhe versetzt.
Dieser Text zitiert “eine gewisse chinesische Enzyklopädie”, in der es heißt, dass “die Tiere sich wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabeltiere,
g) herrenlose Hunde
h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
k) und so weiter,
l) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
m) die von weitem wie Fliegen aussehen”.

Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken.

Quelle: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge.1974