Die unbekannte Sprache

Ein Traum: eine fremde (befremdliche) Sprache kennen und sie dennoch nicht verstehen: in ihr die Differenz wahrnehmen, ohne dass die Differenz freilich jemals durch die oberflächliche Sozialität der Sprache, durch Kommunikation oder Gewöhnlichkeit eingeholt und eingeebnet würde; in einer neuen Sprache positiv gebrochen, die Unmöglichkeiten der unsrigen erkennen; die Systematik des Unbegreifbaren erlernen; unsere „Wirklichkeit“ unter dem Einfluss anderer Einteilungen, einer anderen Syntax auflösen; unerhörte Stellungen des Subjekts in der Äußerung entdecken, deren Topologie verschieben; mit einem Wort, ins Unübersetzbare hinabsteigen und dessen Erschütterung empfinden, ohne es je abzuschwächen, bis der ganze Okzident in uns ins Wanken gerät und mit ihm die Rechte der Vatersprache, der Sprache, die wir von unseren Vätern erben und die uns wiederum zu Vätern und Besitzern einer Kultur macht, welche die Geschichte gerade in „Natur“ verwandelt. Wir wissen, dass die Hauptbegriffe der aristotelischen Philosophie in gewisser Weise durch die Fügungen der griechischen Sprache erzwungen worden sind. Wie wohltuend wäre es umgekehrt, wenn wir uns in die Schau der irreduziblen Differenzen versetzen könnten, von denen uns eine sehr entfernte Sprache einen Schimmer vermitteln kann. Ein Kapitel von Sapir oder Whorf über die Chinook-, Nootka- oder Hopisprache, von Granet über das Chinesische, der Vortrag eines Freundes über das Japanische eröffnen das ganze Spektrum des Romanhaften, von dem nur einige moderne Texte (jedoch kein Roman) eine Vorstellung zu geben vermögen, weil sie uns eine Landschaft wahrnehmen lassen, die unsere Sprache (die Sprache, deren Besitzer wir sind) um keinen Preis erahnen oder entdecken könnte.
So schreitet im Japanischen das Subjekt der Äußerung wegen der Überfülle an funktionalen Suffixen und der Komplexität der enklitischen Zeichen nur über vielfältige Vorbehalte, Wiederaufnahmen, Verzögerungen und neuerliches Beharren voran, deren Volumen (von einer einfachen Wortreihe könnte man hier nicht mehr sprechen) das Subjekt zu einer großen leeren Sprachhülle macht und nicht zu jenem vollen Kern, der unsere Sätze – von außen und von oben – vorgeblich lenkt. Und so ist das, was uns als Übermaß der Subjektivität erscheint (der Japaner, sagt man, äußert Eindrücke und nicht Feststellungen), eher eine Art Auflösung, ein Ausbluten des Subjekts in eine bis zur völligen Leere parzellierte, partikularisierte und zerstreute Sprache. Oder auch dies: Wie viele andere Sprachen auch, unterscheidet das Japanische zwischen Belebtem (Mensch und/oder Tier) und Unbelebtem, und zwar insbesondere auf der Ebene der verschiedenen Verben für sein. So werden fiktive Personen, die in eine Geschichte (von der Art: Es war einmal ein König) eingeführt werden, mit dem Kennzeichen des Unbelebten versehen. Während unsere Kunst alles daransetzt, den Romangestalten „Leben“ und „Wirklichkeit“ zu verordnen, führt das Japanische schon aufgrund seiner Struktur diese Gestalten auf die Qualität von Produkten zurück oder hält sie darin fest; es hält sie in der Qualität von Zeichen, die von ihrem referentiellen Alibi par excellence, dem der lebenden Sache, abgeschnitten sind. Oder noch radikaler, da es darum geht, zu begreifen, was unsere Sprache nicht begreift: Wie sollen wir uns ein Verb vorstellen, das ohne Subjekt, ohne Attribut und dennoch transitiv ist, etwa wie ein Erkenntnisakt ohne erkennendes Subjekt und ohne erkanntes Objekt? Und dennoch ist eben dies Vorstellungsvermögen erforderlich angesichts des hinduistischen Dhyana, aus dem das chinesische Ch’an und der japanische Zen hervorgegangen sind und das man offensichtlich nicht mit Meditation übersetzten kann, ohne damit Subjekt und Gott wieder einzuführen: Vertreiben Sie beide und sie werden wiederkehren, unsere Sprache wird nun einmal von ihnen heimgesucht. Dieser Umstand und einige weitere Tatsachen machen deutlich, wie unsinnig es ist, wenn wir unser Gesellschaft in Frage stellen wollen, ohne zugleich die Grenzen der Sprache zu bedenken, mittels deren (ein instrumentelles Verhältnis) wir sie in Frage zu stellen vorgeben: Das ist so, als wollte man den Wolf vernichten und macht es sich in seinem Rachen bequem. Diese Übungen in einer abweichenden Grammatik hätten zumindest den Nutzen, dass sie Zweifel an der Ideologie unserer eigenen Sprache in uns wachriefen.

Quelle:
Das Reich der Zeichen, Barthes, Roland, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981

Ohne Sprache

Die rauschende Masse einer unbekannten Sprache bildet eine delikate Abschirmung; sie hüllt den Fremden (sofern das Land ihm nicht feindselig gegenübertritt) in eine Haut von Tönen, die alle Entfremdung der Muttersprache vor seinen Ohren haltmachen lässt: die regionale oder soziale Herkunft dessen, der da spricht; das ihm eigene Maß an Kultur, Intelligenz und Geschmack; das Bild, durch das er sich als Person konstituiert und das er von anderen erkannt wissen will. Und dann: Welche Ruhe im Ausland! Dort bin ich sicher vor Dummheit, Gewöhnlichkeit, Eitelkeit und weltmännischem Gehabe, vor Nationalität und Normalität. Die unbekannte Sprache, deren Atem, deren erregenden Hauch, mit einem Wort, deren reine Bedeutung ich dennoch wahrnehme, schafft um mich her, im Maße wie ich mich fortbewege, einen leichten Taumel und zieht mich in ihre künstliche Leere hinein, die allein für mich existiert: Ich lebe in einem Zwischenraum, der frei von jeder vollen Bedeutung ist. Wie sind Sie dort mit der Sprache zurechtgekommen? Wobei dem die Frage zugrunde liegt: Wie sind Sie dem vitalen Bedürfnis nach Kommunikation nachgekommen? Oder genauer noch die ideologische Behauptung, die durch die praktische Frage bemäntelt wird: Kommunikation gibt es nur in der Sprache.
Nun zeigt sich, dass in diesem Lande (Japan) das Reich der Signifikanten derartig ausdehnt und um so vieles weiter als die Sprache ist, dass der Austausch der Zeichen trotz der Undurchsichtigkeit der Sprache und zuweilen gar wegen ihr einen faszinierenden Reichtum, eine bestrickende Beweglichkeit und Subtilität besitzt. Der Grund liegt darin, dass der Körper dort frei von Hysterie und Narzissmus ist, dass er sich nicht hysterisch und narzisstisch gibt, entfaltet und agiert, sondern nach einem rein erotischen Entwurf – der gleichwohl auf subtile Weise verborgen bleibt. Nicht die Stimme (mit der wir die „Rechte“ der Person identifizieren) kommuniziert (kommuniziert was? Unsere – natürlich schöne – Seele? Unsere Aufrichtigkeit? Unser Prestige?), nein, der ganze Körper (die Augen, das Lächeln, das Haar, die Gestik, die Kleidung) unterhält mit Ihnen eine Art kindlicher Plauderei, der jedoch die vollkommene Beherrschung der Codes alles Regressive und Infantile nimmt. Eine Verabredung treffen (mit Gebärden, Skizzen und Namen) benötigt mit Sicherheit eine ganze Stunde; aber in dieser Stunde – für eine Nachricht, die nur die Sache eines Augenblicks gewesen wäre, wenn man sie gesprochen hätte (und die darin zugleich wesentlich und bedeutungslos gewesen wäre) – hat man den ganzen Körper des anderen erkannt, geschmeckt und aufgenommen, hat dieser (ohne wirkliche Absicht) seine eigene Erzählung, seinen eigenen Text ausgebreitet.

Quelle:
Das Reich der Zeichen, Barthes, Roland, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981

Albatros

Bruce Chatwin
Was mache ich hier

Der Albatros
In meinem Buch In Patagonien stellte ich die Vermutung an, dass der Albatros, der um den hals des „Alten Matrosen“ hing, nicht der Wanderalbatros war, sondern eine kleinere, schwarze Spezies; entweder der Rußige Albatros oder der Schwarzbraune Albatros, höchstwahrscheinlich jedoch der Rußige. Er ist ein stromlinienförmiger Vogel, der sich über dem offenen Meer aufhält. Ich glaube, ich habe einen vor der Südostküste Feuerlands gesehen. Der Schwarzbraune Albatros ist überall anzutreffen, in der Magellanstraße und am Beaglekanal, und er ähnelt der großen Seemöwe mit dem schwarzen Rücken.
An der Südseite des Beaglekanals liegt die chilenische Insel Navarino mit dem Flottenstützpunkt Puerto Williams. Ich hatte gehofft, um die Küste herumgehen zu können und einen Blick auf Hermit Island zu werfen, wo der Schwarzbraune Albatros seine Brutstätte hat. Doch Wind und Regen trieben mich zurück.
Östlich des Stützpunktes gibt es eine Reihe von Barakken, in denen die letzten feuerländischen Indianer leben – jene Indianer, die Darwin irrtümlich für das Missing link hielt. Er verglich ihre Sprache mit dem „Grunzen von Tieren“, nicht wissen, dass ein junger Feuerländer ebenso viele Worte kannte, wie Shakespeare je geschrieben hat. Wort epidemias aussprach, klang es wie ein trauervoller Refrain.
Fast alle Feuerländer von Navarino Island sind Mischlinge, doch ich bin einem alten Mann begegnet, Grandpa Felipe, der angeblich beinahe reinrassig war. Er war ein zerbrechlicher alter Mann, den ich antraf, als er gerade sein Krabbennetz flickte. Er war nie sehr kräftig gewesen. Er hatte seine Frau sterben sehen – und alle seine Kinder. „Es war die Seuche“, sagte er – und wann immer er das Wort epidemias aussprach, klang es wie ein trauervoller Refrain.
Die Feuerländer waren im Umgang mit dem Kanu so geschickt wie die Eskimos.
Eineinhalb Jahre später, als In Patagonien im Druck war, besuchte ich die Insel Steepholm im Bristolkanal. Mein Begleiter war ein Naturforscher, über achtzig Jahre alt. Der Zweck unserer Reise war es, die Päonie in Blüte zu sehen, die von Mönchen als Heilkraut vom Mittelmeer hierhergebracht worden sein soll.
Ich erzählte meinem Freund die Geschichte, laut der im neunzehnten Jahrhundert ein Schwarzbrauner Albatros einem Schiff nördlich des Äquators gefolgt war. Sein Orientierungsmechanismus war ausgefallen. Er war auf einem Felsen in den Färöern gelandet, wo er über dreißig Jahre lang lebte und als „König der Tölpel“ bekannt war. Der Honorable Walter Rothschild war dorthin gepilgert, um ihn zu sehen. Am Ende wurde er erschossen, ausgestopft und im Museum von Kopenhagen ausgestellt.
„Aber es gibt einen neuen Albatros“, sagte der alte Mann. „Ein Weibchen. Letztes Jahr war sie auf Bass Rock, und ich glaube, dass sie nach Hermaness übergesiedelt ist.“ Hermaness, an der Spitze von Unst in Shetland, ist das äußerste Kap der Britischen Inseln.
Aus meiner Wohnung in London rief ich den Shetlander Ornithologen Bobby Tullock an.
„Es stimmt, sie ist in Hermaness. Sie hat sich zwischen den Tölpeln ein Nest gebaut und hockt dort voller Stolz. Warum kommen Sie nicht und sehen Sie sich an? Sie finden sie auf dem West Cliff. sie können sie nicht verfehlen.“ Ich sah auf meine Uhr. es war neun. Ich konnte rechtzeitig King´s Cross Station erreichen, bevor der Nachtzug nach Aberdeen abfuhr. Ich zog meine Stiefel an und packte eine Tasche.
In der U-Bahn kam es zu einer Panne. Beinahe hätte ich den Zug verpasst. Im allerletzten Moment erreichte ich den Bahnsteig. Der Schlafwagenschaffner war ein weißhaariger Schotte mit einem verwitterten Gesicht und trug eine braune Uniform mit goldenen Litzen. neben ihm wartete ein kleiner, dunkelhäutiger junger Mann.
Ich war außer Atem.
„Haben Sie ein Bett?“ fragte ich.
„Ja“, sagte der Schlafwagenschaffner. „Wenn Sie nichts dagegen haben, die Kabine mit dem da zu teilen!“
Er zeigte mit dem Daumen auf den kleinen Mann.
„Natürlich nicht“, sagte ich.
Der Mann schwang sich auf das obere Bett. Ich versuchte, mit ihm zu sprechen. Ich versuchte es mit Englisch, Französisch, Italienisch, Griechisch. Vergeblich. Ich versuchte es mit Spanisch, und es klappte. Ich hätte es ahnen sollen. Er war ein Indio.
„Von wo sind Sie?“ fragte ich.
„Chile.“
„Ich bin in Chile gewesen. Aus welcher Gegend?“
„Punta Arenas.“
Punta Arenas an der Magellanstraße ist die südlichste Stadt der Welt.
„Ich war dort“, sagte ich.
„Ich komme aus Punta Arenas. Aber ich bin dort nicht zu Hause. Mein Zuhause ist Navarino Island.“
„Sie müssen Grandpa Felipe kennen.“
„Es mi tio. Er ist mein Onkel.“
Dank ihres ungewöhnlichen Balancevermögens hatten der junge Mann und sein Bruder in Punta Arenas Arbeit gefunden: sie füllten die Leuchtbojen am Eingang der Magellanstraße mit Brennstoff auf. Bei jedem Seegang sprangen sie auf die Boje und streckten den Brennstoffhahn hinein. Nach Allendes Sturz wurde der Bruder von einer amerikanischen Ölgesellschaft angestellt und nutzte sein Talent auf Bohrinseln vor der Küste. Die Gesellschaft hatte ihn zu den Bohrinseln in der Nordsee geschickt. Er hatte seinen Bruder aufgefordert, ihm nachzukommen. Jeder von ihnen würde sechshundert Pfund in der Woche verdienen.
Ich erzählte ich, dass ich in den Norden fuhr, um einen Vogel zu sehen, der aus seinem Land davongeflogen war. Die Geschichte war ihm ein Rätsel.
Zwei Tage später lag ich auf dem West Cliff vor Hermaness und beobachtete das Albatros-Weibchen durch ein Fernglas: eine schwarze Ausnahme in einem schneeweißen Feld von Tölpeln. Sie saß, Kopf und Schwanz hoch aufgerichtet, auf ihrem Nest aus Schlamm, auf ihrem Haufen unbefruchteter Eier.
Auch mir ist diese Geschichte ein Rätsel.

1988

Quelle:
Was mache ich hier, „Der Albatros“, Chatwin, Bruce, Frankfurt, 1993

Aleph

Jorge Luis Borges
Das ALEPH

Der Zahir
In Buenos Aires ist der Zahir eine gewöhnliche Münze im Wert von zwanzig Centavos; die Buchstaben NT und die Ziffer 2 sind hineingekerbt wie von einer Rasierklinge oder einem Taschenmesser; auf der Rückseite findet sich die Jahreszahl 1929. (In Gujarat, gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, war der Zahir ein Tiger; in Java ein Blinder aus der Moschee von Surakarta, den die Gläubigen steinigten; in Persien ein Astrolabium, das Nadir Schah auf den Meeresgrund versenken ließ; in den Verliesen des Mahdi, um 1892, war er ein kleiner Kompass, der in einer Turbanfalte steckte und den Rudolf Carl von Slatin angefasst hatte; in der Moschee von Córdoba war er, laut Zotenberg, eine Marmorader in einer der zwölfhundert Säulen; im Ghetto von Tetuán der Boden eines Brunnens.) Heute ist der 13. November; den Zahir erhielt ich im Morgengrauen des 7. Juni; ich bin nicht mehr, der ich damals war, aber noch kann ich mich der Vorgänge entsinnen, vielleicht sogar darüber berichten. Noch bin ich, wiewohl nur teilweise, Borges.
Teodelina Villar starb am 6. Juni. Um 1930 verstopften ihre Porträts alle Gesellschaftsmagazine; diese Überfülle trug vielleicht dazu bei, dass man sie für sehr hübsch hielt, obgleich nicht alle Abbildungen diese Hypothese bedingungslos stützen. Übrigens kam es Teodelina Villar weniger auf die Schönheit an, als auf die Vollendung. Die Hebräer und Chinesen haben alle menschlichen Belange kodifiziert; in der Mishnah liest man, dass ein Schneider nicht mit einer Nadel auf die Straße gehen sollte, wenn das Zweilicht des Sabbats begonnen hat; im Buch der Riten, dass ein Gast die erste Tasse mit ernster und die zweite mit ehrerbietiger Mine annehmen soll. Analog, aber noch viel genauer war die Strenge, die Teodelina Villar sich abverlangte. wie ein konfuzianischer Adept oder Talmudist strebte sie nach untadeliger Richtigkeit in allen Handlungen, aber ihr Unterfangen war um so bewundernswerter und schwieriger, als die Gebote ihres Bekenntnisses nicht ewig waren, sondern sich nur den Zufällen von Paris und Hollywood beugten. Teodelina Villar erschien am orthodoxen Ort, zur orthodoxen Stunde, in der orthodoxen Aufmachung, die Stunde und der Ort waren auf der Stelle passé und dienten (im Munde von Teodelina Villar) zur Definition des Geschmacklosen. Wie Flaubert trachtete sie nach dem Absoluten aber dem Absoluten im Augenblicklichen. Ihr Leben war exemplarisch, und doch fraß eine innere Verzweiflung unablässig an ihr. Ständig experimentierte sie mit Verwandlungen, als ob sie sich selber zu entrinnen suchte; die Tönung ihrer Haare und die Fasson ihrer Frisur waren von sprichwörtlicher Unbeständigkeit. Auch wechselte sie immer das Lächeln, die Hautfarbe, die Augenstellung. Ab 1932 war sie von peinlichster Schlankheit… Der Krieg bereitete ihr manches Kopfzerbrechen. Wie sollte man der Mode folgen, wo doch die Deutschen Paris besetzt hielten? Ein Ausländer, dem sie immer misstraut hatte, nahm sich die Freiheit, ihre Gutgläubigkeit auszunutzen und ihr eine Anzahl von zylinderförmigen Hüten zu verkaufen; ein Jahr später stellte sich heraus, dass man jene lächerliche Gebilde in Paris überhaut nie getragen hatte! Folglich waren es gar keine Hüte, sondern willkürliche, unerlaubte Capricen. Kummer kommt niemals allein; Doktor Villar sah sich gezwungen, in die Calle Aráoz umzuziehen, und das Bildnis seiner Tochter zierte Reklamen für Kosmetika und Automarken. (Kosmetika, die sie reichlich verwendete; Automobile, die sie nicht mehr besaß!) Sie wusste, dass die erfolgreiche Ausübung ihrer Kunst ein großes Vermögen erforderte; sie zog das Abtreten dem Abfallen vor. Auch kränkte es sie, mit kleinen nichtssagenden Mädchen zu wetteifern. Die düstere Wohnung in der Calle Aráoz war allzu lästig: Am 6. Juni beging Teodelina Villar die Unschicklichkeit, mitten in der südlichen Vorstadt zu sterben. Soll ich gestehen, dass ich – bewegt von der echtesten Leidenschaft des Argentiniers, dem Snobismus – in sie verliebt war, dass mich ihr Tod zu Tränen rührte? Vielleicht hat der Leser dies bereits vermutet.
Der Vorgang der Zersetzung bringt es mit sich, dass der Leichnam während der Aufbahrung seine früheren Gesichter wieder annimmt. Zu irgendeinem Zeitpunkt jener wirren Nacht des 6. Juni wurde Teodelina Villar auf magische Weise noch einmal die, die sie vor zwanzig Jahren gewesen war; ihre Züge gewannen wieder jene Autorität, die der Stolz, das Geld, die Jugend, das Bewusstsein, an der Spitze einer Hierarchie zu stehen, die Phantasielosigkeit, die Beschränktheit und die Dummheit verleihen. Irgendwie, dachte ich bei mir, wird keine Version dieses Gesichtes, das mich so sehr beunruhigt hat, so denkwürdig sein wie dieses; es ist nur billig, dass es das letzte ist, da es vielleicht das erste war. Ich verließ sie starr inmitten der Blumen, wo sie ihren Hochmut durch den Tod vollendete. Es muss ungefähr zwei Uhr morgens gewesen sein, als ich ging. Draußen hatten die ewigen Zeilen der flachen und der einstöckigen Häuser jenen zerstreuten Ausdruck angenommen, den sie immer nachts annehmen, wenn Schatten und Schweigen sie vereinfache. Trunken von einer fast unpersönlichen Andacht wandere ich durch die Straßen. An der Ecke von Chile und Tacuarí sah ich eine offene Ladenschänke. In dieser Schänke spielten zu meinem Verhängnis drei Männer Truco.
In einer Redefigur, dem sogenannten Oxymoron, wird ein Begriff mit einem Beiwort gekoppelt, das ihn zu widerlegen scheint; so redeten etwa die Gnostiker von dunklem Licht, die Alchimisten von einer schwarzen Sonne. Dass ich von meinem letzten Besuch bei Teodelina Villar in eine Ladenschänke ging und einen Schnaps trank, war für mich eine Art Oxymoron; seine Vulgarität und Leichtigkeit verlockten mich. (Der Kontrast wurde noch dadurch erhöht, dass ein Kartenspiel im Gang war.) Ich verlangte eine Caña de Naranja; beim Wechselgeld, das man mir gab, war der Zahir; ich betrachtete ihn einen Moment; ging hinaus auf die Straße, vielleicht mit einem ersten Anflug von Fieber. Ich überlegte, dass jede Münze dieser Welt sinnbildlich für die berühmten Münzen steht, die ohne Ende in Geschichte und Sage aufblinken. Ich dachte an Charons Obolus; den Obolus, um den Belisar bat; an die dreißig Silberlinge des Judas; an die Drachmen der Kurtisane LaÏs; an die uralte Münze, die einer der Schläfer von Ephesus hinhielt; an die glitzernden Münzen des Zauberers aus Tausendundeiner Nacht, die später Papierscheiben waren; an den unerschöpflichen Denar des Isaak Laquedem; an die sechzigtausend Silberstücke, eines für jede Zeile in seinem Epos, die Firdusí einem König zurücksandte, weil sie nicht aus Gold waren; an die Dublone, die Ahab an den Mast nagelte; an Leopold Blooms Gulden ohne Wiederkehr; an den Louis dÒr, dessen Kopfbild den flüchtenden Louis XVI. bei Varennes verriet. Wie in einem Traum schien mir die Idee, dass jedes Geldstück derart erlauchte Gedankenverbindungen gestattet, von ungeheuerer, wenn auch unerklärlicher Bedeutsamkeit. Mit wachsender Geschwindigkeit lief ich durch die verlassenen Straßen und Plätze. An einer Ecke hielt ich erschöpft inne. Ich sah ein schmuckloses Eisengitter; dahinter die schwarz-weißen Fliesen der Bahnhofshalle von Concepción. Ich war im Kreis herumgeirrt und befand mich nur einen Block entfernt von dem Lokal, in dem ich den Zahir erhalten hatte.
Ich bog ab; das dunkle Fenster zeigte mir von weiten, dass die Kneipe schon geschlossen war. In der Calle Belgrano nahm ich ein Taxi. Schlaflos, besessen, beinahe glücklich, bedachte ich, dass nichts weniger materiell ist als das Geld, da jede Münze (etwa eine Münze im Wert von zwanzig Centavos) strenggenommen ein Repertoire möglicher Zukünfte ist. Geld ist abstrakt, wiederholte ich, Geld ist die Zukunft. Es kann ein Abend in der Vorstadt sein, es kann Musik von Brahms sein, es kann ein Atlas sein, es kann Schach sein, es kann Kaffee sein, es kann die Worte des Epiktet sein, die uns lehren, das Gold zu verachten; Geld ist ein Proteus, und zwar vielgestaltiger als der von der Insel Pharos. Es ist unvorhersehbare Zeit, Bergsons Zeit, nicht die starre Zeit des Islam oder des Säulengangs. Die Deterministen leugnen, dass es in der Welt auch nur einen möglichen Vorgang gebe, das heißt einen Vorgang, der sich ereignen könnte; eine Münze symbolisiert unseren freien Willen. (Es kam mir nicht in den Sinn, dass diese „Gedanken“ ein Winkelzug von mir gegen den Zahir sein könnten und eine erste Form seines dämonischen Einflusses.) Nach zähem Grübeln schlief ich ein und träumte, ich wäre die Münze, die ein Greif hütet.
Am nächsten Tag beschloss ich, ich müsse betrunken gewesen sein. Auch beschloss ich, die Münze loszuwerden, die mich derart beunruhigte. Ich betrachtete sie: Außer einigen Kratzern war nichts Ungewöhnliches an ihr. Am besten wäre es wohl gewesen, ich hätte sie im Garten vergraben oder in einem Winkel der Bibliothek versteckt; aber ich wollte aus ihrem Bannkreis heraus. Ich zog es vor, sie zu verlieren. An jenem Vormittag ging ich nicht zur Pilar oder zum Friedhof; ich nahm die U-Bahn nach Constitución und Constitución nach San Juan und Boedo. Unwillkürlich stieg ich in Urquiza aus; ich wanderte nach Westen und Süden zu; mit beflissener Planlosigkeit bog ich um einige Ecken und in einer Straße, die wie alle andern aussah, ging ich in irgendeine Kneipe, bestellte einen Schnaps und zahlte mit dem Zahir. Ich schloss die Augen halb, hinter den verräucherten Scheiben; es gelang mir, die Hausnummer und den Namen der Straße nicht zu sehen. Nachts nahm ich eine Veronal-Tablette und schlief ruhig.
Bis Ende Juni lenkte mich die Aufgabe ab, eine phantastische Erzählung zu verfassen. Diese enthält zwei oder drei rätselhafte Umschreibungen – statt „Blut“ heißt es „Schwertwasser“; statt „Gold“ „Lindwurmlager“ – und ist in der ersten Person geschrieben. Der Erzähler ist ein Asket, der auf den Umgang mit Menschen verzichtet hat und in einer Art Ödland lebt. (Der Name des Ortes ist Gnitaheidr.) Wegen der Lauterkeit und Schlichtheit seines Lebens wird er von manchen für einen Engel gehalten; was jedoch eine fromme Übertreibung ist, denn es gibt keinen Menschen, der frei von Sünde wäre. So hat er zum Beispiel seinem Vater die Gurgel durchtrennt; allerdings war dieser ein berühmter Zauberer und hatte sich durch magische Kunst eines unermesslichen Schatzes bemächtigt. Diesen Schatz vor der wahnwitzigen Raffgier der Menschen zu bewahren ist die Mission, der er sein Leben geweiht hat; Tag und Nacht wacht er drüber. Bald, vielleicht zu bald, soll seine Wacht zu Ende gehen: Die Sterne haben ihm offenbart, dass das Schwert bereits geschmiedet ist, das ihn für immer tilgen soll. (Gram ist der Name dieses Schwertes.) In immer verwickelterem Stil erörtert er das Funkeln und die Biegsamkeit seines Leibes; irgendwo redet er zerstreut von Schuppen; an anderer Stelle erzählt er, dass der Schatz, den er hütet, aus gleißendem Gold und roten Ringen bestehe. Am Ende begreifen wir, dass dieser Asket die Fafnirschlange ist und der Hort, auf dem er liegt, der Nibelungenschatz. Sigurds Erscheinen bringt die Geschichte zu einem jähen Abschluss.
Ich habe gesagt, dass die Ausführung dieser Lappalie (in die ich in falscher Gelehrsamkeit ein paar Verse aus dem Fáfnismál einflocht) mir erlaubte, die Münze zu vergessen. Manchmal, nachts, war ich so sicher, sie vergessen zu können, dass ich sie mir absichtlich in den Sinn zurückrief. Gewiss übertrieb ich diese Gelegenheiten; es war leichter, damit anzufangen als damit aufzuhören. Vergeblich sagte ich mir immer wieder, dass jene abscheuliche Nickelscheibe sich in nichts von all den anderen Münzen unterschied, die von Hand zu Hand gehen, gleichförmig, unzählig, harmlos. Getrieben von dieser Überlegung versuchte ich mir eine andere Münze vorzustellen, konnte es aber nicht. Auch erinnerte ich mich eines fruchtlosen Experiments, das ich mit fünf und zehn chilenischen Centavos und einem uruguayischen Vintén anstellte. Am 16. Juli besorgte ich mir einen Sovereign. Tagsüber schaute ich ihn nicht an, aber in jener Nacht (und in vielen weiteren Nächten) legte ich ihn unter die Lupe und besah ihn beim Licht einer starken elektrischen Lampe. Dann kopierte ich ihn mit einem Bleistift, durch dünnes Papier. Aber sein Schimmer und der Drache und der heilige Georg nützten mir nichts; ich konnte meine fixe Idee nicht gegen eine andere eintauschen.
Im August beschloss ich, einen Psychiater zu konsultieren. Ich vertraute ihm nicht meine ganze alberne Geschichte an; ich sagte ihm, dass ich von Schlaflosigkeit geplagt sei und dass mich das Bild eines beliebigen Gegenstands verfolge, etwa das einer Spielmarke, einer Münze oder dergleichen … Kurz darauf grub ich in einem Buchladen der Calle Sarmiento eine Ausgabe con Barlachs Urkunden zur Geschichte der Zahirsage (Breslau 1899) aus.
In diesem Buch fand ich mein Leiden erklärt. Wie aus der Einführung hervorgeht, versucht der Verfasser „in einem handlichen Großoktav-Band alle Dokumente zusammenzutragen, die sich auf den Aberglauben von Zahir beziehen, einschließlich von vier Texten, die dem Archiv Habicht zugehörten, und der Originalhandschrift von Philip Meadows Taylors Abhandlungen“. Der Zahirglaube ist islamisch und entstand anscheinend im achtzehnten Jahrhundert, (Barlach verwirft die Abschnitte, die Zotenberg dem Abulfeda zuschreibt.) „Zahir“ bedeutet auf Arabisch „offenkundig“, „sichtbar“; in diesem Sinn ist es einer der neunundneunzig Namen Gottes. In mohammedanischen Ländern wird das Wort vom gemeinen Volk benutzt, um „Dinge zu bezeichnen, die die entsetzliche Eigenschaft der Unvergessbarkeit haben und deren Bild die Leute schließlich in den Wahnsinn treibt“. Das erste einwandfreie Zeugnis darüber stammt von dem Perser Lutf Alí Azur. Auf den präzisen Seiten der biographischen Enzyklopädie Der Feuerteufel berichtet dieses Polygraph und Derwisch, dass es in einer Schule zu Schiraz ein kupfernes Astrolabium gegeben habe: „solcherart, dass, wer auch immer es einmal gesehen hatte, nie mehr an etwas anderes denken konnte; weswegen der König den Befehl erteilte, dasselbe in den Tiefen des Meeres zu versenken, auf dass die Menschen darüber nicht des Universums vergäßen“. Ausführlicher ist die Untersuchung von Meadows Taylor (er stand im Dienst des Nizams von Haiderabad und verfasste den berühmten Roman Confessions of a Thug). Um 1832 hörte Taylor in den Vororten von Bhuj die sonderbare Redewendung: „Wenn, er hat den Tiger erblickt“ zur Bezeichnung von Wahnsinn oder Heiligkeit. Man sagt ihm, dass es sich um einen magischen Tiger handle, der jedem, der ihn auch nur von fern sah, zum Verhängnis wurde, da alle bis ans Ende ihrer Tage weiter an ihn denken müssen. Jemand sagte, einer dieser Unglücklichen sei nach Mysore geflohen, wo er die Gestalt des Tigers an die Wände eines Palastes gemalt habe. Jahre später besichtigte Taylor die Gefängnisse dieses Reichs; in dem von Nithur zeigte ihm der Gouverneur eine Zelle, an deren Boden, Wände und Deckengewölbe ein muselmanischer Fakir (in barbarischen Farben, die die Zeit eher verschärfte denn verwischte) eine Art unendlichen Tiger gemalt hatte. Dieser Tiger bestand aus einer schwindelerregenden Vielzahl von Tigern; er war durchkreuzt von Tigern, enthielt Meere, Himalajas und Heere, die weitere Tiger zu sein schienen. Der Maler war vor vielen Jahren in der nämlichen Zelle gestorben; er stammte aus Sind oder Gujarat und hatte eigentlich eine Karte der Welt zeichnen wollen. von diesem Vorhaben fanden sich noch Spuren in dem monströsen Gebilde. Taylor erzählte sein Erlebnis Mahammed Al-Yemení von Fort William; dieser belehrte ich, dass es nichts Erschaffenes auf der Welt gebe, das nicht zum Zaheer neige, der Allerbarmer lasse jedoch nicht zu, dass er zur gleichen Zeit zwei Dinge sei, da ein einziges genüge, um Tausende in Bann zu schlagen. Er sagte, dass es stets einen Zahir gebe; dass es im Zeitalter der Unwissenheit ein Götzenbild namens Yaúq gewesen sei und später ein Prophet in Khorasan, der ständig einen juwelenbesetzten Schleier oder eine goldene Maske getragen habe. Er sagte auch, dass Gott unerforschlich sei. Viele Male las ich Barlachs Monographie. Ich will meine Gefühle nicht ausbreiten; ich erinnere mich meiner Verzweiflung, als ich begriff, dass nichts mich retten würde; meiner gehörigen Erleichterung bei dem Gedanken, dass nicht ich die Schuld an meinem Unglück trug; meines Neides, wenn ich an diejenigen dachte, deren Zahir keine Münze war, sondern ein Stück Marmor oder ein Tiger. Wie leiht es gewesen wäre, nicht an einen Tiger zu denken, überlegte ich. Ich erinnere mich auch der sonderbaren Unruhe, mit der ich diesen Abschnitt las: „Ein Kommentator des Gulshan i Raz sagt, wer den Zahir gesehen habe, werde alsbald die Rose erblicken; und er zitiert einen Vers von Attar, der ins Asrar Nama (das Buch der unbekannten Dinge) eingeschoben ist: >Der Zahir ist der Schatten der Rose, der Riss im Schleier.“
In der Nacht von Teodelinas Totenwache hatte ich mich gewundert, dass ich unter den Anwesenden nicht ihre jüngere Schwester, Frau Abascal, angetroffen hatte. Im Oktober erzählte mir eine ihrer Freundinnen:
„Die arme Julita, ist so sonderbar geworden, dass man sie im Bosch einsperren musste. Sie wird die Pflegerinnen, die sie mit einem Löffel füttern müssen, noch an den Rand der Verzweiflung bringen! Unentwegt faselt sie von irgendeiner Münze, genauso wie Morena Sackmanns chauffeur …“
Die Zeit, die die Erinnerungen abschwächt, verstärkt die an den Zahir. Früher stellte ich mir zuerst die Vorder-, dann die Kehrseite vor; heute sehe ich beide gleichzeitig. Nicht so, als wäre der Zahir aus Glas, denn keine Seite überlagert die andere; es ist vielmehr, als wäre meine Sehkraft sphärisch und der Zahir in ihrem Zentrum. Alles was nicht der Zahir ist, erreicht mich gedämpft, wie von fern: Teodelinas hochmütiges Bild, körperlicher Schmerz. Tennyson sagte, wenn wir eine einzige Blume begreifen könnten, würden wir wissen, wer wir sind und was die Welt ist. Vielleicht wollte er sagen, dass nichts so unscheinbar ist, dass es nicht die Weltgeschichte und die unendliche Verkettung von Ursachen und Wirkungen in sich birgt. Vielleicht wollte er sagen, dass die sichtbare Welt vollkommen in jeder Vorstellung enthalten ist, wie der Wille, gemäß Schopenhauer, in jedem Subjekt. Die Kabbalisten behaupten, dass der Mensch ein Mikrokosmos sei, ein symbolischer Spiegel des Alls; nach Tennyson müsste alles dies sein. Alles, sogar der unerträgliche Zahir.
Noch vor 1948 wird mich Julias Schicksal ereilt haben. Man wird mich füttern und ankleiden müssen; ich werde nicht wissen, ob es nachmittags oder vormittags ist; ich werde nicht wissen, wer Borges war. Es wäre falsch, diese Aussicht als entsetzlich hinzustellen, denn nichts davon wird sich auf mich auswirken. Man könnte genauso gut sagen, dass ein Mann furchtbare Schmerzen leidet, dem man in der Narkose den Schädel öffnet. Ich werde die Welt nicht mehr wahrnehmen, ich werde den Zahir wahrnehmen. Nach der Lehre der Idealisten sind die Verben „leben“ und „träumen“ exakte Synonyme; von den tausend Formen komme ich zu der einen; von einem sehr komplexen Traum zu einem sehr schlichten. Andere werden träumen, dass ich verrückt bin; ich werde vom Zahir träumen. Wenn alle Menschen auf der Welt Tag und Nacht an den Zahir dächten, was wäre dann Traum und was Realität, die Erde oder der Zahir?
In öden Nachtstunden kann ich noch durch die Straßen gehen. Das Morgendämmern findet mich oft auf einer Bank der Plaza Garay, wo ich angespannt über jene Stelle im Asrar Nama nachdenke, an der es heißt, der Zahir sei der Schatten der Rose und der Riss im Schleier. Ich verbinde diesen Ausspruch mit jener Methode der Sufis, die – um sich in Gott zu verlieren – ihren eigenen Namen oder die neunundneunzig Namen Gottes wiederholen, bis aller Sinn daraus entwichen ist. Ich sehne mich danach, diesen Weg zu gehen. Vielleicht gelingt e mir am Schluss, den Zahir auszulöschen, indem ich immer und immer wieder an ihn denke; vielleicht ist hinter der Münze Gott.

Für Wally Zenner

Quelle:
Das ALEPH, Borges, Jorge Luis, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Juli 1992

Chiloe

Bruce Chatwin
Was mache ich hier

Chiloe
Die Insel Chiloe ist berühmt für ihre schwarzen Stürme und ihre schwarze Erde, ihre Fuchsien- und Bambusdickichte, ihre Jesuitenkirchen und die begnadeten Hände ihrer Holzschnitzer. Zu ihren Schalentieren zählt eine riesige Entenmuschel – der pico del mar -, die wie ein Fudschijama in Miniaturausgabe vor einem auf dem Teller liegt. Die Bevölkerung ist eine Mischung aus Chonos-Indios, Spaniern und Seeleuten aller Hautfarben, und ihre Phantasie beschäftigt sich mit verworrenen mythologischen Vorstellungen.
Die Kathedrale von Castro war aus Wellblech erbaut und hatte zu Ehren des Heiligen Jahres einen aggressiven orangeroten Anstrich bekommen. Logger mit ockerfarbenen Segeln lagen bei Flaute in der Bucht. In einem Café am Hafen saß ein äußerst distinguierter Man mit Silberhaar und langen, geraden Beinen.
Es war Sikh. vor langer Zeit, einer Zeit, an die er sich nicht erinnern mochte, war er der Bursche eines englischen Obersten in Amritsar gewesen. Zu seinen Pflichten hatte es gehört, mit der Tochter des Obersten auszureiten. Ihre Augen begegneten sich. Sie wurde von ihrer Familie verstoßen, er von seiner. Ihr Leben in England wurde durch eine Folge feindseliger Vermieterinnen bestimmt. Eines Tages schnitt er sich die Haare und rasierte sich den Bart ab, und sie gingen nach Südamerika. Er und seine Frau waren auf Chiloe glücklich gewesen. Sie war vor kurzem gestorben.
„Ich hätte nicht anders leben wollen“, sagte er.
Zwei Seen – Lago Huillinco und Lago Cucao – teilen die Insel nahezu in zwei Hälften; sie fließen ineinander über, braunes Wasser in blaues Wasser, und dann hinaus in den Pazifik. Die Seen sind der Styx von Chiloe. Man erzählt sich, dass die Seelen der Toten sich im Dorf Huillinco versammeln, von wo der Fährmann sie zu ihrem Ziel bringt. Die Straße nach Huillinco war weiß und wand sich durch Felder mit reifem Korn. Bauern, die Getreide worfelten, riefen mir einen Gruß zu, als ich vorbeiging. Silbrige Häuser mit Schindeldächern waren von Kiefern und Pappeln umstanden. Hänsel und Gretel hätten hier ein glückliches Leben geführt.
Unter einem Baum mit wächsernen weißen Blüten saß ein dicker junger Mann und aß Brombeeren. Hector Dyer Garcia kam vom Pferderennen zurück. Er hatte Geld verloren.
„Kennen Sie Notting Hill Gate?“ fragte er.
Um die Jahrhundertwende war Alfred Dyer-Aulock vom Bord seines Schiffes gesprungen und in den Armen eines Mädchens von Chiloe gelandet. Auf seinem Sterbebett empfahl er seiner Familie, an ihre englischen Verwandten zu schreiben. Sie wussten nicht, wie sei es anstellen sollten. Hector träumte von einem nicht abgeholten Erbe in einer Londoner Bank.
„Sonst werde ich nach Venezuela gehen müssen“, sagte er.
Wir gingen langsam weiter und blieben bei einer blauen Hütte stehen, wo wir mit der Familie eines Holzschnitzers Apfelwein tranken. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir nach Huillinco – ein paar Häuser, eine Mole und dahinter der silbrige See. Wanderprediger summten mit nasalen Stimmen zu den Klängen einer Gitarre.
Hector schlich in sein Haus, als beträte er den Schauplatz eines Verbrechens. Er hatte eine Frau. Sie war doppelt so groß und doppelt so alt wie er. Zwischen einem Käsebissen und dem nächsten schleudere sie ihm Beleidigungen ins Gesicht und entlockte ihm sein schmerzliches Geständnis. Er hatte beim Rennen das Geld verloren, das für Lebensmittel bestimmt gewesen war.
Ich verbrachte den Abend mit Hector und seinen Freunden in der Bar, wo wir Domino spielten.

Am Morgen war die Siedlung in einen milchigen Nebel gehüllt. Vom anderen Ufer des Sees drang das Klappern von Dollen und das gedämpfte Bellen eines Hundes herüber. Ein Mann, der sich den Schlaf aus den Augen rieb, sagte, die Fähre nach Cucao werde um drei Uhr nachmittags eintreffen.
Ich ging am Seeufer entlang, inmitten von Mimosen, Wintergrün und Flammenbäumen. Smaragdfarbene Kolibris saugten an den trompetenförmigen Blüten von scharlachrotem Geißblatt. An einem Strauch waren hellviolette Beeren. Ringsherum roch es nach Verbranntem.
Um drei sichteten die Dorfbewohner die Fähre; ein schwarzer Fleck am anderen Ende des Sees. Längs der Mole waren mit Körben beladene Pferde angebunden.
Die Leute von Cucao trugen ihre Produkte an Land: Ballen schwarzer Wolle, Miesmuscheln, Algenbündel und Schalotten. Der Fährmann war ein winziger Mann mit schimmernder brauner Haut und einem fast kreisrunden Mund. Er war einer der letzten reinrassigen Chonos-Indios. Der einzige andere Passagier nach Cucao außer mir war Doña Lucerina, eine Frau mit einem energischen Kinn, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war. Ihr gehörte der einzige Gasthof im Dorf.
Der Fährmann hatte bereits den Motor angelassen, als zwei Jungen ans Ufer gelaufen kamen; sie trugen einen weißen Holzsarg. Ihre Augen waren rot vom Weinen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht, um einen Priester zu ihrer sterbenden Mutter zu holen: er weigerte sich, zu kommen. Sie saßen eine Nacht und einen Tag lang draußen vor dem Haus des Priesters: er weigerte sich, zu kommen. Dann traf die Nachricht von ihrem Tod ein: er weigerte sich noch immer, zu kommen. Es war heiß. Die Mutter begann zu verwesen, ohne Begräbnis und ohne Absolution.
„Wann ist sie gestorben?“ fragte Doña Lucerina.
„Freitag.“
„Um wie viel Uhr?“
„Um zehn Uhr morgens.“
„Herz?“
„Lunge.“
„Ach!“ sagte sie mit einem wissenden Lächeln. „Tuberkulose! Schlechte Ernährung. Gegen Tuberkulose muss man Milch trinken. Dann kann die Krankheit nicht ins Haus.“ „Sie war seit Jahren krank“, sagte der jüngere der beiden.
„Sie hätte mehr Milch trinken sollen, als sie jung war.“ Das Boot glitt über den Lago Cucao. Der Fährmann ließ die Jungen an einem weißen Steinstrand aussteigen. Wir beobachteten sie – zwei schwarze Gestalten, die den Sarg durch die abgestorbenen Bäume zu ihrem Gehöft trugen.

In Cucao standen zwei Holzkirchen auf einer Wiese: sie sahen aus, als wären sie von frühen keltischen Mönchen erbaut worden. Eisvögel flogen hin und her. Der Fährmann legte bei einer Reihe von Hütten an. Ich zahlte ihm meinen Obolus. Doña Lucerina schritt über einen sandigen Weg voraus; unsere Beine streiften Gunneren, die riesige Blätter haben.
Wir stiegen die Landzunge hinauf. Die untergehende Sonne tönte die Brecher des Pazifiks milchig-goldgrün. Der Sand in der Bucht war schwarz. Ein Fischerboot, das die Barre überquerte, war ein schwarzer Halbmond in der Gischt. Doña Lucerinas Haus war lang und flach, es hatte ein Schindeldach und cremegelb angemalte Bretterwände.
„Gehört alles mir!“ sagte sie und wies mit einer weitausholenden Armbewegung auf den Strand. „Zweihundert Hektar, das Haus und Goldminen. Ich muss verkaufen. Mein Mann ist krank.“
In der dunkelgrünen Küche saß ihr Untermieter, Don Antonio, ein alter Mann mit geradem Rücken, dessen dunkle Augen unter flaumigen Augenbrauen funkelten.
„Erzähl dem jungen Mann ein paar Geschichten“, sagte Doña Lucerina. „Er möchte Geschichten hören.“
In einem weichen melodiösen Spanisch erzählte Don Antonio von dem Basilisken und der Fiura, von den Sirenen und der Pincoya. „Ah! Ich liebe die Pincoya!“ Doña Lucerina klatschte in die Hände.
Die Pincoya war eine Meeresnymphe: ein lachendes Mädchen, das die Schalentiere zur Vermehrung ermunterte. Manchmal konnte man sie auf dem Sand tanzen sehen, in einem Kleid aus Algen, an denen Perlen schimmerten, und mit flammendem Haar, das im Wind wehte.
„Erzähl ihm noch eine, Alter“, sagte sie. „Erzähl ihm vom König der Erde.“
„Vor langer Zeit“, begann Don Antonio, „hatte Cucao alles – Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen, alles -, und der Rest von Chiloe hatte nichts. Eines Tages wurde ein Schaf mit drei Hörnern geboren, und die Kunde sprach sich herum. Ein Fremder kam, um das Schaf zu sehen, und blieb über Nacht. Am Morgen wachten die Leute auf und stellten fest, dass alle ihre Tiere verschwunden waren. Sie folgten den Spuren und kamen zu einem Fluss, wo ein alter Mann am Ufer saß.
‚Hast du den Dieb gesehen, der unsere Tiere gestohlen hat?’ fragte sie ihn.
‚Das war kein Dieb’, sagte der Mann. ‚Das war der König der Erde.’
Und seither haben die Leute v on Cucao nichts, und der Rest der Insel ist reich.“
„Noch eine!“ sagte Doña Lucerina. „Erzähl ihm von dem Millalobo.“
„Haben Sie die Hütten beim Landungssteg gesehen?“ fragte er.
„Ja.“
„In der zweiten Hütte“, fuhr er fort, „lebte eine Familie – Mutter, Vater, Tochter. Wir kanten sie gut…
Eines Tages sagte die Mutter zu dem Mädchen, sie solle zur Quelle gehen und Wasser für Kaffee holen … por un cafecito no más. Das Mädchen wollte nicht gehen: ein Fremder sei im Dorf, sagte sie. Doch die Mutter bestand darauf, und das Mädchen kam nicht zurück. Die Mutter rief und rief und suchte sie überall. Sie kam zur Quelle, und da war Blut … überall Blut … sangre. Die Nachbarn sagten, ja, sie hätten einen Fremden gesehen. Er war so groß und blond wie Sie, Engländer. Die Mutter wusste, dass Millalobo ihr die Tochter genommen hatte.
Ein Jahr später kam das Mädchen mit einem Baby im Arm zurück. Die Frau war entzückt über ihren Enkel und richtete ihm eine Wiege her. Eines Morgens, als die Tochter aus dem Haus ging, warnte sie die Mutter davor, das Kind anzusehen. ‚Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe’, wiederholte sie, als sie die Tür schloss. Doch die Mutter brannte darauf, ihren Enkel zu sehen, und zog die Decke zurück. Von der Hüfte abwärts war das Baby ein Seehund. Dann verwandelte es sich in einen Stern und hüpfte im Zimmer umher und hinaus aus dem Fenster, summend wie eine Bremse.
Das Mädchen hörte das Summen. Sie wusste, dass ihr Mann das Kind verhext und in den Himmel geschickt hatte. Sie irrte an der Küste entlang und rief: ‚Cucao! Cucao!’ sie schritt ins Wasser und ließ sich unter die Oberfläche gleiten …
Millalobo baute auf dem Grund der Lagune einen Palast für sie. Einmal im Jahr lässt er sie frei, und dann kommt sie an die Oberfläche, und wenn sie die Wiese und die Kirchen sieht, stimmt sie ein Lied an: ‚Cucao! Cucao! Cucaooooooooooo!“
„Jetzt erzähl ihm vom Fährmann“, drängte Doña Lucerina.
Don Antonio war jetzt müde; doch er erhob sich, trat ans Fenster und zeigte auf drei nebeneinanderstehende schwarze Felsen, Trittsteinen ähnlich, am anderen Ende der Bucht.
„Diese Felsen“, sagte er, „sind der Ladungssteg des Fährmanns. Ich kannte einmal einen Mann, der sich über die Geschichte vom Fährmann lustig machte. Er stand auf einem der Felsen und rief: ‚Fährmann! Fährmann! ‚ – und der Fährmann kam!“
Die Nacht legte sich über Cucao. Ein voller Mond beschien die Brandung. Das Feuer von Goldsuchern brannte ein Loch in die Dunkelheit. Ich schritt über den Sand. Ich näherte mich dem Ladungssteg des Fährmanns, doch ich widerstand der Versuchung, ihn zu rufen.
1988

Quelle:
Was mache ich hier, „Chiloe“, Chatwin, Bruce, Frankfurt, 1993

Rattenmahlzeit

An der Zimmertür hörten sie ein Geräusch. Was ist geschehen?
Der Hausherr ist da, er stört das Fest der Ratten.
Warum?
Er schlief einen schweren Schlaf, die Ortolanen lagen ihm wohl etwas schwer im Magen.
Plötzlich erwacht er. Er hat ein Geräusch vernommen. Besorgt und ängstlich steht er auf, tastend öffnet er die Tür. Niemand. Die Ratten sind auf und davon. Ein Traum, eine Täuschung, er legt sich wieder zu Bett.
Wer hat nun Lärm gemacht?
Die Ratten, ganz klar.
Ein Fest geht nicht ohne Lärm ab. Die Gäste auf ihren kleinen Pfoten – fast wie ein Donnern über der Decke. Das Knabbern der Zähne und das Scharren der Nager. So etwas weckt auf. Also hat der Lärm den Lärm hervorgerufen.
An der Tür hörte er ein Geräusch; er steht auf, die Ratten sind fort…
Lagewechsel für den Beobachter.

Ein anderer Fall. Auf dem Fest gehen die Worte hin und her. An der Zimmertür ertönt ein Geräusch: das Telefon klingelt. Die Kommunikation unterbricht die Konversation, dieses Geräusch unterbricht jene Botschaften. Sobald ich das Gespräch mit dem neuen Gesprächspartner aufnehme, setzt die Unterhaltung an der Festtafel wieder ein, sie wird zum Lärm, zum Rauschen, für das neue Wir. Das System schaukelt. Nähere ich mich wieder der Tafel, so wird der Lärm nach und nach wieder zur Konversation. Im System tauschen Rauschen und Nachrichten ihre Rollen je nach der Stellung des Beobachters und nach den Handlungen des Akteurs, aber sie verwandeln sich auch ineinander ganz in Abhängigkeit von der Zeit und vom System.
Sie machen Ordnung oder Unordnung.

Dieser Fall ist, wie das Beispiel der Ratten, interessanter, als es scheint. Im Zimmer gibt es zwei Systeme, das Fest und das Telefon. Ein gegebenes Rauschen, der Lärm der Worte, ist Rauschen für das Gespräch, das ich mit meinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung führe, jedoch Nachricht für meine Gäste. Umgekehrt ist für sie mein Einzelgespräch Rauschen. Das hängt von der Stellung des Beobachters ab. Dieses Resultat ist bekannt. Andererseits hat aber das Läutsignal die Konversation am Tisch unterbrochen:
Dieses Nachrichtensystem ist unter dem Lärm zusammengebrochen.
Umgekehrt kündigt es jedoch den Austausch von Nachrichten am Telefon an, der Lärm eröffnet also ein neues System. Und das hängt nicht mehr vom Beobachter ab, sondern nur noch von der Zeit.
Der Lärm ist das Ende eines Systems und die Formierung eines neuen.
Und genau das ist das Gleichnis der Ratten.
Das Festmahl wird vom Wirt unterbrochen, und als es wieder beginnt, finden sich die Bedingungen umgewandelt – beim gewöhnlichen Essen in der Stadt gerade so wie auf dem ländlichen Gastmahl. Der Lärm sondert beide voneinander ab, Gewöhnung oder Schrecken, und bildet ein komplexes System mit zwei verschiedenen Festmählern heraus. Der Lärm ist das Zeichen wachsender Komplexität. Man nimmt an, dass die Trennung von Stadt und Land ein entscheidendes Moment in der Geschichte darstellt. In ihr gab es einfache Ratten und solche der Komplexität.

Der Lärm ist ein Joker. Er hat wenigstens zwei Werte, wie der Dritte: einen Destruktionswert und einen Konstruktions-wert. Er muss ausgeschlossen werden, er muss eingeschlossen werden. Das ist die Geschichte der Ratten, das ist die Beschreibung eines komplexen Systems. Informatik und Anthropologie stehen gemeinsam an derselben Front.
Muss man sagen, dass die eine durch ihren technischen Eingriff ebenso tief eindringen wird, wie es die andere mit ihren Analysen anzeigt?
Oder muss man sagen, die Wissenschaft objektiviere, was die Märchen schon lange erzählen?
Alles lässt sich in diesem neuen Rationalismus ausdrücken, der Exaktes und Menschliches in einem herausarbeitet.

Wo stehe ich im Augenblick? Ich bewege mich zwischen Festmahl und Telefon. Ich habe einen engen Bereich gefunden, in dem bei äußerst geringfügigem Schwanken zwischen der einen oder der anderen Seite des Grates das Rauschen zur Nachricht und die Nachricht zum Rauschen wird. Wohlgemerkt, der Grat ist gezackt, zufällig, stochastisch. Wer mich in meinen Bewegungen beobachtet, der glaubte wohl, eine Fliege in ihrem Flug zu sehen. Ich lasse mich vom Geräusch leiten. Ich stehe auf den Sägezähnen des Gebirges, an der Grenze des Rauschens. Kein Echo, nicht im Zentrum von allem wie ein hallendes Echo, sondern an den Rändern der Botschaften, an den Ursprüngen des Rauschens. Diese Reise folgt aufs Genaueste den Wegen der Erfindung. Diese Ränder sind auch den exakten und den Humanwissenschaften gemeinsam. Diode, Triode, Methode.

Die zweiwertigen Topiken verlieren sich in diesen Gebilden. Der Wert der Zugehörigkeit geht durch den Raum, durch das Spektrum, das die zwei alten Werte trennt oder vereint. Die Mathematik des Unscharfen erkundet diese Mitte, dieses Mittel, diesen Vermittler.

Ein anderes Beispiel: Irgendein System ist eingerichtet. Das Festmahl der Ratten oder unseres oder irgendeine andere Organisation. Das funktioniert und macht Lärm. Das nutzt sich ab und altert, treibt dem Rauschen zu. Aber das gewöhnliche Funktionieren ist ein Ensemble von Nachrichten. Man denke an die Konversation bei einem Gastmahl, an eine klassische Maschine, an ein Kommunikationsnetz oder einen lebenden Organismus. Das Paar Rausch-Nachricht gehört zum System, sein Verhältnis ist ein Zeichen für den guten Lauf und für das Alter besagten Gerätes.
Dieses Paar und diese Beziehung werden durch einen Beobachter vorweggenommen, der im System platziert ist. In gewisser Weise maximiert dieser die Nachricht und minimiert das Rauschen, wenn er am Funktionieren teilhat. Er drängt die Parasiten zurück, um die Mitteilungen besser aussenden und empfangen zu können, um sie deutlich und operativ zirkulieren zu lassen. Dies Zurückdrängen ist gleichermaßen die religiöse Exkommunikation, die Einschließung politischer Gefangener, die Isolierung der Kranken, die Beseitigung des Abfalls, die generalisierte Hygiene, die Pasteurisierung der Milch wie auch die Verdrängung im psychoanalytischen Sinne. Aber es handelt sich auch um Geschichte – und um Wissenschaftsgeschichte im besonderen: Wer am System teilhat, der nimmt das Rauschen um so weniger wahr und drängt es um so erfolgreicher zurück, je mehr er im System operiert. Er verbleibt stets im Guten, im Richtigen, im Wahren, in der Natur und in der Norm. Aller Dogmatismus lebt von dieser blinden oder gewollten Aufteilung.

Man braucht nur selbst aus dem System herauszutreten, und das Paar tritt deutlich hervor, die Nachricht wird brutal reduziert. Man kann sich auf mehrfache Weise dem System entziehen: durch die eigene Differenz oder durch die Geste des Ausschließens, die ich oben als Verdrängung bezeichnet habe. Doch ist das nicht so einfach. Wenn die Systeme eindeutig und mononormiert wären, genügte eine Beschreibung. Aber so ist es nicht. Tatsächlich funktionieren sie unter mehreren Normen zugleich. Beweis dafür ist die Tatsache, dass man zuweilen ins Zentrum gelangt, wenn man sich an die Peripherie hält. Anders gesagt, man kann das Ausschließungsspiel spielen, ohne das System zu verlassen, ja, dabei sogar noch tiefer hineingelangen.
Oder umgekehrt: das beste Mittel, im System Karriere zu machen, ist, ihm entgegenzuarbeiten.
Anders gesagt: Die Gegennorm ist niemals ein Rauschen der Norm, sondern dieselbe, nur umgekehrte Norm, ich möchte sagen, die Zwillingsnorm.
Wenn Sie einen Motor in umgekehrter Richtung laufen lassen, so zerstören Sie ihn nicht, Sie stellen lediglich ein Kühlaggregat her. Seit Bergson, der diese ganze Sache mit dem Offenen und Geschlossenen, dem Inneren und Äußeren erfunden hat, haben die Systeme sich immunisiert, indem sie komplexer wurden. Das war vorausgesehen. Sie haben sich gefestigt, indem sie toleranter wurden. Sie sind an den Revolutionär, den Irren, den Abweichler, den Dissidenten akklimatisiert. Ein Organismus kann sehr gut mit seinen Mikroben leben, er lebt besser, ja er gesundet an ihnen. Der Grausamkeit von Systemen mit einer Norm ist die unerbittliche Macht der Systeme mit mehreren Normen, mehreren Variablen hinzuzufügen, die jedes Mal eine Norm mit ihrer Gegennorm und ihren Einschließungsfunktionen verbinden.
Auf der einen Seite tötet man, auf der anderen kastriert man.
Einerseits schließt man ein, andererseits verteilt man Auszeichnungen. Die Toleranz ist die Rüstung der Intoleranz.
Das Genie zerstört daher niemals das System, sondern verallgemeinert es, führt eine zusätzliche Variable zusammen mit deren Gegenvariablen ein. Es stellt niemals die Wissenschaft in Frage, sondern nur eines ihrer Paradigmen oder Mythen, und das ist die Wissenschaft, sagt man, die Abfolge von Brüchen mit solchen Mythen.
Es stellt niemals die Vernunft oder die Geschichte in Frage, sondern eines ihrer Momente oder Zustände oder Sonderfälle, denn das ist die Geschichte oder die Vernunft, sagt man, die diskontinuierliche Folge der Momente. Die Wiedererlangung des Einfachen durch das Komplexe. Aber nicht, weil es komplexer ist, ist es nicht dasselbe, denke ich.

Diese Beschreibungen oder diese, zuweilen logisierten, oft topologischen Phäno-menologien, die seit nahezu einem Jahrhundert unter vielfältigen Erscheinungsformen wiederholt werden, drücken das System aus. Sie sind die Stimmen des Systems. Sie zeigen, wie man es transformieren muss, um es zu verstärken. Wie man den Ausschluss oder die Gegennorm handhaben muss, um die Komplexität zu erhöhen.
Stellen wir uns einen beweglichen Beobachter vor. Er nimmt zunächst die Gesamtheit der operativen Nachrichten wahr, die Konversation auf dem Gastmahl. Er nähert sich nun der Grenze. Er hat mehr und mehr die Stimme des Verdrängten. Die Grenze, die er überschreitet, ist nicht linear. Draußen hört er nur noch Lärm, das Stimmengewirr der Gäste, das Knabbern von den Zähnen der Nager. Die Grenze ist weit, sie ist der Kranz, der Torus der Umkehrung. Sie verläuft zwischen der Botschaft mit verdrängtem Lärm und dem Lärm mit verdrängter Botschaft. Das Paar fluktuiert in diesem Kranz. Der Torus ist für den Beobachter der Raum der Transformation des Rauschens in der Nachricht und umgekehrt.

Dasselbe gilt für das Gastmahl und für jedes System.
Ich habe mich von der Tafel (der Götter) entfernt, ich höre am Telefon meinen neuen Gesprächspartner. Am Telefonhörer, in dieser oder jener Lage, verdrängt unsere Botschaft die Geräusche der Mahlzeit, sie vertreibt sie. Entferne ich mich vom Hörer, so wird der Lärm wieder zur Konversation und der neue Gesprächspartner wird unhörbar. Ein neuer Ring um das System herum, ein neuer Torus, eine neue Flasche, ein neuer Transformationsraum. Das Festmahl der Ratten macht Lärm für den Wirt, der Wirt macht Lärm für die Ratten. Der Lärm der einen reißt den anderen aus seinen Träumen, das Erwachen des anderen stört die Ratten aus ihrem Liebesmahl auf. Womit ich sagen will, dass die Systeme interferieren.

Die Philosophien, von denen ich eben gesprochen habe, befassen sich allein mit jener imaginären Welt, in der es nur ein System gibt und dieses wiederum nur auf einer Norm oder auf einem einzigen Prinzip aufgebaut ist. In Wirklichkeit sind alle Systeme höchst komplex, und in Wirklichkeit gibt es deren mehrere. Sie befassen sich mit jener idealen Welt des Lichts und des Schattes, in der es nur ein Außen und ein Innen gibt, nur einen Schatten und eine Helligkeit. Diese imaginäre Welt liegt auf dem Mond. Eine Atmosphäre gibt es nicht, ein Schirm trennt den Raum in Schwarz und Weiß, in Glut und Eiseskälte, blendendes Licht und dunkle Nacht. In beiden Fällen sieht man die Hand nicht vor Augen. Nun, die Atmosphäre, die Luft, die Umwelt machen, dass das Licht gestreut wird; das Licht lässt die Hindernisse hervortreten, es leuchtet hinter die Mauern: Girlanden von Licht rings um die Quellen, die der Zufall ausgeschnitten hat. Man müsste im punktförmigen Zentrum der Quelle leben, um nichts als Licht zu haben. Oder die Umgebung frei machen, ein Vakuum schaffen, was weiß ich. Sobald die Umwelt hinzukommt, sucht der Lichtstrahl sein Glück in der Welt, er zieht seine unregelmäßige Bahn mit frischer Kraft und vom Zufall bestimmt. Man sieht stets nur, weil man schlecht sieht. Es läuft immer nur, weil es schlecht läuft. Jedes System ist ein Ensemble von Botschaften; wollte man ausschließlich die Botschaft hören, müsste man eins mit dem Sender sein. Wenn die Liebe geht, kehrt der Lärm zurück. Als das Gespräch über die Liebe abklingt, steht Alkibiades an der Tür und schlägt mit seiner Flötenspielerin einen fürchterlichen Lärm. Sobald wir zwei sind, gibt es eine Umwelt, eine Mitte, ein Milieu zwischen uns, der Lichtstrahl verliert sich in den Luftströmen, die Botschaft verliert sich in den Störungen, alles ist Transformationsraum. Der Torus, der Kranz, verschlingt das System. Man braucht sich nicht weit von ihm zu entfernen, damit das fluktuierende Paar Botschaft-Rauschen erscheint. Vielleicht höre ich die Botschaft auch nur, weil das Rauschen seinen Lärm verbreitet.

Eben glaubte ich, dass die fundamentalen Transformationen zwischen den Systemen erfolgten, an ihren Schnittflächen oder im Bereich ihrer Interferenz, in einem Bedingungsraum, in den sie eingetaucht sind. Ich glaubte, dass meine Methode eine Reise durch den transzendentalen Eintauchraum ist. Ich glaubte, dass sie der Kammlinie des Zufalls folgt, der Zackenlinie der Gebirge, dem eigenwilligen Weg der Aufteilung zwischen Botschaft und Rauschen. Eine winzige Ortsveränderung entscheidet darüber, ob ich ein Rauschen oder den Beginn einer Botschaft wahrnehme; der Grat ist also sehr spitz, aber um auf ihm zu bleiben, muss man sich sehr viel in diesem Kranz oder Torus oder im Schnittfeld dieser beiden Körper bewegen.

Meine Methode war eine wundersame Reise, in dem Sinne, den ich diesem alten und neuen Wort beigelegt habe, eine Reise in dem vorgängig als transzendental eingestuften Raum, in den die Systeme eingetaucht sind.

Nun sind die Systeme gar nicht so verschieden von dieser Umwelt. Die Umwelt ist nur die Verlängerung eines besonderen Systems. Das Transzendentale ist nur die Verlängerung eines Systems von Singularitäten ins Konditionelle. Man kann auf das Transzendentale eine Analyse des Eintauchraumes anwenden. Der Bedingungsraum ist nicht so verschieden vom systematischen Raum.
Und er ist gleichfalls relativ.

Zitiert nach: Serres, Michel: Der Parasit. Frankfurt/M. 1987.

Einzelne Orte, Kategorien oder Phänomene, Verfahren oder bearbeitete Objekte, die alle unter das Patronym des Hermes gestellt werden, solcherart waren die Transformationsräume, die wir zunächst angetroffen haben.
Die Interferenz ist ein Phänomen fürs Gehör, den Blick, die Physik; sie ist eine Metapher und eine ars inveniendi. Der Verteiler ist etwas Unbewegliches, in dem die invarianten beweglichen Kräfte nach der Bedeutung ausgewählt werden, allein schon dadurch, dass sie sich bewegen: eine Art Getreideschwinger mit mehreren Trichtern, in dem die Transformation ausschließlich kinematischen Charakter hat. An der Kreuzung schwanken die verschiedenen Arten der Moral um den Verteilungspunkt; gelegentlich werden Morde begangen, und die Verzweigung von Raum und Logik steigt plötzlich ins Phantastische und belädt sich mit alten Geschichten, in denen das Wort seinem Ursprung am nächsten kommt: Man wechselt dort seinen Lebensgrund, man wechselt auch die Vernunft überhaupt. Der Diskurs spricht vom Parcours und folgt dessen Lauf. Der Brunnen, die Brücke, das Labyrinth… sind Vignetten oder Figurinen, Spiele, Strategien, Zufälle und Chancen, Umstände, errichtete oder konstruierte Monumente, auch Phänomene, denn der Tod geht in der Folge um, aber auch Phantasmen und vor allem exakte Theoreme des Phasenwechsels. Eine reiche Folge von unterschiedlichen, getrennten Räumen für mehrfache Transformationen, vielleicht die reichste und barockste Serie überhaupt. Auf der Gegenseite verliert der nackte und chaotische Raum der Normandie, in der Gegend von Lessay, ein wenig, ja, er verliert sogar viel von den allzu bestimmten Attributen eines allzu determinierten, wenngleich mobilen Gottes und wird einfach, zugleich formal und konkret.
Wie soll man diese Landschaft auf ihren schrägen Wegen und ohne Bezugspunkt durchqueren? Wie fährt man über das Meer? Was heißt es, über das Meer zu fahren? Bilder. Der Transformationsraum als solcher taucht aus dieser Fülle von Gerümpel auf, deren Verdienst es bleibt, eine Reihe von gebräuchlichen und einfältigen Unterscheidungen der Philosophie quer, schräg oder diagonal aufgenommen zu haben. Die Übersetzung ist zugleich eine Praxis und eine Theorie; der Wirbel ist ein stabil-instabiles Phänomen, in dem die Flüssigkeit sich in einer zufällig fixierten Form bewegt und bleibt; der Organismus, mein Körper, ist jetzt ein Zeitverteiler. Auf der Narbe der Gegenwart verschlingen sich mehrere Chroniken ineinander. Vielleicht habe ich nie etwas anderes gefunden als Transformationsräume, singuläre Orte oder unbewegliche Varietäten. Deren absolut einfachster ist das Leere, das Leere, in das die Atome stürzen und wo plötzlich der Blitz des clinamen aufscheint:
Ob es sich nun um eine Ordnung handelt, die auf ihren Elementarzustand zurückgeführt wird, Verteilungselemente für ein Ordnungselement, eine Leere, die frei von jeder Bestimmung ist; oder um einen Transformator, der auf seinen Elementarzustand zurückgeführt wird, oder schließlich um einen Operator, der minimale, infinitesimale Winkeländerungen vornimmt, kleinstmögliche Richtungsänderungen.
Dann erscheint eine zweite Ordnung, ein Körper im Hintergrundrauschen, der durch eine kleine, dem Zufallsblitz anhaftende Spirale geschaffen wird. Der Transformationsraum wird hier auf seine ersten einfachen Größen zurückgeführt, fast auf den Nullzustand, in der Theorie und im Konkreten; daraus entsteht dennoch ein globales System, eine Welt im Universum der Welten. Die Abweichung der Ausführung ist ebenso groß wie die Nähe des Ursprungs zum Nichts und der Schlussphase zur Totalität.
Gegeben sei folgende Reihe: eine Verteilung, ein Signal, ein System. Das Rausch des Hintergrundchaos, ein Augenzwinkern, die Welt. Auf diese Weise kam der Transformationsraum auf die Physik und auf Phänomene zurück, die dem Blick und dem Gehör vertraut sind.

Die Zustände wechseln die Phase, die Systeme wechseln den Zustand durch Übergänge von einer Phase zur anderen oder von einem Zustand zum anderen. Aber betrachtet man das System selbst, so ist es niemals stabil. Sein Gleichgewicht ist ideal und abstrakt, aber es wird nie erreicht. Der Zustand liegt außerhalb der Zeit. Zustand ist das Gegenteil von Geschichte, ersterer sucht letztere zu blockieren oder erstarren zu lassen. Der Zustand ist der Todfeind der Geschichte und er kann sie töten. Wir sind nicht weit davon entfernt.
Das System ist, zeitlich gesehen, ein höchst seltenes Phänomen. Es ragt wie ein Balken über die zerrissene Mauer hinaus, wenn die Winde entfesselt sind und die Erde bebt. Es fällt, es fällt nicht, es richtet sich wieder auf, es fällt. Es nutzt sich ab, es verfällt, es wird von der Flut gespalten. Zusammensetzung, es geht wie ein mit Rissen übersätes Gefäß in Stücke. Ein Wunde fügt die Fragmente wieder zusammen und lässt seine Synthese aufscheinen, die Zeit zersetzt es langsam. Das heißt existieren, dem Tode die Stirn bieten, eine beständige Abweichung vom Gleichgewicht sein.
Diese Ströme, Fluten, Flüsse laufen unablässig über diese mit Lücken übersäten Gefilde, um sie zu verschlingen, an ihnen zu schmarotzen, sie zu nähren und zum Leben zu erwecken. Das Rauschen tötet und schafft uns. Wir treiben unablässig auf den Lärm zu, aber wir kommen aus dem Lärm. Der Sauerstoff gibt der Wärme unseres Lebens Nahrung, aber Altern ist auch eine Oxydation. Es geht, weil es nicht geht.
System ist eine sehr schlechte Bezeichnung. Vielleicht gibt es gar keine Systeme, vielleicht hat es sie nie gegeben. Schon als die Welt entstand, begann deren Transformation. Das System als solches ist ein Transformationsraum. Das gilt allgemein. Es gibt nur Veränderungen. Was wir für ein Gleichgewicht halten, ist nichts als die Verlangsamung der Veränderungsprozesse. Mein Körper ist ein Zeitverteiler, Signale und Geräusche, Botschaften und Parasiten durchlaufen ihn. Er ist keine Ausnahmeerscheinung in der weiten Welt. Das gilt für das Tier und die Pflanze, für die Luft und das Kristall, für die Zelle und das Atom, für Gruppen und konstruierte Gegenstände. Transformation, Deformation von Information.

Ich dachte, die Verteiler seien Vermittler, die Interferenz finde am Rande statt, der Übersetzer stelle sich zwischen die Instanzen; ich dachte, die Brücke verbinde zwei Ufer und der Weg ginge von der Quelle zum Ziel.
Aber es gibt keine Instanzen. Oder besser, die Instanzen, Systeme, Ufer usw. sind ihrerseits als Verteiler, Wege, Übersetzungen usw. analysierbar. Instanzen oder Systeme gibt es nur al Blackboxes. Wenn wir nicht verstehen, wenn wir unsere Wissenschaft auf später verschieben, wenn die Sache zu komplex für die derzeitigen Mittel ist, wenn wir alles zeitweilig in eine Black-box hinein verlegen, dann tun wir so, als handelte es sich um ein System. Öffnen wir dann schließlich die Black-box, so sehen wir, dass sie wie ein Transformationsraum funktioniert.
Systeme, Instanzen oder Substanzen gibt es nur aufgrund unserer Unwissenheit. Das System ist das Nichtwissen, es ist die Kehrseite des Nichtwissens. Das Nichtwissen hat eine Chaosseite und eine Systemseite.
Das Wissen überbrückt diese beiden Ufer. Das Wissen als solches ist ein Transformationsraum. Dieses ganze Problem ist fraktal.

Leibniz hatte die Realität bereits fraktal genannt, aus Teichen und Fischen gebildet, die ihrerseits voll von Fischen und Teichen sind, und das so weiter ohne Ende. Mandelbrot sagt es dann neuerlich von der Welt; er erfindet das Wort und zweifellos die Sache.
Ich sage es vom Erkenntnisprozess.

Zitiert nach: Serres, Michel: Der Parasit. Frankfurt/M. 1987.

Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert, die für uns die zahlenmäßige Zunahme der Lebewesen klug erscheinen lassen und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken lässt und in Unruhe versetzt.
Dieser Text zitiert “eine gewisse chinesische Enzyklopädie”, in der es heißt, dass “die Tiere sich wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabeltiere,
g) herrenlose Hunde
h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
k) und so weiter,
l) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
m) die von weitem wie Fliegen aussehen”.

Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken.

Quelle: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge.1974

Treibholz

Pythagoras sei in einem kalten, stürmischen Sommer mit der Argo und noch lange vor Nasos Ankunft an die Küste der eisernen Stadt geraten; ein Erfinder, ein Gelehrter, der vor dem Regime eines Despoten aus seiner griechischen Heimat geflohen war. Samos nannte er diese Heimat und schwärmte von der Kraft der Zeit, die nicht nur den Despoten dieser Insel, sondern alle Herrschaft von Menschen über Menschen zermürben und in eine heitere Gemeinsamkeit verwandeln werde. Aber die Briefe und Zeitungsblätter, die ihn im Lauf der Jahre erreichten, widerlegten ihn.
Ein Jahrzehnt oder länger bewohnte der Grieche ein Steinhaus am Strand einer tief eingeschnittenen Bucht südlich des Kaps von Tomi – eine Notunterkunft für Küstenfischer, die auf der Heimfahrt von schwerem Wetter überrascht wurden und dort das Ende eines Unwetters abwarteten. Diese vom Meer an seinen Strand gezwungenen Fischer blieben lange Zeit der einzige Umgang des Einsiedlers; manchmal nahmen sie ihn an Bord ihrer Kähne mit nach Tomi, wo er wohlgelitten war, weil er wie ein Bote der Erleichterung immer nur nach glücklich überstandenen Stürmen erschien; so wurde es zur Gewohnheit, ihn zu beschenken. Schwer beladen keuchte er nach solchen Besuchen über Saumpfade zurück in seine Verlassenheit, saß dort zwischen Treibholz und Tang und schrieb in den Sand, damit die Wellen seine Worte und Zeichen aufleckten und ihn dazu anhielten, immer wieder und anders und neu zu beginnen.

Christoph Ransmayr: Die letzte Welt

Arcen

Presse:
Kunst im Thermalbad Arcen

Das Kunstwerk, das aus überdimensionalen Dreiecken, Kreisen und Zirkeln besteht, soll Distanzen messen. Eigentlich ein dramatisches Schauspiel, denn die hölzernen Objekte stellen die Tragödie des Großvaters des Künstlers dar. Er war Landvermesser, der jahrelang von einer Reise aus der harten Wirklichkeit an einen paradiesischen Ort auf der Erde träumte. Er meinte diesen gefunden zu haben in Argentinien, hat ihn aber nie erreicht. Der Landvermesser fiel im ersten Weltkrieg. Trotz all seiner Vermessungen auf der Erde kam er über seinen Wohnort nie hinaus.
Peter Maschke: „Dies ist nicht allein die Geschichte meines Großvaters. Dies ist die Geschichte von uns allen. Wir sind doch alle unser Leben lang unterwegs auf der Suche zur Erfüllung unserer eigenen Träume. Für den einen ist das die glückliche Familie, für den anderen ist es eine weite Reise und für wieder andere ist es eine einsame Insel zu finden. Dies ist die Poesie eines Traumes.“

Kunst bij thermaalbad Arcen

Het kunstwerk bestaat uit reusachtige driehoeken, cirkels en passers om afstanden te meten. Eigenlijk een dramatisch tafereel want de houten voorwerpen beelden de tragedie uit van de grootvader van Maschke. Hij was een landmeter die jarenlang droomde van een vlucht uit de harde werkelijkheid naar een paradijselijke plek op aarde. Hij meende die gevonden te hebben in Argentinië, maar hij arriveerde er nooit. De landmeter sneuvelde in de Eerste Wereldoorlog. Ondanks al zijn opmetingen van de aarde kwam hij eigenlijk nooit verder dan z’n woonplaats.
Peter Maschke: „Het is niet het verhaal van mijn grootvader alleen. Het is het verhaal van ons allemaal. We zijn toch allen ons leven lang op zoek naar de vervulling van een droom. Voor de een is dat de vrouw van je leven, voor de ander een verre reis en voor weer een ander is date en onbewoond eiland. De poëzie van de droom.

Dagblad voor Noord-Limburg, Maandag 11. Dezember 1995, S. 5

Identität

Eine Frage der Identität

William Thompson reibt sich wieder die Hände – die typische Geste eines Kaufmanns – und sieht sich nach der Theke um. Er kann sie nicht entdecken und mustert mich mit einem sonderbaren Blick.
„Wo bin ich?“ sagt er, plötzlich verängstigt. „Ich dachte, ich wäre in meinem Laden, Herr Doktor. Wo habe ich bloß meine Gedanken… Soll ich mich frei machen, damit Sie mich untersuchen können wie immer?“
„Nein, nicht wie immer. Ich bin nicht Ihr Hausarzt.“
„Nein, das sind Sie nicht. Das habe ich gleich gesehen! Sie sind nicht einer von denen, die einem die Brust abklopfen. Und was für einen Bart Sie haben! Sie sehen aus wie Sigmund Freud. Bin ich ausgetickt, abgedreht?“
„Nein, Mr. Thompson, Sie sind nicht abgedreht. Sie haben nur ein kleines Problem mit Ihrem Gedächtnis – Schwierigkeiten, sich zu erinnern und andere Leute wiederzuerkennen.“
„Ja, mein Gedächtnis hat mir in letzter Zeit ein paar Mal Streiche gespielt“, gibt er zu. Manchmal mach ich Fehler und verwechsle die Leute… Also, was darf es nun sein: Nova oder Virginia?“
So oder ähnlich lief jedes Gespräch mit ihm ab. Seine Improvisationen waren immer blitzschnell, oft witzig, manchmal geradezu brillant, und im Grund tragisch. Im Verlauf von fünf Minuten erkannte er in mir ein Dutzend verschiedener Leute wieder – jedenfalls glaubte er das. Er hangelte sich gewandt von einer Vermutung, einer Annahme, einer Hypothese zur nächsten, ohne auch nur einen Augenblick lang Unsicherheit erkennen zu lassen – er wusste nie, wer oder was ich war oder wer und wo er war: ein ehemaliger Kaufmann mit einem schweren Krosakow-Syndrom, der in einer Nervenklinik eingeliefert worden war.
Länger als einige Sekunden konnte er sich an nichts erinnern. Er war ständig desorientiert. Unter ihm taten sich immerzu Abgründe von Amnesie auf, aber er überbrückte sie mühelos mit gewandtem Geplauder und Geschichten aller Art. In seinen Augen waren sie jedoch keineswegs frei erfunden, sondern drückte aus, wie er die Welt im Augenblick sah oder deutete. Deren Widersprüche, ihre fortwährende grundlegende Veränderung konnte keine Sekunde lang hingenommen und akzeptiert werden. Daher schuf sich Mr. Thompson diese sonderbare, wahnhafte Quasi-Kontinuität, indem er mit Hilfe seiner unaufhörlichen, unbewussten, gedanken-schnellen Erfindungen pausenlos eine Welt um sich herum improvisierte – eine Welt aus Tausendundeiner Nacht, eine Phantasmagorie, eine Traumwelt, die aus ständig sich wandelnden Menschen, Figuren und Situationen, aus endlosen kaleidoskopischen Umbildungen und Verwandlungen bestand. Für Mr. Thompson war dies nicht ein Gewebe aus flüchtigen, sich ununterbrochen verändernden Phantasien und Wahnvorstellungen, sondern eine völlig normale, stabile und wirkliche Welt. Er hatte damit keine Probleme.

Einmal unternahm Mr. Thompson einen Ausflug. Er stellte sich beim Pförtner der Klinik als „Pastor William Thompson“ vor, bestellte ein Taxi und blieb den ganzen Tag über verschwunden. Der Taxifahrer, mit dem wir später sprachen, sagte, er habe noch nie einen so faszinierenden Fahrgast gehabt. Mr. Thompson habe ihm eine Geschichte nach der anderen erzählt, erstaunliche Geschichten voller phantastischer Abenteuer.
„Er schien schon überall gewesen zu sein, alles gemacht zu haben und alle möglichen Leute zu kennen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Leben ausreicht, das alles zu erleben“, sagte er. „Eigentlich kann man hier auch nicht von einem einzigen Leben sprechen“, antworteten wir. „Das ist eine seltsame Sache – mehr eine Frage der Identität.“
[…]
Mit seinen Worten erschuf er unablässig sich selbst und die Welt um sich herum, um zu ersetzen, was er ständig vergaß und verlor. Ein solcher Wahnsinn kann eine atemberaubende Erfindungsgabe freisetzen, ein regelrechtes erzählerisches Genie, denn ein solcher Patient muss in jedem Augenblick sich selbst (und seine Welt) buchstäblich erfinden. Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innerer Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, dass jeder von uns eine „Geschichte“ konstruiert und lebt. Diese Geschichte sind wir selbst, sie ist unsere Identität.

Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: „Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innerste Geschichte?“ Denn jeder von uns ist eine Biographie, eine Geschichte. Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewusst durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt, durch seine in Worte gefasste Geschichte. Biologisch und physiologisch unterscheiden wir uns nicht sehr voneinander – historisch jedoch, als gelebte Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.
Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns er-innern – an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.
Dieses Bedürfnis scheint der Schlüssel zu Mr. Thompsons Geschichten und seiner verzweifelten Beredsamkeit zu sein. Da er seiner Kontinuität, seiner ruhig und unablässig dahin fließenden inneren Geschichte beraubt ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als wie verrückt Geschichten zu erzählen – daher also seine ständigen Konfabulationen, seine Mythomanie. Er ist nicht in der Lage, eine echte Geschichte oder Kontinuität, eine authentische innere Welt aufrechtzuerhalten, und so ist er gezwungen, sich mittels erfundener Geschichten eine scheinbare Kontinuität zu schaffen, eine unwirkliche Welt, die von Pseudo-Menschen und Phantomen bevölkert ist.
Wie mag Mr. Thompsons innere Realität aussehen? Oberflächlich betrachtet ist er ein überschäumendes komisches Talent. Man hält ihn für eine Stimmungskanone, und tatsächlich ist an seiner Situation viel Lächerliches, das den Stoff zu einem komischen Roman abgeben könnte.
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Einen solchen Roman gibt es tatsächlich. Kurz nachdem „Der verlorene Seemann“ (Kapitel 2) in einem Vorabdruck erschienen war, schickte mir ein junger Schriftsteller namens David Gilman das Manuskript seines Buches „Croppy Boy“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der, wie Mr. Thompson, sein Gedächtnis verloren hat und nun die grenzenlose Freiheit genießt, sich immer neue Identitäten, neue Ichs zu schaffen: die erstaunliche Geschichte eines Genies ohne Gedächtnis, geschrieben mit einer geradezu Joyceschen Wortgewalt und Fabulierlust. Ich weiß nicht, ob dieser Roman einen Verleger gefunden hat, aber ich bin ganz sicher, dass er es verdient hätte. Ich habe mich unwillkürlich gefragt, ob Gilman vielleicht tatsächlich einem „Thompson“ begegnet ist (und Gelegenheit hatte, ihn zu studieren), so wie ich mich oft gefragt habe, ob Borges’ Figur Funes, die eine so unheimliche Ähnlichkeit mit Lurijas Mnemoniker hat, nicht vielleicht auf einer persönlichen Begegnung mit einem solchen Gedächtniskünstler basiert.
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Sie ist komisch, aber keineswegs nur komisch – sie ist auch schrecklich.
Denn Mr. Thompson ist ein Mann, der gewissermaßen in einer wahnsinnigen Verzweiflung gefangen ist. Seine Welt löst sich unablässig in ihre Bestandteile auf, verliert ihren Sinn und verschwindet – er muss verzweifelt versuchen, ihr einen Sinn zu geben, indem er immerfort einen erfindet, indem er Brücken des Sinns über die Abgründe der Sinnlosigkeit schlägt, über das Chaos, das sich ständig unter ihm auftut.

Aber weiß Thompson das, empfindet er es? Nachdem alle, die ihn kennen lernen, ihn zuerst als „Stimmungskanone“, als „urkomisch“ und „irre witzig“ bezeichnen, sind sie über irgendetwas an ihm beunruhigt, ja bestürzt.
„Er hört einfach nicht auf“, sagen sie. „Er ist wie ein Mann in einem Wettlauf, wie einer, der immer etwas nachjagt, das sich ihm ständig entzieht.“
Und damit haben sie recht: Er kann nicht stehen bleiben, denn der Bruch in seinem Gedächtnis, in seinem Dasein, im Sinn seines Lebens ist nie verheilt und muss jede Sekunde aufs Neue überbrückt und „geflickt“ werden. Aber die Brücken, die Flicken sind trotz aller Brillanz zu nichts nütze, denn sie sind Erfindungen, Konfabulationen, die nicht als Realität dienen können, wenn sie nicht mit der Realität übereinstimmen. Spürt Thompson das? Noch einmal: Was für ein „Gefühl der Realität“ hat er? Leidet er ständig Qualen – die Qualen eines Menschen, der sich in der Unwirklichkeit verirrt hat und versucht, sich zu retten, der aber durch seine unablässigen und ihrerseits völlig unwirklichen Erfindungen und Illusionen zu seinem eigenen Untergang beiträgt? Soviel lässt sich mit Gewissheit sagen: Ihm ist nicht wohl in seiner Haut. Sein Gesicht hat immer einen angespannten Ausdruck. Es ist das Gesicht eines Mannes, der dauernd unter einem inneren Druck steht. Gelegentlich, und wenn, dann nur verstohlen, nimmt es den Ausdruck offener, nackter, ergreifender Bestürzung an. Thompsons Rettung und zugleich sein Untergang ist die ihm aufgezwungene oder zum Selbstschutz angenommene Seichtheit seines Lebens. Ich meine damit die Art und Weise, wie es praktisch zu einer Oberfläche, einer brillanten, schimmernden, glitzernden, sich ständig verändernden, aber doch eben nur zu einer Oberfläche, einer Anhäufung von Illusionen, einem Delirium ohne Tiefe reduziert wird.

Und dies alles geschieht bei ihm ohne das Gefühl, dass er sein Gefühl verloren hat, ohne das Gefühl, dass er die Tiefe verloren hat, jene unergründliche, geheimnisvolle und in unzählige Ebenen unterteilte Tiefe, durch die Wirklichkeit und Identität irgendwie definiert sind. Jedem, der eine Zeitlang mit ihm zu tun gehabt hat, fällt auf, dass sich hinter seiner hektischen Beredsamkeit ein seltsamer Verlust von Gefühl verbirgt – jenem Gefühl oder Urteilsvermögen, das zwischen „wirklich“ und „unwirklich“, „wahr“ und „unwahr“ (man kann in diesem Fall nicht von „Lügen“, sondern nur von „Un-wahrheiten“ sprechen), wichtig und unwichtig, relevant und irrelevant unterscheidet. Seine unablässigen Konfabulationen, die wie ein Sturzbach aus ihm herausbrechen, haben letztlich etwas sonderbar Indifferentes… als sei es im Grunde unwichtig, was er sagt oder was irgendjemand sonst sagt oder tut, als sei irgendwie alles unwichtig geworden.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist ein Vorfall, der sich eines Nachmittags zutrug, als William Thompson, der wie üblich Geschichten erzählte, und die verschiedensten Menschen aus dem Stegreif erfand, plötzlich sagte: „Und da draußen geht gerade mein jüngerer Bruder Bob am Fenster vorbei“, und zwar in demselben erregte und doch gleichgültigen Ton, in dem er den Rest seines Monologs hielt. Ich war höchst erstaunt, als eine Minute später ein Mann den Kopf zur Tür hereinsteckte und sagt: „Ich bin Bob, sein jüngerer Bruder – ich glaube, er hat mich am Fenster vorbeigehen sehen.“
Nichts in Williams Ton oder Verhalten, nichts in der aufgedrehten, aber monotonen und indifferenten Art seines Monologs hatte mich auf die Möglichkeit vorbereitet, er könnte auf die Realität Bezug nehmen. William sprach von seinem Bruder, den es wirklich gab, in genau demselben Ton, oder besser: mit derselben Tonlosigkeit, mit der er von Dingen sprach, die es nicht gab – und nun trat plötzlich aus dem Reich der Phantome ein wirklicher Mensch ins Zimmer!
Im weiteren Verlauf der Begegnung behandelte er seinen Bruder nicht, als sei er „wirklich“ – er zeigte keine echten Gefühle, er war nach wie vor völlig desorientiert und erwachte nicht aus seinem Delirium -, sondern verhielt sich ihm gegenüber sofort so, als sei er unwirklich, indem er ihn im fortwährenden Wirbel seiner Phantasien hinter sich ließ und verlor.

Zitiert nach: Sacks, Oliver: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Rowohlt, Reinbek, 1990.

Strand(gut)Stücke
Die leichte Kunst des Peter Maschke

Wer zweierlei schätzt, den Zufall und die Leichtigkeit des Seins, ist zur Auseinandersetzung mit den Meer- und Strand(gut)stücken Peter Maschkes eingeladen. Die Objekte, die er in den Dienst seiner behutsamen Kunst stellt, sind ihm auf Strandspaziergängen zugefallen. Müll für viele, für ihn aber Überbleibsel, Relikte einer stummen Vergangenheit, Spuren, die er mit eigentümlicher Zärtlichkeit zum Sprechen bringt, indem er sie neu belebt, sie neu definiert, ihnen Namen und Rollen in einem von ihm erfundenen Spiel zuweist. Stock und Stein, Tau und Feder, Dose und Puppe beginnen für ihn (und dann für uns: die Beobachter) ein magisches Eigenleben. Sie sprechen nicht laut, aber eindringlich, und das nicht nur in einem bloßen Raum der Phantasie, der Beliebigkeit, sondern als Bestandteile eines ‚kalkulierten’ Mythos.
Was frappiert, ist das Kalkül, das Formgefühl, der Gleichgewichtssinn dieses Künstlers. Die Dinge, die ihm zufallen, verwandelt er mit geringen Eingriffen, die dennoch tief schneiden. Das Holz bleibt Holz, Metall bleibt Metall, aber alle Substanzen, die er verändert, verlieren auf eine schwer nachvollziehbare Weise ihr Gewicht. Sie stehen nicht, sie scheinen, auch wenn sie stehen, zu schweben. Sie hängen nicht, sie scheinen, auch wenn sie hängen, zu fliegen. Peter Maschke greift, da ist kein Zweifel, auf archaische Formen zurück, und wo nicht auf archaische, dort auf insulares Formwissen, auf ein sicheres Gefühl für Proportion, das seine Objekte so stabil wie dynamisch erscheinen lässt: leicht beweglich in aller Stabilität, zwingend in der Formfindung und doch anregend für das freie Spiel der Imagination des Betrachters. Da wird nichts festgelegt, da sind Spiel-Räume im genauen Sinne, da ist vor allem Freiheit.

Es mag kein Zufall sein, dass Peter Maschke notorischer Weltenbummler ist. Die Zeichen, die er in den letzten Jahren geschaffen hat, drücken das aus: Sie holen die Ferne (die auch eine der Zeit ist) in eine Nähe, die sie fern erscheinen lässt: Dinge am Ort, mit denen man reisen könnte: in die Leichtigkeit, die sich nirgends findet – es sei denn: in dieser stillen, unaufwendigen (und in einem unpreziösen Sinne: tröstlichen) Kunst.

Quelle:
Prof. Dr. Peter Fuchs, Ausstellung in Moers

Roland Barthes
Das Rauschen der Sprache

Das Sprechen ist unumkehrbar, dies ist sein Verhängnis. Das Gesagte lässt sich nicht zurücknehmen, außer durch Vermehrung : korrigieren heißt hier bizarrerweise hinzufügen. Beim Sprechen kann ich nie löschen, wegstreichen, annullieren; ich kann nichts anderes tun als sagen „ich annulliere, ich lösche, ich berichtige“, kurz, wieder sprechen. Dieses sehr eigenartige Annullieren durch Hinzufügen nenne ich „Gestammel“. Das Gestammel ist eine zweifach misslungene Botschaft: einerseits versteht man es schlecht, andererseits versteht man es mit einiger Anstrengung dennoch; es ist weder wirklich innerhalb noch außerhalb der Sprache – es ist ein Sprachgeräusch, dem Klopfen vergleichbar, mit dem ein Motor meldet, dass er nicht rund läuft; genau dies ist der Sinn der Fehlzündung, das hörbare Zeichen eines Scheiterns, das sich im Funktionieren des Objektes abzeichnet. Das Stottern (des Motors oder des Subjekts) ist im Grunde eine Angst: Ich habe Angst, es könnte zum Stillstand kommen.
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Der Tod der Maschine: er kann für den Menschen schmerzlich sein, wenn er ihn wie den eines Tiers beschreibt (man denke an den Roman Zolas). So unsympathisch die Maschine auch sein mag (weil sie in Gestalt des Roboters die schlimmste Bedrohung darstellt; den Verlust des Körpers), enthält sie letztlich doch die Möglichkeit eines euphorischen Motivs: ihr gutes Funktionieren; wir fürchten die ganz von allein laufende Maschine, wir genießen die gut laufende Maschine. Genauso wie die Funktionsstörungen der Sprache gewissermaßen in einem hörbaren Zeichen zusammengefasst sind: dem Gestammel, genauso tritt das reibungslose Funktionieren der Maschine in einem musikalischen Wesen hervor: dem Rauschen.
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Das Rauschen ist das Geräusch des gut Laufenden. Daraus folgt dieses Paradox: das Rauschen denotiert ein Grenzgeräusch, ein unmögliches Geräusch des perfekt funktionierenden Geräuschlosen; rauschen heißt, die Verflüchtigung des Geräuschs zu Gehör bringen: das Dünne, Verschwommene, Summende werden als die Zeichen einer Lautaufhebung rezipiert. Die glücklichen Maschinen sind folglich die rauschenden. Wenn sich die tausendmal von Sade vorgestellte und beschriebene erotische Maschine, dieses „durchdachte“ Agglomerat von Leibern, deren Liebesstellungen sorgfältig aufeinander abgestimmt sind, wenn sich also diese Maschine durch die konvulsiven Bewegungen der Teilnehmer in Gang setzt, zittert und rauscht sie leicht: kurz, es läuft, und es läuft gut. Wenn sich anderswo die Japaner in den großen Hallen massenhaft dem Spiel mit Glücksspielautomaten hingeben (die dort Pachinko heißen), so erfüllt diese Halle das enorme Geräusch von Kugeln, und dieses Rauschen bedeutet, dass kollektiv etwas läuft: die (aus anderen Gründen rätselhafte) Lust am Spiel, an der genauen Betätigung des Körpers. Denn das Rauschen setzt (wie aus dem Beispiel Sade und dem japanischen Beispiel ersichtlich) eine Gemeinschaft der Leiber voraus: In den Geräuschen der Lust, die „läuft“, erhebt sich keine Stimme, übernimmt keine die Führung oder weicht ab, bildet sich keine Stimme heraus; das Rauschen ist das Geräusch der mehrfachen, aber keineswegs massenhaften Lust (die Masse hat, ganz im Gegenteil, nur eine, und zwar eine schrecklich laute Stimme).
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Kann die Sprache rauschen? Als Sprechen bleibt sie scheinbar zum Gestammel verurteilt; als Schreiben zur Stille und zur Distinktion der Zeichen: es bleibt ohnehin immer zuviel Sinn, als dass die Sprache eine Lust hervorbrächte, die ihrer Stofflichkeit innewohnte. Das Unmögliche ist jedoch nicht undenkbar: das Rauschen der Sprache stellt eine Utopie dar. Welche Utopie? Die einer Musik des Sinns; darunter verstehe ich, dass die Sprache in ihrem utopischen Zustand erweitert, ja, ich würde sogar sagen, denaturiert wäre, bis sie ein immenses lautliches Geflecht bildet, in dem der semantische Apparat irrealisiert wäre; der lautliche, metrische, stimmliche Signifikant würde sich in seiner ganzen Pracht entfalten, ohne dass sich jemals ein Zeichen abhebt (diese Schicht aus reiner Lust naturalisiert), aber auch – und darin liegt die Schwierigkeit – ohne dass der Sinn brutal verabschiedet, dogmatisch verworfen, kurz, kastriert wird. Die rauschende, durch eine unerhörte, unseren rationalen Diskursen unbekannte Bewegung dem Signifikanten überantwortete Sprache würde jedoch in einem Sinnhorizont verbleiben: Der ganzheitliche, undurchdringliche, unsagbare Sinn stünde jedoch in der Ferne wie eine Fata Morgana und würde aus der Stimmübung eine zweifache, mit einem „Hintergrund“ versehene Landschaft machen; statt dass die Musik der Phoneme den „Hintergrund“ unserer Mitteilungen abgibt (wie dies in unserer Poesie geschieht), wäre hier der Sinn der Fluchtpunkt der Lust. Genauso wie das der Maschine zugeschriebene Rauschen nur das Geräusch einer Geräuschlosigkeit ist, genauso wäre das Rauschen, nun auf die Sprache bezogen, dieser Sinn, der eine Leerstelle des Sinns zu Gehör brächte oder – was dasselbe ist – dieser Un-Sinn, der in der Ferne einen Sinn erklingen ließe, der nunmehr von allen Aggressionen, die im Zeichen, dieser von der „traurigen und wilden Geschichte der Menschen“ geformten Büchse der Pandora, stecken, befreit wäre.
Das ist wohl eine Utopie; oft ist es jedoch die Utopie, die die Forschungen der Avantgarde leitet. Es gibt also da und dort, ab und zu, was man als Erfahrungen des Rauschens bezeichnen könnte: etwa in gewissen Hervorbringungen der nachseriellen Musik (es ist sehr bezeichnend, dass diese Musik der Stimme eine extreme Bedeutung beimisst: sie bearbeitet die Stimme, sucht in ihr den Sinn zu denaturieren, nicht das lautliche Volumen), in manchen Rundfunkexperimenten; oder auch in den letzten Texten von Pierre Guyotat oder Philippe Sollers.

Mehr noch: diese Forschung im Umfeld des Rauschens können wir selbst im Leben, in den Abenteuern des Lebens betreiben; in dem, was uns das Leben an Unvorhergesehenem zuträgt. Eines Abends habe ich, als ich den Film von Antonioni über China sah, plötzlich, beim Auslaufen einer Sequenz, das rauschen der Sprache verspürt: In einer Dorfstraße lesen Kinder, an eine Mauer gelehnt, laut und jeder für sich alle zusammen ein anderes Buch; da rauschte es auf die richtige Weise, wie eine reibungslos laufende Maschine; der Sinn war mir doppelt undurchschaubar, durch die Unkenntnis des Chinesischen und durch die Überlagerung dieser gleichzeitigen Lektüre; aber ich hörte in einer Art halluzinierten Wahrnehmung, so intensiv nahm sie die Feinheit der Szene auf, die Musik, den Atem, die Spannung, die Beflissenheit, kurz, etwas wie ein Ziel. Was! Bräuchten etwa nur alle gemeinsam zu sprechen, damit die Sprache auf diese seltene, vorhin angesprochene, lustgeprägte Weise zu rauschen beginnt? Dem ist natürlich nicht so; die sonore Szene erfordert eine Erotik (im weiten Sinn des Wortes), einen Schwung oder eine Entdeckung oder einfach eine begleitende Rührung: eben das, was das Gesicht der chinesischen Jungen beisteuert.

Ich sehe mich heute ein wenig wie den von Hegel beschriebenen Griechen der Antike: er lauschte, sagt er, leidenschaftlich und ohne Unterlass auf das Rauschen der Blätter, der Quellen, der Winde, kurz auf das Säuseln der Natur, um darin die Umrisse einer Intelligenz auszumachen. Und ich lausche dem Säuseln des Sinns, wenn ich das Rauschen der Sprache vernehme – jener Sprache, die für mich, als modernen Menschen, meine Natur ist.

Quelle:
Barthes, Roland
Das Rauschen der Sprache, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005

Paris

Michel Serres
Paris 1800

Betrachtet man die politische Geschichte Frankreichs und die Wissenschaftsgeschichte nebeneinander, so fällt auf: beide ähneln sich. Während der Großen Revolution kreuzten sich ihre Wege. Damals übernahm die Gemeinschaft der Wissenschaftler die Macht.

Der Ursprung der Mathematik, zumindest der abendländlichen, hat auf der Landkarte seinen genauen Ort: entlang einer Achse oder eines Grabens, der zwischen Griechenland und der Türkei verläuft und von Konstantinopel nach Mekka führt. Das alte Ägypten, Babylon, Persien und das jüdische Palästina säumen diesen Weg, an dessen Rändern die biblische Prophetie, das Christentum und der Islam, also die großen monotheistischen Religionen entstehen, die hellenische und arabische Wissenschaft, aber auch die Schrift, das Geld, die Eisen- und Bronzeindustrie. Sollte es im Raum Lokalitäten geben, in denen sich, keimhaft verdichtet, die menschliche Erfindungsgabe verstärkt? Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Liegt der Grund darin, dass sich hier, an diesem einzigartigen Konvergenzpunkt, wie nirgendwo sonst auf der Welt drei Kontinente berühren, Afrika, Europa und Asien? Oder in der leidenschaftlichen Begegnung der semitischen mit den indogermanischen Kulturen, die zu Verletzungen und Vermischungen führt?

Und gibt es ebenso in der Zeit einzigartige, nicht minder bedeutende und überaus fruchtbare Momente? Kaum zwei Generationen überhäufen Athen im fünften Jahrhundert vor Christus mit wunderbaren Werken und mustergültigen Texten; selbst die handwerkliche Kunst der Keramiker erreicht damals ihre höchste Blüte. Ebenso gibt es keinen Bereich der intellektuellen oder künstlerischen Schöpfung, dem das Paris des klassischen Zeitalters fünfundzwanzig oder vierzig Jahre lang etwas schuldig bliebe. Ähnliches gilt für Westeuropa am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Man könnte von unvermittelten vulkanischen Eruptionen sprechen, welche die umgebende Landschaft verändern. Wie sind sie zu erklären, wenn man gesehen hat, wie viele mächtige und wohlhabende Gruppen ihren Zenit erreichen, aber steril bleiben, kulturell armselig in ihrem wirtschaftlichen Reichtum und ihrer kriegerischen Macht? Auffällig ist in solchen Epochen die Beständigkeit großer tragischer Werke – und ihr Fehlen an anderen Orten und zu anderen Zeiten -, aber auch die Entstehung wunderbarer Komödien, wie man sie vorher oder nachher nicht gesehen hat, Zeugen für die Lebenskraft der Zeitgenossen. Sollte das Genie – das nicht unbedingt dem einzelnen zukommt – an seltene Umstände in Raum und Zeit gebunden sein, so wie die Meteore?

Paris
Um 1800, zwischen dem Ende des Ancien régime (1789) und der Restauration (1814), überstürzen sich in Paris politische, soziale, intellektuelle, wissenschaftliche, religiöse und anthropologische Ereignisse in solcher Zuspitzung und von solcher Tragweite, dass sich später ganze Philosophien darauf beschränken, diese Ereignisse zu lesen. Die Eule der Minerva, schreibt Hegel, erhebt sich erst in der Abenddämmerung zu ihrem Flug: Sein phänomenologischer Bericht erzählt vielleicht nichts anderes als das, was dort geschah. Ja, in diesen Jahren wird in Paris Wirklichkeit, was Hegel und Comte sagen und denken werden: als bliebe den künftigen Generationen nur noch, die Ereignisse zu begreifen und zu berichten, nur noch die Nostalgie der Interpretation. Doch was erzählen diese Historiker-Philosophen? Dass sich die Totalität des Wissens über die Totalität der Geschichte wälzt. Was ereignete sich also in Paris um 1800? Nicht weniger als dies: eine lokale und zeitliche Singularität trug das Universelle in sich – und wusste es. Vulkanische Explosion, Erdbeben, völlige Verwandlung der Welt.
Heute ist das Paris des Jahres 1800 vergessen, wir finden es nur noch auf dem Stadtplan Turgots: eine der erstaunlichsten Häufungen architektonischer Schönheiten, die es in der Geschichte je gegeben hat. Das neunzehnte Jahrhundert hat mit solcher Raserei zerstört und neu gebaut, dass unser heutiges Paris, das wir als das historische bezeichnen (und dafür halten), in Wirklichkeit eine sehr neue Stadt ist, jünger zum Beispiel als New York, wenn man – wie kürzlich geschehen – das Durchschnittsalter aller Gebäude und Baudenkmäler exakt berechnet. Kirchen, Höfe, Wohnsitze, freie Plätze und Gärten, elegant und lichtdurchflutet wie die Sainte-Chapelle, das Hôtel de Sens oder die Place des Vosges, reihten sich dutzendfach aneinander, rechts und vor allem links der Seine, ehe sie während des Konsulats und in der Zeit der beiden Empires in Schutt und Asche fielen. Um sich eine Vorstellung davon zu machen: Der Baron Haussmann ließ beim Durchbruch des Boulevard Saint-Germain mehr als vierzig Kapellen niederreißen, die der auf der Ile de la Cité erhaltenen in Rang und Stil vergleichbar waren. Wir bewahren von der Schönheit dieser Stadt keine andere Erinnerung mehr als die Wissenschaften, die dort entstanden. Vandalismus? Anpassung? Dynamik und Kraft der Erneuerung? Wie gewöhnlich ist jede dieser Thesen vertreten worden. Doch der Ort verwandelte sich wie niemals eine Stadt zuvor (…).

Wissenschaft und Macht
Die positive Wissenschaft ergreift die Macht; die Mathematiker: Lazare Carnot, Condorcet; die Astronomen: Bailly, erster Bürgermeister von Paris, bis er guillotiniert wird; die Mechaniker: Lagrange, Laplace; die Physiker; Fourier, Arago; die Chemiker: Fourcroy, Berthollet; einige Ärzte: Cabanis; ein Fachmann der Geometrie bemächtigt sich der militärischen und zivilen Gewalt: Bonaparte, zuvor Urheber des sogenannten napoleonischen Problems, das darin besteht, allein mit dem Zirkel einen Kreis in vier gleiche Teile zu teilen, nach der eleganten Methode des Italieners Lorenzo Mascheroni. Der Kaiser verkörpert nicht nur den ersten der verlorenen Kämpfe Südeuropas gegen den triumphierenden Norden, sondern auch das zweite der siegreichen Gefechte der Naturwissenschaft gegen das gedemütigte literarisch-historische Wissen vom Menschen. Chateaubriand ist emigriert, Beaumarchais im Gefängnis; Chamford begeht Selbstmord, Chénier wird enthauptet, Madame de Staël lebt im Exil. die positive Wissenschaft ergreift die Macht; das Wissen vom Menschen verliert sie.
Krieg im Kriege oder Revolution in der Revolution: es tobt der Streit der Fakultäten, der im Zeitalter der Aufklärung begonnen hat und bis heute fortdauert. Die positive Wissenschaft bemächtigt sich der Vernunft und wird zu jener Zeit ihre ausschließliche Inhaberin; außerhalb von ihr bleibt nur das Irrationale. Alle übrigen Inhalte des Wissens, der Kultur, selbst jene, die dem Rationalismus den Weg gebahnt haben, wie die Metaphysik oder die Theologie, selbst jene, die man heute unter dem Titel der Humanwissenschaften zusammenfasst, die sich den Mythen und der Finsternis widmen, werden aus der Domäne der rechtmäßigen Vernunft verjagt. Die sogenannte Romantik verschärft und bestätigt diese ungleiche Teilung, indem sie erst nimmt, was nur noch als Sturm und Aufruhr gilt. Von nun an leben wir in der Gewissheit, dass Rationalität und Naturwissenschaft einander deckungsgleich sind, während diese in Wahrheit sich jene nur anmaßt. Dieser Propagandatrick, in der Aufklärung längst vorbereitet, geht mir jenen Machtergreifungen um das Jahr 1800 in Paris vollends auf. Die Gesellschaft überantwortet sich der Vernunft, die sich den Naturwissenschaften ausliefert, welche die partikularen Kulturen austreiben. Das Universelle gewinnt die Oberhand über die Singularitäten.

Quelle:
Elemente einer Geschichte der Wissenschaften,
herausgegeben von Michel Serres, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1995

Brontosaurus

Brontosaurus
In Patagonien
Reise in ein fernes Land

1. Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen.
„Was ist das?“
„Ein Stück von einem Brontosaurus.“
Meine Mutter kannte die Namen von zwei prähistorischen Tieren, den Brontosaurus und den Mammut. Dass es kein Mammut war, wusste sie. Mammuts kamen aus Sibirien.
Der Brontosaurus, so wurde mir erzählt, war ein Tier, das bei der Sintflut ertrunken war, weil es zu groß gewesen war, um auf der Arche Noah Platz zu finden. Ich stellte mir darunter ein zottiges, schwerfälliges Tier mit Klauen und Fangzähnen vor, dessen grüne Augen boshaft schimmerten. Manchmal kam der Brontosaurus durch die Wand meines Zimmers gestürmt und weckte mich aus dem Schlaf auf.
Der Brontosaurus, von dem hier die Rede ist, hatte in Patagonien gelebt, einem Land in Südamerika, am fernen Ende der Welt. Vor vielen tausend Jahren war er in einen Gletscher gefallen: Er hatte die Reise den Berg hinunter in einem Gefängnis aus blauem Eis angetreten und war in ausgezeichneter Verfassung am Boden angekommen, wo er von Charley Milward, dem Seemann, einem Cousin meiner Großmutter, gefunden wurde.
Charley Milward war Kapitän auf einem Handelsschiff, das in der Einfahrt zur Magellan-Straße gesunken war. Er überlebte den Schiffbruch und ließ sich nicht weit davon entfernt, in Punta Arenas, nieder, wo er eine Schiffsreparaturwerft eröffnete. In meiner Phantasie war Charley Milward ein Gott unter den Menschen – ein großer, schweigsamer und kräftiger Mann mit einem schwarzen Backenbart und leuchtenden blauen Augen. Seine Seemannsmütze saß schief auf seinem Kopf, und den Rand seiner Stiefel hatte er umgestülpt.
Als er den Brontosaurus aus dem Eis auftauchen sah, wusste er, was zu tun war. Er ließ ihn auseinandernehmen, einsalzen, in Fässer verpacken und verschiffte ihn zum Naturhistorischen Museum in South Kensington. Ich stellte mir Blut und Eis vor, Fleisch und Salz, Gruppen indiansicher Arbeiter und reihenweise Fässer an einer Küste – eine gigantische Arbeit und alles umsonst, denn der Brontosaurus verfaulte auf seiner Reise durch die Tropen und traf verwest in London ein. Das war der Grund, warum man in dem Museum nur Brontosaurusknochen zu sehen bekam, aber keine Haut.
Glücklicherweise hatte Cousin Charley meiner Großmutter ein Stückchen davon mit der Post geschickt.
Meine Großmutter lebt in einem roten Backsteinhaus, das sich hinter einer Blätterwand von gelbgesprenkeltem Lorbeer verbarg. Es hatte hohe Schornsteine, spitze Giebel und einen Garten mit blutroten Rosen. Drinnen roch es wie in der Kirche. Ich kann mich kaum an meine Großmutter erinnern, weiß nur noch, dass sie sehr groß war. Ich kletterte an ihrem ausladenden Busen herum oder beobachtete sie heimlich, um zu sehen, ob sie überhaupt von ihrem Stuhl aufstehen konnte. Über ihr hingen Ölbilder, Porträts holländischer Bürger, deren dicke Buttergesichter in weißen Halskrausen nisteten. Auf dem Kaminsims standen zwei japanische Figurinen mit Stielaugen aus rotem und weißem Elfenbein. Ich spielte oft mit ihnen oder auch mit einem Affen, der bewegliche Glieder hatte und aus Deutschland stammte, aber ich hörte nicht auf, sie zu bedrängen: „Bitte, kann ich das Stückchen von dem Brontosaurus haben?“
Nie in meinem Leben habe ich mir etwas so sehr gewünscht wie dieses Stück Haut. Meine Großmutter sagte, eines Tages würde ich es bekommen, vielleicht. Und als sie gestorben war, fragt ich meine Mutter: „Jetzt kann ich doch das Stück von dem Brontosaurus haben?“ Aber meine Mutter sagte: „Ach je, das Ding! Es tut mir leid, aber das haben wir weggeworfen.“
In der Schule machten sie sich über meine Geschichte von dem Brontosaurus lustig. Der Biologielehrer behauptete, ich würde ihn mit dem sibirischen Mammut verwechseln. Er erzählte der Klasse, russische Wissenschaftler hätten einen tiefgefrorenen Mammut zum Abendessen verzehrt – und verbot mir, Lügen zu erzählen. Außerdem behauptete er, Brontosaurier seien Reptile. Sie hätten kein Fell, sondern einen Schuppenpanzer. Und er zeigte uns ein Bild, das ein Künstler von dem Tier gemalt hatte – ganz anders als das Tier meiner Imagination – , graugrün, mit einem winzigen Kopf und einer riesigen, wellenförmigen Wirbelsäule, friedlich Algen in einem See fressend. Ich schämte mich für meinen behaarten Brontosaurus, aber ich wusste, dass es kein Mammut war.
Es vergingen mehrere Jahre, bis die Geschichte geklärt werden konnte. Charley Milwards Tier war kein Brontosaurus, sondern ein Mylodon, auch Riesenfaultier genannt. Und er hatte kein komplettes Exemplar gefunden, oder auch nur ein komplettes Skelett, sondern nicht mehr als ein bisschen Haut und Knochen, die sich dank Kälte, Trockenheit und Salz in einer Höhle in der Bucht der Letzten Hoffnung im chilenischen Teil Patagoniens erhalten hatte. Er hatte seinen Fund nach England geschickt und ihn an das Britische Museum verkauft. Diese neue Version war zwar nicht so romantisch, hatte indessen den Vorteil, der Wahrheit zu entsprechen.
Mein Interesse für Patagonien überdauerte den Verlust der Haut, denn der Kalte Krieg hatte in mir eine gewisse Leidenschaft für Geographie geweckt. Ende der vierziger Jahre warf der Menschenfresser im Kreml Schatten auf unser Leben – man hätte seinen Schnauzbart durchaus mit Fangzähnen verwechseln können. Wir mussten uns Vorträge über den Krieg, den er plante, anhören. Wir erlebten, wie ein Professor für zivile Verteidigung Kreise um all die europäischen Städte zog, die total oder partiell zerstört werden würden. Wir sahen, dass diese Gebiete aneinandergrenzten und dass kein Platz mehr zwischen ihnen blieb. Der Professor trug Khakishorts, seine Knie waren weiß und knorpelig, und wir sahen, dass die Lage hoffnungslos war. Der Krieg kam immer näher, und wir konnten nichts daran ändern.
Als nächstes lasen wir von der Kobaltbombe, die schlimmer war als die Wasserstoffbombe und den Planeten in einer endlosen Kettenreaktion vernichten konnte.
Ich kannte Kobalt als Farbe im Malkasten meiner Großtante. Sie hatte zur gleichen Zeit wie Maxim Gorki auf Capri gelebt und nackte caprisitische Jungen gemalt. Später produzierte sie ausschließlich religiöse Bilder. Sie malte Unmengen von heiligen Sebastians, immer vor einem kobaltblauen Hintergrund, immer derselbe schöne Jüngling, der ganze Körper von Pfeilen durchbohrt und trotzdem noch auf den Beinen.
So stellte ich mir die Kobaltbombe als eine dichte blaue Wolkenbank vor, die an den Rändern züngelnde Flammen ausspuckte. Und ich sah mich allein auf einer grünen Landzunge, wie ich den Horizont nach der heranstürmenden Wolke absuchte.
Und dann hofften wir, den Sturm zu überleben. Wir gründeten ein Auswanderungskomitee und schmiedeten den Plan, uns in einem abgelegenen Winkel der Erde niederzulassen. Wir hockten über Landkarten. Wir studierten die Richtung der vorherrschenden Winde und die voraussichtlichen Fall-out-Zonen. Der Krieg würde in der nördlichen Hemisphäre stattfinden, also konzentrierten wir uns auf die südliche. Die Inseln im Pazifik kamen nicht in Frage, denn Inseln sind Fallen. Auch Australien und Neuseeland schieden aus, und wir einigten uns auf Patagonien als den sichersten Platz auf Erden.
Ich stellte mir ein niedriges sturmfestes Holzhaus mit einem Schindeldach vor, in dem Kaminfeuer loderte und an den Wänden die schönsten Bücher standen, einen Ort, wo man leben konnte, wenn die übrige Welt in die Luft flog.
Dann starb Stalin, und wir stimmten Lobgesänge in der Kirche an, aber ich behielt mir Patagonien weiterhin in Reserve.

2. Die Geschichte von Buenos Aires steht im Telefonbuch der Stadt geschrieben. Pompeji Romanow, Emilio Rommel, Crespina D. Z. de Rose, Ladislao Radziwil und Elizabeta Marta Callman de Rothschild – fünf Namen, aufs Geratewohl unter dem Buchstaben R ausgewählt, erzählten eine Geschichte vom Exil, Enttäuschung und Angst hinter Spitzengardinen.
Es gab ein herrliches Sommerwetter während der Woche, in der ich dort war. Die Geschäfte waren weihnachtlich geschmückt. Das Perón-Mausoleum in Olivos war vor kurzem eröffnet worden; Eva befand sich in gutem Zustand nach ihrer Reise durch europäische Banktresore. Ein paar Katholiken hatten eine Totenmesse für Hitler lesen lassen, und man rechnete allgemein mit einem Militärputsch.
Tagsüber vibrierte die Stadt in einem silbrigen Film von verschmutzter Luft. Am Abend gingen Jungen und Mädchen am Fluß spazieren. Sie sahen hart und glatt und hohlköpfig aus, und sie schlenderten Arm in Arm unter den Bäumen, ein kaltes Lachen lachend, von dem roten Wasser des Flusses durch eine granitrote Balustrade getrennt.
Die Reichen schlossen ihre Häuser für den Sommer. Weiße Laken wurden über vergoldeten Möbeln ausgebreitet, und im Hausflur lagen Lederkoffer übereinandergestapelt. Den ganzen Sommer hindurch würden sich die Reichen auf ihren Estancias vergnügen. Die besonders Reichen würden nach Punta del Este in Uruguay gehen, wo die Gefahr, entführt zu werden, weniger groß war. Einige der Reichen, die besonders sportlichen jedenfalls, vertraten die Ansicht, der Sommer sei im Hinblick auf Entführungen eine tote Saison, da auch die Guerilleros Ferienhäuser mieteten oder in die Schweiz zum Skilaufen führen.
Beim Mittagessen saßen wir unter einem Ölgemälde, das einen der Gauchos von General Rosas darstellte und von Raymond Monvoisin, einem Schüler von Delacroix, stammte. Der Caucho lag, in einen blutroten Poncho gehüllt, wie eine männliche Odaliska da, katzenähnlich und von passiver Erotik.
Da muss erst ein Franzose herkommen, um das ganze Getue des Gauchos zu durchschauen, dachte ich.
Zu meiner Rechten saß eine Romanschriftstellerin. Sie erklärte, Einsamkeit sei das einzige Thema, über das zu schreiben sich lohne. Sie erzählte die Geschichte eines international berühmten Violinisten, der eines Nachts während einer Tournee in ein Motel im mittleren Westen geriet. Die Geschichte drehte sich um das Bett, die Geige und das Holzbein des Violinisten.
Vor etlichen Jahren hatte sie Ernesto Guevara gekannt, damals ein etwas schlampiger junger Mann, der versucht habe, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern.
„Er war sehr macho “, meinte sie, „wie die meisten jungen Argentinier, aber ich hätte nie gedacht, dass es dahin mit ihm kommen würde.“
Die Stadt erinnerte mich immer wieder an Russland – die mit Antennen gespickten Fahrzeuge des Geheimdienstes, Frauen mit breiten Hüften, die in staubigen Parks Eis schleckten, die gleichen protzigen Statuen, die Zuckerbäckerarchitektur, die gleichen, nicht ganz geradlinig verlaufenden Alleen, die einem die Illusion endlosen Raums vermittelten und nirgendwohin führten.
Eher an das Russland der Zaren als an das der Sowjets. Basarow könnte eine argentinische Gestalt sein, und der Kirschgarten ist eine argentinische Situation: das Russland der habgierigen Großbauern, der korrupten Beamten, der importierten Delikatessen und der Großgrundbesitzer, die sich nach Europa verzehren.
Ich erwähnte das einem Freund gegenüber.
„Das sagen viele“, erwiderte er. „Letztes Jahr kam eine alte weißrussische Emigrantin zu uns aufs Land. Sie war schrecklich aufgeregt und wollte jedes Zimmer sehen. Wir sind auf den Dachboden gestiegen, und sie rief: “Ah, ich habe es gewusst! Der Geruch aus meiner Kindheit!“
3. Ich nahm den Zug nach La Plata, um dort das beste Naturhistorische Museum Südamerikas zu besuchen. In meinem Abteil saßen zwei tagtägliche Opfer des machismo, eine schmale Frau mit einem blauen Auge und ein kränklich aussehendes Teenagermädchen, das sich an ihrem Rock festhielt. Gegenüber saß ein Junge, dessen T-Shirt mit grünen Schnörkel Messerklingen waren.
La Plata ist Universitätsstadt. die meisten gráficos an den Häuserwänden waren abgestandene Importe vom Mai 68, aber einige waren ungewöhnlich: „Isabel Péron oder der Tod!“ – „Wenn Evita leben würde, wäre sie eine montonera! “ – „Tod den englischen Piraten.“ – „Der beste Intellektuelle ist ein toter Intellektueller.“
Eine mit Ginkgo-Bäumen bestandene Allee führte an einer Statue von Benito Juárez vorbei zur Eingangstreppe des Museums. Die argentinischen Nationalfarben, das „Blau und Weiß“, wehten am Fahnenmast, aber eine rote Flut von Guevara-Aussprüchen überschwemmte die klassische Fassade und drohte das Gebäude zu verschlingen. Ein junger Mann stand mit gekreuzten Armen vor mir und sagte: „Das Museum ist aus verschiedenen Gründen geschlossen.“ Ein peruanischer Indianer, der eigens aus Lima gekommen war, stand enttäuscht da. Gemeinsam brachten wir ihn dazu, uns einzulassen.
Im ersten Saal sah ich einen großen Dinosaurer, der von einem litauischen Einwanderer, Casimir Slapelič, in Patagonien gefunden und nach ihm benannt worden war. Ich sah die Glyptodone oder Riesengürteltiere, die an eine Parade von Panzerfahrzeugen denken ließen, jedes an den Knochenplatten wie eine japanische Chrysantheme etikettiert. Ich sah die ausgestopften Vögel aus La Plata neben einem Porträt von W. H. Hudson, und schließlich stieß ich auf ein paar Überreste des Riesenfaultiers Mylodon Listai, aus der Höhle in der Bucht der Letzten Hoffnung – Klauen, Dung, Knochen mit den dazugehörenden Sehnen und ein Stück Haut. Es hatte die gleichen rötlichen Haare, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte. Das Hausstück war knapp eineinhalb Zentimeter dick. Knötchen weißen Knorpels waren darin eingebettet, und es sah aus wie haariges Erdnusskrokant.
La Plata ist die Heimatstadt des Florentino Ameghino, der 1854 der Sohn von Einwanderern aus Genuta auf die Welt kam, und, ein einsamer Autodidakt, als Direktor des Nationalmuseums starb. Er hatte als Kind angefangen, Fossilien zu sammeln und später ein Schreibwarengeschäft eröffnet, das er nach seinem Lieblingstier El Gliptodonte nannte. Die Fossilien verdrängten die Schreibwaren immer mehr und übernahmen die Herrschaft in dem Laden, doch inzwischen war Ameghino weltberühmt, so zahlreich waren seine Publikationen und so seltsam seine Fossilien.
Ameghinos jüngerer Bruder Carlos verbrachte seine Zeit damit, die patagonischen barrancas zu erforschen, während Florentino daheim die Fossilien sortierte. Er besaß ein wunderbares Vorstellungsvermögen und konnte ein Riesentier an Hand eines noch so winzigen Stückchens Zahn oder Klaue rekonstruieren. Außerdem hatte er eine Schwäche für lange Namen. Ein Tier nannte er Florentinoameghinea und ein anderes Propalaeohoplophorus. Er liebte sein Land mit der ganzen Leidenschaft des Einwanderers der zweiten Generation, und manchmal stieg ihm sein Patriotismus in den Kopf. Bei einer Gelegenheit führt er die gesamte wissenschaftliche Welt an der Nase herum:
Vor etwa fünfzig Millionen Jahren, zur Zeit der Kontinentalverschiebungen, waren die patagonischen Dinosaurier den Dinosauriern Belgiens, Wyomings oder der Mongolei weitgehend ähnlich. Als sie ausstarben, nahmen warmblütige Säugetiere ihren Platz ein. Die Wissenschaftler, die dieses Phänomen untersuchten, erklärten, die Neuankömmlinge hätten ihren Ursprung in der nördlichen Hemisphäre, von wo aus sie die ganze Erde kolonisierten.
Die ersten Säugetiere, die nach Südamerika kamen, waren ein paar seltene Arten, die heute als Notungulata und Condylarthra bekannt sind. Kurz nach ihrer Ankunft brach der Isthmus von Panama auseinander und trennte sie vom Rest der Schöpfung. Da es keine Karnivoren gab, von denen sie verfolgt wurden, nahmen die südamerikanischen Säugetiere immer seltsamere Formen an. Da gab es das riesige Bodenfaultier, das Toxodon, das Megatherium und das Mylodon. Da gab es die Stachelschweine, Ameisenfresser und Gürteltiere, die Liptoterna, das Astrapotherium und die Macrauchenidae (eine Art Kamel mit Rüssel). Dann tauchte die Landbrücke von Panama wieder an die Oberfläche, und ein Heer von tüchtigeren nord-amerikanischen Säugetieren, darunter zum Beispiel der Puma und der Säbelzahntiger, drängte nach Süden und rottete viele der dort heimischen Arten aus.
Dr. Ameghino schätzte diese zoologische Variante der Monroe-Doktrin nicht besonders. Einige Wenige „Südstaatler“, so sah er es, wehrten sich gegen die Invasion der Yanquis. Kleinere Faultiere waren bis nach Mittelamerika, das Gürteltier bis nach Texas und das Stachelschwein, bis nach Kanada vorgedrungen (was beweist, dass eine Invasion immer eine Gegeninvasion zur Folge hat.) Aber damit gab sich Ameghino nicht zufrieden. Er tat seine patriotische Pflicht und stellte die Chronologie auf den Kopf. Mit den verdrehten Tatsachen wollte er den Beweis erbringen, dass alle warmblütigen Säugetiere ursprünglich aus Südamerika stammten und nach Norden gewandert waren. Und dann gab es für ihn kein Halten mehr: Er veröffentlichte eine Broschüre mit der These, dass selbst der Mensch erstmals auf dem Boden der patria aufgetaucht war – weshalb in manchen Kreisen der Name Ameghinos gleich neben Platon und Newton genannt wird.

Quelle:
Chatwin, Bruce, In Patagonien Reise in ein fremdes Land, Rowohlt, Reinbeck, 1984

Prali

Bericht einer geographischen Exkursion der Ruhr-Universität Bochum,
die in einer regionalen Naturkatastrophe endete

So um 6 Uhr früh sind wir von Bochum losgefahren in einem Fiat 500 – ganz neu von Prof. Dr. Dr. Büttner – mit Karten- und Adressmaterial, Helmut Steen und Peter Maschke, Studenten des geographischen Instituts der RUB.

Donnerstag, 17.02.,
um 15:30 Uhr, sind wir in Perrero:

Es schneit. Eine leichte Schneedecke bedeckt die Straße. Wir fahren nur schrittweise. Ab und zu drehen die Räder durch. Noch 30 km bis Prali, unserem Zielpunkt. Zum Teil geräumte Straßen. Riesige Lawinen sind in den letzten Tagen herabgegangen. Wir fahren durch 10m hohe Schneeschneisen, die frei gefräst wurden und zurzeit freigeräumt sind.

16:10 Uhr, Prali:
Wir stellen den Wagen in Ghigo-Prali (Marktplatz) ab. Helmut versucht mit den Spikes den Weg nach „Agape“, dem Tagungszentrum, schafft es aber nicht und fährt zurück auf den Marktplatz, 500m tiefer; auf dem Marktplatz stellen wir den Wagen ab.

16:30 Uhr, Prali:
Wir nehmen nur einen Teil unseres Gepäcks mit hoch nach „Agape“ (ca. 700m, knöcheltiefer Neu-Schnee inzwischen).

17:00 Uhr, „Agape“:
Ankunft und Begrüßung: „Die Heizung in unserem Wohnteil ist leider ausgefallen“, sagt Rostagno, der Pfarrer und Leiter des „Waldensischen Kirchenzentrums, Agape“.
Wir sitzen in seinem Arbeitszimmer. Der Flur ist feucht. Es tropft durch die Decke von vorhergehendem Tauwetter.

20:00 Uhr:
Wir bekommen unser Zimmer, es ist saukalt und klamm.

20:30 Uhr:
Wir stolpern hinter dem Schneepflug her nach Ghigo. Es hat bisher unaufhörlich geschneit. Der Schnee liegt wadentief. Unsere Koffer werden mit nach oben genommen – sagt man – hoffentlich!

23:00 Uhr:
Zurück nach „Agape“.

23:30 Uhr:
Das Zimmer ist immer noch saukalt. Wenige Grade über Null. Die Heizung funktioniert leider immer noch nicht.

Freitag, 18.02.,
08:15 Uhr:
Zum Frühstück. Der Weg zum Haupthaus (ca. 100m) ist knietief verschneit. Es schneit ununterbrochen dicke Flocken.

09:00 Uhr:
Wir versuchen den Weg nach Ghigo frei zu pflügen. Der Räumwagen bleibt mehrmals stecken. Wir müssen den Räumwagen freischaufeln. Knietiefer Schnee.

10:15 Uhr:
Pfarrer Davite: „Die Gruppe der Ruhr-Uni Bochum, die angekündigt war, wird nicht durchkommen, da die Landesstraße durch 12 Lawinen inzwischen blockiert ist; sie wird heute nicht mehr frei, da die Schneeräumer zwischen den Lawinen stehen. Schneehöhe innerhalb von zwei Tagen: 200cm!

12:00 Uhr:
Zurück unter Anstrengungen. Katharina: „Das Schneeräumkommando weigert sich zu räumen wegen der Lawinengefahr.“
Die französische Gruppe ist nach Frankreich zurückgekehrt. Sie hofft, dass unsere Gruppe „durchkommt“ nach Ghigo, um ihre religionsgeographischen Forschungen am anderen Ort zu betreiben.

15:00 Uhr:
Trotz Verabredung mit dem „Ältesten-Rat“ der Gemeinde über die Wetterproblematik zurzeit, gehen wir nicht in den Ort; es ist zu gefährlich.

16:00 Uhr:
Die ca. 8m hohen Fenster des Hauptsaales drohen trotz Holzverschalung, die angebracht wird, erneut durch die Schneemasse erdrückt zu werden. Es werden neue Bohlen davorgenagelt. Es schneit unaufhörlich seit unserer Ankunft. Morgen soll es noch mehr Schnee geben. Es ist uns klar, dass die Studentengruppe der Ruhr-Uni Bochum zumindest heute nicht durchkommen wird, und uns nicht erreichen wird.

20:30 Uhr:
Anruf Prof. Dr. Dr. Büttner: „Wir sind bis zum Talkwerk (ca. 20 km vor Ghigo) gekommen.
Doch dann zurück.“

21:00 Uhr:
Auf der gegenüberliegenden Talseite schlagen etliche Lawinen herunter.

Samstag, 19.02.
Es schneit noch immer.

08:00 Uhr:
Der nur 50m lange Pfad von unserem Haus zum Haupthaus ist total verschneit. Der Schnee reicht uns nun bis zur Hüfte. Ca. 1m Neuschnee pro Nacht.

08:30 Uhr:
Am Morgen kein Wasser mehr im Haupthaus. Die Leitung ist eingefroren. Die Neuschneemasse hatte das Fenster der Toilette im Haupthaus aufgedrückt und die Tür aufgerissen.

11:30 Uhr:
An unserer Bergseite – am Haupthaus gerade vorbei – kommt eine Lawine herunter und danach fällt der Strom aus. Gott sei Dank mit uns. Wir sind unversehrt.
Die Telefonverbindung ist gestört. Wir können nur noch Gespräche empfangen, keine führen. Bisher hat keiner das Haus verlassen können, da alle Türen über 3m durch Schnee verschüttet sind.

12:30 Uhr:
Meldung aus dem batteriebetriebenen Radiorekorder: „Die Straße soll jetzt bis Villar Perosa auf ca. 12 km von hier gesperrt sein, damit das gesamte Germanascatal. Ab Villar Perosa sind die Straßen wegen Überschwemmungen gesperrt. Ebenfalls die Route Perosa-Sestriere. Ein regionales Katastrophengebiet in Norditalien. Zurück können wir nicht, wir leben auf einer katastrophalen Insel im Schnee.

16:20 Uhr:
Langsam wird es kalt im Hauptgebäude, da die Stromversorgung ausgefallen ist. Das Haus wird zwar mit Öl beheizt, aber die Zündung erfolgt elektronisch, deshalb bleibt es kalt.
Vor der gläsernen Bibliothekstür bergabwärts, meinem Lieblingsplatz während der Isolation, staut sich der Schnee nun auf ca. 1,40m. Morgen werde ich kein Tageslicht bei gleichem Schneefall mehr in der Bibliothek haben können.

17:00 Uhr:
Langsam setzt die Dämmerung ein, dann werde ich nicht mehr weiter an unseren Statistiken arbeiten können, da uns der Strom fehlt. Rostagno ruft uns ab und an zu einem Gebet, dem ich gern nachkomme.
Wir sind in ständiger Spannung, sogar Beklemmung und Angst machen sich breit. Nicht etwa durch die Vermutung verursacht, wir könnten durch eine Lawine verschüttet werden, vielmehr sind wir deprimiert durch den permanenten Schneefall, der bis jetzt seit unserer Ankunft keine einzige Minute ausgesetzt hat.
In gewissen zeitlichen Abständen trifft man sich im Speiseraum und läuft von Fenster zu Fenster um zu prüfen, was passieren kann, wenn es diese Nacht ebenfalls noch eine weitere Nacht durchschneit, und welche Fenster durch den Schnee aufbrechen könnten.

17:30 Uhr:
Juliano: „Die Stromverbindung ist bis Prali völlig unterbrochen.
Die Schneefräse kann die Straße nicht räumen.
Die Massen von Geröll und Bäumen lassen sich nur von Raupenfahrzeugen des Militärs räumen und beseitigen.“
Die Isolation perfekt.

Wir richten uns auf einen längeren Aufenthalt über mehrere Tage oder Wochen ein.

Sonntag, 20.02.
Es hat über Nacht mindestens wieder einen halben Meter geschneit. Auch die Fenster der Räume im oberen Geschoss des ca. 10m hohen Nebengebäudes sind zur Bergseite durch die Schneemassen verdunkelt. Hoffentlich halten die Scheiben den Druck der Schneemassen aus.

Um ca. 10:00 Uhr:
ein Hoffnungsblick am Horizont: es schneit für einige Minuten nicht mehr. Die Bergkämme sind zwar nicht frei, aber der Blick ins Tal ist zum Teil klar. Die drei besten Ski-Fahrer von uns versuchen nach Ghigo zu kommen, um Brot und Milch einzukaufen. In unserer Gruppe befinden sich drei Kinder, darunter ein Kleinkind.
13:00 Uhr:
Unsere Ski-Fahrer sind wieder zurück. Auch eine Gaslampe haben sie mitgebracht.

13:30 Uhr:
Die Telefonverbindung ist ebenfalls unterbrochen. Seit 10 Uhr schneit es nur noch sporadisch. Wir haben eine geringe Hoffnung!
Samstagabend:
Unser aller Tiefpunkt!
Nachdem es dunkel geworden ist, sind wir wie eingefroren und gefesselt. Bei dämmrigem Kerzenlicht lassen sich nur noch die notwendigsten Dinge erledigen.

20:00 Uhr:
Radio: „Ganz Piemont ist verschneit und zum Katastrophengebiet Norditaliens“ erklärt worden.
Es gibt Dörfer, die unter einer 4m dicken Schneedecke liegen ohne Strom und Nahrungsmittel. Vollkommen abgeschnitten. Unsere Straße Ghigo-Perosa sei derartig verschneit, dass man mindestens vier Tage, wenn nicht acht Tage, zur Räumung braucht!

Und trotzdem gibt es Glühwein um 21:00 Uhr. Wir singen. Irgendwie haben wir uns arrangiert, und dedeprimiert, und auch der „Glaube“ in diesem religiösen Waldenserzentrum hilft.

Montag, 21.02.,
08:15 Uhr:
Wir wachen im Warmen auf; der Ölofen ist in Funktion. Es schneit zwar, aber es sind seit gestern nicht mehr als 20cm Schnee gefallen! Das ist tröstlich. Der Blick ins Tal ist wolkenfrei.

09:00 Uhr:
Schneeräumarbeiten am Ort. Das leichte Vordach unter dem der VW-Transporter steht, soll geräumt werden, dazu muss zunächst einmal die Tür frei geschaufelt werden, damit wir überhaupt rauskommen.

13:00 Uhr:
Seit Mittag schneit es wieder stark. Heinz, mein Studienkollege, ist auf dem Tiefpunkt. „Wann kommen wir hier raus?
Ich will hier sofort raus. Lasst mich raus!“
Ich versuche mich einzurichten, in vielfachem Sinne.
Auf die fremden Personen, das Warten, das relative Nichtstun, auf Sprachbarrieren und auch mein Zimmer einzurichten: Habe einige Matratzen und Flickendecken besorgt und damit mein ungemütliches JH-Bett zu einer gemütlichen Liege gestaltet. Ich weiß nicht, ob das schöner aussieht, aber dass ich etwas eingerichtet habe, zeigt mir, dass ich meine intensive Anspannung gedrosselt habe.
Ich hatte heute morgen und heute Nachmittag zwei Träume:
Im ersten Traum lag ich irgendwo an einem mediterranen Sandstrand, die Sonne brannte heiß und unaufhörlich.

Der zweite Traum brachte mich in einen Frühlingswald mit seltsamem Vogel-gezwitscher; als ich wach wurde, war es der ewig tropfende Wasserhahn unserer Dusche.
Wunschträume. Wann werden wir gerettet?

21:00 Uhr:
Es schneit immer noch stark.
Wir haben eine Versammlung der „Eingeschlossenen“, der Isolierten, anberaumt.
Nach Mutmaßungen und Meldungen aus dem Dorf: „Die Straße sei derart verschneit und von Lawinen verschüttet, dass es mindestens fünfzehn Tage noch dauern kann, um einen Weg aus Ghigo-Prali zu finden.“
Mit soviel Zeit hatten wir nicht gerechnet.

Bruno, der Pfarrer: „Relativ gesehen dauert die Rettung länger, absolut gesehen kommt der Zeitpunkt unserer Befreiung immer näher!“ Das soll ein Trost sein!
Ein weiser Spruch, der mich beeindruckt: „Der Zeitpunkt der Befreiung rückt immer näher…“

Die Straße soll durch eine Freiwilligengruppe der einheimischen Bevölkerung, deren Aufstellung und Einteilung der Dorfpfarrer Davite übernommen hat, geräumt werden. Wer kann von uns morgen dabei sein? Ich möchte gern, aber wie komme ich ins Dorf? Von hier aus nur mit Skiern!
Der Bäcker des Dorfs hat die Erlaubnis bekommen, wieder mit seinem alten Holzofen Brot zu backen, da der elektrische Ofen ja still liegt. (Aus hygienischen Gründen durfte er nicht mehr mit dem Holzofen backen.)
Das gebackene Brot wird gerecht auf alle Bewohner des Dorfes verteilt.

Außerdem soll ein Bote auf Skiern in den nächsten Tagen nach Perrero unterwegs sein, Medikamente zu holen. Ich werde ihm einige Briefe mitgeben. Hoffentlich klappt es.

Dienstag, 22.02.,
08:00 Uhr:
Wir wachen auf wie jeden Morgen voller Spannung, wie das Wetter sein wird. Das erste Mal sehen wir auf die wolkenfreien Bergkämme, keine Wolke am Himmel; man kann es nicht glauben und noch voller Skepsis.

09:00 Uhr:
Strahlend blauer Himmel, es wird wärmer; an der Straße wird mit zwei Raupenschleppern des Militärs gearbeitet, dazu ca. 20 freiwillige Helfer.

11:00 Uhr:
Ich habe das mir zugedachte Zimmer eingerichtet. Ab morgen wollen wir versuchen, warmes Wasser zu bereiten, um uns wenigstens einmal am Tag warm zu waschen; auch der strähnige Kopf muss mal gewaschen werden, rasiert haben wir uns alle nicht mehr, seitdem es kein warmes Wasser mehr gibt. Es ist morgens furchtbar kalt, es frieren mir schon beim Händewaschen fast die Hände ab.

14:00 Uhr:
Immer noch strahlend blauer Himmel.
Wie lange noch? Es taut gewaltig. Ständig kommen an der gegenüberliegenden Talseite Lawinen herunter, die allerdings hier nicht die Straße erreichen können, aber dort, wo das Tal sehr eng ist, wird sicherlich alles verschüttet sein.

20:00 Uhr:
Noch immer klarer Himmel, sternenklar, es friert. Wenn es so weiter friert, wird es ein weiteres Problem geben: die Fräse schafft keinen vereisten Schnee.

22:00 Uhr:
Der Himmel bewölkt sich erneut!

Mittwoch, 23.02.,
06:00 Uhr:
Der Himmel ist bedeckt. Es hat über Nacht gefroren; der Schnee ist etwas fester geworden. Wir wollen versuchen, nach Ghigo zu Fuß zu kommen. Gleich ein paar Schritte hinter dem Haus sinken wir metertief ein. Kurz dahinter ist ein kleiner Pfad schon ausgetreten. Es geht. Ab und zu sinken wir noch ein. Dort wo die Siedlung Ghigo beginnt, ist ein Weg frei geschaufelt. Meterhoch türmt sich der Schnee.

09:30 Uhr:
Wir erreichen den Marktplatz, dort wo unser Wagen stehen sollte. Zu sehen ist nur ein Schneehügel mit ca. 3-3,5m Schneehöhe über unserem Fiat 500.
Wir treffen auf Pfarrer Davite und einige Dorfbewohner. Man bereitet etwas vor: Ein junger Mann mit einem Sprechfunkgerät.
Davite begrüßt uns; wir erfragen unsere in dieser Zeit schon stereotyp gewordene Fragen: Es dauert mindestens noch 15 Tage, unsere Isolation aufzuheben!
Die Straße bis Perrero ist eine Lawinenkatastrophe, eine Brücke ist von einer Lawine verschüttet. Mit Skiern kann man nicht fahren. Davite, unser Pfarrer, ist gestern selbst zu Fuß in Perrero gewesen mit drei anderen. Sie haben vierzig Pfund Medikamente mitgebracht. Jetzt erwarten sie einen Helicopter, der einen Arzt, Batterien für die Telefonverbindung und Benzin für die Schneeräummaschinen bringen soll. Auf dem Fußballfeld hinter der katholischen Kirche ist ein provisorisches Landefeld hergerichtet. Wir warten. Hoffnungsfroh.

Die Wolken sind tiefer gekommen. Es fängt wieder an zu schneien. Das halbe Dorf ist versammelt. Immer wieder hört man Stimmen aus dem Sprechfunkgerät.
Da ein Schneetreiben eingesetzt hat, gehen wir wieder nach oben, nach „Agape“, durch ca. 1,50m hohen Schnee.

11:15 Uhr:
Wir sind oben. Verschwitzt, ermüdet. Der Helicopter ist zu sehen!

11:16 Uhr:
Er scheint zu landen, wir können es von hier schlecht erkennen, da es schneit; jedenfalls der Motor läuft permanent.

11:17 Uhr:
Er startet wieder, ohne zu landen. Warum?

12:30 Uhr:
Franco, der zurzeit noch unten war: Es ist nur etwas herausgeworfen worden: eine Antenne für den Sprechfunk und ein Sack Brot. Das ist mehr als witzig! Denn Nahrungsmittel haben wir genug für zwei Monate.
Wir, Heinz und ich, überlegen ernsthaft, nachdem wir unten die „freigeräumte“ Straße gesehen haben, wie wir hier herauskommen. Es ist uns klar geworden: selbst wenn die Straße nach hiesigen Vorstellungen frei ist, wir kommen hier nicht in den nächsten Wochen ins Tal herunter.

Nur zu Fuß mit wenig oder gar keinem Gepäck nach Perrero gibt es eine Möglichkeit.

Das kann zwar vier bis zehn Stunden dauern und bedeutet ständige Gefahr durch Lawinen, aber es scheint in den nächsten Wochen die einzige Möglichkeit für uns zu sein, aus dem Lawinengefängnis zu entkommen.
Voraussetzung ist, dass Pfarrer Davite, der den Weg einmal gegangen ist, uns begleitet.

13:25 Uhr:
Plötzlich Telefon in Ghigo. Zwar war niemand am Apparat, aber ein Kontakt scheint wieder hergestellt zu sein. Wir sind wieder unter den „Lebenden und nicht den Isolierten“!

13:35 Uhr:
Der erste Anruf. Herr Brocker aus unserer Gruppe wird verlangt. Aber wenigstens etwas, das Telefon hat funktioniert. Aber wir können nur Gespräche empfangen, keine führen!

14:30 Uhr:
Ich sitze im Essraum. Und plötzlich: die Kühltruhe hinter mir fängt an zu surren! Ein Paradies an diesem Ort zu dieser Zeit.

Wir haben wieder Strom!
Alle laufen zusammen und probieren die Lichtschalter aus.

Viva Luce!
Jetzt gibt es wieder warmes Wasser und ggf. auch Heizung.
Lucia und Franco sind die ersten, die sich die Haare waschen.

16:00 Uhr:
Anruf: Prof. Dr. Dr. Büttner. Wir sollen versuchen, aus der „Schneehölle“ zu Fuß heraus zu kommen!

17:00 Uhr:
Jetzt können wir auch selbst nach draußen telefonieren.

20:00 Uhr:
Ich rufe zu Hause an.

Donnerstag, 25.02.,
08:30 Uhr:
Es schneit wieder heftig. Wir können nicht aus dem Haus. Außerdem fühle ich eine kleine Erkältung und meinen Weisheitszahn schmerzen. Ich arbeite und schlafe.

20:00 Uhr:
Die Zahnschmerzen werden so stark, dass ich eine Tablette nehmen muss. Hoffentlich wird es nicht schlimmer.

Freitag, 26.02.,
05:00 Uhr:
Ich werde wach vor Schmerzen. Die Backe ist geschwollen. Sie darf sich nicht entzünden! Ich nehme eine weitere Tablette und schlafe noch bis zum Mittag.

14:00 Uhr:
Ich arbeite in der Bibliothek wie jeden Tag, selten so konzentriert.
16:00 Uhr:
Wir versuchen Ghigo zu erreichen. Seit einigen Stunden nieselt es nur noch, der Schnee ist feucht und pappig.

17:00 Uhr:
Wir gehen zu Frau Davite, die hier die kleine Apotheke führt, und holen für mich ein Medikament.

Frau Davite: „Der Weg über die Straßenführung ist zu Fuß begehbar, noch etwa 8 km sind ungeräumt von insgesamt 12 km. Gefährlich ist es allemal, aber unter Risiko schon möglich!“

„Morgen wollen eventuell einige runter nach Perrero, können wir uns anschließen? Ja!“

18:00 Uhr:
Der Weg nach Villa Perrero ist einigermaßen frei. Wir wollen Pfarrer Davite sprechen, der unten an der Straße arbeitet.

18:30 Uhr:
Wir treffen auf Pfarrer Davite:
Er ist abgekämpft und müde.
„Etwa siebzig Leute arbeiten jetzt an der Straße, fast jede Familie hat jemanden zur Arbeit abgestellt. Die Arbeit ist hart, der Pfad oberhalb der Straße auf den Schnee- und Geröllmassen nach Perrero ist begehbar.“
„Können wir runter mit unserer Gruppe? Ja, natürlich! Wann? Vielleicht Montag!“ Wir sind erleichtert.
Heinz möchte am liebsten schon morgen, aber ich glaube, es ist besser, das gut vorzubereiten, zumal wir noch unseren Wagen „ausgraben“ müssen, das wird schon Stunden dauern. Ein anderes Problem ist: was nehmen wir mit? Ich werde auf jeden Fall alles hier lassen, so dass ich leicht ohne Gepäck gehen kann.
Einige Lawinen sind heute noch abgegangen.
„Die Lawinen sind fast alle unten“, meint Davite.
Die Fräse ist wieder mal defekt, aber sie kann sowieso nur an den wenigsten Stellen der Straße helfen.
Dort, wo die Lawinen heruntergekommen sind, liegt der Schnee 8-10m hoch, da kann sie nichts machen.
Dort muss alles mit Hand und Bulldozern geräumt werden.
Jemand war heute unten und hat die Post mitgebracht. Post von meiner Freundin Barbara.
Wir richten uns auf die risikoreiche Tour am Montag ein.

20:30 Uhr:
Wir gehen morgen früh um sechs Uhr los. Giovanni begleitet uns. So ist es!

13:00 Uhr:
So erreichen wir gegen 13 Uhr nach sieben Stunden hinter einer Brücke jenseits von Lawinen und Eis den Rest unserer Studenten-Gruppe, die uns als „Verlorene Söhne“ in die Arme nimmt. Auch Tränen fließen. Wir sind gerettet.

Zwölf Menschen sind in dieser Zeit an diesem Ort den Lawinen zum Opfer gefallen.

Wir blieben wie durch ein Wunder unversehrt.

Samuel Beckett
Warten auf Godot

WLADIMIR Du bist schwer zu nehmen, Gogo.
ESTRAGON Wir sollten lieber auseinandergehen.
WLADIMIR Das sagst du immer. Und jedesmal kommst du wieder. Schweigen.
ESTRAGON Das beste wäre, mich einfach zu töten, wie den anderen.
WLADIMIR Welchen anderen? Pause. Welchen anderen?
ESTRAGON Wie Millionen andere.
WLADIMIR betonend. Jedem sein Kreuzchen. Er seufzt. Bis man begraben ist… Pause… und vergessen.
ESTRAGON Einstweilen wollen wir uns ganz ruhig unterhalten, da wir doch nicht schweigen können.
WLADIMIR Du hast recht. Wir sind unerschöpflich.
ESTRAGON Um nicht denken zu müssen.
WLADIMIR Wir haben Entschuldigungen dafür.
ESTRAGON Um nicht hören zu müssen.
WLADIMIR Wir haben unsere Gründe.
ESTRAGON All die toten Stimmen.
WLADIMIR Die rauschen wie Flügel.
ESTRAGON Wie Blätter
WLADIMIR Wie Sand.
ESTRAGON Wie Blätter.
Schweigen.
WLADIMIR Sie sprechen alle durcheinander.
ESTRAGON Jede für sich.
Schweigen.
WLADIMIR Sie flüstern vielmehr.
ESTRAGON Sie murmeln.
WLADIMIR Sie rauschen.
ESTRAGON Sie murmeln.
Schweigen.
WLADIMIR Was sagen sie?
ESTRAGON Sie sprechen über ihr Leben.
WLADIMIR Es genügt ihnen nicht, gelebt zu haben.
ESTRAGON Sie müssen darüber sprechen.
WLADIMIR Es genügt ihnen nicht, tot zu sein.
ESTRAGON Das genügt ihnen nicht.
Schweigen.
WLADIMIR Es ist wie das Rauschen von Federn.
ESTRAGON Von Blättern.
WLADIMIR Von Asche.
ESTRAGON Von Blättern.
Lange Pause.
WLADIMIR Sag doch was!
ESTRAGON Ich suche.
Lange Pause.
WLADIMIR beängstigt: Sag doch irgendwas.
ESTRAGON Was sollen wir jetzt machen?
WLADIMIR Wir warten auf Godot.
ESTRAGON Ach ja.
Schweigen.

Quelle: Beckett, Samuel: Warten auf Godot, En attendant Godot, Waiting for Godot, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1971

Hoffnung

Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung

WIR FANGEN LEER AN    1

Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.

VIELES SCHMECKT NACH MEHR    2

Aber wir lernen auch zu warten. Denn was ein Kind wünscht, kommt selten rechtzeitig. Ja man wartet sogar auf das Wünschen selber, bis es deutlicher wird. Ein Kind greift nach allem, um zu finden, was es meint. Wirft alles wieder weg, ist ruhelos neugierig und weiß nicht, worauf. Aber schon hier lebt das Frische, Andere, wovon man träumt. Knaben zerstören, was ihnen geschenkt wird, sie suchen nach mehr, packen es aus. Keiner könnte es nennen und hat es je erhalten. So rinnt das Unsere, ist noch nicht da.

TÄGLICH INS BLAUE HINEIN    3

Später greift man tüchtiger zu. Wünscht sich dorthin, wo es benannter hergeht. Das Kind will Schaffner werden oder Zuckerbäcker. Sucht lange Fahrt, weit weg, jeden Tag Kuchen. Das sieht nach etwas Rechtem aus.
Auch an Tieren träumt man sich groß. An kleinen besonders, sie ängstigen weniger, sie laufen in die Hand. Oder können mit Netzen gefangen werden, fernes Wünschen wird dadurch tätig. Der Zuckerbäcker geht zum Jäger über, im merkwürdig gefüllten Freien. Grün und blau läuft die Eidechse, ein unfasslich Buntes fliegt als Schmetterling. Auch die Steine leben, sind hierbei nicht flüchtig, mit ihnen lässt sich spielen, sie spielen mit. „Ich mag alles so“, sagte ein Kind und meinte die Marmel, die weggerollt war, dann aber auf das Kind wartete. Spielen ist Verwandeln, obzwar im Sicheren, das wiederkehrt. Wunschgemäß verändert Spielen das Kind selbst, seine Freunde, all seine Dinge zu fremd vertrautem Vorrat, der Boden des Spielzimmers selber wird ein Wald voll wilder Tiere oder ein See, mit jedem Stuhl als Boot. Doch eben Angst bricht aus, läuft das Gewohnte zu weit weg oder kehrt es nicht mühelos ins alte Gesicht wieder zurück. „Sieh, der Knopf ist eine Hexe“, rief ein spielendes Kind schreiend, rührte den Knopf auch später nicht mehr an. Er war nicht zu mehr geworden, als was das Kind gewünscht hatte, aber er war es auf zu lange geworden. Der häusliche Stall darf sich noch nirgends zu weit in den Traum strecken. Er muss als Ort erhalten bleiben, den die Eidechse noch nicht beschädigt, der Schmetterling noch nicht bedroht. Von ihm her werden am liebsten also Fensterblicke gespielt und gesammelt, tief und kurz ins Andere hinein. Das bunte Tier ist selber ein buntes Fenster, dahinter liegt die gewünschte Ferne. Es ist bald nicht anders wie die Briefmarke, die von fremden Ländern erzählt. Es ist wie die Muschel, in der das Meer rauscht, wenn man sie nahe genug ans Ohr hält. Der Junge zieht aus, sammelt überall ein zu ihm Hergeschicktes. Das mag zugleich Zeuge sein für die Dinge, die zu sehen der Jung zu früh ins Bett muss. In seinem Blick auf einen farbigen Stein keimt schon viel, was er später für sich wünscht.

Quelle: Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1959

BUCH DER TRÄUME

Meine Erzählung wird getreulich bei der Wahrheit bleiben, oder jedenfalls bei meiner persönlichen Erinnerung an die Wahrheit, was das gleiche ist. Zugetragen hat sich die Sache erst vor kurzer Zeit, aber ich weiß, dass die literarische Gewohnheit zugleich die Gewohnheit ist, Einzelheiten einzufügen und Höhepunkte hervorzuheben. Ich möchte meine Begegnung mit Ulrika (ihren Nachnahmen wusste ich nicht und werde ich vielleicht nie wissen) in der Stadt York schildern. Die Chronik wird eine Nacht und einen Morgen umfassen.
Es würde mich nichts kosen, zu behaupten, dass ich sie das erste Mal neben den „Fünf Schwestern“ von York erblickte, diesen ungegenständlichen Glasfenstern, die von Cromwells Bilderstürmern verschont wurden, aber Tatsache ist, dass wir uns im Schankraum des Northern Inn begegneten, außerhalb der Stadtmauern. Wir waren nur zu wenigen, und sie stand mit dem Rücken zu mir. Jemand bot ihr ein Glas an, uns sie lehnt ab.
„Ich bin Feministin“ sagte sie. „Ich will die Männer nicht nachäffen. Ihr Tabak und ihr Alkohol sind mir zuwider.“ Der Satz wollte geistreich sein, und ich erriet, dass sie ihn nicht zum ersten Mal gesagt hatte. Später wurde mir klar, dass er nicht charakteristisch war für sie, aber nicht immer entspricht uns das, was wir sagen.
Sie erzählte, dass sie zu spät zum Museum gekommen sei, aber dass man sie eingelassen habe, als man erfuhr, dass sie Norwegerin war.
Einer der Anwesenden bemerkte:
„Es ist nicht das erste Mal, dass die Norweger nach York kommen.“
„Das stimmt“, sagte sie. „England hat uns gehört, und wir haben es verloren, wenn irgend jemand etwas besitzen oder irgend etwas verloren gehen kann.“
Als ich diese Worte hörte, sah ich sie an. In einer Zeile von William Blake kommen Mädchen von milderem Silber oder wildem Gold vor, aber in Ulrika waren Gold und Milde. Sie war schlank und groß, mit feinen Zügen und grauen Augen. Weniger als ihr Gesicht beeindruckte mich ihr air von stillem Mysterium. Sie lächelte schnell, und das Lächeln schien sie zu entrücken. sie war schwarz gekleidet, eine Seltenheit in den nördlichen Ländern, die ihre gedämpfte Umwelt mit Farben aufzuheitern versuchen. Sie sprach ein einwandfreies und genaues Englisch mit leicht akzentuierten Rs. Ich bin kein Beobachter, all dies entdeckte ich erst nach und nach.
Wir stellten uns vor. Ich sagte, dass ich eine Professur an der Anden-Universität in Bogotá hätte. Zur Erläuterung setzte ich hinzu, dass ich Kolumbianerin sei.
Sie fragte nachdenklich:
„Was ist das, Kolumbianer sein?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Es ist ein Glaubensakt.“
„Wie Norwegerin sein“, stimmte sie zu.
Von dem, was wir an diesem Abend redeten, habe ich nichts weiter in Erinnerung. Am Tag darauf ging ich früh in den Speisesaal hinunter. Durch die Fenster sah ich, dass es geschneit hatte; die kahlen Felder verloren sich im Morgenlicht. Sonst war niemand da. Ulrika lud mich an ihren Tisch. Sie sagte, sie gehe gern allein spazieren.
Mir fiel ein Scherz Schopenhauers ein, und ich antwortete:
„Ich auch. Dann können wir also zusammen gehen.“
Auf dem neuen Schnee entfernten wir uns von dem Haus. Keine Seele war auf den Feldern. Ich schlug vor, nach Thorgate zu gehen, einige Meilen flußab. Ich weiß, dass ich bereits in Ulrika verliebt war; keinen anderen Menschen hätte ich an meiner Seite gewünscht.
Plötzlich hörte ich das ferne Geheul eines Wolfs. Ich hatte nie einen Wolf heulen hören, aber ich wusste, dass es ein Wolf war. Ulrika blieb gelassen.
Kurz darauf sagte sie, als denke sie lauf:
„Die wenigen armseligen Schwerter, die ich gestern in York Minister gesehen habe, haben mich tiefer bewegt als die großen Schiffe im Museum von Oslo.“
Unsere Wege kreuzten sich. Ulrika würde am gleichen Nachmittag nach London weiterreisen; ich nach Edinburgh. „Auf der Oxford Street“, sagte sie, „wiederhole ich dann De Quincey“, erwiderte ich, „hat die Suche aufgegeben. Ich suche all die Zeit immer weiter nach ihr.“
„Vielleicht“ sagte sie leise, „hast du sie gefunden.“
Ich begriff, dass etwas Unerwartetes mir auch nicht verboten war, und küsste sie auf Mund und Augen. Sie schob mich mit sanfter Bestimmtheit von sich und erklärte dann:
„Im Wirtshaus von Thorgate gehöre ich dir. Ich bitte dich bis dahin: Berühr mich nicht. Es ist besser so.“
Für einen unverheirateten, schon in die Jahre gekommenen Mann ist die dargebotene Liebe eine Gabe, mit der er nicht mehr rechnet. Das Wunder hat das Recht, Bedingungen zu stellen. Ich dachte an meine Jugendstreiche in Popayán und an ein Mädchen in Texas, hell und schlank wie Ulrika, das mir seine Liebe verweigert hatte.
Ich beging nicht den Fehler, sie zu fragen, ob sie mich liebe. Ich wusste, dass ich nicht der erste war und nicht der letzte sein würde. Dieses Abenteuer, vielleicht mein letztes, wäre für diese strahlende und entschlossene Elevin Ibsens nur eines von vielen.
Hand in Hand setzten wir unseren Weg fort.
„Das alles ist wie ein Traum“, sagte ich, „und ich träume doch nie.“
„Wie jener König“, antwortete Ulrika, „der nicht träumte, bis ihn ein Zauberer in einem Schweinestall schlafen ließ.“
Dann fügte sie hinzu:
„Horch. Gleich singt ein Vogel.“
Kurz darauf hörten wir den Gesang.
„In diesen Gegenden“, sagte ich, „glaubt man, dass einer, der bald stirbt, die Zukunft voraussieht.“
„Und ich sterbe bald“, sagte sie.
Ich sah sie bestürzt an.
„Wir wollen der kürzeren Weg durch den Wald nehmen“, drängte ich. „Dann sind wir schneller in Thorgate.“
„Der Wald ist gefährlich“, antwortete sie.
Wir gingen weiter über die kahlen Felder.
„Ich wünschte, dieser Augenblick dauerte für immer“, murmelte ich.
„Immer ist ein Wort, das den Menschen nicht gestattet ist“, behauptete Ulrika,  und um die Emphase abzuschwächen, bat sie mich, meinen Namen zu wiederholen, den sie nicht richtig verstanden hatte.
„Javier Otárola“, sagte ich.
Sie wollte ihn nachsprechen, aber es gelang ihr nicht. Genau wie sie scheiterte ich am Namen Ulrika.
„Dann nenne ich dich eben Sigurd“, erklärte sie lächelnd. „Wenn ich Sigurd bin“, erwiderte ich, „dann bist du Brynhild.“
Sie war stehengeblieben.
„Du kennst die Sage?“ fragte ich.
„Aber ja doch“, sagte sie. „Die tragische Geschichte, die die Deutschen mit ihren verspäteten Nibelungen zugrunde gerichtet haben.“
Ich wollte keine Diskussion und erwiderte:
„Brynhild, du geht’s, als wünschtest du, dass zwischen den beiden ein Schwert im Bett liegt.“
Plötzlich befanden wir uns vor dem Wirtshaus. Es überraschte mich nicht, dass es wie das andere Northern Inn hieß. Oben von der Freitreppe herab rief mir Ulrika zu:
„Hast du den Wolf gehört? Es gibt keine Wölfe mehr in England. Beeil dich.“
Als wir ins Obergeschoß stiegen, fiel mir auf, dass die Wände im Stil von William Morris tapeziert waren, in einem ganz tiefen Rot mit verschlungenen Früchten und Vögeln. Ulrika trat vor mir ein. Das dunkle Zimmer war niedrig und hatte zwei schräge Dächer. Das ersehnte Bett verdoppelte sich in einem vagen Glas, und das polierte Mahagoni erinnerte mich an den Spiegel der Heiligen Schrift. Ulrika hatte sich bereits entkleidet. Sie nannte mich bei meinem wirklichen Namen, Javier. Ich fühlte, dass es stärker schneite. Von Möbeln und Spiegeln blieb nichts mehr. Zwischen den beiden lag kein Schwert. Wie der Sand verrann die Zeit. Alterslos strömte die Liebe im Dunkel, und zum ersten und letzten Mal besaß ich Ulrikas Bild.

Quelle: Übersetzt von Gisbert Haefs
(„Libro de sueños“, Jorge Luis Borges)

Von all den alten Orten der Weltkarte sind sie aufgebrochen. Wo es Städte gibt, wo es Inseln gibt, Schachteln, Felder, Milchstraßen und Stecknadelköpfe. Ketten von Galaxien und Kugeln von nahezu unendlicher Schwere. Kegel, bei denen eine Dimension ebenso riesenhaft wie eine andere klein ist für die Seen ohne Horizont. Sie hatten immer nur das gewusst, wussten es aber nicht und erfuhren es nun: daß der Raum unerwartbar ist. Bevölkert, wimmelnd, fremdartig und wundersam. Überall unwahrscheinlich, heterotop. Der Raum ist wie die Büchse der Pandora. Abzählbare Anhäufung heterokliter Wesen, von den Abwandlungen des Trivialen bis hin zum Unvorstellbaren, vom schwarzen Strahler bis hin zur Falle der Elemente, von der euklidischen Kreisbewegung bis hin zur krankhaften Abweichung. Alles ist neu durch die Sonne.

Von all den alten Orten sind sie aufgebrochen, die an diesem Morgen auf der Himmelskarte auszumachen sind, wo es keinen Morgen gibt. Aufgebrochen am Morgen aller Morgen, der Wille, daß diese Zeit Ort und Zeit erhielte; gerufen, dorthin und dorthin, von dem Geraune der Welt, dem Rauschen. Von der Glocke oder dem Muezzin, von Stentors Stimme oder dem Schiffshorn, von der Harmonie der Sphären oder dem Gesang der Sirenen, von dem durch keine Zahl zu erfassenden heiteren Lächeln der Fluten; sie sind aufgebrochen, Elemente der Sekund Null, Buchstaben auf dem weißen Blatt des Lukrez, Photonenwind des feurigen Urknalls, Jungverliebte, verzweifelt ob der Distanz, er nimmt Wanderstab und Reisesack, sie trägt die Mulde seines Rufes, Olivenholzfeuer unter dem Berg Polyphemos, getrennt für eine Zeit der Geschichte, ein Zeitintervall, das endlich ist oder gleich Null oder von transfiniter Dauer, vereinigt für eine Zeit der Geschichte, ein Zeitintervall, das endlich ist oder gleich Null oder von transfiniter Dauer, vereinigt für eine Zeit der Geschichte, feste Körner und durchsichtige Masse, sie sind aufgebrochen unter der vielfachen Morgensonne, auf ihren Schultern siebenhunderttausend Sachen mit sich schleppend, ihr Feld und ihren Pflug, ihre Sicht und ihren Anblick, ihre heimischen Sprache und ihre Gottheiten, vage Pläne und Hoffnungen, ihre Einfreidung und ihren Horizont, den Brunnen der Begierde und den erzenen Turm, ihren Abgrund und ihre Pyramide, Antipoden und Zikkurate, Hauptrichtungen der Windrose und Flussrichtung der Ströme, ihre Wüsten und hellen Gärten, ihr himmlisches Jerusalem und ihre elysischen Gefilde, Karte des Landes Tendre und Berg Karmel, ihre kühne Vertikalität und ihre Polarkoordinaten, ekstatische Orgasmen und Jungfräulichkeit. Ihre Botschaften und ich Schweigen.
Alle sind hierhergekommen. Alle hierher in einen einzigen Körper. Alle hierher an einen einzigen Punkt. Aufgebläht bei diesem Zusammenströmen, triefend. Auf den dichten Haufen heterogener Dinge. Schwemmkegel, Moräne, Marianengraben, ein Mülluniversum, ein Autofriedhof. Eine Wolke ohne Rand. Register, Telefonbuch, Adressbuch, Wörterbuch. Kaufhaus. Die Philosophie war Puffmutter: Lagerverwalterin, Enzyklopädie disjunkter Räume. Fremdes, das gekommen ist, um Fremdem zuzulächeln, ihm Blutsverwandtem. Dicht gestern das Schott des gestillten Durstes. Die Quelle Pantopia. Die Arche der Tiere, die den Wein spenden wird, der alte Turm, seiner Krone beraubt, der an den von Babel erinnert. Den Kurs der Arche finden, mit dem Ölzweig, den Plan des Turmes zeichnen, im Labyrinth der Gerüchte. Die Arche und der Turm, Schachtel, Box, Büchse, Dose. Den Schlüssel schmieden für die Büchse des Universums. Geliebte Pandora, Vagina der Frau mit allen Gaben.
Arche, Turm, Büchse, Dose. Füllhorn. Auf daß die Menschen keine Hunger mehr leiden. Die Arche war verschlossen auf hoher See. Niemand konnte über die Reling springen. Mitten im demokratischen Chaos des Regens beschützten die Bordwände des Schiffes für eine Zeit das versammelte Chaos der Vielfalt. Morgen wird kein Feuer mehr regnen, Ölzweig und Taube, daher die neue Erde mit der Kraft des Weinstocks. Die Ladung löschen, das Schiff dümpelt, vor Anker. Da ist die Schachtel, die Box. Und der Turm wurde aufgegeben, weil Hermes den Dinysos noch nicht auf den Armen trug. Da das Register und das Faß. Und die Büchse wurde zum Schrecken, ein Feuer, das sich ausbreitet, weil niemand Pandora jemals geliebt hatte. Es ist genug. Sie wird geliebt.
Die Wände der Arche öffnen, den Turm öffnen, die Büchse öffnen. Der Philosoph als Schauermann, Schlosser, Docker, Übersetzer. Wenn die Dose der Frau ausfließt, wenn die Granate explodiert, wenn das Füllhorn sich ergießt und wenn an diesem Glückstag Pandora ihn geliebt hat, dann hat er das Antlitz der Erde erneuert.
Möglicherweise ist die Wissenschaft die Menge aller Brotschaften, die hinsichtlich sämtlicher Übersetzungsstrategien eine optimale Invarianz zeigen. Wo dieses Maximum nicht erreicht wird, handelt es sich danach um andere Bereiche der Kultur. Deduktive, induktive… Systeme besitzen die größte Stabilität bei Verschiebungen aller Art; unterhalb dieser Schwelle bleiben die Produktionssysteme, die Reproduktions-systeme…, sie variieren je nach ihrer spezifischen Differenz. Tatsächlich ist ihre Differenz nichts anderes als die Variation. Deshalb ist es aufschlussreich, die Operation des Übersetzens zu untersuchen. Es geht nicht um eine abstrakte Definition, es geht darum, diese Operation möglichst umfassend und in den unterschiedlichsten Gebieten zum Funktionieren zu bringen: innerhalb des kanonischen Wissens und seiner Geschichte, entlang der Beziehungen zwischen der Enzyklopädie und den Philosophien, in den schönen Künsten und in den Texten, die von der Ausbeutung der Arbeit sprechen. Es geht nicht um Erklärung, es geht um Anwendung.
Die Botschaft hat sich verwandelt. Ein historisches Gesetz bringt die Zustände der Materie zum Ausdruck, ein bestimmter Umgang mit Form und Farbe kündet von der industriellen Revolution. Unterschiedliche Versionen. An der Grenze zum Verrat verkündet jemand, der ein politisches Wort sagt, am Ende ein religiöses Kerygma, und einer Gruppe, die an der Macht ist, gelingt es, die optimal stabilen Botschaften, die Wissenschaft, in solche Bahnen zu lenken, dass sie den Tod produzieren: Thanatokratie.

Quelle: Übersetzung von Michel Serres

Hermes

Sie mied die Gesellschaft der Unsterblichen und lebte ruhig in einer Höhle am Berg Kylene in Arkadien. Trotzdem erblickte Zeus sie und verliebte sich in sie. „Tief in der Nacht, wenn die weißarmige Hera im süßen Schlummer lag, teilt er mit der reichgelockten Maia das Lager, ungesehen von Göttern und Menschen“.Und als die Zeit erfüllt war, kam sie nieder und gebar einen Sohn, schlau und gerissen, einen Räuber, einen Kuhtreiber, einen Traumbringer, einen Wächter in der Nacht, einen Dieb an den Toren, einen, der bald wundersame Taten vollbringen sollte unter den Göttern Hermes.

Hermes war schlau und unternehmend. Noch am Tage seiner Geburt zog es ihn aus der Höhle, in der Maia ihn zur Welt gebracht hatte, in die weite Welt. Und schon am Ausgang der Höhle lieferte er eine Probe seiner raschen Auffassungsgabe und der Schnelligkeit, mit der er seine Gedanken in die Tat umsetzte. Dort stolperte er nämlich über eine Bergschildkröte, die sich am grünen Gras labte. Sofort hatte er eine Idee. Er weidete sie aus, überzog den Panzer mit einem Kuhfell und spannte Saiten aus Ziegen- oder Kuhdarm darüber. So erfand er die Leier oder Lyra, das erste aller Saiteninstrumente. Er schenkte Apoll seine Leier. Der war begeistert von dem Musikinstrument und fortan Hermes´ bester Freund. Vor Freude überließ er diesem sogar seine Rinder und weihte ihn in die Kunst des Weissagens ein. Noch vor Sonnenuntergang seines ersten Lebenstages zog Hermes als einer der zwölf wichtigen Götter auf dem Olymp ein.
Dort wurde er aufgrund seiner Qualifikationen als umsichtiger Täuscher und guter Diplomat zur wichtigsten Stütze seines Vaters. Immer wieder war er ihm als Liebesboote und Kuppler bei seinen erotischen Eskapaden zu Diensten, und er wurde zum Götterboten und Reisediplomaten in allen möglichen olympischen Angelegenheiten. Auch übernahm er die Aufgabe, die Menschen bei ihren Reisen zu führen und die Seelen der Toten in die Unterwelt zu geleiten. Unermüdlich war er unterwegs, mit seinem Heroldsstab in der Hand und mit Flügeln an Helm und Schuhen, da er es stets eilig hatte. Zeus revanchierte sich für seine treuen Dienste, indem er ihm zu einer Liebesnacht mit seiner Halbschwester Aphrodite verhalf, die er schon lange anbetete: In der Gestalt eines Adlers stahl er eine der goldenen Sandalen der Liebesgöttin, die sie vor dem Bade abgestreift hatte, und brachte sie seinem Sohn. Der gab sie seiner Halbschwester erst wieder, als sie seinem Begehren nachgab. Aus der Vereinigung von Hermes mit Aphrodite ging Hermaphroditos hervor, der Hermaphrodit, der Mann und Frau zugleich war.

Hermes war, der als ununterbrochen umherziehender Götterbote Schutzpatron aller Wanderer und vor allem aller wandernden Händler. An jedem Kreuzweg stand als Wegweiser eine „Herme“, anfangs ein einfacher Steinhaufen, der als Wegmarkierung diente, später eine viereckige Säule, die häufig mit dem Kopf des Hermes geschmückt war.

Quelle: Mythen, 50 Klassiker, Hildesheim, 2002 (gekürzte Fassung)

Bretagne
Sommer 2005

1. Reisetag: Donnerstag, 28.07.2005
Rheinberg – Frankreich (Frongreisch)

Nach etlichen Staus in Deutschland bis zur belgischen Grenze und Baustellen in Belgien komme ich gut voran.
Über die außergewöhnliche Architektur der beiden Brücken von Le Havre, die mich beängstigt haben.
Ich halte mich eher etwas links statt rechts der Fahrbahn und fahre, weil es mir mulmig wird, nach links und schaue auf den Asphalt und nicht auf den gähnenden blick des Flusses, der Seeschiffen Einlass ins Inland bieten wird.
So gegen 16 Uhr bin ich schon in Caen – also fast in der Bretagne – meine ich.
Aber der Rest zieht sich hin, da man sich nur auf Landstraßen bewegt.
Ich erreiche Willi auf dem Handy nicht.

So um 19:45 Uhr bin ich in Roscoff, stelle mich auf Hotelsuche eine, Zelten ist wohl nicht mehr möglich.
Wolkenbrüche vom Himmel, das Wasser steht auf den Straßen knöcheltief, dann wieder ganz kurze Sonnenabschnitte.
Handy klingelt!: Willi: Wo bist du?: In Roscoff!
Also wieder zurück Richtung Ploescat: An den Markthallen treffen wir uns. Noch 2 km zum Ferienhaus.
Antje brät gerade großflächige Frikadellen dazu gibt’s Salat und Vorspeise.
Danke, herrlich; dazu Kronenburg-Bier aus der Schraubflasche, kalt!
Also 3-Sterne heute.

Früh ins Bett, bin kaputt, nach 1080 km Autobahn, Ortschaften und Landstraßen.

2. Tag: Freitag, 29.07.2005

Antje erklärt mir einige sehenswürdige Touren mit Ziel Morlaix: Eine schöne Kleinstadt französischen Stils mit Universität, Viadukt und vielen Liegeplätzen, Schiffwracks am ausgedehnten Hafen, die einer näheren „Inspektion“ bedürfen.

Leider zum größten Teil schon ausgeräumt, leider. Viermal werde ich von Wolkenbrüchen durchnässt.
Abends gibt es reichlich Fisch von „Le Clerc“ auf dem Grill.
Antje kocht gern und vortrefflich: Binnen unglaublicher Kürze liegt etwas auf dem Teller mit Vorspeise, Saucen und Salat und es schmeckt ausgezeichnet.

Wir sitzen draußen, der Himmel ist blau, die letzten Sonnenstrahlen treffen uns beim Abendessen.

3. Tag: Samstag, 30.07.2005

Der Tag glänzt im Morgenlicht. Ich verabschiede mich bis Sonntagfrüh.

Das Hotel „Le Triton à Roscoff“ ist zu beziehen, und es versteckt sich in einer Seitenstraße von Roscoff. Sehr ruhig, ich blicke auf ein Artischockenfeld und den Kirchturm, der hier in der Bretagne eine gewisse architektonische Offenheit und Transparenz offeriert.
Die Schreie von Möwen lassen mich einschlafen.

Der Hafen und die Suche nach Schäkeln rufen mich.
Das Wasser hat einen Tidenhub von zurzeit ca. 8,40m. Der Hafen läuft bei Ebbe leer.
Ca. 100 Kleinstboote und Segeljachten liegen auf der „Backe“ oder sind aufgeständert.
Ein Gewirr von Tampen durchzieht den Hafen.
Fündig geworden nach Schäkeln und Ketten durchlaufe ich den gerade trocken gewordenen Hafen ohne nasse Füße.

Dies ist ein Motiv und ggf. die Notwendigkeit, ein Amphibium zu werden.

Die Bar „Albatros“ neben Hotel Bellevue mit Hafenblick und Sonnenuntergang ist empfehlenswert.
Hier trifft sich die kleine besitzende Szene von Roscoff.
Der Ort ist aufgrund der Fährverbindung auch ein englischer Ort – man spricht auch n den Kneipen etwas Englisch – vorteilhaft.
Es gibt am Hafen Fisch+Chips mit Essig, „Moules+Frites“ und anderes grausiges Fastfood.
Die Restaurants bemühen sich für VIEL GELD diesen Sonderwünschen der Engländer entgegenzukommen.
Ich entschließe mich für das Abendessen von „Le Clerc“, der Supermarktkette:
Pasteten, Tomaten, Baguettes und Cidre….
und bin rundum zufrieden – und werde es auch in den nächsten Tagen so praktizieren.

Zum Zelten ist es zurzeit ungeeignet, da das Wetter sich nicht hält – überwiegend bedeckt, mal Sonne, mal Regen.
Es ist halt atlantisch.
Willy beschreibt das Wetter hier im Sommer 2005 mit der Note vier minus (4-):
„Es gleicht dem Oktoberwetter von 2004.“
Also abwarten oder in den Süden fahren, sollte ich z.B. quer durch France?
Mir fehlt das „Mediterrane“, das offensichtlich die Nord-Bretagne nicht vermitteln kann?

An einem Grundstück in der Bretagne hier am Ort bin ich also nicht interessiert!

4. Tag: Sonntag, 31.07.2005

Wir haben uns in Port Morgueriéc, Nähe Siborell, auf dem Weg von und nach Roscoff um 11:00 Uhr zur gemeinsamen Wanderung um den Fjord herum, ca. 4 Stunden Laufzeit, verabredet.
Lange Sandstrände sind zu passieren, Überquerung der Prile – Antje riskiert und legt vor – allerdings mit den Wassersandalen, und die zaghaften Männer folgen ihr.

Der ausgezeichnete Wanderweg ist abwechslungsreich, zeitweise sieht man renovierte alte bretonische Immobilien, die man vor ca. zehn Jahren hätte kaufen und renovieren müssen.
Nun im Preis unerschwinglich!

Nach der Ankunft in Port M. laufen am späten Nachmittag immer noch Leute über den kostenpflichtigen Flohmarkt. Doch dies karikiert den verschlafenen Ort, der durchaus regionalen Hafen-Charme entgegensetzen kann.

Ein wenig Sonne am späten Nachmittag rötet die Wangen, zwei Bier im Albatros in Roscoff und drei große Kettenglieder zum Aufbereiten sind die Beute des heutigen Tages.

5. Tag: Montag, 01.08.2005

Über Morlaix an der grünen Regionalstrecke nach Dourduff, einem verlassenen Ort, der Austern züchtet, ein paar Boote am Strand, hier öffnet sich der Fjord.
Wind kommt auf, es duftet nach Austern und Krebsen, wo man Schalen am Strand als Relikte in großen Haufen finden kann.

Ein wunderschöner Alt-Schäkel wurde mir zurückgelassen – wie aufgebahrt – für
Pedro E. M.
Danke!

Über Plouezoch, am Tumulus Barnenez vorbei nach Terenez, einem Segel- und Surferparadies.
Habe den letzten freien Parkplatz belegen können.
Ein schöner Ort mit viel Bewegung;
Die Bucht ist berauschend – man sagt im Reiseführer: Malerisch.
Da muss ich noch mal hin.
Und überhaupt hat diese Gegend aufgrund der Vegetation, ihrer hügeligen Morphologie auch Einladendes.
Diben als Gegenort auf der anderen Seite der Bucht von Primel-Trégastel umfasst ebenfalls eine wunderschöne Bucht mit gestrandeten Fischerbooten – weit im Innern liegend, auf einer Wiese.
Betreten verboten! –
Trégastel, ein Sandstrand, überlaufen.
Nichts wie weg.

6. Tag: Dienstag, 02.08.2005

Westwärts Richtung Finestère, zunächst nach Santec.
Dort steht ein riesiger Leuchtturm auf einer Halbinsel, die von keinem betreten werden darf – so die Verbote!
Es ist eine Heilanstalt, aber für wen?

Ein Camping-Platz unweit entfernt davon – laut und eng, bietet auch Mobilheime und Bungalows an für unerschwingliche Preise.
„Saison rouge“: 430,- € pro Woche für das kleinste Mobilheim. Zelte stehen ganz dicht beieinander!
Dort will ich nicht hin!
Das Wetter ist immer noch unsicher.
Viele kleine Strände mit wenig Leuten.
Die Region kann sehr schön sein, wenn man eine Unterkunft oder einen Mietvertrag in einem Ferienhaus, oder ein Feld hat, um Charlotten zu ernten oder Artischocken schneiden kann oder einfach in der Lage ist, Urlaubszeit und Ferien zu machen.

7. Tag: Mittwoch, 03.08.2005

Der obligatorische morgendliche Gang in den Fährhafen von Roscoff ist immer aufregend und bringt zumindest ein gediegenes Fundstück an den Tag. Mal ein Kettenglied, was entrostet und geteilt werden muss, mal ein Teil aus dem Netzgeschirr für dessen Aufbereitung ich Stunden des Schleifens benötige. Und dieses Herausschälen der verkrusteten Rostoberfläche ist nichts anderes als Entspannung und Erholung.
Heute zwei große Eisenglieder gerettet, die ineinanderpassen! An einem Such- und Findeort, der mir neu ist: In den Abstandsreifen zwischen Kaimauer und Schiff, die allerdings ausgedient nunmehr und im Hafengebiet verteilt sind.
Dreimal fündig geworden!

Der neben dem Port Bloscon gelegene Plage mit Sandstrand und Wasser ist ein ausgezeichneter Ort, den Stahl zu reinigen. Losgeschlagen vom Rost und mit Salzwasser gewaschen verfärbt sich die Oberfläche bläulich-violett.
Die Nacht im Hotel dient der Feinarbeit.
Von der Ferne Richtung Osten entdecke ich weiße leere Strände, die nur der Gemeinde St. Pol de Leon zuzuordnen sind. Aber wie kommt man dorthin? Nicht immer einfach in Frankreich. Da die Zuwege kaum beschildert und oft nicht als Plage gekennzeichnet sind.
Aber Suchen und Finden, dies ist originäre Aufgabe eines „Geographen und Entdeckers“.
St. Pol de Leon scheint eine „Provinzhauptstadt“ der Region zu sein: Granitkirchen von Plätzen umgeben, Geschäfte, Restaurants, Straßencafés, Boulangerien en masse.
Und wo sind die attraktiven Strände? Man wird in die Irre geleitet, doch einem Geographen macht man nichts vor. Der findet sein Ziel.

Zwei lange Stege zum Wasser. Der eine für Segel- und Surfbegeisterte, der andere für Strandbesucher und Sonnenhungrige mit kleinem Park zur Erholung.
Nur die attraktiven Strandlokale fehlen so wie in Roscoff. Ansonsten ein schöner Ort mit viel Atmosphäre, der Ort des massenhaften Einkaufs durch den Supermarkt „Le Clerc“ und „Lidl“ ist gesichert.
Der Abend beschert mir im Museumscafé und –garten in Roscoff unter Palmen ein gut gefülltes Glas Calvados und Kronenbourg bis die Sonne untergeht.
Ein gewisser Herr „Monsieur Hulot“ war mit weit ausladender Pfeife hier. Den Kopf giraffenartig – wie im Film nach vorn gestreckt. Er stellt sich in Positur, ohne einen Platz in der Kneipe aufzusuchen, ca. 1 Stunde lang, gelangweilt, vor der Abendsonne kokettierend. Vielleicht ein pathologischer Fall oder vom Film engagiert, aber echt französisch oder englisch? Er hat eine ähnliche Weste an wie ich und spricht sehr kommunikativ – allerdings mit sich selbst!
Haben wir etwas gemeinsam?
Außerdem gibt es eine Exposition …? Ich will hiervon keine Kenntnis nehmen:
Auch die Kunst will mal Ruhe haben. Kann ich mir das leisten?

Der Garten der Kneipe ist wunderschön, einige Palmen und rote Stauden, die Sonne steht noch auf 45 Grad und wird mich bestimmt noch eine Stunde erfreuen.
Die Stühle sind bequem aus Holz und Plastik, das Bier ist kalt, drei gekaufte Schäkel bei der Cooparitive Roscoff im Sack.
Der Urlaub hat begonnen:

Erstens kann ich wieder schreiben,
zweitens kann ich lange auf einem Stuhl sitzen.
Drittens, der Himmel ist blau.
Viertens, gibt es gleich Crevetten und Terrinne Fourisier und Gurkensalat und eine vom französischen General-Cuisine-Chef der Region nicht genehmigte Kombination!
Doch egal. Die Restaurants sind unverhältnismäßig teuer bei sehr bescheidener Leistung.
Das muss ich mir nicht antun!

Meine Aqua-Schuhe sind bequem und weit, ein guter „Lidl“-Kauf!
Vor mir in dem paradiesischen Garten ein kleiner, nur wimmernder drei Monate alter Zeitgenosse, der sich gegenüber der schweigenden, völlig uninteressierten  Großmutter, die ständig raucht, nur mühsam äußern kann: Apokalypse – Die verkorksten Blagen sind nicht besser als ihre Eltern.

Evi und Lucy in der Luft, hoffentlich erlebnisreich.

8. Tag: Donnerstag, 04.08.2005

Die Halbinsel Perharidi auf der gegenüberliegenden Bucht von Roscoff verrät lange Sandstrände, die an einem Wanderweg liegen sollen. Die Bucht ist bei Ebbe überquerbar, ca. 1,5 km z.B. für Thalassotherapierbare, Muschelsucher und Sonstige.
Noch im Alltagsstress haste ich vom Parkplatz um die Halbinsel. Doch stellt sich nur minutenweise Urlaubsgewöhnung ein, die mir Ruhe beschert, einfach Urlaubsruhe, die normalerweise erst nach sieben Tagen bei mir einsetzt – also gerade jetzt zum rechten Zeitpunkt.
Job und Kunst sind vergessen und allerlei „Zipperlein“.
Ich werde durch das Gekreische der Möwen, die Ruhe, die Kommunikationslosigkeit und die Selbstgespräche in den Kosmos gezogen. Der Geruch vom schlüpfrigen grün-braunen Meerestang und die glattgeschliffenen Kiesel vermitteln andere Zeiträume.
Ich komme nur zur Spitze der Halbinsel und sehe eine riesige Sandbucht, ca. 1 km lang, mit ca. 10 kleinen vertauten Booten, jedoch ohne Menschen. Ich habe überhaupt nur ca. 10 Leute auf dem 2,2 km langen Sandabschnitt zählen können.
Ist dies ein verlassener Kontinent? Bin ich Robinson oder Freitag?

Abends bei Willi und Antje – unser letztes Treffen in Plouescat – zum Abendessen mit in Folie gewickeltem Fisch und zwei Vorspeisen.
Antje kocht, brät, richtet das Essen und deshalb gibt es heute zwei „Sterne“ von mir und von der Touristikagentur Roscoff, unterschrieben und abgezeichnet von mir und einem „Anderen“.

9. Tag: Freitag, 05.08.2005

Obwohl das Barometer ständig steigt, ein Regentag, es fieselt und es ist warm.

Richtung Plage Brignogan – Richtung Westen
Ein Ort, der viele Strände hat, jedoch keine Ausstrahlung, kein Leben am Meer aufweist wie z.B. Roscoff.
Das kurzzeitige Tief schwächt mich physisch ungemein, zurück nach Roscoff und kurz danach klart der Himmel auf im Fährhafen von Bloscon – meinem Lieblingsort.
Die Fährschiffe legen an und ab, ein Riesenschauspiel, nicht nur für mich.
Die Beobachtungsfaszination der anderen erlaubt mir konzentriert Objekte abzubauen und sicherzustellen.

Bin ich ein Taschendieb, ein Eisendieb, oder ein Schäkeldieb?

Nie war ich so erfolgreich wie heute!

10. Tag: Samstag, 06.08.2005

Heute wollte ich abreisen, habe aber um eine Woche verlängert. Sollte umziehen, musste aber nicht.
Das französische „Petit Dejeuner“ hier im Hotel ist nicht „petit“, sondern „grand“, zwei Croissants, zweimal Baguettes, etliche Marmeladen, große Kanne Kaffe und Milch, dies reicht bis zum Nachmittag, zumal ich mir ein zusätzliches Croissant vom Frühstück einstecke.

Heute möchte ich den ganzen Weg der Halbinsel Perharidi umrunden, also nach Pouldu zum Parkplatz an der Westseite entlang, ein zwei Kilometer weißer Strand ohne Menschen, ich bin allein, manchmal richtet sich so ein Gefühl in der Strandregion von Unheimlichkeit ein, darf man hier sein, ist es erwünscht oder eher unerwünscht oder gar gefährlich, hier zu sein?

Ich komme an einer Vielzahl von riesigen Stränden vorbei, an denen ich insgesamt höchstens zwanzig Leute gesehen habe.
Ich umrunde das „Hospital der Querschnittsgelähmten“, nebenan das wunderschöne Haus unter Kiefern – unbewohnt und verlassen, mit Schwimmbad, einer Bootsgarage mit Zugang zum Meer.
Und weiter zu einer Kleinst-Insel, die ich sofort adoptiert habe, ca. 1000-1500m2 groß. Ein Felsen und wenig Strand, nur bei Ebbe begehbar, natürlich ohne Trinkwasser und Strom.
Eigentlich ein wenig zu klein, aber was bleibt einem übrig, wenn man im öffentlichen Dienst ist.
Nach einer Stunde einfach im Sand liegen und einschlafen, während eine Touristengruppe in der Ferne mit Netzen und Spaten und Eimern sich mir in geräumiger Entfernung nähert.
Sollen die letzten Pfahlmuscheln der Saison heute geerntet werden?
So viele Menschen, ca. 30 habe ich hier an dieser Stelle noch nie wahrgenommen.

Heute abend gibt es Crevetten gekocht und Salat (Gurken und Tomaten) plus frisches, warmes Baguette; was kann leckerer sein?
Und eine Flasche Cidre.

11. Tag: Sonntag, 07.08.2005

So sehr ich Stille liebe, sie hat auch etwas Unheimliches und liegt in der Differenz zum „kommunikativen Rauschen“ (M. Serres), eben so sehr fühle ich mich wohl, äußerst wohl bei einem gewissen Geräuschpegel menschlicher Laute, auch in anderen Sprachen und Dialekten, auch musikalischer Art, auch in Form von Gestammel.
Vielleicht wie beim Gekreische der Möwen, der bellenden Hunde, dem Gezwitscher der Vögel, die sich im System durch „Laute“ erkennbar machen.

Auch die in den Medien entwickelte Bühne der Selbstdarstellung scheint diesem Grundtrieb der Erkennens und Wiedererkennens zu folgen, nur Gestammel.
Sie greift zurück auf die Vorinstinkte, auch „dunkler mythologischer Art“, um kommunikabel zu sein.

Eine Sünde im Zeitalter der so genannten Aufklärung und im Lande der Aufklärung, in Frankreich:
Die Bretonen und -innen sind freundlich und gut genährt und wie die Besucher es nennen – mit einem „Stiernacken“ angefüttert, aus dem auch Spiele für Volksfeste erwachsen sind:
Z.B. sich mit einem Tuch um den „Stiernacken“ im Gegensatz zu zwei Teilnehmern zu aktivieren, die die Mitspieler jenseits der abgezeichneten Linie oder des Spielfeldes zu Fall bringen, so wie es bei Sumokämpfern im fernen Osten der Fall ist.

Das wichtigste in den Häusern von Bretonen ist ein großer Tisch und möglichst viele klappbare Stühle, um alle Verwandten stetig um sich Platz zu geben, um den vergangenen Tag mit „reichlich Cidre zu begießen“.
Nichts von „Individualisierung“, hier „steht man zusammen“ und baut die Häuser zusammen, kooperativ als Gemeinschafts-projekt.
Handwerker von außerhalb haben hier keine Chance!
Hier gilt bäuerliches, maritimes, soziales  Gemeinschaftswesen, das zunächst sich selbst ernährt, immer unabhängig geblieben ist –auch durch gepflegte Sprache, ein eigenes Volk m.E. der „Kelten“, das sich selbstständig in der Bretagne gehalten hat.

12. Tag: Montag, 08.08.2005

1.    Ile de Batz
2.    Lost my camera
3.    Periharidy

Die Ile de Batz ist dem Hafen von Roscoff vorgelagert, ca. 4km lang und ca. 1000m breit, hat einen kommerziellen Hafen, etliche kleine Bistros, zwei Hotels, wenige, aber sehr schöne Privatzimmer und Appartments. Der Leuchtturm ist der höchste dieser Region. Er steht auf der höchsten Erhebung der kleinen sehr fruchtbaren Insel, die intensiv landwirtschaftlich genutzt wird.
Zur Zeit werden die langen kräftigen Möhren beregnet. Die Felder sind mit hohen Büschen umgeben. Die kleine Insel hat Süßwasser, sogar Teiche an der tiefsten Stelle, die nicht ins Meer ablaufen.
Die Nordküste ist rauer und windig. Kleine Häuser durch Hecken umrankt mit vielen Blumenrabatten z.B. Hortensien.
Ein Platz in einem kleinen Bistro zur Mittagszeit zu bekommen ist schwierig, schließlich am Hafen vor dem An- und Ablegeplatz. Die Platznahme zum Essen wird mir nicht erlaubt, da ich – so scheint es – allein bin.
Ein „Pression“ erhalte ich trotzdem – etwas rummelig um die Mittagszeit.
Habe einige Fotos gemacht von Steinen, Hafen und Booten, aber leider meine Kamera in dem Gewusel liegengelassen.
Ein herber Verlust.

Da noch eine zweite verfügbar ist, komme ich wohl doch mit Bildern zurück.
Nach einer schönen Wanderung von ca. 2-3 Stunden auf der Ile de Batz entschließe ich mich nach Periharidy zu fahren, um mich ganzkörperhaft zu sonnen und den Schäkel mit dem Hammer zu entrosten.
Dazu benötige ich, um niemanden zu stören, rechts und links von mir ca. 200-300 m Platz am Strand, doch das ist hier in der Bretagne immer möglich.
Ein sonniger Tag, das Wasser ist mittelmeerartig warm, ein sog. Golfstrom sorgt dafür.
Auch im Winter wird es hier nie kalt, sagt man, Temperaturen unter Null sind äußerst selten, jedoch wird es stürmisch, sagt man.

-    Ein ganzer Tag im Hafen Bloscon!
-    Und ein freundlicher Wirt, der mir einen exorbitanten Whiskey kredenzt und
-    Fundstücke (kleine)

13. Tag: Dienstag, 09.08.2005

1.    Carantec: schöner Strand
2.    Santec
3.    Fischroulade zum Probieren im Bistro Le Part

Der gleich nächste Ort ist St. Pol-de-Leon und eine Bucht entfernt östlich zum Badeort Carantec, wunderschön gelegen, grün mit vielen Einzelvillen und Stichstraßen.

Absichtlich verkehrlich behindert, um Ruhe im Ort zu haben.

Der Campingplatz ist ausgebucht, die Strände sind sauber und beeindruckend.
Der Wind ist heute zu mächtig, um sich hier auszuruhen, also lieber nach Santec, von dort ich mit Antje und Willi schon gewandert bin. Der Sand ist warm, das Brackwasser duftet, die Ebbe treibt das Wasser aus dem Fjord.

Abends im Bistro „Le Part“, wo ich des öfteren abends gern sitze. Hier an dieser etwas unruhigen Seite der Kneipe – hier steht die Spülmaschine, die ständig bedient werden muss – sitze ich mit ein paar Bretonen, die sich das „Abendmahl“ bestellen.
Mein Nachbar, ein Fischer, versucht mit mir in Kontakt zu kommen – ich ebenso mit ihm.
Und dann kommt das Essen, Sein Menue. Es sieht so aus wie zwei Frühlingsrollen auf Sahnesauce, es duftet nach Fisch, auch Gemüse ist dabei. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Also gefragt auf Deutsch: Was ist das? Verstehe natürlich nix, Speisekarte vom Ober, Nr. 36. Alles klar!

Werde ich bestellen, morgen!

Mein Fischernachbar reicht mir mit seiner Gabel eine gehörige Portion zur Probe, die ich gern annehme.
Womit habe ich dieses Vertrauen erreicht?
Wir verabschieden uns freundlich durch Schulterklopfen.
(Im Vertrauen möchte ich bemerken, dass ich kein französisches Wort in diesen Tagen gelernt habe, ich rede in meiner Sprache mit entsprechenden Gesten und erwarte nichts anderes auf der anderen Seite. Mein Gott, wie gut das geht.
Doch wie ist es bei den Chinesen, die andere Gesten beherrschen?)

14. Tag: Mittwoch, 10.08.2005

1.    Ein ganzer Tag in Bloscon
2.    Freundlicher Wirt in Bellevue
3.    Fundstücke (kleine)

Der kommerzielle Hafen von Bloscon – Roscoff ist ein immer lohnendes Ziel für einen Hafenfanatiker.
Ich schaue mir die zerfurchten, langhaarigen, gelockten, exaltierten, überwiegend übergewichtigen – auch fetten englischen Frauen an, sowie den feinen Strandsand, der hier gerüttelt feinsandig auch durch einen Salzstreuer gelaufen scheint.

Jede Menge Großfangboote, die mehrere Lastwagen pro Tag füllen können: Makrelen, Sardinen, Hummer, Muscheln, Barsche, Plattfische und Katzenhaie.
Der Tag ist sonnig, am besten sitzt man abends im „Bellevue“.
Der Wirt schenkt mir einen „Whiskey Aberlour“ ein, einfach so!
Probieren Sie mal!

Der Tag war auch durch Aufspüren von kleinen Fundstücken erfolgreich:
„Ich finde ja immer etwas!“

Am Abend wird gefeilt und geschliffen, erholsam wie bei einer gelenkten und verordneten Therapie.

Ich bedanke mich bei dem Tag, ein schöner Moment, hier zu sein!

Dies war ein Schub von Erholung!

15. Tag: Donnerstag, 11.08.2005

Das „Blaue“ des Morgenhimmels will sich nicht so recht präsentieren, doch es scheint – wie die letzten Tage – sich anzubahnen, nach zwanzig Minuten: Ein Nebel und ein Sonnenschein, der im Nebel über den Häusern, sich langsam sichtet.
Diese Wettersituation ist schon aufregend.
So heißt die Küste hier die „Côte de Legendes“, so lässt es sich vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt auch Geschichten haben entstehen können vor ca. 2000/3000 Jahren, als die Mythen entstanden sind.

Ein Gang, wie immer durch den kommerziellen Hafen, Fischerboote, die irische Fähre aber am Ufer.
Sie startet um 23:30 Uhr.
Der Nachmittag bei Cleden, für zwei Stunden am Strand gelegen und geschlafen; Felsen und Sand bei kleinen Nebelwolken- und fetzen – fantastisch.

Der Strand ist voller geworden, jedoch wird er sich nie füllen können.
Und dann gibt es etwas Neues von „LeClerc“:
Kleine Hühnerflügelchen für 2,50 Euro, schweineteuer und Salat Macedonia, den ich mit Gurken verfeinere, schweinelecker im Hotelgarten, den ich mit lauwarmem Bier genieße.

Der Tag ist gerettet.

Im Hotel Belleveau, Bar nebenan, treffe ich meinen „Freund“, den Wirt, der mir den Whiskey „Aberlour“ kredenzt – „strong in alcohol, but mild in the taste“.
Am Hafen in meiner Stammkneipe werde ich obwohl ich dort nie viel Geld lasse – durch Dinnermeal so ca. 50-70 €, gern begrüßt mit Handschlag, nur ich als Zugereisten, sonst niemand, was habe ich angestellt?
Auch muss ich nicht mehr sofort zahlen wie alle anderen Touristen, sondern nach mehreren Bestellungen auf meine Angaben hin.
Ein Vertrauensbeweis? Sollte ich Bretone werden wollen? Oder bin ich schon einer?

P.S. So gegen 21/21:30 Uhr ist es heute kalt geworden. Ich setze mich in die „Bar Bellevue“, vor dem Fenster ein Postkartenblick, wie er schöner nicht sein kann.
Die Fähre aus Plymouth ist am Horizont zu erkennen, etliche Fischerboote im weitläufigen Hafen, die Abendsonne streichelt die Masten und Leuchttürme, und mich selbst.
16. Tag: Freitag, 12.08.2005

1.    Ein Tag in Bloscon
2.    Ein Tag in Roscoff
3.    Ein Fototag…
4.    So viele Boote

Die Fähre geht um 16:30 Uhr los. Also um 11:00 Uhr „quiet still“.
Der Container von Altmaterial bietet für mich Nahrung zum Schleifen und Feilen, nichts ist erholsamer als dies.
Auch der Gang durch den leergelaufenen Hafen ist ein Erlebnis.
Die Sonne spiegelt das Lebensende von gewaltigen Krebsen und sonstigem Getier, das die schnell einsetzende Ebbe nicht hat berechnen können.
Natürlich stellt sich hier bei diesem Tidenhub die Frage, wie oft und wie lange hier das Ende zu beklagen bzw. welche Eonen erforderlich waren, um aus dem Meeresgetier ein Amphibium und später Säugetiere und Vögel der Evolution zu schaffen.

Hier kann man sich nur als Amphibium, wie alle Bretonen, die im Meeresschlamm nach Muscheln und Schnecken graben, begreifen.

Doch dies bedarf einer „akademischen Betrachtung“ von Evolution wie philosophischen Einordnung dieses außergewöhnlich starken, überlebensfähigen Volksstammes der „Kelten“, die auch in Galizien und Britannien sich durch ausgezeichnete Fähigkeiten haben behaupten können.
Der Stiernacken und ihre Beziehung zum Meer könnten ein Beispiel einer Selektion sein.
Am Meer, am Gestade, am Ufer, auch an der kleinsten Gräfte haben wir das Bewusstsein am Element der Freude, der Faszination gefangen zu sein, auch in die ungesicherten Häfen und den unsicheren Deichen, es treibt uns ans Ufer, ans Ufer der „Glückseligen“, z.B. zur „Ankunft in Kythera“, und zugleich ins Verderbnis.

Zigtausende von Bengalen wissen, dass ihre Landschaft mehrmals im Jahr untergeht, genauso wie die amphibischen Einwohner von Venedig, die das Wasser lieben, die Füße beim „Aqua Alta“ gern baden und keine Änderungen von fünf holländischen Wasseringenieuren wünschen:
Die Stadt hochwasserfest zu machen.

Das stetige Wasser beherrscht und beflügelt die himmlische und amphibische Stadt, und sie ist zugleich ein Beispiel für Poesie, Kunst und Musik:

Ein irdisches Paradies, wie diese mythische Küste des Legenden-Lands der Kelten – im nordwestlichen Teil der Bretagne.

17. Reisetag: Samstag, 13.08.2005

Der Samstag hat so begonnen, wie der Anfang in Roscoff:
Bedeckter Himmel und ein kleiner Regenschauer, warm ca. 22°C, ein Gang zum Hafen, der Container, den ich abräumen wollte, ist abgeräumt.
Der Hafen ist leer. Ein Trauerbild für den Jäger und Sammler. Es gibt nur noch das Eisenteil am Fischernetz abzuschneiden, was mir ohne Beobachter innerhalb von 20 Sekunden gelingt.
Abends kann man wieder outside sitzen in „Le Port Garde“ und „Bistro le Port“.

18. Tag: Sonntag, 14.08.2005

Die Rückreise zieht sich hin. Allein um aus der Bretagne rauszukommen, benötigt man ca. vier Stunden bei einer Reisegeschwindigkeit von ca. 100km/Stunde.

Die Riesenbrücke von Nantes über die Seine war für mich eine Katastrophe sowie Le Havre, nicht noch einmal, ich hatte schweißnasse Hände und Achseln: nur auf die Fahrbahn schauen, auf den Asphalt, nicht in den Abgrund:

Diagnose – „Brückenphobie“.

Ich glaube, Willy empfindet Ähnliches, doch nicht so dramatisch, wie ich.
Nach sechs Stunden habe ich 600 km auf freier Strecke durch eher langweilige Naturbilder.
Auch das „Mediterrane“ stellt sich noch nicht so richtig ein.
Das kleine Hotel „Logis de France“, „Les Platanes“, war meine exzellente Recherche mit dem „Geographenauge“, wenn man nicht vorgebucht hat!
Kurz vor dem Reiseziel sich nicht durch Flussblick ablenken lassen, und so sieht das gewöhnliche Straßendorf aus, langweilig.

Restaurant in „Les Platanes“ hat ausgerechnet am Sonntag geschlossen. Warum am Sonntag und nicht am Dienstag?
Um 18 Uhr macht der Wirt Schluss! Und trotzdem sitzt man hier gut unter den Platanen und Kastanien.
Nach Blaye noch 14 km, heute nicht mehr.
Das Dorf lädt zum Durchrasen ein, ein Bäcker, zwei schlecht geführte Kneipen.
Anruf von Frau M. aus E., Presse des Unimagazins, die einen Artikel über die neuen Studiengänge schreiben möchte.
Ferner Frau Benedikte Winterstein.

Morgen geht es an die Gironde und an die Dordogne. So mein Plan.
Mal schauen, ob alles so stimmt, wie es Ines und Christoph oft erzählen?

19. Tag: Montag, 15.08.2005

Ich fange diesmal von hinten an, von der Himbeertorte im Restaurant „Fouillade“ in Argentat „Logis de France“ empfohlen, am kleinen Marktplatz nicht weit vom „Hotel de ville“ entfernt, man hat den ganzen Tag Sonne an diesem Platz und in diesem kleinen Ort (3100 habitants), der U-Super und Aldi (!) beherbergt, einige sehr schöne begehrenswerte Restaurants hat und an der Dordogne liegt. An dem Viadukt gibt es Stauungen, wegen der schönen Aussicht. Eine französische Stadt mit allerlei Infrastruktur und ein wenig Tourismus, erholsam!
Also… die Himbeertorte auf Biscuitboden an Himbeermousse und englischer Creme (=Vanillecreme), ein Gedicht. Zuvor ein in Calvados flambierter Fasan mit Apfelspalten und Rosmarinkartoffeln, und davor eine rotfleische große Forelle à la Menieur (also von der Frau des Müllers) in Sahnesauce, herrlich!
Ein Aperitif vorneweg und eine passierte Gemüsesuppe vom Chef gratis dazu!
Der Wein war extraklasse: ein fruchtiger weißer mit wenig Alkohol: „Colombech“ oder so ähnlich. Ich werde versuchen, ihn morgen hier zu erhalten.
Das Essen war – im Vergleich mit der Bretagne – äußerst preisgünstig, und dabei um Klassen besser.
Hier zeigt sich die europäische Kultur, die ja hier in Frankreich – in Lascaux – begonnen hat, damals gut gemalt, aber sehr wahrscheinlich nicht gekocht oder gegrillt: „Das Rohe und das Gekochte“, Kulturunterschiede (Claude Levi-Strauss).
Neben mir sitzen sechs Kinder und zwei Männer ohne genervte Mütter, verhalten sich ruhig, lärmen nicht, heulen nicht, haben im Kindergartenalter schon Manieren und gehorchen den Vätern.
Hier will man also noch erziehen und zwar mit Erfolg!

Der Morgen begann in Blaye an der Gironde – ein weiter Fjord mit einer modrigen braunen Brühe. Schwimmen kann man hier nicht.
Der Ort verbreitet Ruhe und französische Lebensart, kaum Touristen.
Die Zitadelle – unter Ludwig XIV. erbaut unter dem regionalen Landesfürsten Vauban – ist sehenswert.
Sie gleicht einer kleinen Stadt , wie Mont St. Michel mit Straßencafés, Kneipen und einem Zitadellenhotel vernetzt mit „Logis de France“.
Das wäre etwas für die beiden Verliebten aus Rheinberg – mit Blick auf die andere Seite der Gironde jenseits der Schlammbrühe auf die feinen sauberen Sandstrände, z.B. Arcachon.
Der Blick von der Zitadelle ist berauschend weit und damit vom historischen Überblick militärisch äußerst sinnvoll.
Durch die Chateaus von Bourg, zur Blaye usw. erhält man den Eindruck, warum ein Bordeaux-Blick soviel Wein-Resonanz in Europa gefunden hat.
Ein renovierbedürftiges Gemäuer, ein bestgepflegtes Schlösslein mit den umliegenden Weinbergen ergibt eine „Domaine“ mit Blick auf die verschlammte Gironde.
Hier könnte mein Grab liegen.
Hinzu kommen die exaltierten Farben der gepflanzten Blumen, die die gediegene Gepflegtheit der Orte und auch den Stolz der Region offerieren.

20. Tag: Dienstag, 16.08.2005

Blaye an der Gironde ist eine ruhiger französischer Ort mit kleinem Hafen, der Getreide und Fährtouristen auf die schönere andere Seite der Gironde befördert.

Zum Atlantik hin mit vielen exorbitanten Sandstränden,  zum Beispiel nach Arcachon und Lacanau sind es nur wenige Kilometer.
Der Weg auf Landstraßen Richtung Bordeaux führt an den sog. Chateaus vorbei, Weinbergen mit gepflegten offenen und verschlossenen geheimen Gemäuern.
Hügelige Landschaft; Blumen und Wein, gepflegte Dörfer, hier lässt es sich leben in Bordeaux bei Bordeaux.
Ich nutze die Nebenstrecke nicht die Autobahn und sehe wesentlich mehr als bei der schlichten Autofahrt auf schneller Strecke.
Ich peile die Dordogne an:
Tulle und die Anglerkneipe und Restaurant Morped an einem Stausee der Dordogne.
Ich versuche das von Ines und Christoph beschriebene französische Paradies in Frankreich zu erreichen.
Die Landschaft ist leicht hügelig, voralpin, piemontesisch.
Kleine Täler ohne erkennbare Flussläufe oder Gräften sind erkennbar bis Argentat, die die Dordogne als trägen ruhenden Fluss mit Seerosen am Ufer erkennen lässt.

Zweimal „Logis de France“, einmal am Markt, der mit Bäumen umwachsen ist aber kein Parkplatz fürs Auto bietet und zweihundert Meter weiter ein gut geführtes Hotel mit Zimmer für eine Nacht mit Pool, Garage, Terrasse und hervorragender Speisekarte.
Doch der Weg führt mich zum Zentrum und dem Menü für 23 Euro mit Truite de Menieur à la Creme [siehe oben].

21. Tag: Mittwoch, 17.08.2005

Die Dordogne vermittelt durch niedrige Hügel, die weit geschwungenen Täler, kleinen Weiler einen ruhigen und harmonischen Landschaftscharakter. Die Flüsse haben kaum Gefälle – durch die Staustufen verursacht – und ruhen inmitten von Seerosen.

Motive für Cézanne und Monet.

Diese beiden Kollegen können mich heute leider nicht begleiten, obwohl sie mir lieb an diesem Tag wären!
Die Fachwerkhäuser von Argentat spiegeln sich in der Abendsonne und dem klaren Wasser exakt wie ein Negativ im Wasser der Wünsche.

Zurück am nächsten Tag nach Tulle, zur kaum befahrenen Autobahn und nach gut zwei Stunden bin ich vor den Toren von Lyon.
Immer habe ich den kürzeren Weg durch die Innenstadt, durch den grässlichen Tunnel gewählt, der unattraktiv an der Strecke zu den schönen Orten Turnus und Macon vorbei führt. Diesmal in einem großen Autobahnbogen um Lyon herum – ich habe noch Urlaubs-Zeit – nach Bourg-en-Bresse, der Provinzhauptstadt im Jura an der Schweizer Grenze, die nahezu leer ist mit Blick auf die Voralpen.
Eine wunderschöne Landschaft, nur diese Strecke werde ich demnächst nur noch fahren mit der großen Autobahntafel von drei grasenden und pickenden Hühnern, den blaufüßigen Bressehühnern.
Dies soll die Sensation der Gegend sein.
Ein eher banaler Hinweis, denkt der vorbeifahrende Mobilist.
Ich fahre noch ca. eine Stunde, um einen kleinen Ort – Louhans – auf der Höhe von Macon, ca. 20 km von der Autoroute entfernt zu erreichen.
3x Logis de France. Das erste Lokal gewährt mir ein durchaus nicht komfortables Zimmer.

Doch bin ich zur Bescheidenheit im Elternhaus erzogen worden, und Genügsamkeit habe ich bei allen Reisen – auch den Weltreisen – üben und schätzen gelernt.
Doch mit dem Abendessen werde ich auftrumpfen!
Zwei „Logis de France“ habe ich in dem Ort, der über 156 Arkadenhäuser verfügen soll, entdeckt. Doch diese Mühle leider nicht, die empfohlen wird.
Der Ort ist leicht durchschaubar, der gefragte Franzose deutet mir den Weg an – über die Brücke, ein Stück geradeaus und gleich rechts.
Da ist der Fluss abgeleitet und bedient unterschlächtig ein Mühlrad und füllt einen kleinen Teich, der bebadet und mit Kinderbooten beschiffbar ist.
Daneben die Speisekarte, es ist 19:30 Uhr!

„Gibt’s was zu essen?“
Ja, im ersten Stock, ich bin der erste.
Natursteine an der Wand, gleich drei Ober und Innen um mich herum und an meiner Seite.
Es gibt noch einen Aperitif, von mir einen Weinvorschlag der Region und natürlich das „Bressehuhn“ à la Creme.
Was ist das?:
Lichtjahre trennen den Geschmack vom Bressehuhn mit den schlanken Lauffüßen und preußisch blauer Färbung der Füße vom Grillhuhn deutscher oder niederländischer Prägung.

Das Fleisch ist eine Köstlichkeit, fest wie junges Kalbfleisch, überhaupt nicht vergleichbar mit den Angeboten der Grill- und Frittenbuden.
Fazit: Das „Bressehuhn“ ist die kulinarische Elegance auf dem Teller.

Die Vorspeise ein Meeresfrüchtesalat. Genau das können die Franzosenköche – hervorragend arrangiert – mit Grünlippmuscheln, Kaisergranat und einem großen Gamba und Tintenfischringen.
Danach war ich eigentlich satt.
Doch das Bressehuhn folgt – wie beschrieben.
Creme Brulé als Nachspeise mit Vanille und Orangenschale präsentiert unter der flambierten, karamellisierten Kruste.

Eine Offenbarung.

Den Käse verweigere ich – wie immer, leider.

Die Mühle klappert weiter ruhig am Bach mit englischen Gästen, die als „High Chaparel“ den Ort als komplette Familie okkupieren.
Der Papa im nicht gebügelten Poloshirt, die Damen fein gekleidet mit ausgewählten Accessoires.
Ich spekuliere:
Er zählt zu den zahllosen schottischen Rinderzüchtern. Sie, die schöne Frau, hat ihm die geborenen Kinder und Enkel zur Welt geschenkt.
Daneben der bereits ergraute Schwiegersohn, der unbedingt dem Schwiegervater zuhören muss, und die ihm „die schönste Rapunzel“ der Familie versprochen hat: „Lass dein Haar herunter… ich werde dich küssen und dir ein Kind schenken: und so benimmt man sich in der schönen Mühle, dem System entsprechend, allerdings leise!
Auch die Schotten – mutmaßlich – haben in diesen Gemäuern  Manieren!

22. Tag: Donnerstag, 18.08.2005
Ziel: Louhans – Bad Krotzingen

Das Frühstück in Louhans ist französisch sparsam aber mit selbstgemachter Marmelade. Ich fahre zurück zur Autobahn und verlasse sie nach zwei Abfahrten wieder, um das Vallée du Doubs zu durchfahren, Richtung Belfort oder Montelimar, um nach drei bis vier Stunden mein Heimatland zu erreichen.
Die Doubs fließt ebenfalls wie die Dordogne gemächlich ohne Strömung in Mäandern zum Teil begleitet durch Kanäle, die sie selbst nähren und speisen.
Weinfelder entdeckt man nicht mehr im Jura, dafür Mais und Getreide.
Belfort ist ein wunderschöner Ort – am Fluss gelegen mit zahlreichen Brücken und schönen Lokalen am Flussufer.
Solche Orte rutschen einfach weg, bei weiter Reise, wenn man nach Narbonne zum Mittelmeer oder Barcelona möchte.
Belfort ist ein Urlaubsort!
Gibt es hier auch das sog. Bressehuhn?
Sofort würde ich harren und verweilen!

Nach gut zwei Stunden Fahrt an den Vogesen vorbei, bis der Schwarzwald sich ankündigt.
Zwischen Basel und Freiburg eine kleine Rast nach fünf Stunden Fahrt im Gasthof „Zum Adler“ mit Gartenwirtschaft unter einer Kastanie gibt es Unterkunft.
Ein Ankunftsbier und anschließend zum Ort – eine Herzklinik – mit Fußgängerzone mit Gasthöfen, Cafés, Kneipen und Dönerbuden.

Eine Fahrradgegend, eher flach zum Rhein hin und steil zum Schwarzwald hin.

Jan Ullrich übt hier für die Tour de France.
Ich spanne gerade aus, zum Zeitpunkt von meiner Tour de France, ggf. im nächsten Jahr.

Es gibt Wein und Bier zum landesüblichen Preis – der Hälfte der französischen Preise – warum kommt ihr nicht, ihr Franzosen? Wir laden euch ein!
Und neben mir sitzen zwei Jungvermählte, die sich nicht einigen können, ob Fleisch oder Gemüse, Steaks oder Pfifferlinge.
Vier Kilometer von Bad Krotzingen nach Stauffen – wohnen hier nicht Heinzens Eltern? – Fußgängerzone, mehrere Weinläden, kleiner Markt mit Gemüse und Obst, ein bezaubernder Ort, warum bleibt man hier nicht mal ein paar Tage? Unverständlich?

Die Rückfahrt am Nahe-Tal, Moseltal und der Eifel vorbei: noch nie dagewesen! Wie schade.

Nächstes Jahr wieder Frongreisch???
Wie schön ist Frankreich.
Muss ich Evi überreden oder wieder China-Tour?

Peter M. aus R.

Dominikanische Republik
Reisebericht vom 25.03.1991-09.04.1991

Ab 4:45 Uhr ging es los mit einer gelben Tasche, einer blauen Tasche, einer violett-grünen Tasche, einem dunkelblauen Koffer und einem schwarzen Aktenkoffer. Auch zwei Rucksäcke voll gepackt erreichten gegen 7:30 Uhr Schiphol bei klarem blauem Himmel um 3 Grad Celsius.

Die „Ölsardinendose Marke Martinair“, Boeing 767, zweistrahlig, verpackte uns Raum sparend in den Reihen 15 und 16.
Über dem Kanal die Themse aufwärts gegen Westeuropa – Landsend und Westirland und Cork – Richtung Azoren, worüber das allseits bekannte WETTER-HOCH zu liegen kommt, rasten wir im Nordatlantik – diagonal von Nordosten nach Südwesten, kreuzten stillschweigend und abwartend das von Extraterristen besetzte Bermudadreieck, um ja nicht aufzufallen, um daneben und in ihm zu landen
Wo landet die jämmerliche menschliche Seele, wenn sie vom Kosmos verschluckt wird?: Im kosmischen intergalaktischen Magen, der sie beizeiten exkrementieren wird oder in der interstellaren Großhirnrinde, die uns nach dem Genuss des Apfels der Erkenntnis die Scham der bisherigen Unkenntnis und Unschuld offenbart.

Nach 9 Stunden 40 Minuten und 30 Sekunden, nach 7293 Kilometern, nach steifen Knien treten wir – etwas benommen auf den Flughafenasphalt – Palmen, Oleander.
Drei Dominikaner begrüßen uns mit Merengue-Musik. Zehn Minuten zum Hotel, eine Suite für die Grufties und reichlich Platz für W+C mit Balkon.
Hotel am Meer.

Vegetation, Palmen und Palmähnliches; drei „Presidente“ (Bier) und zwei Stunden Wellenrauschen;
Kinder im Wasser: amphibienhaft;
Ein kurzer Gang durch den Ort und danach totenähnlicher Schlaf, zehn Stunden lang.

DIENSTAG: EIN ERDBEBEN
Karibisch-englisches Frühstück mit Ananas, Papaja, Melone, Eiern, Kaffee und Kartoffelbananen.
Beim dritten Schluck Kaffee wackelt die Erdkruste, die Tektonik schunkelt, der Kaffee schwappt auf die Untertasse. Die Konvektionsströme bewegen sich gegen uns. Ein Stampfen und Grollen in der Unterwelt. Wellen im Swimming-Pool.
Wie auf einem Luftkissenboden, ein schwankender Teppich, der in Bewegung kommt, so werden wir überrascht von einem ca. zwanzig Sekunden dauernden Erdbeben.

Noch zwei weitere Nachbeben folgen.

Der saubere Strand zeigt jede Menge von tertiären Erdhebungen: Korallenkalk. Scharfkantig mit deutlich sichtbaren Korallenelementen.

Am Hauptstrand von Sosua können wir unter Palmen Schatten finden. Mit Schnorchel und Flosse sind die kleinen Amphibien – unsere Töchter – in ihrem Element.
Weißer Sand, ein tropischer bewachsener Strand und eine gestrandete Segeljacht.
Ein Füllhorn von verlockenden Angeboten: Ananas, Papaja, Melone, es wird geschält und serviert; ferner Pastelles, Austern, Eis, gekühltes Bier und Langusten. Ein Paradies!

Der Nachmittag ist heiß, doch durch Wind und Schatten am Strand gut zu ertragen.
Die so genannte Strandpromenade besteht aus ca. zweihundert kleinen selbst und gut gezimmerten, farbig gestrichenen Holzbaracken: Vier Stühle und zwei rohgezimmerte schmale Tische: Hier gibt es eisgekühlte Softdrinks und „Presidente“, einheimisches Bier.
Bilderlädchen, Andenken, Ledersandalen, Kassetten, gebratenen Fisch und Bananen. Auch Maniküre und Massage durch ein aufgehängtes Diplom beurkundet.
Kinder spielen an einem aus Holz selbst gebauten, 50×40 cm großen Poolbillard mit farbigen Glasknickern.
Man wird frisiert und gekämmt bei lauter Marengue-Musik.

Wendy steht mit ihren Flossen auf Seeigeln ca. zwanzig Meter vom Ufer entfernt im Wasser. „Mama soll sie retten vor diesen raubtierähnlichen Ungeheuern“.
Drei kurze jämmerliche Schreie und schon eilt der kleine vierzehnjährige Julio zur Hilfe und befreit „Dornröschen“ aus dem Stacheldickicht der Korallenwelt.
Der Lebensretter wird mit einer „Cola“ und dem Ausleihen der Flossen belohnt. Mit Händen und Flossen versucht man sich zu verständigen.
Eine Verabredung für morgen ist geplant.

Wie langweilig ist die Kommunikation, wenn man nicht übertreibt. Das Erdbeben dauerte anstatt zwanzig Sekunden nun mindestens drei Minuten, erklären uns Neckermann-Touristen aus Hamburg. Dreißig Minuten werden es in Hamburg sein:
Cocosmilch, Ananassaft und einheimischer Rum, gut geschüttelt im Shaker, ein süffiger Nektar am lauen karibischen Abend.

MITTWOCH:
Ein Strandtag.
Die Kinder lassen sich Zöpfe binden inklusive Perlen und Silberpapier. Zwei Strandfriseurinnen – schwarz wie die Nacht – beschäftigen sich mit den Häuptern eine Stunde. Über den ausgemachten Preis wird anschließend noch verhandelt. Die gertenlange, schlanke – im achten Monat schwanger – mit rotem Lippenstift, stolz und charmant lässt mein Herz weich werden: Sollten wir ihr 100 Pesos geben, statt der geforderten 65 Pesos?
Ausreichend bewundert werden die karibischen „Festtagsköpfe“, die außerordentlich unpraktisch zu sein scheinen, belohnt:
Kopfwäsche nur zwischen den Zöpfen? Schlafen auf 50-60 Perlen?
Die weibliche Eitelkeit bleibt für mich ein Mysterium.
Die Sonne hat uns allesamt verbrannt, nur klägliches Jammern und Systralsalbe kann uns helfen.

DONNERSTAG:
Nach schmerzvoller Nacht auf einem gegrillten Bratspießrücken ist nur eine bekannte Exkursion möglich:
Puerto Plata.
Ein Nissan-Kleinbus völlig überladen – vorne sitzen wir zu Fünft – rast nach kurzen Stopps in die „wirklich sehenswerte kolonialspanische Stadt“, die uns ein wenig langweilig erscheint. Die Plaza Central ist reichlich bewachsen. Taxistände und Kioske drum herum.
Pablo greift uns auf: „You are my friend, I will show you my shop.“

Eine Kloake mündet in die unschuldige seit Millionen Jahren zivilsationssaubere See. Auf 205m Strandfläche vergnügen sich bei Wind und Wellen 67551 Plastikflaschen –und becher, Sandalen, Puppenarme, und -rümpfe.
Ein Fort aus dem Jahre 1541.

Ein trostloser Hafen fast ohne Schiffe.

Gefischt wird hier nicht.

Der kleine 12-jährige Schuhputzer Marono begleitet uns, führt uns durch die Stadt, seine Schule bekommen wir zu sehen und nach einem langen Fußweg die Talstation des Pico Isabel de Torres (793m) umgeben von einem Nationalpark gleichen Namens.

Die Rückfahrt mit dem blauroten Linienbus ist kaum zu beschreiben.
In den übervollen Bus passen in der Tat noch 5 Leute. Sogar ein Sitzplatz wird uns „Bleichgesichtern“ gewährt.
Wendy sitzt auf dem Schoß einer jungen Mulattin.
Die Lautstärke im Bus ist vergleichbar mit den beiden letzten Abschlussrunden beim Sechstagerennen in Dortmund, Lautstärke 12.
Dreißig Leute schreien aufeinander los, es wird ständig gelacht. Der Anheizer der Gruppe stimmt ein Lied an – der Refrain wird im Bus wiederholt. Die Rumflasche kreist – natürlich auch zum Busfahrer, der ordentlich zulangt. Der Dodgemotor gibt sein Letztes. Ziel der Passagiere ist Sosua. Strand mit Zelt, Schlafmatte, Holzkohle, Tomaten und Kartoffeln.
Der Strand ist ein Jahrmarkt mit kleinen Ständen, die gesottene Hühnerbeine, Suppen, Pasteten, Fische, Bananen, Ananas und Kokosnüsse anbieten. Natürlich nicht ohne Cola, Bier und Marlborogh. Aber wichtiger als dieses ist der hiesige Rum „Brugal“.
Man ist ausgelassen bei Marengue-Musik.

FREITAG:
Ein Nachmittag im Karfreitagsgetümmel am großen Strand Playa Grande. Es wird gekocht, gebraten, gesotten, frittiert, gerührt und garniert für den Tag und den Abend und die Wochenend-Gäste.
Ein Osterhase im grünen Seegras, der zwischen Kokosnuss und Ananas ein weißes Hühnerei legt, ist nach größeren Recherchen leider nicht aufzufinden.

SAMSTAG:
Mit dem Kleinbus nach San Juan (Gri-Gri-Lagune). Für 40 Pesos (5,20 DM) ca. 75km 1 ¼ Stunden gegen Osten.
Hinter Cabarete öffnet sich die Landschaft – Feuchtsavanne – mit einzelnen Bananenstauden und Palmen, Urwaldresten, ein kleiner Fluss ist zu überqueren. Farbig bemalte Holzbaracken rechts und links der gut asphaltierten Straße.
Nach Cerveza, Cola und Jugos bei indianischen Nachfahren – lange gebogene sichelförmige Nase und glatte blauschwarze Haare, ein freundliches Lächeln: Gri-Gri-Lagune, cerca aqui (noch 200m).
Eine artesische Quelle füllt einen kleinen ca. 70×70cm großen See.
Kinder springen ins klare Wasser.
Ein paar Stände, Musik und elf blau-weiß-rote Boote, die je ca. zwanzig Leuten Platz bieten. Der lauschige See ist mit Schatten spendenden Bäumen umgeben.
Vier englisch sprechende Spanier, die sich nach zweimaligem Zuwenden auf Deutsch besser verständigen können, wollen mit uns die Lagune mit dem Boot durchqueren. Das reichlich sprudelnde Quellwasser hat sich eine schmale mit Mangrovenwald bewachsene Rinne gespült, die sich zum Meer hin weit öffnet. Diese salzliebende Pflanze bevorzugt Brackwasser und hält einen übelriechenden Faulschlamm fest, der stinkt.
Der Mangrovenwald gibt nur manchmal Sonnenstrahlen einen Blick frei auf die zahllosen Wurzeln, die von grauschwarzen Krebsen bewohnt werden.
Aus dem Dunkeldickicht – „Sesam öffne dich“ – auf die türkisfarbene See bei leichtem Wellengang.
Einige schlampig gebaute Einbäume neben uns. Nach ca. 300m Anfahrt einer Kalksteinhöhle, die von Fledermäusen bewohnt wird. Sonst nichts Sehenswertes in derselben.
Zurück zur Mangrovenrinne und noch ein Bad am palmenbewachsenen Strand.
Abend im PJ bei karibischer Musik.

SONNTAG:
Nach sonntäglichem Fleezen und dominikanischem Lungern noch ein Gang zu einem uns bis jetzt noch unbekannten Strandflecken.
Die Sonne steht gegen Mittag im Zenit. An den Villen und Landhäusern der reichen Dominikaner vorbei an einen ruhigen Felsstrand. Wendy und Lucy trotten hinter uns her, kein Sandstrand in Sicht.
Ein Dschungelgrundstück beflügelt unsere Phantasie: Ein Landhaus mit breiter Terrasse und Schaukelstühlen.
Auf den luftzufächelnden Palmwedel des Negerboys wollen wir verzichten.
„Ein nicht eingerichteter Strand ohne Buden und Cola“, sagte Lucy, was für eine Enttäuschung.

MONTAG:
Cabarete mit dem Taxi (30 Pesos = 3,90 DM), ein Surfparadies. Evis und Wendys Augen glänzen: ein Segel, ein Brett, eine weite Bucht mit weißem Sand, kleine Lokale und Bars am Strand. Der Wind weht in die Bucht hinein. Was erst beim zweiten Blick zu erkennen ist: auch spezialisierte Fachleute des „Surfsports“.
Hier wird ein gewisses „Understatement“ gepflegt. Hier liegt man nicht „dumm rum“, um sich sonnenzubaden; hier konzentriert man sich auf „Material und Natur und auf den Anschein“.
Hier wird Theater gespielt.
Aus der Surfkleiderkiste quellen neonfarbene besprenkelte, buntscheckige Dessous, die jeden Pfau erblassen lassen. Man schminkt sich mit gelber und roter Sonnencreme, die mit flottem Strich am Auge vorbeiführt, todschick!
Die bunten Bretter und Segel sind fast doppelt so teuer zu mieten wie schlichtweg weiße.
Man beobachtet nicht und nichts und weiß, dass man beobachtet wird.
Die Vorbereitung auf den Wassergang ist gelassen, fast teilnahmslos greift man zur „Astronautenbrille“ in schnittiger Form mit rot-gelb-schwarzem Bänderfirlefanz.
Surfhandschuhe in neonrot und schwarz mit Klettzunge.
Rosa-gelb der Badeslip.
Hier wackeln die Männerpos.
Der Laufsteg des Narzissmus ist breit genug, um in der gezirkelten Manier der Präsentation sich zu bewegen.
Styvesand hat sie trainiert.
Der „Gang zum Material“ – zum Gabelbaum – zeugt von spezialisierter Professionalität. So werden innerhalb von einer halben Stunde drei Gabelbäume und fünf Segel getestet.

Zwischendurch darf Marion den behaarten Rücken der Surftechnokraten salben.
Ohne gerufen, ohne angeschaut, ohne kurzen Dank, weiß sie, was sie zu tun hat. Am Surfstrand weiß jeder, was er ist und deshalb ist es für einige interessant aber auch tragisch langweilig und trostlos: Surfsport nicht als Sport zu begreifen, sondern als Bühne.

Kompass

DER KOMPASS

Der Kompass, ein seltsames, obskures Instrument, dessen Kräfte im 18. Jahrhundert wahrgenommen wurde, als Befund, aber dessen Erklärung zunächst im Dunkeln blieb.
Er ist nur hinlänglich durch die Naturwissenschaften erklärbar. Dort, am Nordpol, vermutet man magnetisch wirkende Gesteinsmassen, die eine solche Stärke haben, dass sie an Punkten der Welt gemessen werden können. Eine Kraft, die energetisch über Tausende von Kilometern Eisenkräfte anzieht.
Das „Unerklärbare“ des Kompasses von magnetischen Kräften diente zunächst der Schifffahrt zur Orientierung auf orientierungslosen Weiten auf atlantischen und pazifischen Horizonten, ebenso den Wegsuchenden in menschenleerer Natur, die neben Sonnenstand und Wind – als Orientierungsmuster – den Standort, ihre Position erhalten wollten.
Der Kompass wirkt wie das nach 54 Tagen Seefahrt in die „Neue Welt“ von Christopher Columbus, als am Bug des Schiffes eine Seeschwalbe sich ausruhte und damit gleichzeitig verkündete:
LAND ist in erreichbarer Nähe und nicht mehr in hoffnungsloser Weite.

Von Orientierungslosen in Wüsten werden ebenfalls seltsame Erscheinungen berichtet.

Dem Suchenden in der „Unübersichtlichkeit der Gesellschaft“ wird der KOMPASS meines Erachtens keine Hilfe geben, es sei denn, dass die Bezeichnung im gesellschaftlichen Kontext Ernsthaftigkeit und Verantwortung als Metapher findet.
Dafür gibt es Hinweise.
Jedoch lässt sich feststellen, dass sich solidarisches und gemeinschaftliches Handeln in einer unübersichtlichen Gesellschaft auflöst, was den Hinweis gibt, dass die Funktion eines Kompasses obsolet ist.

So scheint die Metapher durchaus ihre Wirkung auf sog. „Individuen“ eine weitaus größere gesellschaftliche Relevanz zu haben, als die naturwissenschaftliche Erkenntnis zur Orientierung auf Land und auf dem Wasser.

Freiheit

Freiheit

Doch die Freiheit war so groß, dass ich alle Maßstäbe verlor. Ich hatte die Freiheit nicht gewonnen, ich war verurteilt zu dieser Freiheit, es war nur noch eine einzige Wahrnehmung da, die Wahrnehmung des Urübels, des Ausgesetztseins, der Verlassenheit. Niemand fragte nach mir, niemand erwartete etwas von mir, niemand schalt mich, drohte mir, niemand wollte von meiner Herkunft und von meinen Plänen wissen, man ließ mich unbehelligt in meinem Korb und sprach über mich hinweg, mit Worten, die ich nicht begriff, ich lag mitten im Mahlstrom, des Sprechens, des Gehens nicht fähig, mein Leben war nutzlos, ich hatte nicht einmal etwas verloren, weil ich nie etwas besessen hatte, ich konnte keine Wunden, keine Narben aufweisen, weil ich an keinem Kampf teilgenommen hatte, ich hatte nichts zu berichten, weil mir nichts widerfahren war, ich war nur ein Säugling, zu früh von der Mutterbrust genommen und abgesetzt an einem Straßenrand.

Bis ich mich, an einem Spätnachmittag, wiederfand, unter den Bäumen der Allee auf dem Damm in der Mitte der Seine, und meine Dimensionen zurückgewann. Ich stand still, sah Boote vorbeifahren, sah den Abglanz der gesunkenen Sonne auf der Spitze des Eiffelturms, wusste, wie ich hieß, woher ich kam und wohin ich weiterreisen würde, obgleich ich dort nur ein Provisorium fand, ein Dach über dem Kopf, und dies war kein Umherirren mehr, sondern eine bestimmte Bewegung auf der Erdoberfläche, ich war ansässig in einem Land, ich hatte ein paar Wochen in Paris verbracht, mein Geld war verbraucht, ich würde einmal wieder hierher zurückkehren, Ausstellungen besuchen, Theater- und Filmvorstellungen beiwohnen, vielleicht einmal mit eigenen Arbeiten kommen, vielleicht einmal mit einer Geliebten hierher reisen, Arm in Arm mit ihr hier die Allee entlanggehen, mit ihr in einem der Hotelzimmer wohnen, in denen es eine Sünde war, allein im breiten Bett zu liegen, und die Allee, auf der wir gehen würden, war jetzt schon da, und das Hotelzimmer stand bereit, selbst wenn es noch Jahre bis zu unserm Einzug dauern würde. Was sich an diesem Abend auf dem Seinedamm zeigte, war nicht ein Weg, oder ein Wissen, ich hatte keinen Begriff von diesem Dasein gewonnen, hatte keine Absichten, ich spürte nur die Klarheit der Luft, spürte, wie ich dastand und atmete, und dass ich aus der Umnachtung, in die mich der Schock der Freiheit geworfen hatte, herausgeraten war. Die Freiheit war noch vorhanden, doch ich hatte Boden in ihr gewonnen, sie war keine Leere mehr, in der ich im Alptraum der Anonymität lag und in der alle Bezeichnungen ihren Sinn verloren, es war eine Freiheit, in der ich jedem Ding einen Namen geben konnte. Ich hatte nur den Blickpunkt geändert. Ich hatte noch einmal bis zum Grund die Furcht vor der Selbstständigkeit ausgekostet, ich hatte mich fallen gelassen und alle Ansichten, alle Bestrebungen, die meine Identität ausgemacht hatten, aufgegeben, und jetzt stand ich hier, unter den Bäumen der Allee des Sygnes, und dies war eine einfache Tatsache. Ich stand in der Mitte zwischen den Polen, die es von Anfang an gegeben hatte, dem Pol des Diebs von Bagdad und dem Pol des Tabu, dem Pol des unbändigen Lebens und dem Pol des Vergehens. Die Freiheit war absolut, ich konnte mich darin verlieren und ich konnte mich darin wieder finden, ich konnte alles aufgeben, alle Bestrebungen, alle Zusammengehörigkeit, und ich konnte wieder beginnen zu sprechen. Und die Sprache, die sich jetzt einstellte, war die Sprache, die ich am Anfang meines Lebens gelernt hatte, die natürliche Sprache, die mein Werkzeug war, die nur noch mir selbst gehörte, und mit dem Land, in dem ich aufgewachsen war, nichts mehr zu tun hatte. Diese Sprache war gegenwärtig, wann immer ich wollte und wo immer ich mich befand. Ich konnte in Paris leben oder in Stockholm, in London oder New York, und ich trug die Sprache bei mir, im leichtesten Gepäck. In diesem Augenblick war der Krieg überwunden, und die Jahre der Flucht waren überlebt. Ich konnte sprechen, konnte sagen, was ich sagen wollte, und vielleicht hörte mich jemand zu, vielleicht würden andere zu mir sprechen und ich würde sie verstehen. Alles was geschehen war, lag noch da, doch wir konnten uns darüber äußern, nichts mehr brauchte verborgen zu werden. Und ich konnte mir Papier kaufen, eine Feder, einen Zeichenstift, einen Pinsel, und Bilder entstehen lassen, wann immer und wo immer ich wollte. Und wenn es schwer war, an Wort und an Bilder heranzukommen, so war es nicht deshalb, weil ich nirgends hingehörte, und keine Verständigungs-möglichkeit erkennen konnte, sondern nur deshalb, weil manche Worte und Bilder so tief lagen, dass sie erst lange gesucht, abgetastet und miteinander verglichen werden mussten, ehe sie ein Material hergaben, das sich mitteilen ließ. An diesem Abend, im Frühjahr 1947, auf dem Seinedamm in Paris, im Alter von dreißig Jahren, sah ich, dass ich teilhaben konnte an einem Austausch von Gedanken, der ringsum stattfand, an kein Land gebunden.

Zitiert nach: Peter Weiss
(„Fluchtpunkt“, Suhrkamp)

Erdbeben II

Erdbeben II
(Dominikanische Republik, 25.03.1991-09.04.1991)

Abgesehen von normalen Erschütterungen durch Verkehr, Kohle- und Salzabbau und andere Faktoren ist ein Erdbeben ein erschütterndes, fremdartiges und erhebendes Erlebnis.

Doch ein solcher Schrecken ist es für einen Geowissenschaftler mehr als ein Glücksfall, da man authentischer Zeuge eines Naturereignisses ist, was Gegenstand der Wissenschaft ist.
Dieses Ereignis mitzuerleben, was man ansonsten nur vermittelt durch Medien und Literatur erahnen kann ist, sofern man unverletzt ist, ein Erlebnis erster Ordnung geographischer Phänomene.
In der zweiten Sekunde des Gurgelns und Grollens tief unter unseren Füßen hatte ich die Umstände erfasst, als das kleine Meerwasserschwimmbecken gegenüber dem Frühstücksplatz, wo gerade der ca. 60-jährige „Eierbräter“ auf einem Schemel sitzend unsere Bestellung aufnahm:
„Revueltos con cibollas“, die Butter war gerade in der Pfanne auf dem Holzkohlefeuer ausgeschmolzen, als sich das  Pflaster unter uns bewegte.
Das Wasserbecken neben uns kippte die Fluten aus dem Beckenrand.
Die Palmen neben uns gerieten in Schwingung, die Zäune wackelten.

Die Hotelanlage geriet ins Taumeln, ächzte gehörig, die Stockwerke schwankten zwischen dem zweiten und dritten Stock, ohne einzustürzen.

Die Risse im Mauerwerk waren jedoch bedenklich.

Unwillkürlich habe ich meine Familie in eine mutmaßlich einsturzfreie Region gezogen und nach dreißig Sekunden war alles vorbei.

Gott sei Dank!

Einige Frauen heulten bitterlich.
Erschrecken in der Frühstücksgemeinschaft.

Nun wollte es einem nicht mehr schmecken.

Die Wellen türmten sich am Strand ungewöhnlich hoch auf, ohne uns zu berühren.
In den nachfolgenden Nächten gab es Nachbeben.
Wir zählten morgens die Risse im Mauerwerk des solide gebauten Hotels in Sosua.
Am nächsten Tag verrieten die Nachrichten, etliche Verletzte habe es gegeben, Tote waren nicht zu beklagen.

Erdbeben I

Erdbeben I
(Dominikanische Republik, Sosua, 1998, 9:34 Uhr)

Es war Frühstückszeit im Hotel ‚Sosua Paradeis’ und wir waren etwas spät.

Gefrühstückt wurde auf einer mit Palmwedeln überdachten kleinen Veranda neben dem Swimming-Pool.
Ein paar Schritte weiter begann der feinkörnige ockerfarbene Sand, der zur Brandung führte.
Unser Hotel hatte vier Stockwerke und stand neben einem freundlichen größeren mit sechs Etagen.
Kaffee und Kakao waren gerade bestellt, als ein kreischendes Knirschen aus der Tiefe des Bodens uns aufschreckte – so wie ein riesiger Korkenzieher, der sich durch eine Korkeiche dreht, zu hören war.
Dabei geriet der Frühstückstisch ins Wanken, Tassen verschütteten den Inhalt, es schepperten die Gläser, Untertassen wanderten über den Tisch.
Die Stühle bewegten sich unter uns.

Die Palmwedel über uns überschlugen sich, wie bei starkem Wind, ein Krächzen der Betonarmierung am Hotel ließ uns zur Seite fliehen.

Zunächst Totenstille:
Für zwei bis drei Sekunden.
Und Bewegungsstille, dann grelle Aufschreie, Kindergeschrei und Dynamik.

Das gleiche Beben mit höherer Heftigkeit noch einmal, der Schwimming-Pool schüttet seinen Inhalt aus.

Tränen, Schreie und Stimmengewusel.

Der Frühstücks-Eierbräter, ein älterer Mann des Hotels, hatte seinen Schemel nach hinten geworfen und stand aufrecht mit der brutzelnden Pfanne in der einen Hand und dem Pfannenbesteck in der anderen Hand im Freien mit erschrockener Miene.

Paare umarmen sich hilfesuchend schluchzend.

Kinder kreischten.

Das Wasser im Pool kippte das verbliebene Wasser stetig von rechts nach links.

Risse im Mauerwerk des Hotels Paradies.

Das tropische Buffet hat zu diesem Zeitpunkt seine Verzauberung verloren.

Wir verzeichneten die Stärke des Bebens: 5,3.
Die Wogen am Strand türmten sich auf, aber ohne uns zu berühren.

Die Unterlegscheibe

Die Unterlegscheibe gleicht die stoßenden, stampfenden, maschinellen Kräfte aus und relativiert sie.

Sie hat in der Regel nach Gebrauch, dem sie ausgesetzt ist, gehörige Schleif- und Nutzspuren, die Rückschlüsse erlauben.

Die Unterlegscheibe ist ein Attribut des Schrauben- und Muttern-Ensembles. Sie unterstützt die Kräfte des verzehrenden Prozesses der Halterung, um die Lösung der widerstrebenden Kräfte zu verhindern.
Ferner ist die Unterlegscheibe eine exzellente Werkzeugerfindung, um Kräfte abzufedern, sie neu zu verteilen, um Halterung zu garantieren.
Eine Werkzeugidee, die in ihrer Funktion völlig unterbewertet wurde und einer angemessenen Wertung bedarf.

Die Unterlegscheibe wird in ihrer Funktion als kulturelle Erfindung nicht hinreichend bewertet und wahrgenommen. Allein die Wahrnehmung physikalisch bewegender Motorkräfte zeigen m.E. ein gewisses Interesse an der überzeugenden Werkzeugidee, jedoch ihre überragende Funktion bleibt unberücksichtigt.

Die ingenieurwissenschaftliche Funktion der Unterlegscheibe erfüllt in ihrer Bedeutung die Unentbehrlichkeit eines Attributs im Kontext des Ensembles.
Schrauben und Muttern geben Halt bei divergierenden Kräften.
Die Unterlegscheibe charakterisiert die Sicherheit der Fixierung.
Für sich allein ist die Unterlegscheibe als Phänomen jedoch wertlos und unbedeutend, nur im Sinne bewegender Kräfte entfaltet sie ihre attributive Überlegenheit in Kooperation und Kommunikation von Schrauben und Muttern und gehört somit zum „Werkzeugganzen“ des Ensembles.

Israel

Israel

Warum habe ich bisher keine Zeile, keine Notiz über diese mythologisch bedeutenden, theologisch maßgebenden Orte oder über dieses Land Israel geschrieben, was zumindest einer kurzen knappen Wertschätzung bedurft hätte.
Warum habe ich unbedeutenden Regionen Platz gegeben, die meiner Schreibaktivität durchaus nicht bedurft hätten?

Ich habe nur eine plausible Erklärung für die drei mich zutiefst beeindruckenden Reisen nach Israel (1968-1993-1998), ins „gelobte Land“ und der „europäischen Herzkammer“ auf nahöstlichem Grund, die dieses Defizit erklären könnte.
Diese theologischen Angelpunkte, die in Jerusalem, in Bethlehem und Genezareth, am Toten Meer und in Masada und an anderen biblischen Orten im Heiligen Land zu sehen sind, sinnstiftend für die Grundlagen von europäischen Werten und zugleich ein blutiges Schlachtfeld von religiösen, territorialen, politischen und auch fundamentalistischen Argumenten sind, haben mich überwältigt, mich sprachlos gemacht.

Das plausible Argument meiner Nichtäußerung lautet: „Überwältigung“, Überwältigung der Sprach- und Werte- erzeugenden Eindrücke am Ort.

Hier lasten das Gewicht des europäischen „Nabels“ und die Bedeutung der Region, die keine europäische ist.

Vielleicht bedürfen die religiösen Orte Israels, die die bedeutendsten Sätze und Gedanken der Menschheit erzeugt und geschaffen haben keiner Beschreibung von Sätzen und Orten, da diese vor ihrer Großartigkeit ihrer selbst nur belanglos sein können.

Traum

Traum

Was macht der Geist, das Bewusstsein, wenn er/es mit sich selbst beschäftigt ist?
Die Formen der mehr oder weniger thematisch orientierten Bildvarianten ähneln unwillkürlichen Folgen von Träumen, denen man in der Nacht nicht entrinnen kann:
Diese seltsame und unerklärliche Form von Wahrnehmungsmustern und Erinnerung, die unglaubliche Rätsel aufwirft.

Warum gibt es diametral – nicht passende Bilder – zusammengefasst im Traum als Handlungssequenzen, vorgeführte Kon-sequenzen, die uns erschaudern oder beglücken wollen.

Und warum tun sie das unwillkürlich?
Warum und in welcher Weise und in welcher Form läuft die Konstruktion von Bildern und insbesondere für das Individuum fatalen Bildfolgen, die den aufmerksamen „Traum-Rettenden“ ggf. beunruhigen?
Welche Daten und Erlebnisse, die die eigenen sind, werden miteinander verknüpft, die man vorher – nie gesehen – integrieren muss? Andere Daten sind für den „Schlafenden“ völlig unverständlich, wie der Traum als Phänomen insgesamt auch.
Der Traum ist ein Mysterium, wie dessen Inhalte – und deren Erklärung und Interpretation auch – ein weißer unerklärbarer Fleck.
Was fördert z.B. die fatalen Traumbildfolgen, was regt sie an im Schlafzustand und warum treten sie episodisch auf und verschwinden über Monate und Jahre, um auf einmal wieder aufzutauchen?
Der Traum bespiegelt Absonderlichkeiten zwischen Realität und Fiktion.
Warum kann er dies? Warum beflügelt er uns? Warum bereichert er uns?
Der Verlauf der Träume ist unablässig, nicht beeinflussbar und wenig interpretierbar, deren Glücksmomente sind bescheiden und mysteriös.
Träume scheinen unheimlich und bedrückend, auch kreativ und forschend angelegt und erfüllen damit ggf. einen individuellen Zweck von Lebensgeschichte.
Was ist Inhalt dieser Träume?
Sind es unbewältigte Übergänge von Lebensabschnitten, die unbedeutend waren?

Solche scheinen sich zu wiederholen.
Auch Bewegungen und Bedeutung im Traum scheinen sich zu potenzieren: Man tritt als Held auf und gewinnt die Schlacht oder geht zugrunde: Man gewinnt nicht die Geschwindigkeit des Laufens und verliert sich im Schweiß des Aufwachens?
Woraus besteht der Schweiß des Aufwachens: aus einem sog. fingierten Traum, der durchaus Daten der erlebten Welt und den zusammengefügten Daten der Fiktion? Oder aus der realistischen Welt unseres Bewusstseins?
Nichts scheint unbekannt zu sein, jedoch die Verfügung der Inhalte bleibt problematisch.

Was übrig bleibt, ist eher ein Schema eines Bildes oder von Bildfolgen, deren Konsequenzen die persönliche Geschichte nur schwer entziffern können.

Zirkel, Dreieck, Winkelmesser

Ein Dokument einer Tätigkeit und eines biographischen Zeitablaufs: Die Geschichte von W. O. Blank, geb. 8.3.1889 in Schönberg/Allenstein, Vermessungsingenieur, der Regionen mit Zirkel, Dreieck und Winkelmesser vermessen hat, aber dessen Biographie sich auflöste, sich verlor und verschwand, bevor er den Traum, der ihn fesselte, träumen konnte, den Zirkelkreis so groß über die Welt zu schlagen, dass er den Zirkel nicht mehr bewegen konnte:
Die Passage nach Buenos Aires.
Folgende Dokumente sind erhalten:
Ein Zirkel, ein Dreieck, ein Winkelmesser und eine Vermißtenmeldung vom 13.10.1914.

Peter Maschke, 1995
Außengelände Thermalbad, Klein Vink, Arcen/NL und Mühlenturm Geldern, ART 95

Aphorismen
zum Kunstplatz Uckendorf

Dialektik von Natur und Technik

Konstruktion und Dekonstruktion:
Naturzerstörung versus Renaturierung als autopoetisches Muster, Konstruktion und Dekonstruktion, nicht als Widerspruch verstanden, sondern als Einheit der Gegensätze .

Semantisch:
Kunstplatz Uckendorf: nicht als banales Harmonieverständnis der Widersprüche zu interpretieren, sondern als inniges Verhältnis der Missverständnisse, als Abbildung zweier unterschiedlicher Sprachen innerhalb desselben Sprachverständnisses. Der Deklination der technischen Begriffe zur Erfassung der stählernen Konstruktion und Verwindungen von technischen Rohrmustern entspricht die Konjugation der natürlichen Jahreszeiten im „ökologischen Park Uckendorf“.

Der Sinn:
Der außerordentliche Sinn des Ortes ergibt sich durch die Konfiguration der Sachverhalte, durch die Pluralität von Sprache und als Einheit der Missverständnisse.

Ästhetisches Vorhaben:
Pluralität und Konfiguration erfordern die Repetition der Eindrücke und des Blicks. Jenseits dessen, was sich fixieren lässt, ist das „Rauschen“ des Ortes – die Überlagerung des Ortes eingefangen in zwei Sinnebenen – .

Ein theatralischer Aspekt:
Parodie oder Drama? Wer ist die Hauptfigur in der ökologisch-technischen Nische? Wer oder was sind zurzeit die Helden oder werden es sein?
Die Einmaligkeit dieses Ortes ist der doppelte Blick auf zwei verschiedene Ufer in zwei unterschiedlichen Sprachen.

W. Turner (1775-1851):
In diese Landschaft schiebt sich William Turners „Westeisenbahn“ (1844), „Regen, Dampf, Geschwindigkeit“ bzw. „Die letzte Fahrt des Kriegsschiffes Temeraire vor der Abwrackung“ (1838). Aus der impressionistischen Konstruktion der Einheit von Himmel und Erde generiert sich die Dekonstruktion der Zeit durch Schnelligkeit, Überlegenheit und Präsentation von Energie im Bauch der Motoren. W. Turner mit dem Reservoir energetischer Kraft in seinen dunklen Maschinen destilliert das Überlegene, auf die kommende Entscheidung.
Das potentielle Reservoir energetischer Kraft – die Tanks am Kunstplatz Uckendorf – vermitteln wie bei W. Turner Suggestion im Bewusstsein im Musterwirrwarr zwischen Natur und Technik.

Material:
Skulpturen, Ständer, Maßstäbe aus Holz; Farbkopien

Siehe auch: Appointment by William Turner and Pedro Enrico Empunct

Schatten

Schatten

Dies ist die Geschichte der Schatten
der Schattenbilder
des Sichtbaren und
des Greifbaren und
der Erzählungen der Geschichte
des Greifbaren und des Sichtbaren.

Und das Greifbare verliert die Begriffe
von dem, was von Bedeutung ist
und löst sich von den Kleidern
und wird sichtbar
und das Sichtbare, welches
nicht greifbar ist,
wird begrifflich und
findet eine Bedeutung
und bekleidet die Schatten
sichtbar
und erzählt die Geschichte
vom Sichtbaren
die begreifbar
aber nicht greifbar ist.

Pygmalion

Pygmalion
Geliebtes Bild

Da sie Pygmalion ihr Leben im Laster verbringen sah, blieb er aus Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat, unvermählt, ein Junggeselle, und lange fehlte auf seinem Lager die Lebensgefährtin.
Währenddessen gelang es ihm, aus schneeweißem Elfenbein mit bewundernswürdiger Kunst ein Bild zu schnitzen und ihm so viel Schönheit zu verleihen, wie die Natur keiner Frau geben kann – und er verliebte sich in sein eigenes Werk. Es ist das leibhaftige Ebenbild einer Jungfrau, man könnte meinen, sie lebe und nur die Sittsamkeit hindere sie daran, sich zu bewegen. So sehr verbarg seine Kunst alles Künstliche! Pygmalion staunt und fängt im Herzen Feuer für die selbst gebildete Schöne. Oftmals berührt er das Kunstwerk mit prüfenden Händen, ob es ein wirklicher Leib oder aus Elfenbein sei – und will sich nicht eingestehen, dass es nur aus Elfenbein ist. Er küsst es und vermeint, wiedergeküsst zu werden, spricht es an, umarmt es und glaubt, den Druck der Finger auf den berührten Gliedern zu bemerken, er sorgt sich sogar, die Glieder könnten, wo er sie drückte, bläuliche Flecken bekommen. Bald überhäuft er sie mit Liebkosungen, bald bringt er ihr Geschenke, wie Mädchen sie lieben, Muscheln, glatte Steinchen, kleine Vögel, Blumen in tausend Farben, Lilien, bunte Bälle und die nach ihrer Baumverwandlung vergossenen Tränen der Sonnentöchter, den Bernstein. Auch schmückt er sie mit Kleidern, steckt ihr Ringe mit Edelgestein an die Finger und legt ihr eine lange Kette um den Hals. Im Ohr trägt sie matt schimmernde Perlen, am Busen ein Brustband. Alles ziert sie, doch nackt erscheint sie nicht weniger schön. Er legt sie auf Purpurdecken aus Sidon, nennt sie Gefährtin seines Lagers und lässt, nicht anders, als ob sie es fühlte, ihren Nacken auf weichen Daunen ruhen.

Das Venusfest, das ganz Zypern feiert, war gekommen. Die krummen Hörner mit Gold überzogen, waren junge Rinder zusammengebrochen, als das Opferbeil ihren schneeweißen Nacken traf. Der Weihrauch dampfte empor. Als Pygmalion sein Opfer dargebracht hatte, trat er an den Altar und betete schüchtern: „Wenn ihr Götter alles zu geben vermögt, so flehe ich, dass meine Gattin“ – er wagte nicht zu sagen: „die Jungfrau aus Elfenbein sei“, und fuhr fort: „der Elfenbeinernen gleiche“.
Die goldene Venus, die selbst zu ihrem Festtag erschienen war, merkte, was es mit jenem Wunsch wirklich auf sich hatte, und als ein Zeichen göttlicher Gnade loderte dreimal die Flamme auf und schlug hoch in die Lüfte.
Kaum heimgekehrt, begibt sich Pygmalion wieder zu seinem geliebten Bild, legt sich neben ihm nieder und küsst es – da scheint es warm zu sein! Er küsst es noch einmal und legt ihm die Hand an die Brust – da wird unter seiner Hand das Elfenbein weich, verliert seine Härte, gibt den Fingern nach und nimmt Eindrücke an, gleich wie Wachs vom Hymettos in der Sonne erweicht, unter dem Druck des Daumens mancherlei Gestalt annimmt und beim Formen immer formbarer wird. Während der Liebende staunt, sich erst zaghaft freut und noch fürchtet, er könne sich täuschen, sucht er sich wieder und wieder mit den Händen zu überzeugen, dass sich sein Wunsch erfüllt hat – und das Bild leibt und lebt! Es pochen dem tastenden Daumen die Adern entgegen! Nun sucht der paphische Künstler seinen Dank an Venus in eine Fülle feierlicher Worte zu fassen und presst seine Lippen endlich auf wirkliche Lippen; das Mädchen fühlt den Kuss, errötet, und während es ängstlich sein lichtes Auge zum Licht erhebt, sieht es zugleich mit dem Himmel seinen Geliebten.
Über die Ehe, die sie gestiftet hat, waltet gnädig die Göttin: Als neunmal die Sichel des Mondes sich zur vollen Scheibe gerundet hatte, brachte jene das Mädchen Paphos zur Welt, von dem die Insel einen ihrer Namen hat.

Ovid: Metamorphosen

Mutmaßungen über eine nicht angetretene Reise

Die Geschichte über Geschichten, die Erzählung über Erzählungen, ein Märchen der Märchen, das sich nicht ereignet hat: „Mutmaßungen über eine nicht angetretene Reise.“
Eine Familiengeschichte vom anderen Ende dieser Welt, von Abenteurern, die ihr Glück gemacht haben auf der „Isla Rosita“ im Paranadelta in Argentinien, von Leuten, die aus der Provinz kamen und deren Reise die „Welt“ bedeutete.
Die, die in der Provinz geblieben waren, aber deren Traum die „Welt“ war, die sie nie gehen hatten, bewunderten diejenigen, die in der „Welt“ wohnten, für die es aber die Provinz war.
Die Geschichte eines Traums, einer Realität an zwei Orten, auf zwei verschiedenen Kontinenten, zeitverschoben, aber dennoch synchron vom anderen Ende dieser Welt.

Gullivers Reisen

FÜNFTES KAPITEL
Der Verfasser erhält die Erlaubnis, die Große Akademie von Lagado zu besichtigen. Ausführliche Beschreibung der Akademie. Die Künste, mit denen sich die Professoren beschäftigen.

Diese Akademie ist kein zusammen-hängendes, einzelnes Gebäude, sondern besteht aus einer Reihe verschiedener Häuser auf beiden Seiten einer Straße, die bei zunehmendem Verfall gekauft und zu diesem Zweck verwandt wurden.
Ich wurde von dem Präsidenten sehr freundlich aufgenommen und ging viele Tage lang zur Akademie. Jedes Zimmer beherbergt einen oder mehrere Projektemacher, und ich glaube, ich bin wohl in nicht weniger als fünfhundert Zimmern gewesen.
Darauf gingen wir in die Fakultät für Sprachen, wo drei Professoren darüber berieten, die Sprache ihres eigenen Landes zu verbessern.
Das erste Projekt bestand darin, die Rede dadurch abzukürzen, dass man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien auslässt, da alle vorstellbaren Dinge in Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien.
Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt, und man machte geltend, dass das außerordentlich gesundheitsfördernd und zeitsparend wäre. Denn es ist klar, dass jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens beiträgt. Es wurde deshalb folgender Ausweg vorgeschlagen: da Wörter nur Bezeichnungen für DINGE sind, sei es zweckdienlicher, wenn alle Menschen die Dinge bei sich führten, die zur Beschreibung der besonderen Angelegenheit, über die sie sich unterhalten wollen, notwendig seien. Und zur großen Bequemlichkeit und zur Erhaltung der Gesundheit der Untertanen hätte diese Erfindung sicherlich Eingang gefunden, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, nach Art ihrer Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Solch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Wissenschaft ist das gemeine Volk! Viele der Gelehrtesten und Weisesten sind jedoch Anhänger des neuen Projekts, sich mittels Dingen zu äußern; das bringt nur die eine Unbequemlichkeit mit sich, dass jemand, dessen Angelegenheiten sehr umfangreich und von verschiedener Art sind, ein entsprechend größeres Bündel von Dingen auf dem Rücken tragen muss, falls er es sich nicht leisten kann, dass ein oder zwei starke Diener ihn begleiten. Ich habe oft gesehen, wie zwei dieser Weisen unter der Last ihrer Bündel fast zusammenbrachen, wie bei uns die Hausierer. Wenn sie sich auf der Straße begegneten, legten sie ihre Lasten nieder, öffnete ihre Säcke und unterhielten sich eine Stunde lang; dann packten sie ihre Utensilien wieder ein, halfen einander, ihre Bürden wieder auf den Rücken zu nehmen, und verabschiedeten sich.
Für kurze Gespräche aber kann man das Zubehör, um sich hinlänglich auszustatten, in den Taschen und unter den Armen tragen, und zu Hause kann man nicht in Verlegenheit kommen. Deshalb ist auch das Zimmer, wo Leute zusammenkommen, die diese Kunst ausüben, voll von allen griffbereit daliegenden Dingen, die erforderlich sind, um Material für diese Art künstliche Unterhaltung zu liefern.
Ein weiterer großer Vorteil, den diese Erfindung haben sollte, war der, dass sie als Universalsprache dienen würde, die man bei allen zivilisierten Nationen verstehen könnte, deren Waren und Gerätschaften im allgemeinen von gleicher Art oder so sehr ähnlich sind, dass man ihren Gebrauch leicht begreifen könnte. Und dementsprechend wären Gesandte dazu befähigt, mit fremden Fürsten oder Staatsministern zu verhandeln, deren Sprache ihnen vollkommen unbekannt ist.

Zitiert nach: Jonathan Swift („Gullivers Reisen)

EOS

EOS
Göttin der Morgenröte

Am Ende jeder Nacht erhebt sich von ihrem Lager im Osten die rosenfingrige und gelbgewandete Eos, Tochter des Titanen Hyperion und der Titanin Theia. Sie besteigt ihren Wagen, der von den Pferden Lamos und Phaethon gezogen wird, und fährt zum Olymp. Dort verkündet sie die Ankunft ihres Bruders Helios. Wenn Helios erscheint, wird sie Hemera und begleitet ihn auf seiner Reise bis sie, als Hespera, ihre gemeinsame Ankunft an den westlichen Küsten des Okeanos verkündet.
Einmal fand Aphrodite Ares im Bette der Eos. Ärgerlich bestrafte sie Eos mit einer ständigen Begierde nach jungen Sterblichen. Heimlich und voller Scham begann Eos die Menschen zu verführen, zuerst Orion, dann Kephalos, dann Kleitos, einen Enkel des Melampos, obwohl sie mit Astraios vom Stamme der Titanen verheiratet war und ihm nicht nur den Nord-, West- und Südwind, sondern auch Phosphoros und, wie manche sagen, alle Sterne des Himmels geboren hatte.
Schließlich entführte Eos Ganymedes und Tithonos, beides Söhne des Tros oder des Ilos. Als Zeus ihr Ganymedes raubte, erbat sie sich für Tithonos Unsterblichkeit. Zeus gewährte ihren Wunsch. Aber sie vergaß, für ihn auch ewige Jugend zu erbitten, ein Vorteil, den Selene für Endymion herausgeschlagen hatte. Tithonos wurde jeden Tag älter und grauer, sein Antlitz wurde runzlig und seine Stimme keifend. Als Eos müde ward, ihn zu pflegen, sperrte sie ihn in ihr Schlafgemach ein, wo er sich in eine Zikade verwandelte.
Die Göttin der Morgenröte war eine hellenische Erfindung.
Von den Mythographen wurde Eos nur widerwillig als eine Titanin der zweiten Generation anerkannt. Ihr zweispänniger Wagen und ihre Ankündigung der Sonne sind eher Allegorien als Mythen. Sie entwickelte sich aus der blutfingrigen indischen Muttergöttin Uschas, und Uschas wird zu Eos.
Eos’ fortwährende Liebesaffären mit jungen Sterblichen sind ebenfalls Allegorien:
Die Morgendämmerung lässt die nächtlichen Leidenschaften der Liebenden wieder aufflammen. Die Allegorie ihrer Ehe mit Astraios besagt, dass die Sterne mit der Morgendämmerung im Osten verschmelzen und Astraios , der Morgenwind, sich erhebt, als wäre er deren Emanation.

Zitiert nach: Robert von Ranke-Graves
(„Griechische Mythologie“, Hamburg 1955)
begraben und geehrt in Deia, im Nordwesten Mallorcas

LandART

LandART
Kunst und Landschaft

- Die Künstler -

15 Jahre Künstlerinitiativen in der Binnenheide Winnekendonk, 15 Jahre ein Platz für Kunst und Präsentation in der Landschaft. Die ästhetische Präsentation in der Fleuthniederung Winnekendonk hat ihre Tradition. 1982 traten in der Landschaft in einem innovativen vom Land geförderten Projekt „Kunst- in der Landschaft“ auf: Claus van Bebber, Rolf Glasmeier, Klaus Küster, Gisela und Peter Schrader-Taschenberger, Hannelore Taschenberger, Mario Reis, Günther Zins und andere inzwischen etablierte Künstler, die auch überregional und international sich einen Namen erworben haben.

Ein Grund zu feiern, zu danken, zu bedenken, sich zu äußern, zu resumieren, sich zu fordern und auch Gäste einzuladen. Dies ist nun geschehen .
Wir haben von der alten ästhetischen Garde Hannelore Taschenberger und den inzwischen international bekannten Künstler Mario Reis gewinnen können, die ihre Objekte bereits 1982 in der Landschaft des Niederrheins an gleicher Stelle inszeniert haben.

Was die Fragestellung der Inszenierung von 1997 angeht, haben wir uns selbst befragt, was er denn ist, der Landschaftsraum – und welcher er für jeden ist.

Die Künstler haben wir befragt und ihre Eitelkeit, ihre Interpretation, ihre Bilder, ihre spezifische Sprache und auch das „Göttliche“, also ein Katalog als Fragestellung und Fragerichtung für uns und auch für die Besucher, unsere Gäste, als ästhetische Liebhaber, die wir herzlich begrüßen wollen.

Und nun das Programm der sichtbaren Ergebnisse:
Man schaut von einem erhöhten Podest gerade dorthin, wo die Geschichte den Anfang genommen hat, an den Fluss, die Niers, die abermals als zartfühlendes Element ästhetisiert wird.

Der Ort hat hier Öffnung als weites ästhetisches Feld ist sinnliches Vergnügen und erweitert den Raum für Kommunikatives, von zufälligen Unterhaltungen über das, was sichtbar aber nicht hörbar ist.

Wässeriges und Flüsse haben die Sedimente geschaffen – unseren Urstoff – den Ton, der als figuratives Element, als expressive Form, als Produkt der Verwitterung uns wieder als Phantasieobjekte begegnen wird. Any Way, der Ton oder Ton von dem Ton, welche Richtung der Wahrnehmung auch immer, dieser Stoff ist sehenswert.

Was es zusätzlich zu sehen gibt, sind Ereignisse und Begebnisse längst verschwundener Zeiten – eine Art Revival – auch Fotographisches von diesem und auch von einem anderen Ort.

Für die Bewegung fehlt der Rat, mit welchem Rad man den Weg bewältigen kann: Mit dem auf zahlreichen kaum erkennbaren Chiffren oder auf gläsernen unsicheren Felgen. Hier ist ein Wagnis geplant.

Ohne Wagnis erscheint ein „Frühstück im Freien“ an der Sitzgarnitur. Ein Risiko? Und es spielt sich ab, wie es sich abspielt – verhängnisvoll !

Ebenso verhängnisvoll ist die Geschichte, dass ein lebender Baum verschwinden soll in einer Tonne – und dies in geschützter Natur. Ein Skandal !

Die Zartheit der Struktur des Objektes wird  nur schwer vor dem Hintergrund zu erkennen sein, vor dem, was die Natur zu dieser Jahreszeit vorschreibt.

Ein kleines Segel verschwindet, gibt aber, wie ein sinnliches Wander- und Richtungszeichen einen Weg an und nur dieser scheint der Richtige zu sein.

Dramatischer ist Animalisches, dass uns in Vorzeiten versetzt und erschaudern lässt.

Landschaften als Wiederkehr der Eindrücke des Jahreslaufs, sind ebenfalls Themen des Projekts in der Landschaft als Blick- und als Zeitrichtung.

Es gibt vergessenes Metallisches, das von Lebendigen verschlungen wird.

Es gibt auseinander gebrochenes Mineralisches, das sich wie Lebendiges zusammenfügt oder es versucht.
Der fluide Fingerabdruck lässt uns ins Lebensmuster der Natur blicken, ein ganz besonderes Ereignis in der Nähe des Flusses.

Die Realisation des neuen Projekts „Kunst in der Landschaft“ ist – so das Konzept – vor dem Hintergrund des Themas unterschiedlich gewünscht und gewollt.

Die Dramaturgie fordert Unterschiedliches vor gleichartiger Szene und so soll es sein.

Der Vorhang auf und alle Fragen offen.

Die höchsten Güter
Jesus Sirach, 39,30-40,20

Überfluss und Verdienst machen das Leben angenehm, doch mehr als beide, einen Schatz zu finden.
Nachkommenschaft und Städtebau geben dem Namen Bestand, doch mehr als beide, Weisheit zu finden.
Viehzucht und Ackerbau lassen den Leib gedeihen, doch mehr als beide eine treue Frau.
Wein und Bier erfreuen das Herz, doch mehr als beide die Freundesliebe.
Flöte und Harfe verschönern das Lied, doch mehr als beide eine reine Stimme.
Anmut und Schönheit entzücken das Auge, doch mehr als beide die Blumen des Feldes.
Freund und Gefährte leiten zur rechten Zeit, doch mehr als beide eine verständige Frau.
Bruder und Helfer nützen in der Zeit der Not, doch mehr als beide eine rettende Liebesgabe.
Gold und Silber stützen den Fluss, doch mehr als beide ein guter Rat.
Reichtum und Macht erheben das Herz, doch mehr als beide die Gottesfurcht.
Hat man Gottesfurcht, so gibt es keine Not, neben ihr braucht man keine Stütze zu suchen;
die Gottesfurcht ist wie ein gesegnetes Paradies, über seine ganze Pracht (breitet sich) ihr schirmendes Dach.

Daedalos

Aus der Werkstatt des Daedalos

Daedalos ist aber keinesweg der einzige, vielleicht nur der letzte große Zauberkünstler.

Daedalos konnte, wie es heißt, das Holz zum Leben erwecken und den Stein aufstehen und wandeln lassen.

Daedalos, der Kunstreiche, schuf auf Kreta das Labyrinth für den Minotaurus. Er gab Ariadne das Garnknäuel, mit dessen Hilfe Theseus aus dem Labyrinth wieder herausfinden konnte, und wurde deshalb von Minos im Labyrinth festgehalten. Um sich zu befreien, fertigte er für sich und seinen Sohn Ikaros Flügel und floh nach Sizilien. Er galt den Griechen als Begründer des Kunsthandwerks und der Großplastik.

Ariadne hatte von Daedalos, als er noch in Kreta lebte, ein magisches Wollknäuel erhalten. Auch hatte er ihr gezeigt, wie sie damit im Labyrinth ein- und ausgehen könne. Sie sollte die Eingangstür öffnen und das Ende des Fadens an den Türstock binden. Dann solle sie das Knäuel langsam abrollen. Es würde beim Weitergehen kleiner werden und schließlich würde sie zu der innersten Kammer des Labyrinths, wo sich Minotaurus befände, kommen. Dieses Wollknäuel gab Ariadne dem Theseus. Sie erklärte ihm, dass er immer weitergehen und dabei den Faden abrollen müsse, bis er zum schlafenden Ungeheuer käme. Dieses müsste er bei den Haaren packen und dem Poseidon opfern. Der Faden würde ihm dann den Rückweg zeigen, wenn er das Knäuel wieder aufrolle.

Die von Ovid bearbeitete Saga machte Daedalos zum Vater des Ikaros, mit dem er, von Minos gefangen gehalten, durch die Luft zu entkommen suchte. Er fertigte dem Sohne Flügel und befestigte sie mit Wachs; dieser aber stürzte, weil er der Sonne zu nah kam, die das Wachs schmolz, in das nach ihm benannte Ikarische Meer.

Daedalos ist der Repräsentant der ältesten griechischen Kunst; sein Name selbst bedeutet Künstler. Der Schauplatz seiner Tätigkeit ist vorzüglich Kreta, wo er den Tanzplatz der Ariadne, das Labyrinth für den Minotaurus und die Kuh schuf. Die dämonische Natur seiner Kunst zeigt sich in den Erzählungen von seinen Statuen, die sich bewegen und ausschreiten konnten.

Eines Tages fand er den Kieferknochen einer Schlange, oder, wie manche sagen, das Rückgrat eines Fisches. Er bemerkte, dass er es zum Schneiden von Holz verwenden könnte; er bildete es in Eisen nach und erfand so die Säge. Diese und andere seiner Erfindungen – wie die Töpferscheibe, der Zirkel, der Kreise zeichnet, und das Segel, mit dem man Meere überwinden kann – brachten ihm in Athen großen Ruhm.

Daedalos konnte, wie es heißt, das Holz zum Leben erwecken und den Stein aufstehen und wandeln lassen; dass er für sich und seinen Sohn Flügel baute, um übers Meer zu fliegen, erscheint der Sage nicht wunderbarer, als dass er sich auf das Schnitzen von Bildwerken und das Entwerfen von Labyrinthen verstand. Er ist aber keineswegs der einzige, vielleicht nur der letzte große Zauberkünstler. Das Motiv, dass dem Ikaros die Flügel schmolzen und er ins Meer stürzte, scheint jedenfalls den symbolischen Sinn zu haben, dass mit Daedalos das Zeitalter der Magier zu Ende ging.

M., Pierre

Pierre M. 21. Juli 1717

Mein geschätzter Freund Antoine,

wie glücklich war ich mit dir gemeinsam in deinem Atelier die Umdeutung der Zeiten in deinem „Embarquement“ mit Farben und Leinwand zu bewegen.
Von dem „Einen“ der uns beherrschte blieb nur eine Erinnerung. Nicht mehr als ein vergessenes Bild.
Sind wir nun die Gestalter unserer selbst und die Anführer unserer Reise, die wir in Sehnsucht erträumt haben?
Wir haben die „Neue Zeit“ leidenschaftlich mit unseren Pinselstrichen beschrieben, mit unseren Farben, die anders sind als die vor „Ihm“ und mit einem Ausdruck einer Stellung von Personen, die uns nun vom Joch befreien und uns pilgern lassen auf die Inseln der Freiheit.
Wir beide kennen die „Neue Zeit“, als Zeit unserer neu entworfenen Bilder, Bilder der „Rechte der Bürger“.
Zur Zeit halte ich mich bei Gerisaint, deinem Kunsthändler in Paris auf und erwarte in Sehnsucht deinen Besuch.

Dein dich schätzender Freund

Pierre M.

Aufstieg

Der Aufstieg

Eine Woche später stiegen Takashi Osaki und Tsuneoh Shigehiro durch eine Rinne der Nordwand, die heute als Japancouloir bezeichnet wird und in das Hornbeincouloir mündet, auf. Sie erreichten am 10. Mai um 16.30 Uhr den Gipfel. Während des Abstiegs waren sie unter schlechten Wetterverhältnissen und ohne Sauerstoffvorrat gezwungen zu biwakieren. Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten sie jedoch Camp V ohne größere Probleme.
Wenig später kehrte auch Reinhold M. mit seinem Bergsteigerfreund Pedro Enrico M., mit dem er in Japan den Fudjiyama, in Afrika den Kilimandscharo und in der Sierra de Cordoba in Argentinien zahlreiche Gipfel unter den härtesten Bedingungen erklommen hatte, zum Everest zurück.
Die Bergsteiger wollten die Gelegenheit nicht verpassen, als Erste durch die Nordwand zu steigen, was die Briten bereits vor dem Krieg erfolglos versucht hatten. Nach einigen Wochen Akklimatisierung stiegen sie ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff im Alleingang vom Basislager zum Zwischenlager auf 6500 m auf, das Zelt trugen sie in ihren Rucksäcken mit sich. Am 18. August machten sie sich in den frühen Morgenstunden in Richtung Nordsattel auf, den sie vier Stunden später trotz eines Sturzes in eine Gletscherspalte erreichten. Von dort stiegen sie weiter auf und biwakierten auf 7800 m. Am nächsten Morgen querten sie die Nordwand des Everest, um das Große Couloir (Nortoncouloir) zu erreichen, die Rinne, in der Norten 1924 bis auf 8500 m aufgestiegen war. Auf 8200 m, links der Rinne, richteten sie sich auf ein weiteres Biwak ein. Schließlich durchstiegen sie am 20. August das Couloir und erreichten den Nordostgrat. Sie wandten sich dann links in Richtung Second Step und gelangten ohne Probleme auf den Gipfel. Es war der erste Alleingang auf den Everest ohne künstlichen Sauerstoff und entlang einer neuen Route. Überraschend ist, dass Pedro Enrico M., je weiter er zum Gipfel kam, den künstlichen Sauerstoff nicht vermisste. Der Aufstieg von ihm beschleunigte sich sogar, er schien seinen Körper – wie er sagte – von den Restsubstanzen der Atmosphäre, dem Radon und anderen Stoffen in Gang zu halten. Seltsam. Ein weiterer Durchbruch für das Bergsteigen im Himalaya. Verwunderlich aber, wenn nicht befremdlich war, dass Reinhold M. nach Abschluss der Expedition behauptete, dass wir statt zu zweit zu dritt den Gipfel erreicht hatten. Allerdings sollte das fotographische Material noch ausgewertet werden.

Amsel, Drossel, Fink und Star

Der DÄDALÄISCHE MYTHOS verrät das Desaster:
Die Federn lösen sich aus dem Wachs, der Flügel ist wohlgeformt und ähnlich dem fliegenden Getier.
Doch das Fiasko steht bevor.
Das revolutionäre in diesem Fall ist, sich vom Boden abzuheben mit Gliedmaßen, die zwar von lebendigem Blut durchflossen aber ohne gewachsene Federn geformt sind:
Der Misserfolg, der sich ankündigt, ist das Unheil des Ikaros.
Das Desaster ist ein Mehrfaches:
• Erstens, der vom Flügel Abgefallene ist eine menschliche Kreatur und kein Vogel;
• zweitens, die erdachte Konstruktion konnte den Kräften der Natur nicht standhalten;
• drittens, die Entgrenzung, die Überschreitung konnte nicht stattfinden;
• viertens und fünftens:
keiner konnte helfen, da in dieser Höhe des mediterranen Äthers menschliche Stimmen, auch HINREISSENDE, nicht wahrgenommen werden und die klagenden Stimmen nicht verstanden werden von denen, die dieses Fiasko bemerkenswert und zugleich AUFDRINGLICH empfanden, nämlich der Götterzunft;
• sechstens, MIMESIS lässt sich nicht simulieren und SIMULATION ist nicht Mimesis;
• Siebtens, achtens, neuntens:
Hintergrund der beiden Flüchtigen durch den kretischen Äther ist die Ungnade des Herrschers von Knossos, des Minos, ein Technikliebhaber seiner Zeit, der sich von den beiden Genannten ein Labyrinth anlegen ließ, in dem sich die Erfinder nach Fertigstellung und Überheblichkeit selbst verirrten.

Nichts weiter also als der „FLÜCHTIGE BLICK“ und Blick der Flüchtigen und die Flüchtigkeit des Technischen.

Der Mythos ist nicht alt, sondern zeitgemäß, kontinuierlich, gewissermaßen auch chronisch und pathologisch.

So pathologisch wie die Behauptung, dass Titanisches unsinkbar sei und die Reaktion der Reaktoren zu jeder Zeit erkennbar seien.
Fliegendes, mimetisch konstruiert bleibe oben im Äther und stürze nicht zu Boden oder ins Wasser.

Die drohende Gebärde ist nicht die Technik, sondern die Behauptung der Sprache, dass die Technik gefahrlos sei. Die Technik kann gefahrlos Behauptungen aufstellen von der Gefahrlosigkeit der Technik. Das Paradoxe ist die Sprache.

Letztendlich ist die Sprache der Behauptungen gefährlich und weniger die Sprache der Technik.
Die Sprache ist gefährlich, die kommunizierenden Schalter im Kopf und nicht die Maschine, die für sich ein autopoetisches System schafft, was grundsätzlich Fragen verursacht.

Die zeitgenössische Werkstatt des Daedalos wird zum Mythos der alten Mythen und zum Scheitern der neuen Mythen.
Unter dem Raster der Vogelperspektive scheinen die Strukturen des Denkens unverändert zu sein:
Auf dem zarten Federkleid des Ikaros liegt der schwere titanische Rumpf, der Bug der TITANIC, in 3.800 Meter Tiefe ohne eine menschliche SEELE.
Hätte Ikaros keine Flügel bewegt, sondern am Boden Rast gemacht wie ein australischer Kiwi, hätte er Energien gespart.

Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte von ENERGIEN und deren Verteilung auf BEWEGUNG.
Die Nachbildung von fliegenden Kreaturen löst die Energieprobleme und ihr Risiko nicht.
Die erste Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh vor ca. 70 Jahren in 33 Stunden verlangte Energie und Risiko.
Gleich neben den Kerosintanks, seinen Energiereserven, lagen seine ebenso wichtigen fünf Schinkenbrote, seine persönlichen Energiereserven für den Flug.
So surfte er über die Weltmeere und landete im Internet: Im World Wide Web, im Netz der Kommunikationen, was er reichlich in Paris genoss.

Werden alle Fragen verstanden, auch auf der anderen Seite der Welt?
Diese ästhetischen Fragen bleiben gleichermaßen immer unbeantwortet!
Die Metapher als Performance ästhetisiert das Missverstandene und den Rest löst der Diskurs und das reicht – vorerst.

Das Desaster bleibt als Risiko pathologisch, als stabile Größe erhalten, doch die Stimmen der Symbole des Mythos lösen die Grammatik nicht auf und das Denken bleibt unbeweglich aber kommunikabel.

Venedig

Venedig

Marco Polo – Kapitän Nemo

Im Jahre 1495, der ersten Biennale in Venedig, treffen sich in der Umkleidekabine des Palais Lussemburgo zwei zu diesem Zeitpunkt sich unbekannte Männer, die irritiert sind, als sie sich, den Ort und die Herausforderung des Ortes sehen, den sie nicht recht deuten können.

Sie geben sich nach einer kurzen Begrüßung im Raum des Kleiderwechsels zu erkennen:

Marco Polo, Abenteurer über Wasser, und Kapitän Nemo, Abenteurer unter Wasser, der dem Menschengeschlecht abgeschworen hat, aber ein großer Sammler und Kunstkenner der Welt über Wasser ist.

Beide sind auf der Suche nach dem ästhetischen Erlebnis, den phantastischen Erfahrungen und der Vision vom Gesamtkunstwerk.

Auf dem Weltgang durch die Kultur in den Giardines werden sie im ägyptischen Palais aufmerksam auf eine bis zu diesem Zeitpunkt verschollene Landkarte eines gewissen P. Tolomäus:
Eine Karte Westindiens über den mutmaßlichen Wohnort eines Künstlers, der in den Sümpfen des Paranadeltas eine Insel bewohnt, unweit des Handels- und Kulturweges, der die Alte und die Neue Welt miteinander verbindet.

Sie beschließen eine gemeinsame Reise über den Ozean.

Die Reise durch die Sümpfe erfordert ein flaches, schnelles und leicht lenkbares und kleines Beiboot.

Auf ihrem Weg von den Giardines über das Arsenal, der Welt Venedigs, zur Seufzerbrücke am Dogenpalast gewinnt die Idee Formen:
Die Konstruktion der Forcula, der Dolle, und des Bootes mit den zwei langen Rudern und des langen und wenigen Bootskörpers:
Die „Gondel“.
Sie wird unverzüglich im Arsenal in Auftrag gegeben. Auf dem Weg zur Akademie treffen sie Botticelli, der im Glanz des Frühlings das Paranadelta besucht hat und der ihnen vom Roten Ritter berichtet, der den Wohnort des Künstlers der Sümpfe kennen soll.
Mit den wendigen Gondeln stechen sie in See und nach vielen Irrfahrten an der westindischen Küste entlang, erreichen sie im Jahre 1912 den Herrensitz in den Sümpfen des Paranadeltas.

Sie treffen Pedro-Enrico Empuncto, den weitgereisten Künstler.

Der Ort verrät das Wundersame und das Geheimnisvolle. Pedro-Enrico füllt die Gondeln von Marco Polo und Kapitän Nemo mit ungewöhnlichen und berauschenden Kunstwerken, die für die nächste Biennale vorgesehen sind, um sie dem Leiter der künftigen Ausstellung, Leonardo da Vinci, und dem Dogen von Venedig vorzuführen.
Im 18. Zimmer des Palais in den Sümpfen auf der Isla Rosita, einer Galerie der Kunst, einem Eldorado der Phantasie am Brazo Largo treffen sie vor der Abreise wieder zusammen in einem Ankleidezimmer, das dem lussemburgischen Zimmer in den Giardines überraschend ähnlich sieht, verabschieden sich, steigen in die Gondeln und verlieren sich in den Sümpfen des Sumpfes im Paranadelta, und man hört nach einer Weile lediglich noch das reibende Geräusch von Ruder und Forcula im Schilf, das immer schwächer wird.

Und sie entdecken noch andere Gondeln, viele, die alle aus der gleichen Richtung zu kommen scheinen.

Sehen

Sehen

Zum Wandel des Sehens

In der Moderne gewinnt einer der fünf Sinne des Menschen eine überragende Bedeutung:
Das Sehen.

Das Sehen ist anhand von literarischen, autobiographischen und philosophischen Texten einem historischen Wandel unterworfen, ebenso das ästhetische Sehen.

Mit der Art und Weise des Sehens in der Historie stellt sich damit erstens die Frage, was denn überhaupt „wirklich“ ist, von dem, was wir als Realität wahrnehmen.
Die Überwältigung durch die Vielfalt der Bilder in der Moderne führt uns in den Grenzbereich zwischen Phantasie und Realität. Und zweitens ergibt sich die Frage, ob es überhaupt noch eine Orientierung des Sehens gibt.

Leben wir – was das „Sehen“ betrifft – auf einem babylonischen Turm, der uns ein weites Blickfeld eröffnet, aber dessen Inhalt gewissermaßen vor dem Kopf stehen bleibt und uns nicht erreicht, wo es uns erreichen sollte: „Im Bauch, in der Seele, im Herzen, also die Identität des Menschen betreffend und welche Konsequenzen ergeben sich z.B. aus der Mechanisierung und Technisierung für das Sehen?“

E.T.A. Hoffmann erzählt uns in der Geschichte vom „Sandmann“ vom Trugbild des visuell Wahrgenommenen:

Es ist die Geschichte einer Liebe aus der Ferne betrachtet durch ein Fernrohr auf die toten Augen einer mechanischen Puppe, einer lebensgroßen mechanischen Puppe, die vom Fenster beobachtet wird. Dieses technische Wunderwerk, das sich abrupt im Abendlicht hinter der Gardine bewegt, wird zum Sinnbild des Lebens eines Beobachters, obwohl sie oder es leblos ist.

Die mechanische Puppe „Olimpia“ wird lebendig illusioniert.
Die Braut Klara des Beobachters in der Geschichte von E.T.A. Hoffmann wird von Natanael – ihrem Bräutigam – dagegen als Maschine bezeichnet.
Eine paradoxe Geschichte.

Als Klara die Erzählungen und Phantasien des Bräutigams in wiederholtem Maße in Frage stellt, schreit er entrüstet zurück:
„Du lebloser, verdammter Automat“.

Diese paradoxe Antwort dieser Geschichte ist die visuelle Projektion von Illusion und Wirklichkeit.
Ein „Displacement“ von menschlich-lebendigem und mechanisch-lebenlosen.

Verschobene oder verschwommene Blickrichtungen und Perspektiven, die uns anhand der vorgetragenen Geschichte von E.T.A. Hoffmann gezeigt werden, können wir auch heute wahrnehmen.

Eine paradoxe Zuneigung erfährt die neueste Software, der weich geschwungene Körper der E-Klasse oder die Simulation der Dinge im Netz in ihrer medialen Verschwendung.
Der eindimensionale technische Blick ist lediglich eine Perspektive, lediglich eine Perspektive menschlichen Sehens und nichts weiter, neben den anderen, die gegenwärtig weniger im Erscheinungsfeld zu sehen sind.
Doch welcher fatale Blickwinkel, welches risikoreiche Sehen beeinflusst unser Leben so nachhaltig, um dadurch das „historisch eingefädelte Subjekt“, das sich möglicherweise durch die Äußerlichkeit des Blicks und deren Flüchtigkeit und durch die Vervielfachung der Kommunikationen und Nachrichten „aufzulösen“ scheint.

Der gesellschaftlich intendierten Verdopplung der Bilder des „äußeren Blicks“, steht der „innere Blick“ z.B. eines Caspar David Friederich: „Mondgang am Meer“, 1822, oder „Mönch am Meer“, 1808, gegenüber, der Mensch in der Natur und der Leib in der Landschaft. Ein meditativ konstruiertes „Standbild“ mit Aussichten und Horizont.

Epochen der Kunsthistorie haben sich mit Hilfe des „inneren Blicks“ dem Ausblick auf und dem Einblick in die Landschaft gewidmet.
Die Perspektive auf Landschaft und die Vereinnahmung derselben entspricht gleichermaßen der „Erfindung des neuzeitlichen Menschen“ im späten Mittelalter und in der Neuzeit.
Die Beziehung zur Natur differenziert den inneren Blick und die Einstellung zum Gegenüber und zur Gemeinschaft.

So gerann im Blick auf die Landschaft im 13. Jahrhundert die Angst vor ihr, sie war eine undurchdringbare Wildnis und konnte keine Heimat sein.
Man stieg nicht freiwillig auf Berge wie sportlich heutzutage, um Rundblick zu haben, und um Fernsicht zu genießen.
Auch das Meer war unergründlich und tief und nicht das Element von Menschen.
Wer diesem trotzte, war Held und Weltbezwinger.
Es ist die „Einstellung zu den Dingen“, es ist die Obsession und die Leidenschaft, es sind die Suggestionen, die die Blickrichtung und den Blickwinkel beeinflussen?
Die Historie des Sehens erweitert die Blickrichtungen und verschließt zugleich andere Perspektiven.
So lösen sich die Bildtypologien des Mittelalters in der Zeit des Barock und Rokoko auf. Die religiöse Thematik, die Fixiertheit durch „Gottes Auge“ löst sich auf zugunsten der Leidenschaft zu erfahren, was hinter der Netzhaut geschieht.
Die Renaissance mit Botticelli, Leonardo, Giorgione u.a. ist Scharnier der Zeit für eine andere Wahrnehmung der Dinge.
In dieser Zeit wird Sehen und Gesehenwerden zum zentralen Moment der Gesellschaft.
Dieses Gesehenwerden findet im öffentlichen Raum und in der Landschaft statt. Und dieses Sehen wird kommunikativ und sinnlich.

Erst 100 Jahre nach den ersten sinnlich „scheinenden“ Bildern im Barock, z.B. eines Poussin, wird die „wirklich sinnliche Welt“ als soziologisches Gegenüber, als psychologische Entdeckung des DU gewendet und die Umwelt bei Watteau und Fragonard („Einschiffung nach Kithera“, „Ländliches Fest“, „Die Badenden“) als ästhetische und gesellschaftliche Sensation am französischen Hof entdeckt und gefeiert, weil sich ein vorurteilsloses und offenes Zwiegespräch zwischen lebenden Menschen sich zu entwickeln scheint.

Die Landschaft wir vereinnahmt und der Leib wird Natur.
Landschaft und Körper der Badenden Nymphen sind eine farbliche Einheit, die Formen der Natur und der Körper gehen bei Fragonard ineinander über.
Der Mensch hat sich mit der Natur und sich selbst versöhnt und vom starren Mythos als Orientierungsmuster getrennt.
Der Blick gewinnt Klarheit und klärt die ästhetische und gesellschaftliche Perspektive.
Die französische Revolution steht bevor!

Romantik und Impressionismus unterliegen der „schieren Obsession“ von Landschaft, bei Monet, Renoir und Manet und weiden das Auge mit sinnlichen Eindrücken.

Mit dem Expressionismus und Kubismus löst sich die unauflösliche Bindung mit der Landschaft und sie erscheint als hinlängliches Objekt von Farben und Inszenierungen.

Erst die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts, als „Landart“ ästhetisch begriffen, isolieren aus dem Thema Landschaft Symbole, Eindrücke, Materialien, semantische Zeichen und Blickperspektiven mit intensiver Inhaltlichkeit:
Richard Long, Robert Smithson, Walter de Maria eröffnen damit eine weitere Sicht der inneren Wahrnehmung von Landschaft.

Doch diese „innere Perspektive des Sehens“ scheint antiquiert zu sein vor der Vielfalt der äußeren Bilder, die dominieren, was das Subjekt zu desorientieren und zu bedrohen scheint.

Als Bedrohung des subjektiven Bildvorrats scheint die Reproduzierbarkeit der Bilder, die ihn, den Beobachter, reduzieren auf Verdopplung, statt die „Aura“ des Subjekts, des ästhetischen Objekts als Unikat, als Meditation vor dem „eigenen Bild“ zu suchen.

Sicher ist die Irritation vor der Flut der „Bilder“.
Die Grenzenlosigkeit und Diffusität der visuellen Bilder und Eindrücke. Sie  konstruieren neue riskante Bildvorräte.
Sind wir Sklaven der „Schaulust“ und täglich auf der Bühne als „Schausteller“?

Doch was bleibt von uns übrig jenseits des „Sehens“ und „Gesehenwerdens“?:

Bleibt der Rest für die anderen Sinne, die ebenfalls so befragt werden müssen?

Das „Sehen“ ist die Differenz von „Ich“ und Umwelt und die Umwelt hält zahllose Perspektiven des Sehens bereit. Lässt sich diese Bereitschaft des Multiperspektivischen beim Beobachter ausmachen?

Haben wir bei der zeitgleichen Betrachtung eines Sachverhaltes oder einer Handlung nicht alle die gleichen Bilder im Kopf?
Oder gibt es einen Unterschied des Sehens oder Wahrnehmens von Landschaft zum Beispiel als Blickrichtung z.B. bei Geodäten, Jägern, Golfspielern und dem brillianten Beobachter der Umwelt, nämlich Winnetou, also einen horizontalen Blick.
Landwirte, Architekten, Künstler pflegen einen bestimmten Umgang des Sehens mit Landschaft aus einem systematischen Blickinteresse an.
Der mikroskopische oder makroskopische Blick bietet weitere Variationen mit „Kosmischen Ausmaßen“ an.

Können diese Blickrichtungen unterschiedlicher Systeme Orientierungen schaffen oder ist es der Wunsch der Gesellschaft den Blick der Blicke zu erlangen?

Doch was ist der Blick der Blicke?

Ist diese Frage überhaupt zulässig?

Auch diese Frage scheint antiquiert zu sein.

Das, was wir sehen, scheint „mehrperspektivisch“, schein polyvalent zu sein und wir suchen nach Zeugen  des Sachverhalts in einer Sprache, die polyglott und babylonisch ist.

Bei der Klarheit der Sichtverhältnisse suchen wir nach Zeugen, die uns versichern, dass Realität nicht Illusion und Illusion nicht Wirklichkeit ist.

„Im Spiegel der Bäche / Finde ich mein Bild nicht mehr“, schreibt die Dichterin Else Lasker-Schüler.

Die Suche nach der Identität wird zu einer Suche nach „Bildern“, die zu „eigenen Bildern“ werden können, oder nach „eigenen Träumen“, die man festhalten kann und sich so nicht mehr verflüchtigen in der Diffusität der Moderne.
Die Suche nach eigenen Bildern wird zu einer Suche nach dem Selbst.
Es geht in der Sache um den „Widerstand“ gegen die Priorität der Blickperspektive z.B. des technischen Blickes gegen die Simulation und deren Schnelligkeit, die nicht einmal den schalen Rest des Sichtbaren wiedergibt und die Bilder führt.
Die eigenen Bilder ohne Diffusität des Fremden, ohne die Suggestion der Verdoppelung, scheint eine Orientierung zu sein und zwar eine beruhigende.

Richterskala

Richterskala

Mit der internationalen Richterskala kann die Stärke eines Erdbebens einheitlich bestimmt werden. Der angegebene Wert gilt dabei als Maß für die Bodenbewegung im Hypozentrum. Eine Stärke von 2 oder weniger wird als Mikroerdbeben bezeichnet, da es von Menschen oft nicht wahrgenommen werden kann und nur von lokalen Seismographen erfasst wird. Beben mit einer Stärke von etwa 4,5 und höher sind stark genug, um von Seismographen auf der ganzen Welt erfasst zu werden. Allerdings muss die Stärke über 5 liegen, um als mäßiges Erdbeben angesehen zu werden.
Aufgrund ihrer Definition ist die Richterskala nach oben theoretisch unbegrenzt, die physischen Eigenschaften der Erdkruste machen ein Auftreten von Erdbeben der Stärke 9,5 oder höher nahezu unmöglich, da das Gestein nicht genug Energie speichern kann und sich vor Erreichen dieser Stärke entlädt. Das stärkste Erdbeben seit der Einführung der Richterskala ereignete sich 1960 im Pazifischen Ozean vor der Küste Chiles: Es wurde ursprünglich mit 8,6 bewertet, später aber dann von verschiedenen Institutionen (einschließlich der US Geologica Survey) auf 9,5 aufgewertet. Ein mit 9,2 ähnlich starkes Erdbeben ereignete sich vier Jahre später im März 1964 im Prince William Sound in Alaska. Das aktuellste 9,0+Beben ereignete sich am 26. Dezember 2004 vor Sumatra.
Die Richterskala wurde von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am Technischen Institut von Kalifornien 1935 als mathematisches Hilfsmittel zum Vergleich der Stärke von Erdbeben entwickelt.
Für die Beschreibung der Stärke und Zerstörungskraft eines Erdbebens wird hingegen häufig die modifizierte und weiterentwickelte Mercalliskala des Italieners Giuseppe Mercalli (1850-1914) verwendet.
Die Abstufung orientiert sich sowohl an subjektiven wie an objektiven Kriterien.

Richter- und Mercalli-Erdbeben-Skala

Stärke nach Richter

Wirkung

Zahl von Beben pro Jahr

0 bis 1,9

Nur durch Instrumente registrierbar

Große Zahl

2 bis 2,9

Nur von sehr wenigen, ruhenden Menschen spürbar; freihängende Pendel schwingen leicht

300.000

3 bis 3,9

Nur von sehr wenigen Menschen wahrgenommene Schwingungen; Erschütterungen vergleichbar einem vorbeifahrenden Lastwagen; leises Flirren aneinanderstehender Gläser

49.000

4 bis 4,9

Wird von den meisten Menschen bemerkt; freies Pendel schwingt deutlich; Gläser und Teller klappern, Fensterläden schwingen; geringste Schäden

6.200

5 bis 5,9

Von allen Menschen mit Schrecken wahrgenommen; viele Menschen verlassen ihre Häuser; Schornsteine können einstürzen; Möbel bewegen sich; einzelne Risse im Putz; es besteht die Gefahr von Verletzungen

800

6 bis 6,9

Wird von allen betroffenen Menschen mit großem Schrecken erlebt; teilweise Panik möglich; einzelne Schocks treten auf; Menschen verlassen rasch ihre Häuser; Gebäude können erhebliche Beschädigungen erleiden; es kann zu Einstürzen kommen; es gibt oft Verletzte; es besteht Gefahr für Leib und Leben; an Küsten Flutwellen möglich

120

7 bis 7,9

Weitverbreitete Panik; Menschen versuchen in Panik ins Freie zu kommen; akute Lebensgefahr in Gebäuden; nur wenige Gebäude bleiben stehen; Spalten im Boden reißen auf; es Tote und Verletzte; Wasser- und Gasleitungen brechen in großen Mengen; teilweise katastrophale Auswirkungen; an Küsten vernichtende Flutwellen möglich

18

8 bis 8,9

Verwüstung; alle Gebäude unbewohnbar; akute Lebensgefahr innerhalb und außerhalb von Gebäuden; flächendeckende Zerstörungen; an Küsten katastrophale, bis zu 40 Meter hohe Flutwellen möglich

Alle 5 Jahre ein Beben

9,0 und darüber

Große Katastrophe; Zerstörungen wie zuvor und zusätlich: lokale Erdschollen verschieben sich; stellenweise „total anihilation of life“; evtl. große Verschiebungen der Kontinentalplatten. „Verschwinden, Erscheinen oder Verschieben“ von Landesteilen / Inseln; evtl. Verschiebung in der Erdnutation; evtl. Geschwindigkeitsveränderung der Erdrotation; evtl. Bildung neuer Subduktionszonen

Unbekannt; 10er bis 100er Zyklen vermutet

Narcissos

Narcissos
Echo

Narcissos war der Sohn der blauen Nymphe Leiriope, die der Flussgott Kephissos einst mit seinen gewundenen und mäandrierenden Flüssen liebevoll umschlungen und geliebt und hernach beglückt hatte.
Der Seher Teiresias sagte Leiriope, die ihn als erste um Rat fragte: „Narcissos wird sehr alt werden – aber nur, wenn er sich niemals selber kennt.“
Es war verständlich, dass sich jeder in Narcissos verliebte, selbst als er noch ein Kind war. Mit sechzehn Jahren bereits wies er herzlos die Liebe von Männern und Frauen zurück; er war von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt.

ECHO
Auch die Nymphe Echo verliebt sich in ihn. Echo war mit dem Verlust ihrer Sprache bestraft worden – sie konnte nur die Rufe anderer nachschwätzen – , weil sie Hera einst mit langen Geschichten unterhielt, so dass die Konkubinen Zeus, die Bergnymphen, ihrem eifersüchtigen Auge entwischen konnten.

Eines Tages ging Narcissos zur Hirschjagd. Echo folgte ihm leise durch den weglosen Wald und wollte mit ihm reden. Sie konnte aber das Gespräch nicht selbst beginnen. Endlich rief Narcissos, als er sich verirrt hatte: „Ist jemand hier?“
„Hier!“ antwortete Echo zur Verwunderung des Narcissos, da er niemanden sehen konnte.
„Komm!“
„Komm!“
„Warum meidest du mich?“
„Warum meidest du mich?“
„Lass uns hier zusammenkommen!“
„Lass uns hier zusammenkommen!“ wiederholte Echo und rannte voller Freude aus ihrem Versteck, um Narcissos zu umarmen.
Er schüttelte sie von sich und lief davon.
„Ich würde eher sterben, als mit dir liegen!“ rief er.
„Mit mir liegen!“ flehte Echo.
Doch Narcissos war bereits fortgegangen, und sie verbrachte den Rest ihres Lebens in einsamen Schluchten.
Dort siechte sie vor Liebeskummer dahin, bis nur ihre Stimme zurückblieb.

Eines Tages entsandte Narcissos ein Schwert zu Ameinios, seinem aufdringlichen Bewerber. Nach diesem ist der Fluss Ameinios, ein Nebenfluss des Helisson, der in den Alpheios mündet, benannt. Ameinios tötete sich auf der Türschwelle des Narcissos und rief die Götter an, seinen Tod zu rächen.

Artemis hörte die Bitte und strafte Narcissos mit unerfüllbarer Selbstliebe.
Zu Donakon in Thespien fand er eine Quelle, klar wie Silber. Noch nie war sie von Vieh, Vögeln, wilden Tieren oder selbst von den fallenden Zweigen der Bäume, die sie beschatteten, gestört worden.

Er warf sich erschöpft nieder. Da verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild. Zuerst versuchte er den schönen Knaben, den er im Wasser vor sich sah, zu umarmen und zu küssen. Aber bald erkannte er sich selbst, lag da und schaute Stunde um Stunde verzückt auf das Wasser. Wie konnte er es ertragen, seine Liebe zu besitzen und doch nicht zu besitzen?
Kummer quälte ihn endlos, doch er erfreute sich an der Qual. Wenigstens wusste er, dass sein Bildnis ihm treu bliebe, was immer auch geschehe.
ECHO hatte Narcissos nicht vergeben, doch sein Leid erfüllte sie mit Schmerz.
Als er sich einen Dolch in die Brust stieß, echote sie: „Weh! Weh!“; und als er starb:
„O Jüngling, Geliebter, lebe wohl!“
Sein Blut tränkte die Erde.
Ihr entsprang die weiße Narzisse mit ihren rotgelben Herzblättern.

Anmerkung:
Die „Narzisse“ wurde im Altertum in den Kränzen für Demeter und Persephone verwendet. Man nannte sie auch leirion. Sie war die dreiblättrige blaue Lilie oder Iris, die der Dreifaltigen Göttin geweiht war, und wurde bei der Anbetung der drei Feierlichen oder Erinyen als Kranz getragen. Sie blüht im späten Herbst kurz vor der „Narzisse des Dichters“. Vielleicht ist das der Grund, warum Leiriope die Mutter des Narcissos genannt wird.
Die phantasievolle moralische Erzählung, die auch von den medizinischen Eigenschaften des Narzissenöls – ein wohlbekanntes Narkotikum, wie die erste Silbe des Wortes „Narcissos“ schon sagt – berichtet, kann von einem Bilde des Alkmaion oder Orestes abgeleitet sein.
Es zeigt ihn verzweifelt am Rande eines Teiches, mit Lilien bekränzt. Hier hatte Alkmaion vergeblich versucht, sich von dem Mord an seiner Mutter reinzuwaschen. Die Erinyen ließen sich nicht besänftigen. Echo stellt in diesem Bilde den spottenden Geist der Mutter dar, Ameinios seinen ermordeten Vater.
Aber –issos ist, wie –inthos, eine kretische Endung. Sowohl Narcissos wie auch Hyakinthos scheinen die Namen kretischer Frühlingsblumenheroen gewesen zu sein, deren Tod die Göttin auf dem goldenen Fries der mykenischen Akropolis beklagt. Anderweitig wird der Antheus genannt, ein Beiname des Dionysos.
Die Lilie war auch das königliche Zeichen der knossischen Könige. Man fand unter den Ruinen des Palastes bemalte Reliefs, die ihn über eine Wiese wandelnd darstellen, ein Zepter in der Hand und mit Lilien zu seinen Füßen und mit Lilien gekrönt und bekränzt.

Horizont

Horizont

Eine Erzählung
vom anderen Ende der Welt

Auf der blass-braun umrandeten Briefmarke war ein Tier oder besser ein Rindvieh zu entdecken, ein Monstrum, verglichen mit den Rindviechern, die ich bisher als Stadtkind zu Gesicht bekommen hatte. Mit einem riesigen Wollkopf, einem nordamerikanischen Büffel ähnlich. Einem Fell aus gekräuselten, zottigen Locken und stieren Augen, die mich anstarrten, ohne dass sich dieses Monstrum zu bewegen schien.
Das Tier oder diese Szene hatte etwas Sonderbares, ebenso wie der Horizont, vor dem es stand, der nicht enden wollte oder sollte. Er oder es berichteten von etwas Fremden, Verwunderlichen, wie der Luftpostbrief, auf dem diese Briefmarke klebte mit den blauen Querstreifen am Rand.
Welchen Weg hatte er genommen?
Woher kam er?
Welchen Ort bewohnte dieses Tierarsenal?
War dies eine biologische Sonderform oder eine übliche Gattung der Region, die ich nicht kannte?
Wie lange musste man laufen, um den Horizont zu erreichen?

Der Inhalt des Briefes, den zahlreiche Stempel zierten, interessierte mich nicht, lediglich der Umschlag war von Interesse.
Ich konnte die Schrift des Briefes nicht entziffern und verstand ihn nicht.
Zum Beispiel, dass meine so genannte Tante aus Argentinien meinen Geburtstag nicht kannte und gerade dann schrieb sie, zuweilen. Ich hatte nichts oder besser so gut wie nichts mit ihr zu tun. Sie war mir fremd.
Was mich am Inhalt des Briefes wunderte, war die Tatsache, dass, wenn ich im Sommer mit Freunden schwimmen oder planschen ging, sie uns weismachen wollte, dass es an ihrem Ort in Cordoba nun schneite, es kalt war und sie nun endlich Zeit hatte, Briefe zu schreiben.

Viel später erst habe ich dieses Geheimnis von den Klimaten der Antipoden vom anderen Ende dieser Welt verstanden. Dieser Luftpostbrief wurde vorsichtig in eine Briefmappe geschoben, dort wo sonst keine anderen Briefe landeten, nicht so wie Rechnungen, Glückwünsche oder die Gedichte von Trude, die in einem anderen Umschlag lagen. Dort steckten auch sonderbare Bilder und Karten und Prospekte dieser unbekannten, geheimnisvollen Region und Familie.
Diese Briefe hatten etwas Besonderes, etwas Fernes, etwas Abenteuerliches. Man konnte diesen Ort nur durch die Luft oder mit dem Schiff erreichen und der Weg war weit, sehr weit, vermutete ich.
Mich interessierten die Zeilen dieses Briefes nicht. Mich interessierte der Horizont der Landschaft auf der Marke und das stilisierte Flugzeug auf dem Aufkleber „Aeroporto“. Wo war der Ort?
Und was trieb man da am anderen Ende dieser Welt?
Diese Neugierde verträumte ich nachts, doch eher tags.
Der Horizont verträumte die Reise zum Horizont. Es war mein Tagtraum.
Was kann man mitnehmen, wenn man zu diesem Ort reist?
Muss man etwas mitnehmen?
Muss man alles Greifbare aus dieser Welt einpacken, um dort zu leben oder sein Leben am anderen Ende dieser Welt zu fristen?
Ist dies ein Eldorado von Sonne, Phantasie und Träumen?
Ist es dort, wo man nicht, rein gar nichts benötigt, ein Paradies?

Dieser Horizont hatte eine Entfernung, die ich nicht messen konnte, eine Ausdehnung, die ich nicht begreifen konnte, einen Sinn, den ich nicht erfassen konnte. Es war ein Ort, aber ein Ort des Nirgendwo.
Dieser Horizont entfachte ein Feuer von Abenteuer, ein Feuer der Ferne, vom Geheimnis der Fremde und füllte meine Träume.
Ich vergrößerte in meinem Kopf diese Wollkälber, die mir daraufhin unberechenbar erschienen, mich verfolgten und mir den Weg zum Horizont undurchdringbar oder nicht erreichbar machten.
Menschen gab es nicht, das war zweifellos sichtbar, diese gab es jenseits des Horizonts, da war ich sicher und die dort wohnten, äußerten sich in einer Sprache, die ich nicht kannte.

Was ich ebenfalls nicht kannte, war diese antipodische Erde, diese um 180° gekehrte Bodenfläche. Worauf standen diese Menschen?
War diese Erde ein Zauberreich der Gespinste, der Gaukler, der Spieler, der Abenteurer, der Gold- und Glücksritter?
Dieser Brief mit der faszinierenden Briefmarke war allemal ein Bilderbuch der Einbildungskraft. Er erzeugte unablässig Bilder in mir und ich konnte dies wahrnehmen auch bei anderen Betrachtern. Er verbarg ein Quentchen Abenteuer und Hochachtung, man nahm die Zeilen und Bilder ernst, ohne zu wissen, was man bewunderte.
Sonderbar war, dass dieses Bilderbuch, dieser Briefumschlag, der kein Bilderbuch war, aber dennoch viele Geschichten erzählte, mehr als jedes Bilderbuch, das ich bisher verblättert hatte.
Diese Bilder und die Wege dorthin rückten in meinem Kopf und mich selbst immer näher an diesen Ort.
Konnte man ihn, konnte ICH ihn erreichen?
Und wie musste man sich am Ort bewegen?
Diese Reise im Innern war phantastisch und realistisch zugleich.

Jahre später stand ich kurz nach Sonnenaufgang um 7:20 Uhr im Südwinter auf der gegenüberliegenden Halbkugel am Busbahnhof der Provinzhauptstadt Cordoba und hatte den Ort erreicht, die Region der Antipoden, den Ort am Horizont, um das einzuholen, zu bestätigen, was bisher meine Träume verträumt hatten und das, was ich sah, war die Realität der Träume und das Traumhafte am Ort war vielfältiger als die Realität.
Es war der Ort der eigenen Bilder. Ich war in ihnen und sie waren in mir. Die über Jahre vorgespielten Bilder verloren an Bedeutung und verflüchtigten sich.
Der Horizont war greifbar nah, aber nicht nah genug, um die Träume zu stören, und so bleibt der Traum ein Traum und die Realität erkennbar, sofern der Horizont sichtbar, aber nicht greifbar war und das Greifbare im Traum unsichtbar wird.

Die Menschen hinter dem Horizont hatte ich nicht gesehen, obwohl ich sie gesehen hatte. Das Tierarsenal ebenfalls nicht. Sie befänden sich auf einem riesigen Areal, wie das so genannte Imaginäre, wurde mir berichtet.
Der Horizont ist erreichbar, sagte man mir, aber es wäre schade für die Träume, wenn man ihn erreichte.

Das Gleichnis vom Töpfer
Jeremia, 18,13-19,11

Das Wort, das vom Herrn an Jeremia erging: Mach dich auf, und geh zum Haus des Töpfers hinab! Dort will ich dir meine Worte mitteilen.
So ging ich zum Haus des Töpfers hinab.
Er arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Missriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel.

Da erging an mich das Wort des Herrn:
Kann ich nicht mit euch verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? – Spruch des Herrn. Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand, Haus Israel.
Bald drohe ich einem Volk oder einem Reich, es auszureißen, niederzureißen und zu vernichten. Kehrt aber das Volk, dem ich gedroht habe, um von seinem bösen Tun, so reut mich das Unheil, das ich ihm zugedacht hatte. Bald sage ich einem Volk oder einem Reich zu, es aufzubauen und einzupflanzen. Tut es aber dann, was mir missfällt, und hört es nicht auf meine Stimme, so reut mich das Gute, das ich ihm zugesagt habe.

Und nun sag zu den Leuten von Juda und zu den Einwohnern Jerusalems:
So spricht der Herr:
Seht, ich bereite Unheil gegen euch vor und fasse einen Plan gegen euch. Kehrt doch um, ein jeder von seinem bösen Weg, und bessert euer Verhalten und euer Tun!

Aber sie werden sagen: Vergebliche Mühe! Wir wollen unseren eigenen Plänen folgen, und jeder von uns will nach dem Trieb seines bösen Herzens handeln.

Deshalb spricht der Herr:
Fragt unter den Völkern, wer je Ähnliches gehört hat. Ganz Abscheuliches hat die Jungfrau Israel getan. Weicht denn das Felsgestein von der Landschaft, der Schnee vom Libanon, oder versiegen immerströmende Wasser, sprudelnde Quellen? Mein Volk aber hat mich vergessen; nichtigen Götzen bringt es Opfer dar. Doch ich lasse sie straucheln auf ihren Wegen, den altgewohnten Bahnen, so dass sie auf ungebahnten Pfaden gehen müssen. Ich will ihr Land zu einem Ort des Entsetzens machen, zum Gespött für immer. Jeder, der dort vorbeikommt, wird sich entsetzen und den Kopf schütteln. Wie der Ostwind zerstreue ich sie vor dem Feind. Ich zeige ihnen den Rücken und nicht das Gesicht am Tag ihres Verderbens.

Karte

Die Karte

Die Karte, die Landkarte – ein abstraktes Abbild der Wirklichkeit, erfordert ein Imaginationsvermögen außerordentlicher Art.
Sie bildet einen Landstrich, etwas Fußläufiges oder einen Kontinent ab in Höhen und Tiefen, in Schraffuren und Texturen, in Entfernungen und Abständen, ggf. in Vegetation und Nutzung der Fläche oder mit anderen thematischen Perspektiven.

Sie bietet eine übersichtliche Kurzfassung, eine Skizze, in höchster Abstraktion – zweidimensional – von den wirklichen Bildern der Welt.
Man hat das Gefühl, einen „Weltpunkt“, einen Ort der Welt auf der Karte wahrzunehmen, von dem man gehört hat, dessen Bilder erzählt wurden, ihn virtuell anzusteuern, man ist von der Existenz überzeugt, ohne die Orte gesehen zu haben.

Kann man ihn erreichen, ohne ihn mit diesen Vor-Bildern zu erkennen?

Odysseus und Heinrich der Seefahrer haben literarische Dokumente von geheimen und mutmaßlichen Karten berichten können, die ein kartographisches und poetisches Bild hinterlassen haben, so dass sie uns in Träume und Abenteuer verwickeln können.

Was bedeuten bei Homer die „Säulen des Herakles“ in der damals schiffbaren Welt und das Land der Phäaken mit ihrer Gastlichkeit.
Von einer dreidimensionalen, runden Kugel eine zweidimensionale Karte zu zeichnen ist ein Abstraktions- und Wissenschaftswunder, welches Mercator gelungen ist, der die entsprechende „Projektion“ entwickelt hat.

Es geht darum, einen Ort einer Kugel auf eine Fläche zu projizieren.

Ein naturwissenschaftlicher Gewaltakt der mit religiösen Erwiderungen, die er bestehen musste, gelungen ist.

Eine Karte im Kopf ist etwas Besonderes.

Polynesier bei ihren Irrfahrten im Pazifik hatten ein „Sternbild“ im Kopf. Eine „virtuelle Karte“, die auch bei den Andamanen und Nikobaren, den Seevölkern des Pazifiks, bekannt war.
Anders oder ebenso ist das Instinktive der Verortung von Orten und Orientierung im Raum. Eine solche Begabung existiert, wie bei Tauben und Zugvögeln und anderen begabten Kreaturen.

Karten sind in ihrer Kreation kurios, komisch und kaum erklärbar, jedoch darstellbar, für viele auch leider nicht orientierend und in den Bildern, Ab-Bildern verwirrend.

Mag dies eine Strategie der Karten-Akteure sein?
Oder sind die Betreffenden nicht in der Lage, ihre unterschiedlichen Ortsbestimmungen akkurat zu lesen.

Karten fordern Abstraktion im Kopf, um Orientierung zu erlangen.

Eine Karte kann Lebensmuster und Metapher sein.

Karten erfüllen die Imagination von geographischen Verhältnissen, von Orten, von Landschaften und Regionen, die uns Referenzen und Korrespondenzen vermitteln können.

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