Bretagne
Sommer 2005
1. Reisetag: Donnerstag, 28.07.2005
Rheinberg – Frankreich (Frongreisch)
Nach etlichen Staus in Deutschland bis zur belgischen Grenze und Baustellen in Belgien komme ich gut voran.
Über die außergewöhnliche Architektur der beiden Brücken von Le Havre, die mich beängstigt haben.
Ich halte mich eher etwas links statt rechts der Fahrbahn und fahre, weil es mir mulmig wird, nach links und schaue auf den Asphalt und nicht auf den gähnenden blick des Flusses, der Seeschiffen Einlass ins Inland bieten wird.
So gegen 16 Uhr bin ich schon in Caen – also fast in der Bretagne – meine ich.
Aber der Rest zieht sich hin, da man sich nur auf Landstraßen bewegt.
Ich erreiche Willi auf dem Handy nicht.
So um 19:45 Uhr bin ich in Roscoff, stelle mich auf Hotelsuche eine, Zelten ist wohl nicht mehr möglich.
Wolkenbrüche vom Himmel, das Wasser steht auf den Straßen knöcheltief, dann wieder ganz kurze Sonnenabschnitte.
Handy klingelt!: Willi: Wo bist du?: In Roscoff!
Also wieder zurück Richtung Ploescat: An den Markthallen treffen wir uns. Noch 2 km zum Ferienhaus.
Antje brät gerade großflächige Frikadellen dazu gibt’s Salat und Vorspeise.
Danke, herrlich; dazu Kronenburg-Bier aus der Schraubflasche, kalt!
Also 3-Sterne heute.
Früh ins Bett, bin kaputt, nach 1080 km Autobahn, Ortschaften und Landstraßen.
2. Tag: Freitag, 29.07.2005
Antje erklärt mir einige sehenswürdige Touren mit Ziel Morlaix: Eine schöne Kleinstadt französischen Stils mit Universität, Viadukt und vielen Liegeplätzen, Schiffwracks am ausgedehnten Hafen, die einer näheren „Inspektion“ bedürfen.
Leider zum größten Teil schon ausgeräumt, leider. Viermal werde ich von Wolkenbrüchen durchnässt.
Abends gibt es reichlich Fisch von „Le Clerc“ auf dem Grill.
Antje kocht gern und vortrefflich: Binnen unglaublicher Kürze liegt etwas auf dem Teller mit Vorspeise, Saucen und Salat und es schmeckt ausgezeichnet.
Wir sitzen draußen, der Himmel ist blau, die letzten Sonnenstrahlen treffen uns beim Abendessen.
3. Tag: Samstag, 30.07.2005
Der Tag glänzt im Morgenlicht. Ich verabschiede mich bis Sonntagfrüh.
Das Hotel „Le Triton à Roscoff“ ist zu beziehen, und es versteckt sich in einer Seitenstraße von Roscoff. Sehr ruhig, ich blicke auf ein Artischockenfeld und den Kirchturm, der hier in der Bretagne eine gewisse architektonische Offenheit und Transparenz offeriert.
Die Schreie von Möwen lassen mich einschlafen.
Der Hafen und die Suche nach Schäkeln rufen mich.
Das Wasser hat einen Tidenhub von zurzeit ca. 8,40m. Der Hafen läuft bei Ebbe leer.
Ca. 100 Kleinstboote und Segeljachten liegen auf der „Backe“ oder sind aufgeständert.
Ein Gewirr von Tampen durchzieht den Hafen.
Fündig geworden nach Schäkeln und Ketten durchlaufe ich den gerade trocken gewordenen Hafen ohne nasse Füße.
Dies ist ein Motiv und ggf. die Notwendigkeit, ein Amphibium zu werden.
Die Bar „Albatros“ neben Hotel Bellevue mit Hafenblick und Sonnenuntergang ist empfehlenswert.
Hier trifft sich die kleine besitzende Szene von Roscoff.
Der Ort ist aufgrund der Fährverbindung auch ein englischer Ort – man spricht auch n den Kneipen etwas Englisch – vorteilhaft.
Es gibt am Hafen Fisch+Chips mit Essig, „Moules+Frites“ und anderes grausiges Fastfood.
Die Restaurants bemühen sich für VIEL GELD diesen Sonderwünschen der Engländer entgegenzukommen.
Ich entschließe mich für das Abendessen von „Le Clerc“, der Supermarktkette:
Pasteten, Tomaten, Baguettes und Cidre….
und bin rundum zufrieden – und werde es auch in den nächsten Tagen so praktizieren.
Zum Zelten ist es zurzeit ungeeignet, da das Wetter sich nicht hält – überwiegend bedeckt, mal Sonne, mal Regen.
Es ist halt atlantisch.
Willy beschreibt das Wetter hier im Sommer 2005 mit der Note vier minus (4-):
„Es gleicht dem Oktoberwetter von 2004.“
Also abwarten oder in den Süden fahren, sollte ich z.B. quer durch France?
Mir fehlt das „Mediterrane“, das offensichtlich die Nord-Bretagne nicht vermitteln kann?
An einem Grundstück in der Bretagne hier am Ort bin ich also nicht interessiert!
4. Tag: Sonntag, 31.07.2005
Wir haben uns in Port Morgueriéc, Nähe Siborell, auf dem Weg von und nach Roscoff um 11:00 Uhr zur gemeinsamen Wanderung um den Fjord herum, ca. 4 Stunden Laufzeit, verabredet.
Lange Sandstrände sind zu passieren, Überquerung der Prile – Antje riskiert und legt vor – allerdings mit den Wassersandalen, und die zaghaften Männer folgen ihr.
Der ausgezeichnete Wanderweg ist abwechslungsreich, zeitweise sieht man renovierte alte bretonische Immobilien, die man vor ca. zehn Jahren hätte kaufen und renovieren müssen.
Nun im Preis unerschwinglich!
Nach der Ankunft in Port M. laufen am späten Nachmittag immer noch Leute über den kostenpflichtigen Flohmarkt. Doch dies karikiert den verschlafenen Ort, der durchaus regionalen Hafen-Charme entgegensetzen kann.
Ein wenig Sonne am späten Nachmittag rötet die Wangen, zwei Bier im Albatros in Roscoff und drei große Kettenglieder zum Aufbereiten sind die Beute des heutigen Tages.
5. Tag: Montag, 01.08.2005
Über Morlaix an der grünen Regionalstrecke nach Dourduff, einem verlassenen Ort, der Austern züchtet, ein paar Boote am Strand, hier öffnet sich der Fjord.
Wind kommt auf, es duftet nach Austern und Krebsen, wo man Schalen am Strand als Relikte in großen Haufen finden kann.
Ein wunderschöner Alt-Schäkel wurde mir zurückgelassen – wie aufgebahrt – für
Pedro E. M.
Danke!
Über Plouezoch, am Tumulus Barnenez vorbei nach Terenez, einem Segel- und Surferparadies.
Habe den letzten freien Parkplatz belegen können.
Ein schöner Ort mit viel Bewegung;
Die Bucht ist berauschend – man sagt im Reiseführer: Malerisch.
Da muss ich noch mal hin.
Und überhaupt hat diese Gegend aufgrund der Vegetation, ihrer hügeligen Morphologie auch Einladendes.
Diben als Gegenort auf der anderen Seite der Bucht von Primel-Trégastel umfasst ebenfalls eine wunderschöne Bucht mit gestrandeten Fischerbooten – weit im Innern liegend, auf einer Wiese.
Betreten verboten! –
Trégastel, ein Sandstrand, überlaufen.
Nichts wie weg.
6. Tag: Dienstag, 02.08.2005
Westwärts Richtung Finestère, zunächst nach Santec.
Dort steht ein riesiger Leuchtturm auf einer Halbinsel, die von keinem betreten werden darf – so die Verbote!
Es ist eine Heilanstalt, aber für wen?
Ein Camping-Platz unweit entfernt davon – laut und eng, bietet auch Mobilheime und Bungalows an für unerschwingliche Preise.
„Saison rouge“: 430,- € pro Woche für das kleinste Mobilheim. Zelte stehen ganz dicht beieinander!
Dort will ich nicht hin!
Das Wetter ist immer noch unsicher.
Viele kleine Strände mit wenig Leuten.
Die Region kann sehr schön sein, wenn man eine Unterkunft oder einen Mietvertrag in einem Ferienhaus, oder ein Feld hat, um Charlotten zu ernten oder Artischocken schneiden kann oder einfach in der Lage ist, Urlaubszeit und Ferien zu machen.
7. Tag: Mittwoch, 03.08.2005
Der obligatorische morgendliche Gang in den Fährhafen von Roscoff ist immer aufregend und bringt zumindest ein gediegenes Fundstück an den Tag. Mal ein Kettenglied, was entrostet und geteilt werden muss, mal ein Teil aus dem Netzgeschirr für dessen Aufbereitung ich Stunden des Schleifens benötige. Und dieses Herausschälen der verkrusteten Rostoberfläche ist nichts anderes als Entspannung und Erholung.
Heute zwei große Eisenglieder gerettet, die ineinanderpassen! An einem Such- und Findeort, der mir neu ist: In den Abstandsreifen zwischen Kaimauer und Schiff, die allerdings ausgedient nunmehr und im Hafengebiet verteilt sind.
Dreimal fündig geworden!
Der neben dem Port Bloscon gelegene Plage mit Sandstrand und Wasser ist ein ausgezeichneter Ort, den Stahl zu reinigen. Losgeschlagen vom Rost und mit Salzwasser gewaschen verfärbt sich die Oberfläche bläulich-violett.
Die Nacht im Hotel dient der Feinarbeit.
Von der Ferne Richtung Osten entdecke ich weiße leere Strände, die nur der Gemeinde St. Pol de Leon zuzuordnen sind. Aber wie kommt man dorthin? Nicht immer einfach in Frankreich. Da die Zuwege kaum beschildert und oft nicht als Plage gekennzeichnet sind.
Aber Suchen und Finden, dies ist originäre Aufgabe eines „Geographen und Entdeckers“.
St. Pol de Leon scheint eine „Provinzhauptstadt“ der Region zu sein: Granitkirchen von Plätzen umgeben, Geschäfte, Restaurants, Straßencafés, Boulangerien en masse.
Und wo sind die attraktiven Strände? Man wird in die Irre geleitet, doch einem Geographen macht man nichts vor. Der findet sein Ziel.
Zwei lange Stege zum Wasser. Der eine für Segel- und Surfbegeisterte, der andere für Strandbesucher und Sonnenhungrige mit kleinem Park zur Erholung.
Nur die attraktiven Strandlokale fehlen so wie in Roscoff. Ansonsten ein schöner Ort mit viel Atmosphäre, der Ort des massenhaften Einkaufs durch den Supermarkt „Le Clerc“ und „Lidl“ ist gesichert.
Der Abend beschert mir im Museumscafé und –garten in Roscoff unter Palmen ein gut gefülltes Glas Calvados und Kronenbourg bis die Sonne untergeht.
Ein gewisser Herr „Monsieur Hulot“ war mit weit ausladender Pfeife hier. Den Kopf giraffenartig – wie im Film nach vorn gestreckt. Er stellt sich in Positur, ohne einen Platz in der Kneipe aufzusuchen, ca. 1 Stunde lang, gelangweilt, vor der Abendsonne kokettierend. Vielleicht ein pathologischer Fall oder vom Film engagiert, aber echt französisch oder englisch? Er hat eine ähnliche Weste an wie ich und spricht sehr kommunikativ – allerdings mit sich selbst!
Haben wir etwas gemeinsam?
Außerdem gibt es eine Exposition …? Ich will hiervon keine Kenntnis nehmen:
Auch die Kunst will mal Ruhe haben. Kann ich mir das leisten?
Der Garten der Kneipe ist wunderschön, einige Palmen und rote Stauden, die Sonne steht noch auf 45 Grad und wird mich bestimmt noch eine Stunde erfreuen.
Die Stühle sind bequem aus Holz und Plastik, das Bier ist kalt, drei gekaufte Schäkel bei der Cooparitive Roscoff im Sack.
Der Urlaub hat begonnen:
Erstens kann ich wieder schreiben,
zweitens kann ich lange auf einem Stuhl sitzen.
Drittens, der Himmel ist blau.
Viertens, gibt es gleich Crevetten und Terrinne Fourisier und Gurkensalat und eine vom französischen General-Cuisine-Chef der Region nicht genehmigte Kombination!
Doch egal. Die Restaurants sind unverhältnismäßig teuer bei sehr bescheidener Leistung.
Das muss ich mir nicht antun!
Meine Aqua-Schuhe sind bequem und weit, ein guter „Lidl“-Kauf!
Vor mir in dem paradiesischen Garten ein kleiner, nur wimmernder drei Monate alter Zeitgenosse, der sich gegenüber der schweigenden, völlig uninteressierten Großmutter, die ständig raucht, nur mühsam äußern kann: Apokalypse – Die verkorksten Blagen sind nicht besser als ihre Eltern.
Evi und Lucy in der Luft, hoffentlich erlebnisreich.
8. Tag: Donnerstag, 04.08.2005
Die Halbinsel Perharidi auf der gegenüberliegenden Bucht von Roscoff verrät lange Sandstrände, die an einem Wanderweg liegen sollen. Die Bucht ist bei Ebbe überquerbar, ca. 1,5 km z.B. für Thalassotherapierbare, Muschelsucher und Sonstige.
Noch im Alltagsstress haste ich vom Parkplatz um die Halbinsel. Doch stellt sich nur minutenweise Urlaubsgewöhnung ein, die mir Ruhe beschert, einfach Urlaubsruhe, die normalerweise erst nach sieben Tagen bei mir einsetzt – also gerade jetzt zum rechten Zeitpunkt.
Job und Kunst sind vergessen und allerlei „Zipperlein“.
Ich werde durch das Gekreische der Möwen, die Ruhe, die Kommunikationslosigkeit und die Selbstgespräche in den Kosmos gezogen. Der Geruch vom schlüpfrigen grün-braunen Meerestang und die glattgeschliffenen Kiesel vermitteln andere Zeiträume.
Ich komme nur zur Spitze der Halbinsel und sehe eine riesige Sandbucht, ca. 1 km lang, mit ca. 10 kleinen vertauten Booten, jedoch ohne Menschen. Ich habe überhaupt nur ca. 10 Leute auf dem 2,2 km langen Sandabschnitt zählen können.
Ist dies ein verlassener Kontinent? Bin ich Robinson oder Freitag?
Abends bei Willi und Antje – unser letztes Treffen in Plouescat – zum Abendessen mit in Folie gewickeltem Fisch und zwei Vorspeisen.
Antje kocht, brät, richtet das Essen und deshalb gibt es heute zwei „Sterne“ von mir und von der Touristikagentur Roscoff, unterschrieben und abgezeichnet von mir und einem „Anderen“.
9. Tag: Freitag, 05.08.2005
Obwohl das Barometer ständig steigt, ein Regentag, es fieselt und es ist warm.
Richtung Plage Brignogan – Richtung Westen
Ein Ort, der viele Strände hat, jedoch keine Ausstrahlung, kein Leben am Meer aufweist wie z.B. Roscoff.
Das kurzzeitige Tief schwächt mich physisch ungemein, zurück nach Roscoff und kurz danach klart der Himmel auf im Fährhafen von Bloscon – meinem Lieblingsort.
Die Fährschiffe legen an und ab, ein Riesenschauspiel, nicht nur für mich.
Die Beobachtungsfaszination der anderen erlaubt mir konzentriert Objekte abzubauen und sicherzustellen.
Bin ich ein Taschendieb, ein Eisendieb, oder ein Schäkeldieb?
Nie war ich so erfolgreich wie heute!
10. Tag: Samstag, 06.08.2005
Heute wollte ich abreisen, habe aber um eine Woche verlängert. Sollte umziehen, musste aber nicht.
Das französische „Petit Dejeuner“ hier im Hotel ist nicht „petit“, sondern „grand“, zwei Croissants, zweimal Baguettes, etliche Marmeladen, große Kanne Kaffe und Milch, dies reicht bis zum Nachmittag, zumal ich mir ein zusätzliches Croissant vom Frühstück einstecke.
Heute möchte ich den ganzen Weg der Halbinsel Perharidi umrunden, also nach Pouldu zum Parkplatz an der Westseite entlang, ein zwei Kilometer weißer Strand ohne Menschen, ich bin allein, manchmal richtet sich so ein Gefühl in der Strandregion von Unheimlichkeit ein, darf man hier sein, ist es erwünscht oder eher unerwünscht oder gar gefährlich, hier zu sein?
Ich komme an einer Vielzahl von riesigen Stränden vorbei, an denen ich insgesamt höchstens zwanzig Leute gesehen habe.
Ich umrunde das „Hospital der Querschnittsgelähmten“, nebenan das wunderschöne Haus unter Kiefern – unbewohnt und verlassen, mit Schwimmbad, einer Bootsgarage mit Zugang zum Meer.
Und weiter zu einer Kleinst-Insel, die ich sofort adoptiert habe, ca. 1000-1500m2 groß. Ein Felsen und wenig Strand, nur bei Ebbe begehbar, natürlich ohne Trinkwasser und Strom.
Eigentlich ein wenig zu klein, aber was bleibt einem übrig, wenn man im öffentlichen Dienst ist.
Nach einer Stunde einfach im Sand liegen und einschlafen, während eine Touristengruppe in der Ferne mit Netzen und Spaten und Eimern sich mir in geräumiger Entfernung nähert.
Sollen die letzten Pfahlmuscheln der Saison heute geerntet werden?
So viele Menschen, ca. 30 habe ich hier an dieser Stelle noch nie wahrgenommen.
Heute abend gibt es Crevetten gekocht und Salat (Gurken und Tomaten) plus frisches, warmes Baguette; was kann leckerer sein?
Und eine Flasche Cidre.
11. Tag: Sonntag, 07.08.2005
So sehr ich Stille liebe, sie hat auch etwas Unheimliches und liegt in der Differenz zum „kommunikativen Rauschen“ (M. Serres), eben so sehr fühle ich mich wohl, äußerst wohl bei einem gewissen Geräuschpegel menschlicher Laute, auch in anderen Sprachen und Dialekten, auch musikalischer Art, auch in Form von Gestammel.
Vielleicht wie beim Gekreische der Möwen, der bellenden Hunde, dem Gezwitscher der Vögel, die sich im System durch „Laute“ erkennbar machen.
Auch die in den Medien entwickelte Bühne der Selbstdarstellung scheint diesem Grundtrieb der Erkennens und Wiedererkennens zu folgen, nur Gestammel.
Sie greift zurück auf die Vorinstinkte, auch „dunkler mythologischer Art“, um kommunikabel zu sein.
Eine Sünde im Zeitalter der so genannten Aufklärung und im Lande der Aufklärung, in Frankreich:
Die Bretonen und -innen sind freundlich und gut genährt und wie die Besucher es nennen – mit einem „Stiernacken“ angefüttert, aus dem auch Spiele für Volksfeste erwachsen sind:
Z.B. sich mit einem Tuch um den „Stiernacken“ im Gegensatz zu zwei Teilnehmern zu aktivieren, die die Mitspieler jenseits der abgezeichneten Linie oder des Spielfeldes zu Fall bringen, so wie es bei Sumokämpfern im fernen Osten der Fall ist.
Das wichtigste in den Häusern von Bretonen ist ein großer Tisch und möglichst viele klappbare Stühle, um alle Verwandten stetig um sich Platz zu geben, um den vergangenen Tag mit „reichlich Cidre zu begießen“.
Nichts von „Individualisierung“, hier „steht man zusammen“ und baut die Häuser zusammen, kooperativ als Gemeinschafts-projekt.
Handwerker von außerhalb haben hier keine Chance!
Hier gilt bäuerliches, maritimes, soziales Gemeinschaftswesen, das zunächst sich selbst ernährt, immer unabhängig geblieben ist –auch durch gepflegte Sprache, ein eigenes Volk m.E. der „Kelten“, das sich selbstständig in der Bretagne gehalten hat.
12. Tag: Montag, 08.08.2005
1. Ile de Batz
2. Lost my camera
3. Periharidy
Die Ile de Batz ist dem Hafen von Roscoff vorgelagert, ca. 4km lang und ca. 1000m breit, hat einen kommerziellen Hafen, etliche kleine Bistros, zwei Hotels, wenige, aber sehr schöne Privatzimmer und Appartments. Der Leuchtturm ist der höchste dieser Region. Er steht auf der höchsten Erhebung der kleinen sehr fruchtbaren Insel, die intensiv landwirtschaftlich genutzt wird.
Zur Zeit werden die langen kräftigen Möhren beregnet. Die Felder sind mit hohen Büschen umgeben. Die kleine Insel hat Süßwasser, sogar Teiche an der tiefsten Stelle, die nicht ins Meer ablaufen.
Die Nordküste ist rauer und windig. Kleine Häuser durch Hecken umrankt mit vielen Blumenrabatten z.B. Hortensien.
Ein Platz in einem kleinen Bistro zur Mittagszeit zu bekommen ist schwierig, schließlich am Hafen vor dem An- und Ablegeplatz. Die Platznahme zum Essen wird mir nicht erlaubt, da ich – so scheint es – allein bin.
Ein „Pression“ erhalte ich trotzdem – etwas rummelig um die Mittagszeit.
Habe einige Fotos gemacht von Steinen, Hafen und Booten, aber leider meine Kamera in dem Gewusel liegengelassen.
Ein herber Verlust.
Da noch eine zweite verfügbar ist, komme ich wohl doch mit Bildern zurück.
Nach einer schönen Wanderung von ca. 2-3 Stunden auf der Ile de Batz entschließe ich mich nach Periharidy zu fahren, um mich ganzkörperhaft zu sonnen und den Schäkel mit dem Hammer zu entrosten.
Dazu benötige ich, um niemanden zu stören, rechts und links von mir ca. 200-300 m Platz am Strand, doch das ist hier in der Bretagne immer möglich.
Ein sonniger Tag, das Wasser ist mittelmeerartig warm, ein sog. Golfstrom sorgt dafür.
Auch im Winter wird es hier nie kalt, sagt man, Temperaturen unter Null sind äußerst selten, jedoch wird es stürmisch, sagt man.
- Ein ganzer Tag im Hafen Bloscon!
- Und ein freundlicher Wirt, der mir einen exorbitanten Whiskey kredenzt und
- Fundstücke (kleine)
13. Tag: Dienstag, 09.08.2005
1. Carantec: schöner Strand
2. Santec
3. Fischroulade zum Probieren im Bistro Le Part
Der gleich nächste Ort ist St. Pol-de-Leon und eine Bucht entfernt östlich zum Badeort Carantec, wunderschön gelegen, grün mit vielen Einzelvillen und Stichstraßen.
Absichtlich verkehrlich behindert, um Ruhe im Ort zu haben.
Der Campingplatz ist ausgebucht, die Strände sind sauber und beeindruckend.
Der Wind ist heute zu mächtig, um sich hier auszuruhen, also lieber nach Santec, von dort ich mit Antje und Willi schon gewandert bin. Der Sand ist warm, das Brackwasser duftet, die Ebbe treibt das Wasser aus dem Fjord.
Abends im Bistro „Le Part“, wo ich des öfteren abends gern sitze. Hier an dieser etwas unruhigen Seite der Kneipe – hier steht die Spülmaschine, die ständig bedient werden muss – sitze ich mit ein paar Bretonen, die sich das „Abendmahl“ bestellen.
Mein Nachbar, ein Fischer, versucht mit mir in Kontakt zu kommen – ich ebenso mit ihm.
Und dann kommt das Essen, Sein Menue. Es sieht so aus wie zwei Frühlingsrollen auf Sahnesauce, es duftet nach Fisch, auch Gemüse ist dabei. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Also gefragt auf Deutsch: Was ist das? Verstehe natürlich nix, Speisekarte vom Ober, Nr. 36. Alles klar!
Werde ich bestellen, morgen!
Mein Fischernachbar reicht mir mit seiner Gabel eine gehörige Portion zur Probe, die ich gern annehme.
Womit habe ich dieses Vertrauen erreicht?
Wir verabschieden uns freundlich durch Schulterklopfen.
(Im Vertrauen möchte ich bemerken, dass ich kein französisches Wort in diesen Tagen gelernt habe, ich rede in meiner Sprache mit entsprechenden Gesten und erwarte nichts anderes auf der anderen Seite. Mein Gott, wie gut das geht.
Doch wie ist es bei den Chinesen, die andere Gesten beherrschen?)
14. Tag: Mittwoch, 10.08.2005
1. Ein ganzer Tag in Bloscon
2. Freundlicher Wirt in Bellevue
3. Fundstücke (kleine)
Der kommerzielle Hafen von Bloscon – Roscoff ist ein immer lohnendes Ziel für einen Hafenfanatiker.
Ich schaue mir die zerfurchten, langhaarigen, gelockten, exaltierten, überwiegend übergewichtigen – auch fetten englischen Frauen an, sowie den feinen Strandsand, der hier gerüttelt feinsandig auch durch einen Salzstreuer gelaufen scheint.
Jede Menge Großfangboote, die mehrere Lastwagen pro Tag füllen können: Makrelen, Sardinen, Hummer, Muscheln, Barsche, Plattfische und Katzenhaie.
Der Tag ist sonnig, am besten sitzt man abends im „Bellevue“.
Der Wirt schenkt mir einen „Whiskey Aberlour“ ein, einfach so!
Probieren Sie mal!
Der Tag war auch durch Aufspüren von kleinen Fundstücken erfolgreich:
„Ich finde ja immer etwas!“
Am Abend wird gefeilt und geschliffen, erholsam wie bei einer gelenkten und verordneten Therapie.
Ich bedanke mich bei dem Tag, ein schöner Moment, hier zu sein!
Dies war ein Schub von Erholung!
15. Tag: Donnerstag, 11.08.2005
Das „Blaue“ des Morgenhimmels will sich nicht so recht präsentieren, doch es scheint – wie die letzten Tage – sich anzubahnen, nach zwanzig Minuten: Ein Nebel und ein Sonnenschein, der im Nebel über den Häusern, sich langsam sichtet.
Diese Wettersituation ist schon aufregend.
So heißt die Küste hier die „Côte de Legendes“, so lässt es sich vorstellen, dass zu diesem Zeitpunkt auch Geschichten haben entstehen können vor ca. 2000/3000 Jahren, als die Mythen entstanden sind.
Ein Gang, wie immer durch den kommerziellen Hafen, Fischerboote, die irische Fähre aber am Ufer.
Sie startet um 23:30 Uhr.
Der Nachmittag bei Cleden, für zwei Stunden am Strand gelegen und geschlafen; Felsen und Sand bei kleinen Nebelwolken- und fetzen – fantastisch.
Der Strand ist voller geworden, jedoch wird er sich nie füllen können.
Und dann gibt es etwas Neues von „LeClerc“:
Kleine Hühnerflügelchen für 2,50 Euro, schweineteuer und Salat Macedonia, den ich mit Gurken verfeinere, schweinelecker im Hotelgarten, den ich mit lauwarmem Bier genieße.
Der Tag ist gerettet.
Im Hotel Belleveau, Bar nebenan, treffe ich meinen „Freund“, den Wirt, der mir den Whiskey „Aberlour“ kredenzt – „strong in alcohol, but mild in the taste“.
Am Hafen in meiner Stammkneipe werde ich obwohl ich dort nie viel Geld lasse – durch Dinnermeal so ca. 50-70 €, gern begrüßt mit Handschlag, nur ich als Zugereisten, sonst niemand, was habe ich angestellt?
Auch muss ich nicht mehr sofort zahlen wie alle anderen Touristen, sondern nach mehreren Bestellungen auf meine Angaben hin.
Ein Vertrauensbeweis? Sollte ich Bretone werden wollen? Oder bin ich schon einer?
P.S. So gegen 21/21:30 Uhr ist es heute kalt geworden. Ich setze mich in die „Bar Bellevue“, vor dem Fenster ein Postkartenblick, wie er schöner nicht sein kann.
Die Fähre aus Plymouth ist am Horizont zu erkennen, etliche Fischerboote im weitläufigen Hafen, die Abendsonne streichelt die Masten und Leuchttürme, und mich selbst.
16. Tag: Freitag, 12.08.2005
1. Ein Tag in Bloscon
2. Ein Tag in Roscoff
3. Ein Fototag…
4. So viele Boote
Die Fähre geht um 16:30 Uhr los. Also um 11:00 Uhr „quiet still“.
Der Container von Altmaterial bietet für mich Nahrung zum Schleifen und Feilen, nichts ist erholsamer als dies.
Auch der Gang durch den leergelaufenen Hafen ist ein Erlebnis.
Die Sonne spiegelt das Lebensende von gewaltigen Krebsen und sonstigem Getier, das die schnell einsetzende Ebbe nicht hat berechnen können.
Natürlich stellt sich hier bei diesem Tidenhub die Frage, wie oft und wie lange hier das Ende zu beklagen bzw. welche Eonen erforderlich waren, um aus dem Meeresgetier ein Amphibium und später Säugetiere und Vögel der Evolution zu schaffen.
Hier kann man sich nur als Amphibium, wie alle Bretonen, die im Meeresschlamm nach Muscheln und Schnecken graben, begreifen.
Doch dies bedarf einer „akademischen Betrachtung“ von Evolution wie philosophischen Einordnung dieses außergewöhnlich starken, überlebensfähigen Volksstammes der „Kelten“, die auch in Galizien und Britannien sich durch ausgezeichnete Fähigkeiten haben behaupten können.
Der Stiernacken und ihre Beziehung zum Meer könnten ein Beispiel einer Selektion sein.
Am Meer, am Gestade, am Ufer, auch an der kleinsten Gräfte haben wir das Bewusstsein am Element der Freude, der Faszination gefangen zu sein, auch in die ungesicherten Häfen und den unsicheren Deichen, es treibt uns ans Ufer, ans Ufer der „Glückseligen“, z.B. zur „Ankunft in Kythera“, und zugleich ins Verderbnis.
Zigtausende von Bengalen wissen, dass ihre Landschaft mehrmals im Jahr untergeht, genauso wie die amphibischen Einwohner von Venedig, die das Wasser lieben, die Füße beim „Aqua Alta“ gern baden und keine Änderungen von fünf holländischen Wasseringenieuren wünschen:
Die Stadt hochwasserfest zu machen.
Das stetige Wasser beherrscht und beflügelt die himmlische und amphibische Stadt, und sie ist zugleich ein Beispiel für Poesie, Kunst und Musik:
Ein irdisches Paradies, wie diese mythische Küste des Legenden-Lands der Kelten – im nordwestlichen Teil der Bretagne.
17. Reisetag: Samstag, 13.08.2005
Der Samstag hat so begonnen, wie der Anfang in Roscoff:
Bedeckter Himmel und ein kleiner Regenschauer, warm ca. 22°C, ein Gang zum Hafen, der Container, den ich abräumen wollte, ist abgeräumt.
Der Hafen ist leer. Ein Trauerbild für den Jäger und Sammler. Es gibt nur noch das Eisenteil am Fischernetz abzuschneiden, was mir ohne Beobachter innerhalb von 20 Sekunden gelingt.
Abends kann man wieder outside sitzen in „Le Port Garde“ und „Bistro le Port“.
18. Tag: Sonntag, 14.08.2005
Die Rückreise zieht sich hin. Allein um aus der Bretagne rauszukommen, benötigt man ca. vier Stunden bei einer Reisegeschwindigkeit von ca. 100km/Stunde.
Die Riesenbrücke von Nantes über die Seine war für mich eine Katastrophe sowie Le Havre, nicht noch einmal, ich hatte schweißnasse Hände und Achseln: nur auf die Fahrbahn schauen, auf den Asphalt, nicht in den Abgrund:
Diagnose – „Brückenphobie“.
Ich glaube, Willy empfindet Ähnliches, doch nicht so dramatisch, wie ich.
Nach sechs Stunden habe ich 600 km auf freier Strecke durch eher langweilige Naturbilder.
Auch das „Mediterrane“ stellt sich noch nicht so richtig ein.
Das kleine Hotel „Logis de France“, „Les Platanes“, war meine exzellente Recherche mit dem „Geographenauge“, wenn man nicht vorgebucht hat!
Kurz vor dem Reiseziel sich nicht durch Flussblick ablenken lassen, und so sieht das gewöhnliche Straßendorf aus, langweilig.
Restaurant in „Les Platanes“ hat ausgerechnet am Sonntag geschlossen. Warum am Sonntag und nicht am Dienstag?
Um 18 Uhr macht der Wirt Schluss! Und trotzdem sitzt man hier gut unter den Platanen und Kastanien.
Nach Blaye noch 14 km, heute nicht mehr.
Das Dorf lädt zum Durchrasen ein, ein Bäcker, zwei schlecht geführte Kneipen.
Anruf von Frau M. aus E., Presse des Unimagazins, die einen Artikel über die neuen Studiengänge schreiben möchte.
Ferner Frau Benedikte Winterstein.
Morgen geht es an die Gironde und an die Dordogne. So mein Plan.
Mal schauen, ob alles so stimmt, wie es Ines und Christoph oft erzählen?
19. Tag: Montag, 15.08.2005
Ich fange diesmal von hinten an, von der Himbeertorte im Restaurant „Fouillade“ in Argentat „Logis de France“ empfohlen, am kleinen Marktplatz nicht weit vom „Hotel de ville“ entfernt, man hat den ganzen Tag Sonne an diesem Platz und in diesem kleinen Ort (3100 habitants), der U-Super und Aldi (!) beherbergt, einige sehr schöne begehrenswerte Restaurants hat und an der Dordogne liegt. An dem Viadukt gibt es Stauungen, wegen der schönen Aussicht. Eine französische Stadt mit allerlei Infrastruktur und ein wenig Tourismus, erholsam!
Also… die Himbeertorte auf Biscuitboden an Himbeermousse und englischer Creme (=Vanillecreme), ein Gedicht. Zuvor ein in Calvados flambierter Fasan mit Apfelspalten und Rosmarinkartoffeln, und davor eine rotfleische große Forelle à la Menieur (also von der Frau des Müllers) in Sahnesauce, herrlich!
Ein Aperitif vorneweg und eine passierte Gemüsesuppe vom Chef gratis dazu!
Der Wein war extraklasse: ein fruchtiger weißer mit wenig Alkohol: „Colombech“ oder so ähnlich. Ich werde versuchen, ihn morgen hier zu erhalten.
Das Essen war – im Vergleich mit der Bretagne – äußerst preisgünstig, und dabei um Klassen besser.
Hier zeigt sich die europäische Kultur, die ja hier in Frankreich – in Lascaux – begonnen hat, damals gut gemalt, aber sehr wahrscheinlich nicht gekocht oder gegrillt: „Das Rohe und das Gekochte“, Kulturunterschiede (Claude Levi-Strauss).
Neben mir sitzen sechs Kinder und zwei Männer ohne genervte Mütter, verhalten sich ruhig, lärmen nicht, heulen nicht, haben im Kindergartenalter schon Manieren und gehorchen den Vätern.
Hier will man also noch erziehen und zwar mit Erfolg!
Der Morgen begann in Blaye an der Gironde – ein weiter Fjord mit einer modrigen braunen Brühe. Schwimmen kann man hier nicht.
Der Ort verbreitet Ruhe und französische Lebensart, kaum Touristen.
Die Zitadelle – unter Ludwig XIV. erbaut unter dem regionalen Landesfürsten Vauban – ist sehenswert.
Sie gleicht einer kleinen Stadt , wie Mont St. Michel mit Straßencafés, Kneipen und einem Zitadellenhotel vernetzt mit „Logis de France“.
Das wäre etwas für die beiden Verliebten aus Rheinberg – mit Blick auf die andere Seite der Gironde jenseits der Schlammbrühe auf die feinen sauberen Sandstrände, z.B. Arcachon.
Der Blick von der Zitadelle ist berauschend weit und damit vom historischen Überblick militärisch äußerst sinnvoll.
Durch die Chateaus von Bourg, zur Blaye usw. erhält man den Eindruck, warum ein Bordeaux-Blick soviel Wein-Resonanz in Europa gefunden hat.
Ein renovierbedürftiges Gemäuer, ein bestgepflegtes Schlösslein mit den umliegenden Weinbergen ergibt eine „Domaine“ mit Blick auf die verschlammte Gironde.
Hier könnte mein Grab liegen.
Hinzu kommen die exaltierten Farben der gepflanzten Blumen, die die gediegene Gepflegtheit der Orte und auch den Stolz der Region offerieren.
20. Tag: Dienstag, 16.08.2005
Blaye an der Gironde ist eine ruhiger französischer Ort mit kleinem Hafen, der Getreide und Fährtouristen auf die schönere andere Seite der Gironde befördert.
Zum Atlantik hin mit vielen exorbitanten Sandstränden, zum Beispiel nach Arcachon und Lacanau sind es nur wenige Kilometer.
Der Weg auf Landstraßen Richtung Bordeaux führt an den sog. Chateaus vorbei, Weinbergen mit gepflegten offenen und verschlossenen geheimen Gemäuern.
Hügelige Landschaft; Blumen und Wein, gepflegte Dörfer, hier lässt es sich leben in Bordeaux bei Bordeaux.
Ich nutze die Nebenstrecke nicht die Autobahn und sehe wesentlich mehr als bei der schlichten Autofahrt auf schneller Strecke.
Ich peile die Dordogne an:
Tulle und die Anglerkneipe und Restaurant Morped an einem Stausee der Dordogne.
Ich versuche das von Ines und Christoph beschriebene französische Paradies in Frankreich zu erreichen.
Die Landschaft ist leicht hügelig, voralpin, piemontesisch.
Kleine Täler ohne erkennbare Flussläufe oder Gräften sind erkennbar bis Argentat, die die Dordogne als trägen ruhenden Fluss mit Seerosen am Ufer erkennen lässt.
Zweimal „Logis de France“, einmal am Markt, der mit Bäumen umwachsen ist aber kein Parkplatz fürs Auto bietet und zweihundert Meter weiter ein gut geführtes Hotel mit Zimmer für eine Nacht mit Pool, Garage, Terrasse und hervorragender Speisekarte.
Doch der Weg führt mich zum Zentrum und dem Menü für 23 Euro mit Truite de Menieur à la Creme [siehe oben].
21. Tag: Mittwoch, 17.08.2005
Die Dordogne vermittelt durch niedrige Hügel, die weit geschwungenen Täler, kleinen Weiler einen ruhigen und harmonischen Landschaftscharakter. Die Flüsse haben kaum Gefälle – durch die Staustufen verursacht – und ruhen inmitten von Seerosen.
Motive für Cézanne und Monet.
Diese beiden Kollegen können mich heute leider nicht begleiten, obwohl sie mir lieb an diesem Tag wären!
Die Fachwerkhäuser von Argentat spiegeln sich in der Abendsonne und dem klaren Wasser exakt wie ein Negativ im Wasser der Wünsche.
Zurück am nächsten Tag nach Tulle, zur kaum befahrenen Autobahn und nach gut zwei Stunden bin ich vor den Toren von Lyon.
Immer habe ich den kürzeren Weg durch die Innenstadt, durch den grässlichen Tunnel gewählt, der unattraktiv an der Strecke zu den schönen Orten Turnus und Macon vorbei führt. Diesmal in einem großen Autobahnbogen um Lyon herum – ich habe noch Urlaubs-Zeit – nach Bourg-en-Bresse, der Provinzhauptstadt im Jura an der Schweizer Grenze, die nahezu leer ist mit Blick auf die Voralpen.
Eine wunderschöne Landschaft, nur diese Strecke werde ich demnächst nur noch fahren mit der großen Autobahntafel von drei grasenden und pickenden Hühnern, den blaufüßigen Bressehühnern.
Dies soll die Sensation der Gegend sein.
Ein eher banaler Hinweis, denkt der vorbeifahrende Mobilist.
Ich fahre noch ca. eine Stunde, um einen kleinen Ort – Louhans – auf der Höhe von Macon, ca. 20 km von der Autoroute entfernt zu erreichen.
3x Logis de France. Das erste Lokal gewährt mir ein durchaus nicht komfortables Zimmer.
Doch bin ich zur Bescheidenheit im Elternhaus erzogen worden, und Genügsamkeit habe ich bei allen Reisen – auch den Weltreisen – üben und schätzen gelernt.
Doch mit dem Abendessen werde ich auftrumpfen!
Zwei „Logis de France“ habe ich in dem Ort, der über 156 Arkadenhäuser verfügen soll, entdeckt. Doch diese Mühle leider nicht, die empfohlen wird.
Der Ort ist leicht durchschaubar, der gefragte Franzose deutet mir den Weg an – über die Brücke, ein Stück geradeaus und gleich rechts.
Da ist der Fluss abgeleitet und bedient unterschlächtig ein Mühlrad und füllt einen kleinen Teich, der bebadet und mit Kinderbooten beschiffbar ist.
Daneben die Speisekarte, es ist 19:30 Uhr!
„Gibt’s was zu essen?“
Ja, im ersten Stock, ich bin der erste.
Natursteine an der Wand, gleich drei Ober und Innen um mich herum und an meiner Seite.
Es gibt noch einen Aperitif, von mir einen Weinvorschlag der Region und natürlich das „Bressehuhn“ à la Creme.
Was ist das?:
Lichtjahre trennen den Geschmack vom Bressehuhn mit den schlanken Lauffüßen und preußisch blauer Färbung der Füße vom Grillhuhn deutscher oder niederländischer Prägung.
Das Fleisch ist eine Köstlichkeit, fest wie junges Kalbfleisch, überhaupt nicht vergleichbar mit den Angeboten der Grill- und Frittenbuden.
Fazit: Das „Bressehuhn“ ist die kulinarische Elegance auf dem Teller.
Die Vorspeise ein Meeresfrüchtesalat. Genau das können die Franzosenköche – hervorragend arrangiert – mit Grünlippmuscheln, Kaisergranat und einem großen Gamba und Tintenfischringen.
Danach war ich eigentlich satt.
Doch das Bressehuhn folgt – wie beschrieben.
Creme Brulé als Nachspeise mit Vanille und Orangenschale präsentiert unter der flambierten, karamellisierten Kruste.
Eine Offenbarung.
Den Käse verweigere ich – wie immer, leider.
Die Mühle klappert weiter ruhig am Bach mit englischen Gästen, die als „High Chaparel“ den Ort als komplette Familie okkupieren.
Der Papa im nicht gebügelten Poloshirt, die Damen fein gekleidet mit ausgewählten Accessoires.
Ich spekuliere:
Er zählt zu den zahllosen schottischen Rinderzüchtern. Sie, die schöne Frau, hat ihm die geborenen Kinder und Enkel zur Welt geschenkt.
Daneben der bereits ergraute Schwiegersohn, der unbedingt dem Schwiegervater zuhören muss, und die ihm „die schönste Rapunzel“ der Familie versprochen hat: „Lass dein Haar herunter… ich werde dich küssen und dir ein Kind schenken: und so benimmt man sich in der schönen Mühle, dem System entsprechend, allerdings leise!
Auch die Schotten – mutmaßlich – haben in diesen Gemäuern Manieren!
22. Tag: Donnerstag, 18.08.2005
Ziel: Louhans – Bad Krotzingen
Das Frühstück in Louhans ist französisch sparsam aber mit selbstgemachter Marmelade. Ich fahre zurück zur Autobahn und verlasse sie nach zwei Abfahrten wieder, um das Vallée du Doubs zu durchfahren, Richtung Belfort oder Montelimar, um nach drei bis vier Stunden mein Heimatland zu erreichen.
Die Doubs fließt ebenfalls wie die Dordogne gemächlich ohne Strömung in Mäandern zum Teil begleitet durch Kanäle, die sie selbst nähren und speisen.
Weinfelder entdeckt man nicht mehr im Jura, dafür Mais und Getreide.
Belfort ist ein wunderschöner Ort – am Fluss gelegen mit zahlreichen Brücken und schönen Lokalen am Flussufer.
Solche Orte rutschen einfach weg, bei weiter Reise, wenn man nach Narbonne zum Mittelmeer oder Barcelona möchte.
Belfort ist ein Urlaubsort!
Gibt es hier auch das sog. Bressehuhn?
Sofort würde ich harren und verweilen!
Nach gut zwei Stunden Fahrt an den Vogesen vorbei, bis der Schwarzwald sich ankündigt.
Zwischen Basel und Freiburg eine kleine Rast nach fünf Stunden Fahrt im Gasthof „Zum Adler“ mit Gartenwirtschaft unter einer Kastanie gibt es Unterkunft.
Ein Ankunftsbier und anschließend zum Ort – eine Herzklinik – mit Fußgängerzone mit Gasthöfen, Cafés, Kneipen und Dönerbuden.
Eine Fahrradgegend, eher flach zum Rhein hin und steil zum Schwarzwald hin.
Jan Ullrich übt hier für die Tour de France.
Ich spanne gerade aus, zum Zeitpunkt von meiner Tour de France, ggf. im nächsten Jahr.
Es gibt Wein und Bier zum landesüblichen Preis – der Hälfte der französischen Preise – warum kommt ihr nicht, ihr Franzosen? Wir laden euch ein!
Und neben mir sitzen zwei Jungvermählte, die sich nicht einigen können, ob Fleisch oder Gemüse, Steaks oder Pfifferlinge.
Vier Kilometer von Bad Krotzingen nach Stauffen – wohnen hier nicht Heinzens Eltern? – Fußgängerzone, mehrere Weinläden, kleiner Markt mit Gemüse und Obst, ein bezaubernder Ort, warum bleibt man hier nicht mal ein paar Tage? Unverständlich?
Die Rückfahrt am Nahe-Tal, Moseltal und der Eifel vorbei: noch nie dagewesen! Wie schade.
Nächstes Jahr wieder Frongreisch???
Wie schön ist Frankreich.
Muss ich Evi überreden oder wieder China-Tour?
Peter M. aus R.